Nicht mehr arbeiten müssen


…..und noch eine seltenfröhliche Geschichte:

 „Hornschröder hat sich eine Finka auf Mallorca gekauft“, sagte Seltenfröhlich. „Der Bursche ist knapp über fünfzig und hat beschlossen, nie mehr zu arbeiten.“ „Wenn er das Geld dazu hat, warum nicht“, antwortete Isolde. „Manchmal wünsche ich mir auch, ich könnte mein kleines Geschäft aufgeben und hätte ein bisschen mehr Freiheit.“ „So einen Anfall habe ich durchschnittlich jede zweite Woche, wenn ein Auftraggeber wieder mal Ärger macht. Vor allem, wenn abends dann Hansjürgen anruft und erzählt, wie toll es in Karlsbad war.“ „Hansjürgen ist Rentner“, wandte Isolde ein, „den haben sie zwar einige Jahre zu früh auf die Gnadenweide geschickt, aber nach einem Leben voller Arbeit steht ihm das Vergnügen, auf Reisen zu gehen und sich Badekuren zu leisten, zu.“ „Meinetwegen, er war ja zeitlebens in einem untergeordneten Angestelltenverhältnis und konnte sich nie nach Wunsch und Willen bewegen. In dieser Beziehung haben wir beide, jeder mit einem freien Beruf, weniger zu klagen. Bei mir ist es mehr der Verdruss beim Umgang mit meinen Mitmenschen, der mich manchmal wünschen lässt, ich wäre das alles los.“

„Woher willst du wissen, ob die Leute, die dich ärgern, nicht unter dem gleichen Syndrom leiden und etappenweise genug von ihrem Job haben?“ Seltenfröhlich nickte. „Wir machen uns im Drang, unsere Brötchen zu verdienen, gegenseitig verrückt. Mit ein wenig Vernunft ließen sich die Dinge gewiss harmonischer betreiben. Jedes Mal nach einem Streit nehme ich mir vor, diese Reibereien auf die leichte Schulter zu nehmen oder unverbesserlichen Streithähnen den Stuhl vor die Tür zu stellen. Schließlich bin ich auf einen einzelnen Kunden nicht unbedingt angewiesen, ich habe nicht alle Eier in einen Korb gelegt.“ „Das ist klar. Ich denke, wenn jemand, wie das bei Hornschröder meistens der Fall war, jeweils nur einen riesigen Auftrag abwickelt, ist er viel stärker angreifbar als du mit deiner gut sortierten Klientel. Ich verlasse mich auch lieber auf wechselnde, aber zahlreiche Kundschaft, als dass ich mich von einigen wenigen tyrannisieren lasse.“

Seltenfröhlich legte den Finger auf die Nase und dachte nach. „Einmal angenommen, wir könnten unser inzwischen schuldenfreies Haus zu dem Preis verkaufen, den es wert ist. Das Geld müsste für ein Häuschen im Süden reichen und genug übrig bleiben, um es Rendite bringend anzulegen. Und du könntest nebenbei deine Gold- und Silberschmiedearbeiten auf Sparflamme weiter betreiben und die Sachen direkt an Touristen statt an Juweliere zu verkaufen, die sowieso liederliche Zahler sind.“ „Und du“, grinste Isolde, „würdest dich dem süßen Nichtstun hingeben, in Kneipen herumhängen und binnen eines Jahres vierzig Kilo zunehmen.“ „Ganz ohne Arbeit möchte ich nicht sein“, protestierte Seltenfröhlich. „Und ein Säufer bin ich auch keiner.“

„Du sagst es. Auch ich kann mir nicht vorstellen, plötzlich ohne Arbeit zu sein. Wir kennen etliche Leute, denen der Schritt in den Altersruhestand gar nicht gut bekommen ist. Wenn ich daran denke, wie umgetrieben Hansjürgen sich dauernd verhält. Kaum ist er mit seiner Gefährtin von irgendeinem Trip zurück, wird bereits die nächste Tour geplant. Mir würde das zuviel werden, so ein Leben, das nur noch aus einer ständigen Bewegung von Ort zu Ort besteht. Und den Hornschröder beneide ich auch kein bisschen. Ich möchte in Mallorca nicht tot überm Zaun hängen.“ „Was möchtest du denn dann?“ erkundigte sich Seltenfröhlich behutsam.

Isolde überlegte eine Weile. Dann sagte sie: „Eigentlich möchte ich nichts anderes tun als das, was ich jetzt mache. An meiner Arbeit habe ich außer einem chronischen Mangel an etwas mehr Geld nicht das Geringste auszusetzen. Da gäbe es nichts, das ich verändern oder in ein anderes Land verlegen wollte.“ „Auch dann nicht, wenn du die Angestellte eines Juweliers oder Schmuckherstellers wärst und außer deinem Jahresurlaub wenig Freiraum hättest?“ „Das wäre natürlich etwas anderes. Aber du kennst mich. Ich bin nicht der Typ, der sich von anderen Leuten herumschubsen lässt. Wenn ich nicht schon selbständig wäre, gäben handfeste Schikanen eines Arbeitgebers bereits den Anstoß, mich selbständig zu machen. Wenn ich auf eigenen Füßen stehe, selbst auf wenig hochbezahlten, gibt es nichts, was mir die Freude am eigenen Wirken vergällen könnte.“

„Und wenn kein Mensch deine Arbeiten kaufen will, was tust du dann?“ fasste Seltenfröhlich nach. „Gibst du dann auf und machst gar nichts mehr oder lernst du einen anderen Beruf?“ „Weder das eine noch das andere. Ich tu mir dann sicher ein bisschen Leid und bin sauer auf das dumme Volk, das mich nicht zu würdigen versteht. Aber in letzter Konsequenz werde ich so lange an meinem Programm arbeiten, bis ich an dem Punkt bin, am dem die Dinge zu laufen beginnen. Du hast es doch Zeit deines Lebens auch nicht anders gemacht, oder?“ „Nein, das habe ich nicht. Ich habe bei den wenigen Anstellungen die ich in den Anfangsjahren hatte, genau so reagiert, wie du. Da genügte unter Umständen ein einziger Rüffel eines unfähigen Vorgesetzten und ich habe bereits den Bettel hingeschmissen. Der Einblick in die von Fehlern durchsetzten Arbeitsabläufe in den Betrieben löste ja dann auch den Impuls aus, mich im Beratungsgewerbe selbständig zu machen. Zumal ich die fetten Honorare sah, die Unternehmen an Spezialisten zahlten, deren Leistungen mich nicht gerade vom Schemel rissen. Da reifte in mir die Erkenntnis, dass der Erfolg nicht ausbleiben könne, wenn ich gut in meinem Fach bin. Wenn die Leute teure Honorare zahlen, dann müssen sie auch die Leistung dafür bekommen und nicht bloß hochgestochenes Geschwätz.“

„Ich denke auch“, nickte Isolde, „wenn du in deinem Fach wirklich gut bist und nicht nur mit Fachchinesisch beeindruckst, dann kannst du den Schritt in die berufliche Freiheit auch in schlechteren Zeiten riskieren. Vor allem, wenn du keine Wahnsinnserwartungen an dein künftiges Einkommen stellst. Erinnerst du dich an diesen Bodo von Senf, der nach dem Studium keine Stelle bekam und sich in kleinen Zeitungsanzeigen als Helfer bei allen Haushaltsreparaturen angeboten hat? Der konnte sich vor Nachfragen nicht mehr retten.“ „Ich erinnere mich an ihn. Ich glaube, sein Erfolg beruhte auch darauf, dass er keinen übertrieben hohen Stundensatz verlangte. Und er stöberte auf Schrottplätzen nach Ersatzteilen für Kühlschränke, Waschmaschinen und Fernseher herum. Er hatte in seinem verrosteten Lieferwagen – der hatte ihn, glaube ich, vierhundert Mark gekostet – ein wahres Lager an alten Teilen, Kabeln und Elektroartikeln herumliegen, desgleichen das Meiste, was ein Installateur so brauchte. Er kam selten in die Verlegenheit, dass ihm etwas fehlte.“

Isolde tippte Seltenfröhlich auf den Arm. „Du, wie meintest du das mit Haus verkaufen und einem anderen Land? War das dein Ernst? Du sagst, du willst nicht aufhören mit Arbeiten, weil du Aufgaben brauchst – um fit und gesund zu bleiben, denke ich – was wolltest du denn dann irgendwo in einem südlichen europäischen Staat mit dir anfangen?“ Seltenfröhlich lachte. „Im Gegensatz zu dir hätte ich keine Hemmungen, das Halfter an den Nagel zu hängen und zum Gelderwerb etwas Neues zu beginnen. Schau her. Das ist doch der Grund, warum viele unserer Freunde und Bekannten, die unter dem Joch ihrer Tätigkeit leiden, davon träumen, den Bettel hinzuschmeißen und im Süden neu zu beginnen.“

„Ja tut denn das ein einziger von ihnen?“ empörte sich Isolde. „Außer diesem Angeber, dem Hornschröder, dem das Geld den Buckel rauf läuft, traut sich doch keiner von diesen Träumern, auch nur einen Schritt weit in ein Leben hinein, das riskanter ist als die Fron ihrer täglichen Pflichten. Die schwärmen alle davon, eines Tages würde es soweit sein, dass sie den Schritt wagen können. Aber da keiner da ist, der sie mit Garantien für das Gelingen ausstattet oder eine Rückversicherung offeriert, belassen sie es bei ihren Phantasiebildern.“ „Du hast Recht. Ich will noch einen Schritt weiter gehen. Die uns vertrauten Menschen träumen und leiden. Sie leben in der Ungewissheit des Fortbestandes ihrer mit Mühe und Not erreichten Position. Der Gedanke, plötzlich durch eine so genannte betriebsbedingte Kündigung bei Hartz vier zu landen, lähmt sie förmlich. Ich habe noch keine Stimme gehört, die im Gespräch außer der Hoffnung, dass dies nicht passiert, auch nur eine einzige Alternative, einen einzigen Plan B auf den Tisch gelegt hätte.“

„Ich meine auch“, stimmte Isolde zu, „dass die Träume von einem selbständigen Beruf oder einem Häuschen im Süden nur Mittel zur ideellen Flucht vor der Misere einer unsicher gewordenen Lebenssituation sind. Die Chancen wären da. Es bräuchte nur ein bisschen Mut, ein bisschen weniger von dieser Kaninchenmentalität, ein Stück Phantasie, ein paar Ideen – und schon würde am Lebenshorizont ein heller Schein auftauchen. Die Entschlossenheit, im Ernstfall aktiv zu werden, ja, die Vorbereitung eines fertigen Planes B, C oder das halbe Alphabet hindurch, wäre doch eine echte Alternative zum Hasenherz.“ „Und wenn jemand versucht, was du suggerierst – und es klappt denn doch nicht, was dann? Dann ist die Resignation noch tiefer, weil den Betroffenen ja nun auch ihre Träume gestohlen worden sind.“

Isolde schüttelte energisch den Kopf. „Wenn einer scheitert, dann ist er an seine Alternative entweder zu ideenlos, zu halbherzig herangegangen – oder er hat eine Anspruchshaltung entwickelt, die in keinem vernünftigen Verhältnis zu seinem Können steht. Aber sag mal, wenn du dir einen anderen Beruf suchen müsstest, was würdest du für einen wählen?“

Nun lächelte Seltenfröhlich verschmitzt. „Schriftsteller vielleicht. Einen Roman schreiben, in dem du deine Protagonisten in Schwierigkeiten bringst und sie mit jedem Versuch, sich herauszuwinden immer mehr in die Bredouille geraten. Politischer Hintergrund, Weltkrisen als Szenarium und am Ende der Sieg und eine Liebe, die alles besiegelt. Das ist der Stoff, aus dem Bestseller gemacht werden. Ich müsste mich allerdings morgens vor verhängtem Spiegel rasieren, denn ich könnte mir dann nicht mehr ins Gesicht schauen.“ „Lass den Unsinn. Mal im Ernst, was könntest du dir vorstellen. Nimm an, du wärst Hänschen Müller und hättest soeben deine Kündigung bekommen.“

„Hach. Ich würde vielleicht Maler werden. Auf großen Leinwänden Bilder hinschmieren, als ob ein junger Schimpanse sich ausgetobt hätte. Und mit einem Kunstkritiker ein paar Flaschen Sekt heben, damit er meine Arbeiten in höchsten Tönen anpreist. Ich würde öffentliche Auftritte suchen und solange schwätzen, bis ich ‚In’ wäre. Vielleicht würde ich meiner Bank das erste Werk verehren für die Schalterhalle mit einem Messingschild und meinem Namen darunter.“ „Das hast du doch nicht vor“, sagte Isolde ein wenig besorgt. „Nein, natürlich nicht. Ich will damit nur andeuten, dass es so viele Fachgebiete für eine selbständige Tätigkeit hier im Lande oder irgendwo vor dem Häuschen in einer wärmeren Gegend gibt. Du kannst Pflanzen züchten und übers Internet verschicken, ein Versand-Antiquariat eröffnen, wo du pro Stück einen Euro zahlst und zehne dafür kassierst, du kannst dich als Landschaftsgärtner verdingen, Innenarchitekt werden mit einer Vertretung für teure Heimtextilien, Artikel für die Presse schreiben, dir eine Kolumne erschaffen, die mit der Zeit gelesen wird.  Mir fielen hunderte von Sachen ein, die ich mir bei einigem Einsatz zutrauen würde, bis hin zum Trainer für übergewichtige Personen. Daran herrscht zum Beispiel auch kein Mangel.“

„Hör auf damit. Fassen wir zusammen: Ohne eine Arbeit wollten und könnten wir beide trotz periodischer Unlustgefühle nicht sein. Wir brauchen eine produktive, befriedigende Tätigkeit. Und wenn wir diese nicht haben, dann erschaffen wir sie uns. – Richtig?“ Seltenfröhlich schlug Isolde auf die Schulter. „Total richtig. Bleiben wir dabei.“

Dieser Beitrag wurde unter Taoismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.