Die angepflockte Ziege

Es kommt heute nicht mehr so häufig vor, wie man es früher in ländlichen Idyllen beobachten konnte: da war mitten in einem von saftigem Grün bewachsenen Stück Land ein Pfosten in den Boden geschlagen und daran war an einem Strick eine Ziege festgebunden. So weit die Länge des Stricks reichte, konnte sie den Bewuchs abweiden, aber an die Büsche und Sträucher in der Nähe reichte sie nicht heran. An denen hätte sie sich, frei laufend, gewiss vergriffen und eben um diese zu schützen, hatte man sie an der kurzen Leine angebunden. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil die Ziege am Pflock Ähnlichkeit mit einem unserer eigenen psychischen Befindnisse hat. Wir sind mit einem aus Emotionen und Gedanken geflochtenen Strick an einen unsichtbaren Pfahl gebunden. – Und dieser Pfahl sind wir selbst! Die Ziege am Pflock gleicht einem Menschen wie Sie und ich es sind, einem Menschen, der den ganzen Tag über sich nachdenkt, seinen Gefühlen lauscht, und mit seinen Problemen, seinen Wünschen, seinen Ängsten und Freuden beschäftigt ist. Kurzum: er ist kontinuierlich mit sich selbst beschäftigt. Diese Beschäftigung mit sich selbst, von der wir das Gefühl haben, ohne sie gar nicht richtig vorhanden zu sein, schränkt unseren Geist in seinem Leistungspotenzial viel stärker ein, als wir uns vorstellen können. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass diese Selbstbegrenzung auf den Radius des Strickes am Pflock die Wurzel der meisten unserer Konflikte und Probleme ist.

Lässt sich daran etwas ändern? Niemand unter uns wird leugnen, dass es da einen Menschen gibt, der uns alles bedeutet, für dessen Wohlergehen wir alles nur Denkbare tun würden, kämpfen, streben, uns ohne Rücksicht auf Verluste pausenlos einsetzen. Und wir wissen, dass dieser Mensch einen sehr bekannten Namen trägt – nämlich unseren eigenen. Sollte es tatsächlich einen Nutzen bringen, irgendetwas gegen diese notorische Beschäftigung mit sich selbst zu unternehmen? Was müsste man tun, um sich ein Leben einzurichten, in dem man nicht die Hauptrolle spielt? Genau besehen nicht sehr viel: Es sind die berühmten 5 Winkelminuten von sich weg, also ein Schwenk, der keinen größeren Abstand von unserem allerwertesten Ich hat wie der Zeiger Ihrer Armbanduhr zwischen der Zwölf und der Eins zurückzulegen hat. In eine Alltagsübung übersetzt ist so ein Geisteszustand, der ein Stückchen von sich abrückt, schwer zu beschreiben. Vielleicht verstehen Sie es am ehesten, wenn Sie beschließen – zunächst nur einmal für einen halben Tag oder nur eine halbe Stunde auf Probe – sich nicht mehr so wichtig zu nehmen. Achten Sie darauf, was Sie den Tag über denken, aber versuchen Sie nicht, diese Gedanken zu beeinflussen. Nehmen Sie nur zur Kenntnis, was droben in Ihrem Gehirn vor sich geht. Wenn Sie sehr selbstkritisch sind, kann passieren, dass Sie anfangen, sich dieser sich endlos im Kreis bewegenden Selbstgespräche zu schämen. Versuchen Sie, sich mit den Dingen, den Objekten, den Anblicken zu beschäftigen, mit den anderen Menschen, die Ihnen begegnen, mit der Natur, den Lebewesen, die vor Ihre Sinne geraten – und wenn Sie an der Arbeit sind, dann versuchen Sei einfach einmal, diese so zu verrichten, als ob es nur diese Tätigkeit und keine Person gäbe, die diese ausführt.

Es erzeugt eine Erfahrung von Leichtigkeit, wenn Sie den Ballast Ihrer gewichtigen Persönlichkeit so oft es geht draußen, außerhalb des Geschehens lassen. Damit schaffen Sie Raum für ein ungewöhnliches Gefühl: nämlich, dass die erlebten Ereignisse bereits Sie sind und es ein Dazwischenschalten Ihrer Vorstellung von der beteiligten Person gar nicht mehr braucht, damit Sie sich lebendig fühlen. Das gedankliche Kreisen um sich selbst wird damit nicht zu Ende sein. Aber unter Ihrer kritischen Achtsamkeit wird es andere Qualitäten, rationalere Dimensionen gewinnen. Stellen Sie sich zwischendurch immer wieder einmal vor, wie kurz der Strick ist, mit dem die Beschäftigung mit sich selbst den Horizont Ihres Geistes einengt, wie dieser Strick am Pflock des Ego ihm jede Chance einer Ausdehnung ins Grenzenlose nimmt.

Posted in Taoismus | Tagged , , , | 26 Comments

Gespräch mit einem Arbeitslosen

(T: Taoist – A: Arbeitsloser)
A: „Wenn ich selber das Tao bin, wie du behauptest, dann wäre ich ja Gott gleich. Falls das stimmt, frage ich mich, warum es mir dann so schlecht geht und ich nichts dagegen tun kann.“
T: „Mal sachte mit der Braut. Du kannst erstens Gott und das Tao nicht in einen Topf werfen. Nach deinem Glauben ist Gott der Schöpfer aller Dinge und er ist getrennt von ihnen, steht gewissermaßen darüber und sorgt von dieser erhabenen Position aus, dass die Welt im Lot bleibt. Und wenn du zu Gott betest und um Hilfe bittest, um einen Arbeitsplatz zum Beispiel, dann erwartest du, dass er vom Himmel herab eingreift. Und wenn der Arbeitsplatz dann ausbleibt, sagst du dir eben, du hast dich beim Einhalten der göttlichen Gebote nicht genug zusammengerissen – du warst nicht brav genug, nicht würdig für eine Erhörung deines Gebetes um Arbeit.“
A: „Und das Tao? Wenn man es nicht mit Gott, der dem unbußfertigen Sünder die Hilfe verweigert, verwechseln darf, reagiert es denn gnädiger, wenn dieser Sünder dringend einen Job braucht?“ Continue reading

Posted in Taoismus | Tagged , , , | 10 Comments

Sinnsuche

Zwischen Vergehen und Wiederbeginnen
liegt das Unmögliche. Und es geschieht.
Wie und warum waren nie zu ersinnen.
Neu klingt dem Neuen das uralte Lied.
Geh nicht zu Grunde, den Sinn zu ergründen.
Suche du nicht. Dann magst du ihn finden.
Mascha Kaléko

Die Wurzel unserer Ängste ist die Vergänglichkeit. Und diese Furcht bezieht sich nicht allein auf das Ende unseres irdischen Daseins – sie entsteht viel zu oft bei viel zu vielen Anlässen. Da gibt es zahllose Möglichkeiten uns mit trüben Gedanken zu belasten: Der Fortbestand unserer Beziehungen zum Beispiel, gesundheitliche Störungen, Sorgen um Hab und Gut und unser Einkommen, wir sehnen uns nach Ruhe und Frieden, aber unsere phasenweise auftretenden Ängste lassen dies nur selten zu. Ruhe und Stille stellen sich in den Sternstunden unseres Bewusstseins ein, wenn wir aufgegeben haben. Dann teilt der Sinn sich uns auf seine eigene, magische Weise mit, indem er uns unsere zweite, zeitunabhängige Identität mit ihrem unendlichen Radius spüren lässt. Continue reading

Posted in Taoismus | Tagged , , , , | 9 Comments

Zufall oder ewiges Gesetz?

„Lass ihn eine Klugheit einer höheren Art erlernen. Lass ihn lernen, dass sich alles in der Natur, sogar Splitter und Federn, durch Gesetz und nicht durch Zufall bewegt, und dass er ernten wird, was er sät.“

Diese Behauptung stammt von Ralph Waldo Emerson, nachzulesen auf Seite 183 in seinem Werk Essays, Ich möchte mich gerne mit Emerson – und natürlich auch mit Ihnen – ein wenig herumstreiten, ob und wie viel Zufall es gibt oder ob das Regelwerk unseres Lebens das Produkt sich gegenseitig beeinflussender Naturgesetze ist. Wie sprach der Weise? „Wenn ich den Finger hebe, bebt die Erde.“ Oder „Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann ein Erdbeben auslösen“ – diesmal hatte ein Physiker das Wort. Das klingt echt nach ewigen Gesetzmäßigkeiten, ein Ding löst im Dominoeffekt das nächste und alle weiteren aus. Wobei sich die Frage erhebt, welches Ding wann mit der Kettenreaktion angefangen hat. Continue reading

Posted in Taoismus | Tagged , , , | 26 Comments

Nichts Gutes, nichts Böses – dein Urantlitz jetzt

Wenn ich mein eigenes Gesicht sehen will,
wie es war, bevor ich geboren wurde, dann
muss ich eintauchen in die unermessliche
Leere des Reinen Tao.
Hui neng

Die Titelzeile ist ein Koan. Er fordert Sie auf, jetzt, in diesem Augenblick zu realisieren, wie Ihr Bewusstsein beschaffen war, ehe Sie von Erfahrungen geprägt zu dem Individuum wurden, als das Sie sich heute erleben. Sie sollen sich in das eigene Wesen vertiefen und einen Zustand spüren, in dem es noch ein unbeschriebenes Blatt und frei von jeder Beeinflussung war. Was heißt das in der Praxis? Ist ein Ratschlag, wie ihn Hui neng in seinem Vierzeiler erteilt, überhaupt umsetzbar? Welchen Sinn macht es, einen Blick auf Ihren einstmals ungeprägten Geist zu werfen? Sofern das überhaupt möglich ist. Wird hier nicht etwas verlangt, das keinerlei praktischen Nutzen hat und sich nirgendwo auf die Qualität Ihres Lebens und Handelns auswirkt? Und das obendrein so wenig gelingt, wie der Versuch, sich ins Ohr zu beißen? Continue reading

Posted in Taoismus | Tagged , , , , | 18 Comments

Zum Jahresschluss

Einer ist da, der mich denkt.
Der mich atmet. Der mich lenkt.
Der mich schafft und meine Welt.
Der mich trägt und der mich hält.
Wer ist dieser Irgendwer?
Ist er ich? Und bin ich Er?
Mascha Kaléko

Für die besinnliche Zeit zwischen den Jahren bis zum Dreikönigstag möchte ich Ihnen etwas zum Nachdenken mitgeben. Das Gedicht von Mascha Kaléko nämlich. Sie stellt am Ende drei Fragen – und ich könnte mir vorstellen, dass die Dichterin die Antworten kannte. In diesem Sinne würde ich sie zu dem raren Personenkreis zählen, der die taoistische Philosophie verstanden hat. Ob sie diese auch in ihrem eigenen Leben umgesetzt hat, hätte nur sie allein beurteilen können, doch einer Sache bin ich mir sicher: in ihren Arbeiten hat sie dies vielfach getan! Nicht umsonst verwende ich seit Jahren ihre Texte zur Zierde der Umschlagblätter von TAGundTAO. Und ich habe beschlossen, auf ihre Weisheiten künftig auch in meiner schriftstellerischen Arbeit intensiver als bisher einzugehen. Mein Gruß zum Jahresende an Sie wäre damit ein Anfang. Continue reading

Posted in Taoismus | 2 Comments

Posted in Taoismus | 4 Comments

Die Sehnsucht nach dem Anderswo

Der Sehnsucht nach dem Anderswo
Kannst du wohl nie entrinnen:
Nach drinnen, wenn du draußen bist,
Nach draußen, bist du drinnen.
Mascha Kaléko

Na, wohin geht’s über die Feiertage? Die Karibik ist seit Jahren „in“, dort ist es mollig warm und die Menschen sind heiter und freundlich, also ist perfekte Bedienung garantiert. Oder zieht es Sie aufs Meer hinaus, die Welt auf einer Kreuzfahrt umrunden oder wenigstens eine Teilstrecke den Luxus an Bord genießen? Auch das Angebot an diversen Kursen und Kuraufenthalten ist überaus reichlich. Es gibt in unseren modernen Zeiten fast nichts, das es auf dem Sektor Wohlbefinden und Unterhaltung nicht gibt. Hatten Sie dies alles schon, ist Ihnen die Sehnsucht nach dem Anderswo so sehr zur Gewohnheit geworden, dass vor Feiertagen gar keine alternativen Überlegungen mehr stattfinden? Continue reading

Posted in Taoismus | 14 Comments

Könnte man den Menschen mit der Katze kreuzen, würde dies den Menschen verbessern, nicht aber die Katze.

                                                                                  Marc Twain

Mit dem Thema Katze habe ich mich im Zusammenhang mit „DA SEIN“ schon einmal befasst. Ich erlaube mir, die Katzen-Kernsätze vom 20. Oktober der Einfachheit halber und zu Ihrer Erinnerung noch einmal zu wiederholen: Schließen Sie Bekanntschaft mit einer Katze. Sie ist Da! Allezeit. Ihre Präsenz ist vollkommen, gleich, ob sie schläft, jagt oder ruhend mit wachen Augen ihre Rolle im Spiel vom Katzenleben spielt. Sie fürchtet sich, wenn es Grund zum Fürchten gibt. Im Da sein funktionieren ihre Instinkte und sie verlässt sich vollkommen auf sie. Keine Katze wird je nach dem Sinn fragen. Sie erlebt den Sinn Tag für Tag durch ihr Da sein. Beobachten Sie, lernen Sie. Und bleiben Sie da! Continue reading

Posted in Taoismus | Tagged , , , , , | 1 Comment

Der magische Turm

         

In diesen Tagen gibt es eine Art von Menschen,
die sind nicht böse aber auch nicht gut.
Sie wissen nicht was es bedeutet, Herr im Haus zu sein.
Als Vagabunden wohnen sie mal hier, mal da.
Doch die auf ihre Weise ihre Zeit vergeuden,
sind nichts als stumpfsinnige Fleischklumpen.
Wenngleich sie auch einen magischen Turm besitzen,
führen sie doch ein Sklavendasein
(Han Shan
150 Gedichte vom Kalten Berg, S. 145
)

Der Dichter Han Shan übt hier ganz klar Gesellschaftskritik, so treffend, dass er sie im Jahr 2011 geschrieben haben könnte. Auf welche Zeit er sie einst bezog, wird für immer ein Rätsel bleiben. Seine Herkunft ist unbekannt. Es steht noch nicht einmal fest, ob er im siebten, achten oder neunten Jahrhundert gelebt hat. Den Berichten von Zeitgenossen zufolge soll er ein armer Mann und ein verrückter Bursche gewesen sein, der einsam auf einem unwirtlichen Berg hauste. Mich erinnern manche seiner Texte an Äußerungen von Hofnarren der alten Fürsten- und Königshäuser. Diese Männer durften sich kritische Aussprüche leisten, für die andere gehängt worden wären. Sie wurden unter dem Schutz der Narrenfreiheit sogar zu harscher Kritik ermutigt, die kein anderer, dem sein Leben lieb war, zu äußern traute. Continue reading

Posted in Taoismus | Tagged , , , | 6 Comments