Vergangenheit und der Modus des Erinnerns

Heute bringe ich Euch mal wieder ein Kapitel aus “ Tao heißt leben, was andere träumen“                                                                                                                                         Sabine

Der Advent 2008 wird mir lange in Erinnerung bleiben. Ende November war in diesem Jahr bereits der erste Schnee gefallen und in der Woche vor Weihnachten legte uns der Winter mehr als einen Meter der weißen Pracht auf die Dächer. Das mittlere Gebäude unseres Anwesens ist der Fienile, die im Obergeschoss nach vorne offene ehemalige Scheune. Er beherbergt in den unteren Räumen Sabines Werkstatt samt den zwei Brennöfen und darüber die Keramik-Ausstellung. Während die Dächer der zwei anderen Wohngebäude stabil waren und gut aussahen, ließ das Dach des Fienile mit seinen offen liegenden Balken eine Menge zu wünschen übrig. Es war einst aus roh behauenen Baumstämmen gezimmert worden. Man hatte wahllos genommen, was damals wohl gerade verfügbar war, so dass das Holz des Dachgebälkes krumm und bucklig war und selbst die Ziegelflächen wie Meereswellen abwechselnd höher und tiefer verliefen. Wir waren nicht glücklich über diesen Schandfleck oberhalb der schön gestalteten Ausstellung, aber eine Renovierung hätte unsere Mittel weit überschritten. Und dann kam der 18. Dezember. Es schneite pausenlos. Die Temperaturen lagen über dem Gefrierpunkt, das Thermometer zeigte selbst in der Nacht noch gute drei Grad Wärme an. In dieser Nacht gab das Dach des Fienile unter der Last des Pappschnees nach. Zuerst stürzte der Kamin ein und zerstörte den oberen Teil des ersten der drei zum Hof hin liegenden Pilaster. Das raubte der mittleren Balkenkonstruktion den vorderen Halt und löste eine Kettenreaktion aus. Im Laufe dieser einen Nacht hörten wir vom Schlafzimmer aus, wie nach und nach das ganze Dach einstürzte und die übrigen quadratischen Säulen, auf denen es auf der einen Seite Halt gefunden hatte, mit in die Tiefe riss. Obendrein setzte Regen ein und die schmelzende Schneelast auf den Trümmern des Daches verwandelte sich ein Dutzend Rinnsale, die bis in die darunter liegende Werkstatt alles unter Wasser setzten. Wir riefen den Bauunternehmer, der einst das Anwesen renoviert hatte zur Hilfe. Er kam sofort, stützte alles, was noch stand, so gut es ging ab und wir fingen mit allen verfügbaren Gefäßen das Wasser auf, damit es weiter unten keinen Schaden an den empfindlichen Brennöfen mehr anrichten konnte.

Ich will Sie nicht mit dem weiteren Procedere langweilen. Wir waren zum Glück versichert. Ein Blick in die gleich am Morgen hervorgeholte Police bestätigte uns, dass der Schaden bis zu einem gewissen Grad gedeckt war. Zweimal kam der Gutachter der Versicherung, unser Muratore brachte einen Architekten bei, der bestätigen musste, dass das Dach vor dem Einsturz der Norm entsprechend belastungsfähig gewesen war – und dann hatten wir ein Blatt Papier in der Hand, auf dem stand, dass etwa 90 Prozent des Schadens bezahlt würden. Da es immer weiter schneite, konnten die Reparaturarbeiten erst im Februar begonnen werden. Es gelang dann immerhin, das neue Dach eine Woche bevor im April unsere ersten Feriengäste kamen fertig zu stellen. Wir ließen auch den bisher nur roh betonierten Boden des Fienile kacheln und das Resultat war ein wunderschöner neuer Ausstellungsraum. Das Dach ist eine Augenweide mit seinen naturbelassenen Kastanienbalken und der kühnen, selbsttragenden offenen Konstruktion. Ohne den Unwetterschaden hätten wir es wahrscheinlich niemals geschafft, die Kosten für eine derartig aufwendige Leistung aufzubringen. Wieder einmal hatte sich das scheinbare Unglück in Gelingen verwandelt.

Wenn es im Land wieder Herbst geworden ist, bleibt die Erinnerung an den viel zu schnell vergangenen Sommer zurück. Wie endlos waren einst in der Kindheit die Sommer, aber mit zunehmendem Lebensalter scheint die Zeit ein anderes Tempo anzunehmen. Was hat sich in unserem Bewusstsein seit den Kindertagen verändert, dass unser Erlebnishaushalt so schnelllebig geworden ist? Ich fürchte, uns ist die Intensität verloren gegangen, mit der wir einst auf die Bewegung des Lebens geschaut haben. Der Blick des Erwachsenen ist von der Gegenwart weg voraus in die Zukunft gerichtet. Und das ist zugleich unser Leiden: wir suchen in der Zukunft fortwährend unbewusst unsere Vergangenheit. Es ist eine nach vorne gerichtete Suche nach der verlorenen Zeit. Denn damals, als unsere Vergangenheit Gegenwart war, haben wir uns ihr durch mangelnde Aufmerksamkeit ebenso entfremdet wie wir es heute noch immer tun. Vorsorglich hat unser Gehirn vieles vom Versäumten aufgezeichnet. Mit der fatalen Konsequenz, dass uns Aufzeichnungen über längst Vollbrachtes wichtiger erscheinen als die Gegenwart, und unser Geist mehr Gewicht auf die vergangenen Ergebnisse legt und darum immer weniger Raum für das Handeln im Jetzt übrig bleibt. Erkennen Sie, dass es so ist? Höchstwahrscheinlich. Sie wissen schon lange um diese unseligen Reflexe, die Sie im Wahn, in die Zukunft zu blicken, in Wahrheit in den Rückspiegel schauen lassen. Ist unter den weisen Lehren des Ostens ein Kraut zu finden, das dieses suchtartige Anklammern an die Vergangenheit heilen könnte? Die Antwort auf die Frage ist ein Paradox: es gibt ein Mittel, aber dieses Mittel ist kein Mittel, und dadurch, dass es kein Mittel ist, wird es zum Mittel. Verstanden? Nein? Das Mittel, das kein Mittel ist, entstammt der Zen-Praxis, es entspricht in seinem Wesen aber durchaus dem taoistischen Denken. Es ist die Therapie, die der Meister seinen Schülern verpasst, wenn sie etwas begreifen sollen, was nicht in ihren Kopf hinein will. Er klärt die Betroffenen über ihre falschen Grundannahmen über sich und ihre Welt auf. Doch er stellt nicht die Forderung an sie, sich von diesen Annahmen zu trennen und zu anderen, möglicherweise wahren Glaubensgrundsätzen zu konvertieren. Der Meister fordert seine Eleven im Gegenteil auf, trotz des Wissens um die neuen Informationen, die ihre bisherigen Überzeugungen in Frage stellen, ihr falsches Verhalten konsequent fortzusetzen. Und zwar quasi bis zum bitteren Ende, was meint, bis zu dem Punkt, an dem der einzelne aus selbst gewonnener Erkenntnis seine Fehler einsieht. Diese Einsicht bewirkt eine Veränderung in den Zellverbänden des Gehirns. Sein Besitzer wird nach dieser Erfahrung keine Willensakte brauchen, um sein Denken und Verhalten zu ändern – was ihm vor dem Blitz der Selbsterkenntnis ja schließlich auch nie geglückt ist. Die Zen-Meister verlassen sich aus langer Erfahrung und den daraus gewonnenen Einblicken in die menschliche Psyche auf die sich selbst organisierende Heilkraft spontaner Einsichten.

Das Nicht-Mittel, mit dem alten verkehrten Verhalten weiterzumachen, nachdem in der Vergangenheit sämtliche Versuche, die Aufmerksamkeit stärker auf die Gegenwart zu richten, gescheitert sind, lässt sich analog auf unser Problem mit der Zeit anwenden. Sie hatten sich zum Beispiel nach der Lektüre meines Titels Wu wei vorgenommen, in Zukunft mit allen Sinnen so weit wie möglich in der Gegenwart zu leben. Die Texte haben Sie von dem Fehler überzeugt, zu intensiv und ausdauernd nur in die Vergangenheit zu schauen, Sie haben den Wahn, es wäre der Blick in die Zukunft erkannt und sich entschieden, etwas dagegen zu unternehmen. Doch dann mussten Sie zu Ihrem Leidwesen nach jedem neuen Anlauf feststellen, dass Sie sich ziemlich bald im alten Muster wiederfanden. So sehr Sie Ihr Denken unter Kontrolle zu halten suchten, sobald Sie in Ihren Bemühungen nachließen, entglitten Ihnen Ihre Gedanken wieder und taten, was sie Ihr Leben lang schon getan hatten. Zu Ihrem Trost sei gesagt, Sie haben mit diesen ehrenwerten Versuchen, in der Gegenwart zu verweilen, keine falsche Entscheidung getroffen. Sie haben nur etwas Unmögliches versucht. Das Kernproblem bei der Geschichte ist nämlich der Umstand, dass die Person, die Sie als sich selbst erleben, selber ein Gebilde ist, das zu hundert Prozent aus Vergangenheit besteht. Jeder seriöse Psychologe kann Ihnen eine Zeichnung davon machen, wie in Ihrem Bewusstsein diese Anteile von Es, Ich und Über-Ich entstehen und fortwirken. Daran soll und braucht auch nichts geändert zu werden.

Dennoch kann in diesem Dilemma das Rezept der Zen-Meister helfen. Ihnen sind alle diese Dinge klar geworden: dass Sie ständig in der Vergangenheit weilen, wenn Sie Ihren geistigen Blick voraus werfen, dass Sie nichts, absolut nichts tun können, um diese außerhalb Ihres Willens ablaufenden Reflexe zu beeinflussen, geschweige denn, sie zu einer Umkehr in Richtung Hier und Jetzt zu bewegen. Also machen Sie im alten Stil weiter. Nur mit dem feinen, aber fundamentalen Unterschied: Sie leben jetzt aus dem Rückspiegel im Wissen dass Sie damit einen Fehler begehen, dass Sie sich um das prickelnde, einzig jetzt stattfindende Leben betrügen. Ihr Selbst, das Produkt der Vergangenheit erkennt voller Sehnsucht und vielleicht auch Entsagung die Konstellation. Während Sie zum Beispiel von einem künftig zu erwerbenden Bauernhaus träumen, erscheint das Bild eines solchen vor Ihrem geistigen Auge. Und jetzt, das ist der Trick des Zen-Meisters, machen Sie sich klar, dass dieses künftig gewünschte Haus ein Foto aus Ihrem Gedächtnis ist, das Sie irgendwann in der Vergangenheit einmal dort gespeichert haben. Wiederholen Sie das bei allen möglichen Anlässen. Realisieren Sie also einfach den Vorgang, blicken Sie Ihrem Denken über die Schulter, beobachten Sie, wie es vergangene Bilder und altes Wissen auf den Projektor zaubert, der Ihr Blick in die Zukunft ist. Und machen Sie sich noch etwas klar: Sie können nichts gegen Ihr Denken unternehmen. Das sollen und brauchen Sie auch nicht. Aber klären Sie einen anderen Punkt: alle diese Gedanken können nur an einem einzigen Punkt in Ihrem Leben stattfinden: jetzt! Wachen Sie auf, wenn Sie im Zoo am Wegrand einen blühenden Fliederstrauch sehen und seinen Duft einatmen. Sofort zerrt Ihre Erinnerung an andere Fliederbüsche und andere, verwandte Düfte Sie wieder zurück an irgendeinen Tag in Ihrer Lebensgeschichte. Wehren Sie sich nicht gegen Erinnerungen. Erkennen Sie nur, wie es ist, gewinnen Sie eine klare Sicht auf das, was tatsächlich in Ihnen geschieht. Bei dieser Art, weiter dem Falschen zuzustimmen, indem Sie es praktizieren, reift in Ihrem Geist die Erkenntnis Ihrer Ohnmacht, etwas daran zu ändern heran. Und diese Erkenntnis wird es schließlich sein, die Ihr Denken umstimmt. Sie werden es sicher nicht auf der Stelle merken, dass sich bei Ihnen etwas geändert hat. Denn eine totale Präsenz im Hier und Jetzt wird es auch dann nicht geben – weil das niemals nötig ist! Aber eine andere Veränderung hat sich eingestellt, und die ist eines Menschen des WEGES würdig: In Ihrem täglichen Erleben beginnen Sie zu spüren, dass Zeit als Messlatte für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an Bedeutung verloren hat. Ihr Geist begegnet dem Phänomen Zeit in einem Zustand unverkrampfter Aufmerksamkeit, Ihr Denken beschäftigt sich weiter mit Ihren Plänen und Träumen, aber Sie spüren mit allen Fasern Ihres Seins, dass dies alles J e t z t geschieht. Das theoretische Gerüst unserer Zeiteinteilung ist damit nicht abgeschafft, aber Ihr eignes tägliches Erleben spielt sich in einem inneren Raum ab, der zeitlos ist.

Es gibt in der Lehre Laotses keine Vorschriften, die uns die vor der Betrachtung vergangener Geschehnisse warnen oder sie gar verbieten würden. Die taoistische Philosophie kennt einen Modus des Erinnerns, mit dem ich Sie hier gerne bekannt machen möchte. Jahr für Jahr treiben wir über die Monate hinweg dem Jahresschluss und dahinter einem neuen kalendarischen Zeitabschnitt zu, in dem Ereignisse stattfinden werden, die wir oft für die Wiederholung vergangener halten. Doch dieser Eindruck täuscht – die Vorgänge eines abgelaufenen Jahres im Leben eines Individuums, unabhängig, ob ein Geburtstag, ein Jubiläum oder eben das Jahresende gerechnet wird, sind allesamt einmalig und nicht wiederholbar. Das Erleben eines 365 Tage währenden Zyklus hinterlässt seine Spuren in der Psyche, manchmal bleiben die Narben erst kürzlich verheilter Wunden zurück. Freudige Ereignisse, Dinge, die uns beglückten, die uns Mut, Kraft und Zuversicht gegeben haben, sind ebenfalls zu Vergangenheit geworden. Wir spüren aber, dass wir, im Gegensatz zu den Verletzungen, die positiven Inhalte der verflossenen Zeit emotional nur stark verdünnt aus der Erinnerung heraufbeschwören können. Das Verhältnis zwischen Freude und Kummer ist unausgewogen. Unser Gefühlshaushalt verhält sich gegen alle Logik so ähnlich, wie wir bei einem wundervollen Abendessen im Freien, im Zustand völliger Gesundheit auf einen Schnakenstich im Nacken reagieren. Plötzlich konzentriert sich unser Sinn wie hypnotisiert auf die juckende Stelle und das kleine Übel vergällt uns heimtückisch den Genuss des abendlichen Festmahls. Oft verhalten sich unsere Erinnerungen ähnlich wie wir Temperaturen bei eisigem Wind fühlen: sie werden kälter empfunden als das Thermometer anzeigt. Ich erwähne dieses Phänomen unseres Gefühlslebens, um Ihnen einen Modus des Zurückblickens nahe zu bringen, der nicht nur die roten Zahlen in Ihrem Erlebnishaushalt registriert. Dass das menschliche Gehirn so pessimistisch mit seinen Erinnerungen hantiert, ist nicht angeboren. Wir lernen es im Laufe unserer Entwicklung. Solange wir denken können, werden wir vor Unglück und Verlust gewarnt – aber, seien wir ehrlich, noch nie ist uns jemand mit einer Glückswarnung begegnet. Wir sind auf der Hut vor Gefahren für unsere Sicherheit, und die rechnen wir bei unseren Zwischenbilanzen auch grundsätzlich auf, aber dass wir unser gewiss vorhandenes Glückserleben gleichwertig dagegenstellen, kommt nur selten vor. Gewiss haben wir unsere Träume und Ziele, aber im tiefsten Herzensgrund sind wir Pessimisten. Ein neuer kalendarischer Lebensabschnitt ist doch die Gelegenheit, daran etwas zu ändern. Ein guter Anfang wäre, zu überlegen, ob es nicht stimmt, dass Sie einen Mückenstich wie den Tritt eines Nashorns empfinden, aber als positives Gegengewicht mindestens eine goldene Uhr nötig wäre, um das Ungemach emotional aufzuwiegen. Versuchen Sie doch probehalber einmal, die positiven Ereignisse eines Zeitabschnittes ebenso stark, oder besser, stärker zu fühlen, als die weniger guten. Beginnen Sie im vollen Bewusstsein des Vorhabens gezielt damit, ein Optimist zu werden. Ihre uneingestandenen Ohnmachtsgefühle machen erst einen Pessimisten aus Ihnen. Ein Geist, der sich von den Überzeugungen seiner Getrenntheit von den Prozessen des Lebens verabschiedet hat, wird auch keinen Empfindungen des Ausgeliefertseins mehr ausgesetzt sein. Erkennen Sie: die stattgefundenen Ereignisse sind Sie! Sie blicken in Ihrer Rückschau auf die veränderlichen Konturen Ihrer Identität zurück, mit einem Bewusstsein, das mit dem Bewusstsein des Grundes stärker verbunden ist, als Sie auch nur ahnen können.

Der Modus des Erinnerns besteht also aus zwei Elementen. Einmal, dass Sie von jetzt an die negativen Gedächtnisinhalte nicht mehr doppelt oder dreimal so hoch bewerten wie die positiven. (Ein Geschäftsmann, der sich bei der Bewertung seines Warenlagers so verhielte, würde sich der Bilanzfälschung schuldig machen.) Und zum Zweiten, dass Sie sich bei jedem einigermaßen bedeutsamen Erinnerungsvorgang bewusst machen, dass Sie diese Erinnerungen nicht bloß haben – sondern dass Sie diese, wie bereits gesagt, sind! Zur Erleichterung der Identifikation Ihres Selbst mit Ihrem Erleben als einer geschlossenen Einheit möchte ich Ihnen abschließend noch einige Gedanken über Autosuggestion mit auf den Weg geben.

Vermutlich ist Ihnen die magische Formel der Autosuggestion „Es geht mir mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser“ bereits einmal begegnet, oder Sie haben sich ihrer mit dem gleichen oder ähnlichen Wortlaut schon bedient. Angeblich soll es helfen, wenn man sich diesen Satz täglich nach dem Erwachen und vor dem Schlafen etwa 20 mal halblaut (damit er über den Gehörsinn im Unbewussten verankert wird) vorspricht. Dabei ist es gleichgültig, ob man daran glaubt oder nicht, auch spielt es keine Rolle, was man bewusst dabei denkt, solange die Lippen den Satz laut genug formen, damit er über die Ohren wieder zurückwirken kann. Es wird empfohlen, den Text möglichst kindlich und unangestrengt ähnlich einem Mantra zu sprechen, ohne den Willen zu bemühen. Bei akuten Schmerzen oder Beschwerden, gleich ob körperlicher oder psychischer Natur, gab er den Rat, die Hand auf die schmerzende Stelle oder die Stirn zu legen und möglichst schnell zu wiederholen: „Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei…“

Ich weiß aus persönlicher Erfahrung um die Wirkung der Autosuggestion. Vor ungefähr dreißig Jahren bekam ich beim Zerlegen eines Mühlsteines mit Hilfe eines Keils und eines Vorschlaghammers einen linsengroßen flachen Metallsplitter ab. Er steckte irgendwo in der Kniescheibe. Nach dem Abklingen der Schwellung war keine Gehbehinderung mehr da. Der Arzt wies mich auf das Risiko eines steifen Knies nach der Operation hin, und ich entschloss mich, darauf zu verzichten. Das Stückchen Eisen trage ich heute noch mit mir herum. Manchmal bewegt es sich, wandert einige Millimeter im Knie herum und tut dann auch wieder weh. Es klingt verrückt: ich befehle dem Schmerz dann, sofort aufzuhören, und, Sie werden es nicht glauben – er verschwindet auf der Stelle wieder. Ich hatte das beim ersten Mal, als der Schmerz wieder auftrat, ohne nachzudenken probiert, es funktionierte, und seitdem halte ich es so. Zum Glück sind die Intervalle, in denen der metallene kleine Fremdkörper sich bewegt, ziemlich groß, es passiert nur alle paar Jahre mal. Im negativen Sinn kann ich ebenfalls Zeugnis für die Macht der Autosuggestion ablegen: Wenn ich etwas Falsches gegessen habe und mir einbilde, ich würde Magenschmerzen davon bekommen und in mich hineinhorche, stellen sich die erwarteten Schmerzen beinahe sicher ein. Freilich vergehen sie auch rasch wieder, wenn ich mir suggeriere, sie würden sich auflösen. Überhaupt scheint mir Hypochondrie eine der kraftvollsten Triebkräfte negativer Autosuggestion zu sein.

Ich will Sie auf keinen Fall dazu verleiten, in Zukunft täglich zwanzigmal „Es geht mir besser und besser“ zu sagen. Es geht mir mehr um Ihr Verständnis für die in Ihnen schlummernden Wirkkräfte des Unbewussten und deren Einfluss auf Ihr körperliches und geistiges Befinden. Unsere Stimmungen hängen stark von unbewussten Strömungen ab. Äußere Vorkommnisse lösen bei uns gute oder üble Laune aus. Das ist logisch und braucht nicht diskutiert zu werden. Wir wollen entdecken, ob, und wenn ja wo in den unteren Schichten unseres Bewusstseins der Wirkstoff für emotionales und körperliches Wohlsein lagert. Und die Theorien über die Macht autosuggestiver Befehle gehören unbedingt auch auf mögliche Zusammenhänge mit dem taoistischen Denken untersucht. Sie wissen ja, ohne das Tao geht nichts. Wo setzen Sie nun den Hebel an, wenn Sie nach einem autosuggestiven Modus operandi suchen, in den gleichzeitig Wu wei, das Nichthandeln, eingebunden ist? Sie haben während Ihrer Begegnungen mit dem taoistischen Denken die Bedeutung der Aufmerksamkeit kennen gelernt und Sie wissen, wie wichtig die Präsenz Ihres Geistes in der Gegenwart ist. Sie kennen die Wirkkräfte des Tao bei der Bewältigung von Problemen und die Art und Weise, wie Sie Ihre Schwierigkeiten zu Wort kommen lassen, und wie sich durch Ihr vorurteilsfreies Schauen die Lösungen einstellen. Manchmal wünschen Sie sich in Krisensituationen, Ihre Beziehung zum Tao wäre weniger durchsetzt von Ihren Alltagsgefühlen, weniger schwächlich, weniger störanfällig. Und genau hier wollen wir das Medium der Autosuggestion einsetzen.

Stellen Sie so oft Ihnen der Sinn danach steht, autosuggestiv eine bewusste Verbindung zwischen Ihnen und allen Ihren Sinneseindrücken her. Denken Sie synchron zu jeder bewussten Wahrnehmung, gleich, ob sie ihre Augen, Ihr Gehör, Ihren Geruchssinn oder Ihre Tastnerven erreicht: „Das bin ich.“ Sie brauchen die Worte nicht zu murmeln oder laut auszusprechen – ich bin mir über die verstärkte Wirkung vom Weg der Suggestion über das Gehör zum Unbewussten nicht sicher. Sicher bin ich mir freilich einer anderen Sache: Autosuggestion vermag im Organismus Zustände auszulösen, die vor dem Suggerieren nicht vorhanden waren – oder die vorhanden waren, aber durch die Beeinflussung verschwinden (siehe oben). Eine Autosuggestion im Geist des Nichthandelns muss keinen Zustand erzeugen oder beseitigen – sie zielt direkt auf ein Ding, das vorhanden ist: Ihre Einheit mit dem Grund der Dinge nämlich, Ihre Einheit mit Ihrer Welt und darin insbesondere mit Ihrem subjektiven Erleben. Wenn die Formel Das bin ich zu wirken beginnt, hören Ihre Gefühle der Fremdheit gegenüber der Außenwelt auf zu existieren. Es stellt sich – zumindest eine zeitlang – der geistige Zustand ein, den Sie sich wünschen. Sie müssen keinen Glauben erzeugen, sich keine Illusion einer Welt suggerieren, die Ihnen dann zwar vertrauter wird, aber die dennoch anders beschaffen ist, als Sie sich einreden. Sie sollen einzig das Empfinden einer Situation herstellen, die, seitdem dem Menschen ein Gehirn gewachsen ist, bereits vorhanden war. Dann hören auch die phasenweisen Störungen Ihres Vertrauens zu Ihrer Ur-Identität auf und Sie werden deutlicher und lebensnäher als je zuvor mit allem, was in Ihnen ist, spüren, dass Sie die Welt und die Welt und das Universum Sie sind. Also lautet die geheime Formel: DAS BIN ICH.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Taoismus abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Kommentare zu Vergangenheit und der Modus des Erinnerns

  1. Thomas Egger sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich darf Sie fragen, ob Sie mir eine Kontaktadresse für Tao-Seminare/-Kurse in Österreich (vielleicht sogar in Oberösterreich / Großraum Linz) nennen könnten. Ich habe einige Bücher von Herrn Theo Fischer gelesen und wäre am Thema „Lebenskunst des Tao“ sehr interessiert.

    Vorweg recht herzlichen Dank!

    Mit herzlichen Grüßen aus Linz und eine schöne Woche

    Thomas Egger

    • Sabine sagt:

      leider habe ich keine Ahnung, ob es in Österreich irgendwelche Seminare o.ä. über Taoismus gibt. Aber vielleicht weiß ja ein/e Lerser/in etwas. Sabine

    • gitti sagt:

      Lieber Herr Egger!
      Ich bin auch Oberösterreicherin (St.Wolfgang).
      Das mit den Kursen und Seminaren,ist eine Sache der ich nicht viel zutraue da es sehr oft am Eigentlichen vorbeigeht (esoterischer Schwachsinn).
      Geeigneter finde ich die Litereaturempfehlungen von Herrn Theo Fischer :
      Laotse Tao Te – King Das Buch vom Sinn und Leben übersetzt von Richard Wilhelm
      Ralph Waldo Emerson Essays
      Alan Watts Der Lauf des Wassers

      diese Bücher finde ich auch sehr gut: Die Freiheit des Zen v. Zensho W.Kopp
      Leuchtende Stille v. Margit Irgang

      Liebe Grüße vom Wolfgangsee Gitti Haas

      • Dirk Zurmühlen sagt:

        Liebe Gitti Haas!

        Ich denke, daß Sie recht haben. Es ist sehr schwer, ein sinnvolles Buch über das Tao zu schreiben, und noch schwerer, ein gutes Seminar darüber zu halten, es sei denn, man macht es sich leicht und reduziert es zu fast food mit ein bißchen Lametta-Gruppendynamik drumrum.

        Aber ist doch eigentlich gar nicht nötig, und auch nicht sinnvoll. Vielleicht gibt es einen sinnvolleren Weg. Denn es ist auch schwer, ein Buch über das Tao richtig zu lesen, so wie es vom Tao gelesen werden will.

        Wenn man überhaupt liest, keine Bücher ist hier bei uns eine ‚Regel‘ (natürlich schummelt jeder).

        Ich habe es mir vor einem Jahrzehnt zur Angewohnheit gemacht, Bücher nicht mehr durch zu lesen wie einen Krimi, sondern sie einfach aufzuschlagen und einen Absatz zu lesen mit der Intention, alles Brauchbare tief einsickern zu lassen und aus allem ‚Unbrauchbaren‘ Brauchbares zu machen. Es ist ganz erstaunlich, was dabei herauskommt. Dazu eignen sich Theo Fischers Bücher recht gut.

        Außerdem, warum für einen Lehrgang Geld bezahlen, den Kopf ‚formen‘ lassen und sich vielleicht noch mit einem Zertifikat (und seinen Scheuklappen) abschleppen müssen, wenn man die ganze Welt um sich hat und es nur darauf ankommt, daß man richtig hinsieht? Da kommt schon das Richtige, man muß nur hinsehen. Außerdem ist das viel spannender. Sehen, was gesehen werden will, tun, was getan werden will.

        Man sollte vielleicht eines beachten: Die Tendenz ist, aufzuhören, kurz bevor es wirklich interessant wird. Das ist typisch westlich. Theo Fischer hat das irgendwo so ähnlich gesagt. Und das kann ich nur bestätigen. Ich lebe im Osten.

        Viel ‚Spaß‘, (das ist nicht immer Spaß)

        von anderen Bergen und anderen Seen, weit weg,

        Dirk Zurmühlen

        • gitti sagt:

          Lieber Herr Zurmühlen,vielen Dank für Ihre intelligente Stellungnahme!
          Ein Gedicht von Gustav Flaubert möchte ich Ihnen senden…..
          Lest nicht wie die Kinder zum Vergnügen,
          noch wie die Streber, um zu lernen,
          nein,lest,um zu leben.

          Herzliche Grüße Gitti

          • Sabine sagt:

            die Zeilen von Flaubert finde ich auch sehr schön. Und Theo hat zu seinen Seminarteilnehmern immer gesagt, dass er kein Guru ist, der ihnen sagt, wie sie am besten „taoistisch“ leben. Er kann ihnen nur eine Richtung zeigen, tun und leben müssen sie es selber.

    • JE sagt:

      Lieber Herr Egger,

      in seinem Buch „Yu wei – Die Kunst, sich das Leben schwer zu machen“, das ich zur Zeit lese, finden sich einige interessante „Übungen“, die Theo auch in seinen Tagesseminaren verwendet hat. Ich fand diese Übungen sehr hilfreich.

      Herzliche Grüße
      JE

  2. Dirk Zurmühlen sagt:

    Liebe Frau Haas, Sie sind wirklich gut.

    Jetzt können wir (zum ersten Mal zusammen) erfahren, und zugleich zeigen, wie das Tao wirkt.

    Ich muß das Erklären.

    Ich bin eigentlich auf die Seite gekommen, um Sabine das Ende eines Theaterstücks zuzuschicken, daß ich vor zig Jahren geschrieben habe. Ich dachte, es hätte ihrem Mann vielleicht Spaß gemacht, und deshalb ihr vielleicht auch. Einfach so. In diesem Ende ist das Stichwort ‚leben‘. Und jetzt schicken Sie dieses schöne Flaubert-Zitat.

    Da muß man doch was tun!

    Also, ich schicke, wie geplant, den Text per Email an Sabine. So in zwei , drei Tagen, weil nur das Ende erhalten geblieben ist und ich deshalb noch eine Einleitung schreiben muß. (Wenn Sie wollen, Sabine.) Und Sie können Ihr ja schreiben, ob Sie den Text lesen wollen. Für eine Antwort hier ist er natürlich zu lang.
    Liebe Sabine,
    ich hoffe, daß Sie mit der Vorgehensweise einverstanden sind und bitte Sie, diesen Eintrag irgendwann wieder zu löschen. Er nimmt nur Platz weg.
    Lieber Herr Egger,
    sehen Sie?

    Herzliche Grüße,

    Dirk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.