Der Weihnachtskartenspruch

Allen Blog-Leserinnen und Lesern wünsche ich ein friedliches Weihnachtsfest und ein gesundes Neues Jahr!

Ich habe euch eine kleine Weihnachtsgeschichte mitgebracht, ein Gespräch zwischen Seltenfröhlich und Isolde, ein bisschen lustig, ein bisschen ernst 😉

„Was liest du da“, fragte Isolde und schaute Seltenfröhlich über die Schulter.„Emerson, Essays. Der Mann hat mit seiner Philosophie den Nagel auf den Kopf getroffen. Hör dir nur diesen Spruch an: Ein paar deiner Wunden heilten, die tiefsten hast du überlebt. Doch vorm Übel, das niemals eintrat, hast du in Folterqual gebebt.“„Wie treffend. Und was willst du mit dem Spruch anfangen? Ihn auf Birkenholz gebrannt an die Wand nageln, übers gutbürgerliche Sofa, wo beim gewöhnlichen Volk der Hirsch am Waldrand hängt?“ Seltenfröhlich schnitt ein beleidigtes Gesicht. „Pfui, was soll die Polemik. Der Text hat es in sich, er ist wahr und was er aussagt, passiert jedem. Ich suche einen Spruch für unsere diesjährige Weihnachtskarte. Voriges Jahr hatten wir etwas von Schopenhauer drauf.“„Richtig. Ich glaube er lautete: Wenn ein fallender Stein Bewusstsein hätte, würde er die Fliehkraft für seinen Willen halten. Dafür durften wir hinterher einige spitzfindige Bemerkungen von Freunden und Verwandten einstecken. Was musst du auch immer so ausgefallene Botschaften verschicken. Ein frohes Fest, uns geht es gut, wie geht es euch? würde doch völlig genügen.“„Das liest doch kein Mensch mehr“, verteidigte sich Seltenfröhlich. „Selbst wenn du unten noch ein Postskriptum hinzufügst, in dem steht, dass dir demnächst das linke Bein amputiert wird, reagiert kaum jemand darauf. Aber meine Sprüche erregen Aufmerksamkeit, darauf regieren sie, trotz ihrer übersättigten Sinne.“ „Du, mir ist das völlig schnuppe, ob jemand reagiert oder nicht“, sagte Isolde ruhig. „Die Leute hören dir nicht mehr zu, weder, wenn du redest, noch wenn du etwas schreibst. Wenn sie anrufen und dir zum Geburtstag gratulieren, fragen sie, wie es dir geht, aber sobald du außer ‚danke, gut’, ausführlicher wirst, schalten sie die Ohren auf Durchzug oder reden selber weiter.“ „Du hast Recht, aber da ist doch gerade so ein kleiner Schocker eine gute Medizin, damit sich wenigstens ein paar der Angesprochenen ein bisschen aufregen. Doch etwas anderes: was hältst du denn von meiner Wahl?“„Gib mal her“, sagte Isolde und griff nach dem Buch. „Emerson trifft mich mit dem, was er da sagt, ganz persönlich. Aber ich glaube nicht, dass das bei einer größeren Zahl von Empfängern unserer Weihnachtskarte ebenso zutrifft. Die meisten werden einen Blick drauf werfen, mal wieder ‚der Seltenfröhlich mit seinen Scherzen’ denken und unsere Karte auf den Stapel ihrer Weihnachtspost werfen.“„Vielleicht ist trotzdem jemand dabei, der nachdenklich wird, und dann hätte sich die Sache doch schon gelohnt.“„Ich bin nachdenklich“, murmelte Isolde. „Mich trifft dein Spruch bis ins Mark. Denn genau das ist es, was mir in dieser Jahreszeit so durch den Kopf geht. Es hat einige unangenehme Dinge gegeben, die inzwischen bereinigt sind. Der Wasserschaden im Bad, weil eine Schweißnaht am Wasserrohr aufgebrochen war oder die Weigerung der Versicherung, für den Schaden aufzukommen. Das waren Vorkommnisse, die unerwartet eingetreten sind und vor denen wir uns nicht monatelang vorher bereits gefürchtet haben. Was dich unerwartet trifft, belastet dich nicht lange. Du wirst mit einer akuten Situation konfrontiert – und du siehst zu, dass sie aus der Welt geschafft wird. Da ist nichts daran, worüber du dir vorher Sorgen machen müsstest. Emerson hat Recht: du sorgst dich um Dinge, von denen du nicht die Gewissheit hast, dass sie passieren werden.“„Überlegen wir doch mal“, sinnierte Seltenfröhlich, „wie verhalten wir uns das Jahr hindurch mit unseren Befürchtungen.“„Ja, fang du an. Beginne im Januar, überleg dir, was du an Sorgen vom vorigen Jahr in dieses mitgenommen hast. Welche Art von Ängsten dich halb bewusst ständig begleiten, ohne dass der Schadensfall eingetreten wäre.“Stirnrunzelnd dachte Seltenfröhlich nach. „Ad hoc fällt mir gar nichts ein. Lass mir ein bisschen Zeit……. Ja, da waren doch vorige Weihnachten diese Schmerzen, die ich in der Gegend des Brustbeins hatte. Mir schwebten bis in den Januar hinein Visionen von Herzinfarkt, Bypässen, Intensivstation, Rettung in letzter Minute vor.“„Davon weiß ich gar nichts“, rief Isolde besorgt, „du bist nie zum Arzt gegangen. Ja, ich erinnere mich, du warst über Sylvester ziemlich still, aber ich hielt das für eine gesunde Art von Besinnlichkeit, wie ich sie in dieser Zeit auch empfand.“„Es fehlte mir auch kaum etwas. Darum habe ich geschwiegen. Die Schmerzen waren nicht immer da, wie das bei einem Infarkt wahrscheinlich der Fall ist. Ich merke, dass sie immer eintraten, wenn ich es mir in meinem Sessel gemütlich gemacht hatte. Wenn ich dann aufstand und eine Weile im Garten herumlief, verloren sich die Schmerzen. Mir fiel einige Tage später auf, dass dieser Schmerz auch kam, wenn ich zum Beispiel meine Winterjacke anzog. Bei einer bestimmten Bewegung des linken Arms setzten diese Stiche in der Brustgegend ein. Zuerst zog ich die Schlussfolgerung, dass die verstopften Herzgefäße die Bewegung nicht vertrugen, aber dann beruhigte ich mich wieder, als die Schmerzen verschwunden waren. Aber die Sorge hat mich damals trotzdem ins neue Jahr hinein verfolgt. Ich hatte mir vorgenommen, ein EKG machen zu lassen, aber dann traf ich einen Bekannten, der mir von den gleichen Beschwerden erzählte. Der war beim Arzt und jener hat ihm erklärt, dass es sich um rheumatische Beschwerden der Zwischenrippenmuskeln handeln würde, und empfahl ihm, eine bestimmte Rheumadiät einzuhalten. Daraufhin unternahm ich natürlich nichts mehr.“Isolde schüttelte den Kopf. „Männer! Ich fasse es nicht. Aber sonst hast du übers Jahr keine Ängste gehabt, etwa, dein Geschäft würde pleite gehen, die Wirtschaft würde zusammenbrechen und die Kunden verarmen oder haben dich Krebsängste gequält?“„Ich kann es nicht genau sagen. Wahrscheinlich verdrängen wir etliche dieser Ängste vor Schäden, die wahrscheinlich niemals eintreten. Sicher habe ich mir Sorgen über unsere Bank gemacht und überlegt, ob die Burschen unsere Reserven als Spielgeld für ihr amerikanisches Monopoli verwendet haben und inzwischen pleite sind.“„Gut, das mit den Banken ist eine riesige Schweinerei. Aber sag, hattest du in diesem Jahr vor einer Sache Angst, die tatsächlich aufgetreten ist? Wo deine Befürchtungen berechtigt waren?“Seltenfröhlich schwieg eine Minute. Dann sagte er: „Ein Ding ist passiert, vor dem mir jedes Mal bangte, wenn ich mein Auto auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt abgestellt hatte. Die Markierungen für die Parkplätze sind derartig eng, dass du zwischen zwei anderen geparkten Autos die Tür kaum aufbekommst. Da ging ich jedes Mal mit der Sorge rein, dass ich hinterher Kratzer an der Karosserie oder sogar Dellen finden würde. Ich hätte mir ja die Nummern der Autos rechts und links von mir notieren können, aber das schien mir dann doch etwas zu übertrieben besorgt und ich unterließ es.“„Und dann“, lachte Isolde, „bist du schimpfend wie ein Rohrspatz nach Hause gekommen und hast mir den kaputten Außenspiegel gezeigt.“„Das Ding zu ersetzen hat beinahe vierhundert Euro gekostet. Die Autohersteller gehörten wegen Wucher verklagt.“„Das war immer noch besser als ein Herzinfarkt oder Krebs“, beruhigte ihn Isolde.„Und wie sieht es bei dir in Bezug auf irrationale Ängste aus? Sag es mir.“„Also“, begann Isolde, „ich leide natürlich wie jeder Mensch unter gewissen Ängsten vor Ereignissen, die hoffentlich niemals eintreten werden. Ich glaube auch nicht, dass ich viel davon verdränge, wie du es von dir annimmst. Ich sorge mich, ob ich Krebs bekomme. Jedes Mal nach dem Duschen oder dem Bad beim Abtrocknen taste ich nach verdächtigen Verhärtungen. Und finde zum Glück keine. Aber manchmal bilde ich mir ein, ich hätte da etwas ertastet und es braucht eine Weile, bis ich nach mehrmaligem Befühlen der fraglichen Stelle realisiere, dass ich nur Gespenster gesehen habe. Auch übers Geld mache ich mir immer ein bisschen Sorgen. Die gegenwärtige Wirtschaftslage stimmt nicht gerade hoffnungsfroh. Die Unsicherheit des Fortbestandes unseres wahrlich bescheidenen Wohlstandes macht mir manchmal schon zu schaffen. Ich sage mir dann immer, du hast dich früher schon gesorgt, und es ist alles gut ausgegangen. Diesmal wird es bestimmt wieder genau so gelingen. Aber dann habe ich das Gefühl, ich verhalte mich wie ein Kind, das durch den finsteren Wald geht und pfeift, um seine Angst vor den bösen Geistern zu vertreiben.“„Warum tun wir uns das an?“ grübelte Seltenfröhlich. „Die meisten unserer Sorgen erweisen sich als unnötig. Und doch übertragen wir sie wie den Saldo in der Buchhaltung alle Jahre wieder auf den neuen Zeitabschnitt. Dort stellen sich etliche unserer Ängste als grundlos heraus, aber dafür kommen neue hinzu. Während unseres Gespräches sehe ich ein, dass meine Sorgen und Ängste großenteils grundlos sind. Ich quäle mich für die Katz, schmälere durch nutzlose Überlegungen meine Lebensfreude und reduziere meine Psyche auf ein Bündel von Kümmernissen. Wo doch ein offensiver, wacher Geist über das, was niemals passiert hinaus alle Mittel besitzt, sein Leben harmonisch zu gestalten. Wo bleibt die Stimme unserer Vernunft? Emerson scheint das hundertfünfzig Jahre vor uns bereits erkannt zu haben, wenn man seinen Worten glauben darf.“„Moment mal, wenn Emerson von der Folterqual des Übels spricht, das niemals eintrat, dann ist doch stark anzunehmen, dass diese Einsicht aus dem eigenen Erleben kam. Der Philosoph wurde 1803 geboren und starb 1882. Glaubst du vielleicht, es gab im Amerika jener Zeit irgendwelche Hilfen für Menschen, die in Not geraten sind? Und ob ein Philosoph und Dichter damals über ein üppiges Einkommen aus seinen Schriften bezog, ist mehr als fraglich. Da konnte einer durchaus ins Grübeln geraten, wie es weitergehen solle.“„Wahrscheinlich wäre Hartz vier Emerson als ein gutes Einkommen erschienen“, stimmte Seltenfröhlich zu. Wir sitzen da und haben eingesehen, dass wir uns zum großen Teil unnötig mit Ängsten vor der Zukunft und ihren Ereignissen belasten. Und wir sind von der Vernunft her imstande, zu beschließen, dass diese Dummheiten aufzuhören haben. Wir befehlen es uns selber: Lass den Unsinn mit deinen Ängsten. Lebe einfach drauflos, kümmere dich um Probleme, wenn sie eingetreten sind, aber lass ab von Versuchen, sie zu lösen, ehe sie überhaupt stattfinden. Klingt schön, wenn man so etwas zu sich selber sagt. Aber was antwortet dein dummer Kopf dann? Der sagt: Ja, weißt du, bisher ist es ja gut gegangen – aber wer weiß, was demnächst passieren wird. Siehst du, so unreif reagiert unser Oberstübchen. Und du weißt, wie dein Kopf, wie du selber reagierst, und kannst nichts dagegen machen.“„Falsch, total falsch“, protestierte Isolde. „Wenn du bis in dein tiefstes Inneres hinein davon überzeugt bist, dass die meisten deiner Ängste unsinnig sind und dich nur quälen und deinen Lebensmut auf den Nenner einer Feldmaus reduzieren, wenn du das als Tatsache realisierst, wird die Schweinerei wahrscheinlich aufhören – oder sich zumindest auf einige wenige, und zwar wahrscheinlich zu erwartende Szenen reduzieren. Wenn dieses Gebilde, das wir selber sind, sich nicht andauernd um sich selber sorgen würde, gäbe es diesen Stress mit den Ängsten überhaupt nicht.“„Ja“, nickte Seltenfröhlich, „ich muss meine geistigen Kräfte bündeln und auf das achten, was wirklich passiert. Wenn ich das richtig anstelle, bleibt für diese irrationalen Befürchtungen gar keine Kapazität mehr übrig. Ich meine, wir dürfen unseren Lebensmut keinem Gegenwind opfern, der uns noch gar nicht ins Gesicht bläst.“„Wie sagt der Seemann“, lachte Isolde, „wir spucken gegen den Wind. Wenn wir in einen Sturm geraten, ist die Zeit für Gegenmaßnahmen da – aber bis es soweit ist, falls es je so weit kommt, kümmern wir uns einen Dreck darum. Heute herrscht Ruhe und Frieden, und das genügt mir.“ „Und was ist jetzt mit unserer Weihnachtskarte?“ erkundigte sich Seltenfröhlich.„Schreib es drauf und verschicke es. Vielleicht lernt außer uns noch jemand etwas daraus.“

 

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2 Kommentare zu Der Weihnachtskartenspruch

  1. Evamaria Lengsfeld sagt:

    Hast Du wohl extra für mich gepostet. DANKE! , Eva

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