Ein gläubiger Taoist

ich habe gerade ein bisschen in den TagundTaoheften geblättert – zum Arbeiten ist es zu heiß – und der folgende Artikel von Theo hat mich angesprochen.  Sabine

Ein gläubiger Taoist ist das Gleiche wie ein gläubiger Christ oder ein gläubiger Buddhist. „Aber die Inhalte sind doch verschieden!“ werden Sie einwenden. Stimmt, die Inhalte schon – aber nicht die Methode, mit der ein Mensch gläubig eine Lehre in seinem Leben realisiert. Das Modell von Glaube und Nachfolge ist bekannt. Ein Mensch begegnet einer Lehre, er wird mit ihr durch Propaganda von Tür zu Tür bekannt gemacht, forscht in Büchern und sucht anschließend Gemeinschaften auf, die sie praktizieren oder er gerät durch Zufall auf die Spur einer Religion, die ihn anspricht. Unabhängig davon, wie eine erste Begegnung zustande kommt, die weitere Entwicklung folgt bestimmten Regeln. Falls Sie es schon einmal probiert haben, erinnern Sie sich: Man liefert Ihnen die Geschichte der Religion oder Religionsphilosophie, macht Sie mit den Personalien der Gründergestalt vertraut, vermittelt Ihnen die Botschaften, deren Absender das Höchste ist – und nicht zuletzt werden Sie mit den Spielregeln der Gemeinschaft bekannt gemacht. Sie haben die Wahl, das ganze Bündel des Angebotes anzunehmen und alles zu glauben, was man Ihnen serviert oder alternativ von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, sich Segmente der Lehre herauszugreifen, die Ihrem Temperament und Ihren Neigungen am besten liegen und  nur diese auch zu glauben. Sie akzeptieren am Ende kritiklos die Fabeln von göttlichen Erscheinungen, auf welche sich die Gründerväter berufen. Apropos Gründerväter: warum sind es so extrem selten Gründer-Mütter? Ich vermute stark, dass es verschwindend wenig Frauen gibt, die sich für ein derartiges Rollenspiel hergeben würden. Man hat Sie also komplett oder partiell überzeugt und Sie sind damit zum Gläubigen geworden. Ihr kritischer Verstand hält sich zurück, etwaige Zweifel bekämpfen Sie mit den Mitteln, die vorsorglich bereits Bestandteil der Heilsbotschaften sind, die man Ihnen zu glauben aufgetragen hat. Über Bekannte, Freunde oder Bücher sind Sie auch dem Taoismus begegnet. Es steht vieles geschrieben, was einst die alten Weisen von sich gaben. Vielfach sind es kryptische Sätze, die nicht immer auf den ersten Blick erhellend sind, erst die Übersetzung in neuzeitliche Begriffe macht die Grundzüge der Philosophie verständlich. Sie erfahren Dinge über Lebenskunst, dass Sie und das Tao, also der Grund der Dinge, nicht getrennt voneinander sind, dass in Ihnen Kräfte schlummern, die über Methoden des Nichthandelns zur Bewältigung Ihrer Probleme dienstbar gemacht werden können. Und etliches mehr steht auf dem Programm taoistischer Grundinformationen. Wenn Sie sich dies alles nun auf die gleiche Weise einprägen, es akzeptieren und daran glauben, wie ich es oben geschildert habe, dann unterscheiden Sie sich durch nichts von den Nachfolgern anderer Lehren. Sie glauben bestimmte Dinge, die Ihnen über den Taoismus vermittelt worden sind, Sie richten Teile Ihres Lebens entsprechend ein, Sie befolgen Laotses Ratschläge, soweit Sie diese verstanden haben – und halten Sich fortan für einen Menschen des WEGES.

Sehen wir uns Ihr Problem einmal aus der Nähe an.  Sie haben Bücher von mir gelesen und glauben, was dort geschrieben steht. Was recht schmeichelhaft für mich ist, aber für die Realisierung Ihrer Ambitionen nicht genügt. Gut, es ist ein Beginn. Es wird zum Verständnis des Taoismus, damit er sich uns öffnet, selbstredend ein anfängliches Vertrauen, ein Vorschuss an rationalem Glauben gebraucht, aber auf keinen Fall diese bedingungslose Hingabe an eine Idee, die einen Glauben fordert, der keiner Untersuchung mit den Mitteln der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes standhalten würde. Der Psychologe Erich Fromm nimmt in den in seinem Nachlass gefundenen Schriften zu diesem Thema auch kein Blatt vor den Mund: Wir leben in einer Zeit ohne Hoffnung. Menschen versuchen verzweifelt, an etwas zu glauben. Sie strömen zu den neuen Gurus. Zu allem Unglück sind selbst intelligente Menschen mit großem Wissen nicht gegen primitive Formen von Spiritualität gefeit. Der leidenschaftliche, fanatische Glaube an Ideen und Führer – gleich welche – ist Götzendienst. Er entsteht aus einem Mangel an Mitte, an innerer Aktivität, an Sein.  Wenn Sie ihn als Glaubenslehre behandeln, geraten Sie beim Taoismus in eine Position, in der das Tao Ihnen zum neuen Gott wird, zur helfenden Hand in allen Lebenslagen, zum Ersatz für jene anderen Götter, die Sie so oft schon im Stich gelassen haben. Ihre Gedanken stellen die Überzeugung von der Einheit der Dinge her, wie Laotse sie lehrt, und Ihr Bemühen wird künftig der Aufgabe gelten, diesen Glauben auszubauen und ihn nicht mehr zu verlieren. Das Gleiche gilt für die Wirkung des Nichthandelns. Sie haben sich entschlossen, an die Magie von Wu wei zu glauben und geben sich fortan Mühe, auf Ihr Leben mit mehr Aufmerksamkeit und mit einer stärkeren Präsenz im Hier und Jetzt zu verbringen. An alledem wäre nichts Verkehrtes – wenn es da in Ihrem speziellen Fall nicht einen Schönheitsfehler gäbe: Sie haben sich für den Taoismus entschieden, weil Ihnen Laotses Lehren einleuchten und sich die Philosophie anscheinend problemlos auf Ihren bereits vorhandenen religiösen Fundamenten aufbauen lässt. Ich weiß von etlichen Menschen, die sich auf diese Weise dem Tao genähert haben. Und daran gescheitert sind. Sie mussten feststellen, dass es mit dem Fortschreiten der Zeit immer schwieriger wurde und immer mehr Konzentration verlangte, ihre neue Religion im Alltag umzusetzen. Was anfangs so einfach schien, so spielend leicht zu bewältigen, hatte sich in Anstrengung und Stress verwandelt.

Habe ich mich jetzt um Kopf und Kragen geredet? Jede Hoffnung auf den Taoismus als realisierbare Lebenshilfe im Keim erstickt? Und den Zauderern, den Zweiflern Wasser auf ihre Mühlen geschüttet? Lassen Sie mich erklären: Im Gegensatz zu zahllosen Versuchen, der Masse den Sinn des Seins näher zu bringen bis hin zu den Kultreligionen der Azteken und Mayas, die dem Menschenopfer mit herausgeschnittenem Herzen zur Versöhnung der Götter huldigten – im Gegensatz dazu lehrt der Taoismus nichts, das man glauben müsste. Weil es überhaupt nichts zu glauben darin gibt. Laotse lehrt uns etwas anderes, etwas, das uns absolut unabhängig von jeder Art von Lehrern und religiösen Führern macht. Die Tatsache, dass wir vom Grund der Dinge, den Laotse als die Mutter aller Dinge bezeichnet und den Namen Tao dafür fand, nicht getrennt sind, und dass wir dieser Grund sind, muss nicht geglaubt werden. Dafür kann sie erfahren werden. In der Menschheit ist das Buch der Schöpfung niedergeschrieben, eine Kopie davon befindet sich in jedem Gehirn. Sie brauchen nur darin zu lesen, und schon sind Sie auf dem WEG. Dieses Lesen erscheint Ihnen als einem Menschen, der handfeste Anweisungen vorzieht, selbst wenn diese gelegentlich oder sogar oft unbequem sind, außerordentlich schwierig. Doch es ist nur schwierig, weil es so einfach ist und ungewohnt für ein Gehirn, das von klein auf dazu getrimmt wurde, Probleme zu erzeugen und sie zu lösen. Mit diesem „Lesen“ beginnt nämlich das Nichthandeln bereits. Sie schauen auf Ihre Welt, wie sie sich Ihnen jeden Augenblick darbietet. Aber Sie sind zum ersten Mal, seitdem Sie denken können, zu dem Geständnis bereit, dass Sie über diese Welt und ihren Sinn aus eigener Kenntnis nichts wissen! Lassen Sie den Zustand des Nichtwissens zu. Sie müssen ihn nicht erzeugen, er war schon immer da. In diesen Momenten wird sich der Grund der Dinge in Ihrem Gehirn seiner selbst bewusst. Die Wahrheit kommt nicht von außen – sie bricht sich von innen Bahn und befruchtet von dort aus auch Ihr Denken und Fühlen. Dann müssen Sie nicht mehr glauben, eins mit der Welt und dem Weltengrund zu sein – dann spüren Sie es. Und Ihr Entscheiden und Handeln entspringt dann dieser Quelle, die Sie sich durch eine einzige mutige Tat erschlossen haben: Ihre Bereitschaft zum Nichtwissen.

 

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4 Kommentare zu Ein gläubiger Taoist

  1. gitti sagt:

    Liebe Frau Fischer, danke für den Text! Ich war dem Tao schon einmal viel näher, leider habe ich mich wieder entfernt, und die alten Ängste und Zweifel begannen sich wieder auszubreiten.
    ….das eins mit der Welt und dem Weltgrund….beginne ich wieder zart zu spüren!
    Liebe Grüße an Sie, ich hoffe es geht Ihnen gut.
    Gitti

    • Sabine sagt:

      Liebe Gitti, geht es uns nicht allen so, dass wir uns dem Tao mal näher fühlen und dann auch wieder weiter entfernt? Und entspricht das nicht eigentlich auch dem Prinzip des Tao, dass alles im Fluß ist, nichts gleich bleibt? Ich kann auch manchmal zufrieden damit leben und am nächsten Tag alles verfluchen 😉 Wir sollten es einfach so zulassen. Sabine

  2. Danke, liebe Sabine für Deinen Newsletter. Wie doch alles zusammenhängt; Vor ein paar Tagen wurde ich 54 Jahre jung und habe mir natürlich die #54 im I Ging und auch Theos TAGundTAO #54 durchgelesen und siehe da, „zu guter Letzt“ las ich dann „Ein gläubiger Taoist“. Ich bin immer wieder von den Dingen beeindruckt die sich im Gleichklang befinden.

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