Die Weisheit des Laotse

Theo hat in seiner Zeitschrift TagundTao viele der Sprüche Laotses kommentiert. Hier ist der 42.

Das Tao erzeugt die Eins.
Die Eins erzeugt die Zwei.
Die Zwei erzeugt die Drei.
Die Drei erzeugt alle Dinge.
Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle
und streben nach dem Licht,
und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie

 
Laotse skizziert im 42. Spruch in wenigen Sätzen die Schöpfungsgeschichte. Sie ist allerdings nur erkennbar, wenn man davon ausgeht, dass das Universum nicht wie es in der Bibel steht, Stück für Stück von einem recht menschenähnlichen Schöpfer erschaffen wurde, der dann zum Schluss, sozusagen als Krönung, nach seinem Ebenbild uns Menschen in die vorgefertigte Welt setzte. Wenn wir hingegen Stephen Hawkings These vom Universum in der Nussschale akzeptieren, dann waren alle Dinge – die Taoisten sagen Die zehntausend Dinge dazu – am Anfang hoch komprimiert als schiere Energie in einem vielleicht nur erbsengroßen Kern enthalten. Wo dieser allerdings herkam, darüber schweigt die Theorie. Vielleicht waren es die komprimierten Reste einer älteren schöpferischen Versuchsreihe, wer weiß. Laut Laotse hat sich das Universum im Verlauf der Evolution selbst organisiert. In der Rubrik Buchtipp werde ich Ihnen eine Arbeit von Professor Hermann Haken vorstellen, die sich umfassend mit Synergetik, der Lehre vom Zusammenwirken befasst. Haken legt darin die Formel offen, wie die Zehntausend Dinge der Taoisten sich selbst organisieren, unabhängig davon, ob es sich um unbelebte Phänomene wie Steinformationen, um animalische Lebensformen oder um den Menschen selbst samt seinen soziologischen Verhaltensmustern handelt.  Wer sich vorurteilslos mit solchen Aussagen befasst, deren Glaubwürdigkeit für mich (mit einigen Ausnahmen) außer Frage steht, beginnt zu ahnen, dass wir von Laotse ebenso wie von der Wissenschaft mit einer Ursprungstheorie konfrontiert werden, die keine Ähnlichkeit mehr mit unseren alten Grundannahmen hat. Wenn Sie sich mit der Vorstellung eines Universums anfreunden, das sich bis zurück zum Urknall mit allen seinen Erscheinungen selbst, und vielfach frei nach Darwin nach dem Zufallsprinzip organisiert hat, dann stellt sich zwangsläufig die Frage, ob dieses Etwas, das sich hinter dem Sicht- und Erlebbaren hypothetisch befinden müsste, in der gesuchten Form womöglich gar nicht existiert, weil es im Wahrgenommenen bereits implizit ist. Wäre es nicht vorstellbar, dass die von den Religionen in Glaubenslehren verwandelten Resultate der Evolution bereits die Antwort selbst sind? Was bedeuten würde, dass Kernphysiker mit der Beschreibung subatomarer Versuchsreihen zugleich den Ursprung definieren würden, mit dem sie zu allem Überfluss auch noch identisch sind.

 
Der Gedanke ist im Ansatz erschreckend, würde er doch das Aus für die Hoffnung auf eine wohlwollende Instanz bedeuten, das Entschwinden jeglicher Aussicht auf  Erlösung durch einen göttlichen Gnadenakt. Käme noch das Eingeständnis hinzu, dass das Universum auf seiner kleinsten materiellen Ebene gewissermaßen an einem Stück ist, dass alles zusammengehört und sich gegenseitig wechselwirkend beeinflusst – dann würde dies theoretisch das Ende der Illusion von menschlicher Willensfreiheit und Individualität signalisieren. Rechnen wir einmal die Konsequenzen dieser Vorstellung durch: Abgesehen von dem prekären und unter Gläubigen wahrscheinlich große Enttäuschung auslösenden Umstand, dass sich alle Ideen von einer Sinngebenden Macht nebst einer endlosen Zahl  religiöser Hoffnungen in Luft auflösten, würde weiter nichts passieren. Denn wie immer die Wahrheit jenseits des Analysierbaren aussieht: sie hat sich gewiss nicht dadurch ergeben oder gar verändert, dass die Welt tausendfach mit Deutungen darüber versorgt wurde. Auf der Makroebene zu Ende gedacht, würden folglich Sie und ich, der Eiffelturm, der Saturn und der Rest der Welt in einer infolge unserer Mobilität nicht wahrnehmbaren Dimension eine untrennbare Einheit bilden. Und weil es physisch nicht wahrnehmbar ist, hat es die Menschheit seit Urzeiten auch nie daran gehindert, ihren individuellen, subjektiven Weg zu gehen.

 
Im taoistischen Denken gibt es zwischen der Lehre der alten Weisen und den Forschungsergebnissen der modernen Physik nirgendwo einen Bruch. Doch wo bleibt bei solchen Tatsachen nun der Gewinn an Wohlsein und Lebensqualität für mich, wenn ich mich am Taoismus orientiere? Da könnte ich mein Heil ja ebenso gut aus der Quantentheorie zu schöpfen versuchen. Oder etwa nicht? Lesen wir den obigen Text ein Stückchen weiter: Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle und streben nach dem Licht, und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie. So formuliert und für sich gestellt, sagt der Satz eigentlich nichts aus. In einer Übersetzung von Chang Chung-yuan liest sich der Text anders: Die Zehntausend Dinge tragen yin und empfangen yang, in der Vereinungdurch ch’i erlangen sie Harmonie. Der immer noch ziemlich unklare Satz wird von einem Mann namens Hsiung Shih-li ebenfalls wenig erhellend kommentiert: Das yin steht für Form, das yang für Geist. Die zehntausend Dinge, die alle Form haben und Geist enthalten, sind mit der Vielzahl in Bewegung. Setzen wir zur Abrundung der Verwirrung noch die Übersetzung von Lin Yutang obenauf: Das geschaffene All trägt am Rücken das Yin und vorne das Yang. Durch die Vereinigung dieser alldurchdringenden Prinzipien erlangt es den Einklang.

 
Warum, werden Sie denken, mute ich Ihnen hier diese zur Lösung Ihrer eigenen Lebensaufgaben kaum brauchbaren Texte zu, denen zwar ein Hauch von Weisheit anzuhaften scheint, die dann aber erst zu Tage gefördert werden müsste? Nun, genau dies ist der kritische Punkt. In den Texten versteckt sich tiefe Einsicht in die Dynamik des Schöpfungsgeschehens. Der Schlüssel für uns ist der Hinweis auf die „Strömende Kraft“, von der Harmonie ausgeht. Eigentlich ist es das winzige Wörtchen ch’i, in dem sich von der Aussagekraft her das Universum in der Erbse zusammenballt. Ch’i ist ein Aspekt des Tao, es ist die Energie, von der alle Schöpfung ausgeht. Weiter oben habe ich Zweifel an unserer subjektiven Identität angedeutet und verbunden damit Skepsis bezüglich unseres so genannten Freien Willens geäußert. Wie fügt sich hier unsere Freiheit zu Selbstbestimmtem Handeln in das Gesamtbild einer Welt ein, die vorwiegend von sich selbst organisierenden Prozessen bewegt wird? Beachten Sie, ch’i ist nicht allein eine Facette des Tao, ch’i ist ebenso ein Aspekt von Ihnen und mir. Freilich mit dem Vorbehalt, dass wir hier von einem Anteil an unserer kollektiven, universellen Identität reden, nicht von der subjektiven. Solange ich mich im Geist, in allen meinen Überlegungen und Entscheidungen vom Ganzen absondere, trenne ich mich zugleich von der Kraft des ch’i. Und damit beantwortet sich zugleich die Frage, ob ich Willen ausübe oder mehr oder weniger gelebt werde. Im Zustand der Isolierung vom ch’i organisiert sich das Leben – und mich organisiert es ungefragt mit. Mit diesen Einsichten löst sich auch die Schreckensvision eines Universums ohne die gütige, ordnende, vergebende Gestalt eines menschlichen Übervaters auf. Das unbekannte, unbeschreibliche, so kosmisch gleichgültig wirkende Tao schenkt uns im ch’i alle Kraft und Intelligenz, um mit den Dingen in Harmonie zu leben. Und wenn wir das Gefühl haben, jemand müsste uns vergeben – dann bleibt es uns überlassen, dies selbst zu tun.

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