Wu Wei – Fragen und Antworten Kapitel 8

Unsere Gesellschaft und das verleugnete Selbst

Originaltext Wu wei: Hätten Sie gedacht, dass die ersten Hippies damals an der Pazifikküste Kaliforniens Taoisten waren? Diese Leute meinten es ernst mit dem Ablehnen der Konditionierung seitens der Gesellschaft – aber als diese Subkultur sich ausbreitete, ver­wässerte die Idee des wu wei. Sie entartete zum reinen Nichtstun. Auf diese Weise vereinigten sich im Kreis der Blu­menkinder in der Folge mehr und mehr Tagediebe, Arbeits­scheue und überhaupt Menschen, die eigener Vergehen wegen mit der Gesellschaft zerfallen waren. Solche Leute re­duzierten die Weisheit des Tao zum Alibi für ein Lotterleben.

Gewiss erhebt sich die Frage nach unserer Stellung in den Mechanismen der Gesellschaft, im Berufsleben, wenn wir von innen heraus Abschied genommen haben von frem­der Autorität und frei und unverzerrt die wahre Realität un­seres Lebens sehen. Ich will mich darum in diesem Kapitel mit Aussteigern befassen, mit der Idee vom alternativen Le­ben. Wir wollen untersuchen, ob alternativ nicht gleichfalls nur ein anderer Name, ein Synonym für eine nicht ganz so vordergründige Methode des Gebundenseins ist. Jede Idee, mag sie noch so edel und liberal erscheinen, fordert Einord­nung in ihre Regeln oder Nichtregeln. Mit Nichtregeln meine ich das Befolgen von Verneinungen, also Forderungen, das und dies nicht zu tun (zum Beispiel mich zu rasieren oder or­dentlich zu kleiden). Wer erkennt, wie sehr er im Leben von allen Seiten bevormundet wird, wie konditioniert sein Dasein ist, ja, wie korrupt er selbst geworden ist – weil er um des Vor­teils willen Dinge akzeptiert, die ihm an sich zuwider sind -, der mag sehr wohl den Wunsch haben, dieser Enge und Maß­regelung den Rücken zu kehren. Er rebelliert und sucht Wege, aus diesem Zustand herauszukommen. Eine gewichtige Rolle spielt dabei selbstverständlich die total verfahrene politische Weltlage, die Trennung der Menschen nach Rassen und Na­tionen, der Hass, der Unfriede, die sinnlosen Ideologien, der Fanatismus und die globale Grausamkeit. Und dann der Kon­trast zu all diesem Elend: das Wohlleben der wirtschaftlich reichen Länder, die ihrerseits mit hohlen Phrasen mitmi­schen im Weltgeschehen, ohne selbst wirklich etwas zur Ver­besserung beizutragen. Angesichts all dieser Unzulänglich­keiten sucht so mancher ein Loch, in dem er sich verstecken kann, bis der ganze hässliche Rummel, der sich Leben nennt, vorbeigegangen ist.

Muss ich, um mein Selbst verstehen zu lernen und meinem wahren Ich zu begegnen aus der Gesellschaft aussteigen? So, wie es von etlichen dichtenden taoistischen Originalen berichtet wird? Bedeutet, mein Selbst nicht mehr zu verleugnen, dass ich meinen Verstand nicht mehr benutzen darf und so einfältig werden muss wie diese wunderlichen Typen der Vorzeit? Ist der WEG des Tao mit der Ausgrenzung aus dem sozialen Leben gepflastert?

Nun einmal langsam. Aus der Gesellschaft aussteigen und Aus der Gesellschaft aussteigen sind zwei paar Stiefel, auch wenn dafür der gleiche Satz steht. Wo Sie wohnen und mit wem Sie Freundschaft pflegen, sollte auf die Realisierung des WEGES keinen Einfluss haben. Die unserem Seelenfrieden schädlichen Einflüsse dringen zwar von außen, eben von der Gesellschaft, in deren Mitte wir uns bewegen, zu uns herein. Aber Schäden richten nur jene geistigen Strömungen in uns an, die wir ungefiltert in uns aufnehmen. Der Filter gegen die Strömungen des Zeitgeistes besitzt etliche Schichten, die unser Selbst vor jedem fremden Einfluss abschirmen können. Ohne dass wir deshalb in eine abgelegene Berghütte oder den Schutz eines Klosters umsiedeln müssten. Unser kritisches Denken übt eine dieser filternden Funktionen aus, des weiteren ein ausgeprägtes Gefühl für Richtig und Falsch, das wir der Synthese von Instinkt und Intuition verdanken und vor allen Dingen unserer wertneutralen Beobachtung aller Sinneseindrücke.

Mit anderen Worten: Ich kann aus der Gesellschaft durch körperliche Aktion aussteigen, indem ich mich aufs Land zurückziehe und meinen Umgang so weit wie möglich auf Gleichgesinnte beschränke oder ich ziehe mich vom geistigen Getriebe der Gesellschaft dadurch zurück, dass ich meinen Geist von ihren Einflüssen sauber halte. Im ersteren Fall ist trotz der räumlichen Entfernung vom Getriebe der Welt nicht unbedingt gesagt, dass ich damit auch zu einer Geisteshaltung taoistischen Denkens gefunden hätte. Im zweiten Fall dagegen stellt sich der Geist des Nichthandelns zwangsläufig und wie von selbst ein, weil die Absage an die Konditionen der Umwelt, in der ich lebe oder leben muss, meinen Sinn von allen Bindungen befreit.

Ihre Frage nach den „wunderlichen Originalen“ und ob Sie auch so einer werden müssten, erinnert mich an eine unausgesprochene Fluchttendenz: Die meisten Mitglieder unserer Gesellschaft lehnen für sich selbst jedes Außenseitertum ab, wie es zum Beispiel die alten chinesischen Taoisten laut Überlieferung praktiziert haben. Aber das waren ja auch die Ausnahmen. Wie viele „normale“ Menschen ohne besondere Begabung damals dem Tao folgten, lässt sich heute nicht mehr statistisch nachweisen, aber es dürften eine zeitlang Tausende, vielleicht sogar Millionen gewesen sein. So erfahren wir auch aus dem finsteren Mittelalter nur von einem Weisen, der Tao-Ähnliches gepredigt hat: Meister Eckhardt. Auch in jenen Zeiten gab es gewiss Menschen, deren Gefühle ihnen den richtigen Weg wiesen. Aber damals durfte niemand eine andere, als die vom Klerus diktierte Meinung äußern. Heute genießen Originale Narrenfreiheit und sind zum Teil sogar prominent. Aber das ist nicht der Schlüssel zum Nichthandeln. Und man wird auch nicht zum Künstler, wenn man sich nicht mehr wäscht und rasiert. (Einer der bedeutendsten und originellsten Maler des vorigen Jahrhunderts, Joan Miro, sah aus wie ein Finanzbeamter.) Die Befreiung im Sinne der Lehre Laotses findet von innen nach außen statt, nicht umgekehrt. Der Mensch des Tao fällt äußerlich nicht aus dem Rahmen. Im Grunde verhält er sich unauffällig und äußert eine Wesensart, vor der die Gesellschaft sich fürchtet, so zu sein und der gegenüber man eine deutliche Fluchttendenz praktiziert: Mittelmäßigkeit!

Mittelmäßig sein heißt im Verständnis des Volkes, weder hoch oben noch tief unten zu sein, man fällt anderen durch keinerlei Besonderheiten auf, schwebt gewissermaßen in der Mitte, ist nicht kalt und nicht warm. Im Sinne von Laotse wäre dies im Grunde ein ausgewogener Zustand, eine gute Voraussetzung, ohne Widerstand mit den Dingen zu gehen. Doch sobald jemand seine Unzulänglichkeiten nachzumessen beginnt, indem er sie mit hoch angesetzten Normen vergleicht, gerät er in eine Schleife, die nirgendwo ein Ende hat. Dieser ständige Kampf, sich von den anderen abzuheben, erzeugt außer Anstrengung keine Resultate, er macht uns nicht reicher. Die Sucht, sich profilieren zu müssen, ist selbst ein Merkmal von Mittelmäßigkeit – weil ein Großteil der Mitglieder unserer Gesellschaft davon befallen ist. Mehr sein wollen, wichtiger, bedeutender, ist das Indiz für geistige Armut. Wenn Sie sich dieser Mittelmäßigkeit, dieses Gefühls äußerster Unzulänglichkeit, tiefer frustrierender Einsamkeit bewusst werden, erkennen Sie damit auch, dass Sie es mit vielseitigen Aktivitäten vor sich selbst verbergen? Was tun Sie, wenn Sie sich dieser Einsamkeit, dieser Unzulänglichkeit bewusst werden? Können Sie aufhören, sich vergleichend zu beobachten? Diese Mittelmäßigkeit, die im Grunde uns allen gemeinsam ist, kann aufgehoben werden, wenn es keinen Sinn für Vergleich und Maß mehr gibt. Von dem Augenblick an, da Sie mit dem Vergleichen aufhören, wo Sie kein Maß an Normen und Höchstwerten mehr nehmen – von diesem Augenblick an treten Sie aus der Mittelmäßigkeit heraus. Das schenkt Ihnen unendliche Freiheit, ein ganz anderer Geisteszustand ist dann da – Sie gehören dieser Liga nicht mehr an. Wer in sich selbst ruht, sich selbst genügt, sich den Teufel darum schert, was er in den Augen seiner Mitmenschen an Bedeutung auf die Waage bringt, wer so fühlt und handelt, ist auf dem WEG.

Gut, verstanden. Ich muss kein Han Shan werden und Mister Durchschnittsbürger bin ich gegebenenfalls nur nach Außen. Mir fällt es trotzdem nach wie vor schwer, die Verbindung zu meinem Selbst herzustellen und ich sehe überhaupt noch kein Licht am Ende des Tunnels, was die Verbesserung meiner Lebensumstände betrifft, egal, wo ich mich aufhalte.

Gestatten sie mir zuerst ein paar Gegenfragen, bevor ich zum Selbst und den Folgen Stellung nehme. Wie ist es um Ihren Standort dem Fluss des Lebens gegenüber bestellt? Lässt Ihr Geist Sie passiv am Ufer stehen, den Ereignissen ausgesetzt, die auf Sie zuströmen? Oder haben Sie endlich einmal den Eindruck, dass hier permanent Schöpfung stattfindet, und zwar Schöpfung, die von Ihnen und nicht von den anderen oder vom so genannten Schicksal ausgeht? Fühlen Sie sich als Herr(in) der Lage oder beherrscht Sie nach wie vor der Druck des Ausgeliefertseins an die Verhältnisse? Wie immer Ihre Antwort lautet, ich denke, dass wir uns ein wenig mit den Wirkkräften befassen sollten, die einstweilen unentdeckt in Ihnen schlummern.

Sie sehen kein Licht am Ende des Tunnels und es ist Ihnen bis zur Stunde versagt geblieben, die Magie des Tao zur Erleichterung Ihres Daseins zu realisieren, obgleich die Theorie vom Nichthandeln so simpel und so Erfolg verheißend klingt. Ihre Niederlage kommt wahrscheinlich daher, dass Sie es als ein individuelles Ich mit Hilfe von Verstand, Motivation und Willenskraft unternommen haben. Ihnen zum Trost sei gesagt, dass Nichthandeln erst gelingt, wenn zuvor alle eingesetzten Mittel, es zu verwirklichen, versagt haben. Das Prinzip von Wu wei beginnt zu wirken, wenn Sie mit Ihren orthodoxen Bemühungen um einen Wandel am Ende sind und sämtliche Versuche aufgegeben haben. Dann nämlich erst schweigt das Ich. Unfreiwillig, aber immerhin als Konsequenz der Einsicht seiner Ohnmacht. Dies ist die Phase, in der still und leise eine andere Dimension des Handelns in Ihren Sinn und damit in Ihr Leben einzieht. Was dann den Ereignissen des Lebens gegenübersteht, wollen wir der Einfachheit der Unterscheidung halber Ihr Selbst nennen. Ich benutze das Wort nicht gern, weil damit wie mit manchem anderen Begriff viel esoterischer Hokuspokus getrieben wird. Nach Erkenntnis strebenden Menschen wird das Selbst gerne als erste Stufe auf dem Weg zum „Höheren Selbst“ wie die Rübe vor dem Maul des Esels als Ziel verkauft.

Das Selbst unterscheidet sich vom Denkprodukt Ich vor allen Dingen dadurch, dass es tatsächlich vorhanden ist. Es ist freilich kein Organ wie Herz oder Lunge und im Körper gibt es keinen Ort, an dem es auffindbar wäre. Dieses Selbst ist mit dem Basisbewusstsein unserer Existenz identisch und es impliziert unser Körpergefühl ebenso wie unsere Sinneseindrücke und unsere Gefühle. Das Selbst ist ein geistiges Element unserer Identität und es hört an der Hautoberfläche nicht auf, es dehnt sich aus bis in die Unendlichkeit des Universums. Womit gesagt ist, dass dieses Selbst untrennbar mit allen unseren Erfahrungen verbunden ist. Tatsächlich ist auch unser Denken, jenes Denken, aus dem unsere Ich-Gefühle hervorgehen, ein Baustein des Selbst. Es ist fähig, die Tätigkeit der Gedanken kritisch wahrzunehmen und die einzige Instanz, die unabhängig vom fiktiven Denker wirklich Einfluss auf unsere Denkprozesse hat. Im Grunde gewinnt unser Selbst in etlichen Bereichen aus den gleichen Ressourcen sein Profil, aus dem das Denken auch das Ich erzeugt. Was den fatalen Effekt hat, dass damit unsere Illusion vom unabhängigen, Gedanken denkenden Denker einen sehr hohen Anschein von Realität gewinnt. Obendrein ist es schwierig, verbal den Unterschied zwischen beiden deutlich zu machen: Das Selbst ist eine Konstante, es i s t Bewusstsein, es ist der Spiegel, der unser ganzes Sein reflektiert. Das Ich hat gegenüber diesen Konstanten bestenfalls die Qualität einer Lampe mit Bewegungsmelder, die nur dann aufleuchtet, wenn sich etwas rührt. Das stille, grenzenlose Firmament ist ein Symbol für die Verschmelzung des Selbst mit dem Universum. Für den Menschen des WEGES heißt dies, mit den zehntausend Dingen eins zu sein. Blicken Sie an einem wolkenlosen Abend zu den Sternen hinauf. Lassen Sie ihre Gefühle hinausströmen, dringen Sie emotional ein in die Welt dort droben, die zu Ihnen gehört wie Ihre Stimme und Ihr Augenlicht. Sie werden spüren, wie etwas Unaussprechliches Sie berührt, es ist wie eine Sehnsucht nach Heimkehr, die in diesem Augenblick stattfindet, wo Sie die Gefühle zulassen. Die Taoisten nannten diesen Vorgang ‚Durchdringung’ und setzten ihn mit Einswerdung gleich. In einem alten Text, dessen Autor mir unbekannt ist, heißt es: Alle Dinge und ich sind eins. Nur jene, die verstehen, dass Durchdringung Einswerdung ist, können Nichthandeln üben und unwissend bleiben. Unwissend sein heißt die Aktion, die Durchdringung bedeutet. Durchdringung bedeutet, dass jedes einzelne Geschehnis innerhalb der Welt des Geschehens gleichzeitig ungehindert eindringt, einbezieht, umfasst und umfasst wird.

Ja, ich weiß, Durchdringung und Einswerdung sind pompöse Worte, die uns eher frustrieren, wenn wir etwas davon realisieren möchten, als dass sie uns erfreuten. Das Problem mit unserer Sprache in diesem Bereich ist, dass mit dem Verbalisieren ein ungemein einfacher, sogar leicht nachzuvollziehender Vorgang auf der Stelle kompliziert wird. Wir besitzen keine Worte, die mühelos die richtigen Assoziationen wecken, um ein Gefühl für den Vorgang der Durchdringung zu liefern. Ich fühle mich, da ich davon schreiben will, wie ein Lehrer, der ausschließlich mit Worten erklären soll, was Rechts und Links ist. Der oben erwähnte Blick zum nächtlichen Firmament sollte es eigentlich fühlbar machen. Eine solche Situation ist vielleicht am ehesten geeignet, dass wir einen Hauch von Befreiung spüren, ein Ahnen der wahren Zusammenhänge. Der zivilisierte Mensch ist sich selbst fremd geworden. Spätestens nach Abschluss der Individuationsphase bleibt im modernen Menschen ein Defizit an Identität zurück. Übrig ist nur die kümmerliche Rinne eines Ich geblieben, das er für sein Selbst hält. Der unbekannte Taoist trifft den Punkt einer möglichen Lösung des Dilemmas: Unwissend sein heißt die Aktion, die Durchdringung bedeutet. Uns trennt unser Wissen vom Selbst. Wir verleugnen es zugunsten von etwas für unser Lebensglück bedeutend weniger Brauchbarem, nur weil wir eine Menge darüber wissen. Dieses Ich ist ein hundertprozentiges Produkt der Vergangenheit. Darum wirkt es auch so solide; nichts an den Prozessen, die unseren Charakter und unser Selbstverständnis gebildet haben, ist heute noch zu ändern. Sie haben stattgefunden, und wir wissen das. Basta. Unser Selbst würde sich uns erschließen, wenn wir das Wissen über uns aufgäben. Alles andere ist da, nichts muss erzeugt werden. Die Formel ist verzweifelt einfach: Wenn unser Denken die vorgefertigten Bahnen verlässt, entsteht ein neues Denken, das frei ist von Bedingungen, an denen es sich bisher als Richtschnur orientierte. Diese Art zu denken steht in keinem Konflikt mehr zu den Notwendigkeiten eines Lebens mit mehr Gegenwartspräsenz. Wie schrieb der alte, unbekannte Taoist? – Das Stückchen Acker, verkauft und wiedergekauft ist nichts anderes als das, was wir von Anfang an besitzen.

Wenn ich das alles verstehe und danach lebe, gerate ich dann nicht automatisch ins Abseits, weil die Leute merken, wie anders ich geworden bin?

Ihre Frage ist nicht ganz unberechtigt und verlangt eine ausführliche Antwort. Sagt Ihnen der Begriff „Syndrom der Erhabenheit“ etwas? Erhabenheit als Eigenschaft und bezogen auf den Menschen – und nicht auf den Gockel auf dem Mist, mit dem diese Geisteshaltung oft und gerne verglichen wird – hat allerlei meist negative Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen der Betroffenen. Die Krankheit befällt im Allgemeinen ansonsten liebenswerte Menschen, die endlich den Weg zu einem neuen geistigen Pfad gefunden und es geschafft haben, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Die Freude über den gelungenen Sprung über den eigenen Schatten und das Glück des neuen Gedankengutes ist so groß, dass das Bedürfnis, die Dinge für sich zu behalten, einem wahren missionarischen Eifer weicht. Mit dem freilich bedauerlichen Ergebnis, dass andere, weniger erleuchtete Personen eiligst und so heftig den Rückwärtsgang einlegen, dass das Getriebe kracht. Mich erreichen gar nicht so selten Briefe, in denen sich Menschen beiderlei Geschlechts beklagen, dass ihnen mehr und mehr die Kontakte mit alten Freunden verloren gehen, ja, dass man sie wegen ihrer neuen Einstellung zu meiden beginnt und ihnen die kalte Schulter zeigt. Und noch schlimmer: den Kindern bekomme es in der Schule ganz und gar nicht gut, wenn sie unter ihren Mitschülern oder sogar Lehrern gegenüber die neuen Ideen verbreiteten, die ihnen neuerdings im Elternhaus gepredigt würden.

Womit wir bereits beim Thema wären: Wie verhalte ich mich nach außen und wie sag ich’s meinem Kinde? Ich weiß, wie wichtig es für einen Menschen ist, sich mitzuteilen, wenn ihm nach vielleicht jahrelangem Ringen und etlichen Irrwegen der Schritt in die Richtung eines harmonischen, konfliktfreien Lebens gelungen ist. Voller Mitgefühl, aber auch aus einer Position, der ein Hauch Überlegenheit innewohnt, beobachtet er jene, die weiter ihrem dornigen Pfad folgen und er möchte ihnen gerne helfen. Falls vorhanden, erscheint ihm ebenso dringlich, seine Kinder so früh wie möglich aufzuklären und sie vor den Fehlern zu bewahren, die er selber so lange Zeit begangen hat. Doch Kinder für die Ideen eines geistigen Wandels zu gewinnen hat seine Tücken. Vorträge halten oder ihnen die neuen Einsichten in Regeln verpackt mehr oder weniger bindend vorzuschreiben hat wenig Erfolgsaussichten. Sollte es dennoch gelingen, die Heranwachsenden stark genug zu beeinflussen, dass sie sich an neuen Spielregeln orientieren, ist dieser Erziehungserfolg in der Regel entweder schlicht dem Gehorsam zu verdanken oder – in selteneren Fällen – dass der Rat der Eltern tatsächlich geschätzt wird.

Doch bei beiden Alternativen geraten die Kinder in die gleiche Falle: ihre veränderte Einstellung verdanken sie der elterlichen Autorität und keinesfalls einer eigenen, ohne Beeinflussung gewonnenen Erkenntnis. Es entsteht ein Zustand, der sich um keinen Deut vom Resultat jeder beliebigen religiösen Erziehung unterscheidet. Der junge Mensch wird sich später, nach der Pubertät, endgültig der Auseinandersetzung mit metaphysischen Problemen stellen müssen. Eltern setzen ihre Machtposition ein und für die Kinder wirkt sich dieser Eingriff selbst im positivsten Fall allemal so aus, dass sie neue Regeln lernen und sich ihnen anpassen. Sollte die elterliche Begeisterung auf die Kinder übergreifen oder war die Überzeugungsarbeit gründlich genug, wird unweigerlich passieren, dass die Kinder in ihrem Umfeld – sei es in der Schule oder im Freundeskreis – in Schwierigkeiten bis hin zur Isolation geraten, wenn sie sich besserwisserisch verhalten und die angenommenen Ideen bei jeder Gelegenheit in Diskussionen einbringen. (Die Erfahrung lehrt freilich, dass im Gegensatz zu Erwachsenen Kinder mit Bekennerdrang eher zu den Ausnahmen gehören. Viel häufiger stoßen Eltern auf andere Grenzen: dass ihr Nachwuchs je nach Alter sich jeglichem Versuch der Beeinflussung verweigert. Bemühungen, ihnen etwas Neues beizubringen, stoßen auf heftigen Widerstand, der sich in allen möglichen Machtkämpfen und Protestreaktionen auswirken kann.)

Was für die Kinder gilt, steht für uns Erwachsene nicht weniger zu Buch. Wie stark das Bedürfnis auch sein mag, andere zu belehren, solange nicht jemand mit Fragen auf mich zukommt, solange mir nicht jemand gezielt sein Problem offenbart und wissen will, wie ich dazu stehe und welchen Rat ich aus meiner Sicht für ihn und sein Problem habe – solange dies nicht stattfindet, halte ich den Mund. Sonst tappe ich in die gleiche Falle wie Kinder, die Opfer einer verbalen Überzeugungsarbeit geworden sind: ich gerate in die Isolation. Mein Ruf mutiert bei den anderen ins Wunderliche, vielleicht bedauern sie mich ein wenig ob meiner Verwirrtheit und überlegen, ob wohl der Tag käme, an dem man sich wieder vernünftig mit mir unterhalten könne. Aber im Dunstkreis meiner verwandelten verbalen Lebensäußerungen möchte niemand mehr lange verweilen. Man flieht selbst dem Viertelstündchen auf eine Tasse Kaffee, weil der Erleuchtete auch auf so kurze Distanz zu anstrengend geworden ist.

Wenn sich zum Mitgefühl mit den törichten, unaufgeklärten Mitmenschen ein Hauch von Dünkel gesellt, ein Gefühl der Überlegenheit des Aufgeklärten, stehen wir dem Syndrom der Erhabenheit gegenüber. Das Krankheitsbild ist deutlich: Der daran Leidende hält sich in aller Bescheidenheit für besser als die anderen. Aber was nützt es, besser zu sein, wissender, aufgeklärter, wenn niemand es bemerkt, wenn keiner einem besonderen Geisteszustand Anerkennung zollt. Welches Mittel, der Außenwelt zu demonstrieren, wie sehr man sich geändert hat, wäre geeigneter, als bei jedem Anlass zu demonstrieren, wie anders man denkt, fühlt und wie anders die Ansprüche an die Außenwelt geworden sind. Der Feng-Shui-Enthusiast wird im Hotel die Betten umstellen, wenn sie nicht in die rechte Richtung zeigen, der dem Yoga Verfallene wird darauf bestehen, pünktlich und wo immer er sich aufhält seine Übungen zu absolvieren und der überzeugte Nahrungsspezialist wird genug Gelegenheit finden, Bedienungen, Kellner und Pizzabäcker zur Verzweiflung zu bringen. Auch die Kunst, wie man Freunde vor den Kopf stößt und sie loswird, lässt sich in einem knappen Kernsatz ausdrücken: Sorge dafür, dass jedermann in deiner Umgebung zur Kenntnis nimmt, wie anders und wie überlegen du bist und gib keinen Fingerbreit in deinem Bestreben nach, die anderen zu überzeugen.

Wie verhält sich nun der Mensch des Tao im Alltag seinen Mitmenschen gegenüber und wie begegnet er seinen Kindern? Wenn man eine Sache erkannt hat, wünscht man natürlich, dass die Menschen, die einem am nächsten stehen, davon profitieren. Nicht selten erlebe ich in Seminaren, wie Frauen oder Männer ihre Lebenspartner mitbringen, in der Hoffnung, dass hier vollbracht wird, was ihnen zuhause nicht gelang. Es gibt aus taoistischer Sicht für dieses Problem, einschließlich jenem mit den Kindern, nur eine vernünftige Antwort: Vorleben. Kinder nehmen sehr viel mehr – und dies ohne allen Widerstand – in sich auf, was die Eltern oder ein Elternteil ihnen vorleben. Es braucht keine großen Worte oder Vorträge, jemanden von der Richtigkeit eines eingeschlagenen Weges zu überzeugen. Was jemand Tag für Tag in die Tat umsetzt, bedarf keiner Volksreden. Und Kinder erhalten auf diese Weise ihre stärksten Prägungen. Psychologisch gibt es gegen die Belehrung durch Vorleben keine Abwehr. Es ist das einzige probate Mittel auch im Umgang mit unseren Lieben ebenso wie mit Freunden, Geschäftskontakten, Nachbarn oder anderen Bezugspersonen. Als meine Frau und ich damals nach Frankreich zogen, versuchten wir uns im Garten mit biologischem Anbau. Die Einheimischen in unserer Nachbarschaft verbrannten das Unkraut, statt sich einen Komposthaufen anzulegen und streuten die Asche über die Gemüsebeete. Wir wären noch nicht einmal auf die Idee gekommen, den Leuten unsere Auffassung von ökologischem Anbau aufzudrängen. Aber wir antworteten mit der Zeit auf Fragen, denn es war deutlich zu sehen, wie gut unser Garten gedieh. Wir gaben Auskunft, ohne eine einzige Empfehlung auszusprechen. Und nun kommt die Pointe: als wir nach zwölf Jahren fort zogen, hatte jeder der Nachbarn einen Komposthaufen!

Der Mensch des Tao ist auf intelligente Weise demütig. Seine Demut hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun und sie fällt Fremden noch nicht einmal auf. Denn sie bezieht sich nur auf ihn selbst und auf seine Einstellung zur Bedeutung der eigenen Person, die er nicht an seinem Verlangen misst, sondern an seiner Identität mit dem Ganzen. Und er hat begriffen, auch die Menschen, die ihm am nächsten stehen, ihm die Liebsten sind, müssen selbst ihren Weg finden und ihn gehen. Er kann absolut nichts dazu tun – außer eben Vorbild sein, ohne Worte allein dadurch belehren, dass sein eigenes Leben das Modell bildet, an dem andere sich orientieren können, sofern sie es wollen. Wie sagte Laotse: Der Berufene lehrt ohne Worte.

Sie sagen, man müsse physisch nicht aus der Gesellschaft aussteigen, um den Weg des Tao zu realisieren. Aber wenn ich gerade den Frieden in einem abgelegenen Haus auf dem Land suchen will und meinen ungeliebten Beruf aufgeben – welche Möglichkeiten offeriert mir oder meinem Selbst das Tao dann?

Zunächst einmal: Das Tao offeriert Ihnen oder Ihrem Selbst überhaupt nichts. So zu fragen drückt bereits eine beängstigende Unkenntnis der in dieser Arbeit aufgezeigten Zusammenhänge aus. Mein erster Rat würde daher lauten, zunächst einmal entweder die Finger von Ihren Ausstiegsplänen zu lassen, bis Ihr Geist die rechte Beziehung zum Grund aller Dinge hergestellt hat, oder den Schritt in die Freiheit abseits der Gesellschaft auf orthodoxe Weise und mit allen damit verbundenen Risiken vorzunehmen. Welche Hilfe Ihnen die Verbindung zum taoistischen Denken für einen Ausstieg bietet, wird aus den nachfolgenden Ausführungen ersichtlich. Aber wir wollen die Sache logisch und vernünftig angehen. Der Schritt hinein in die Weisheit eines mehr oder weniger ungesicherten Lebens – und darum wird es sich auf jeden Fall, mit oder ohne Tao handeln – verlangt eine Reihe von Überlegungen. Zunächst sei noch einmal betont, dass dieser Schritt auf keinen Fall eine Bedingung zur Verwirklichung des WEGES ist und es wenig Sinn macht, deshalb zum Beispiel die relative Sicherheit eines erträglichen Beschäftigungsverhältnisses aufzugeben, das Ihren Neigungen weitgehend entspricht und solide seine Frau, seinen Mann ernährt. Ich predige im Kapitel über das verleugnete Selbst im Zusammenhang mit der Gesellschaft nicht den Ausstieg aus jeglichem Arbeitsprozess. Wo befriedigende Bedingungen herrschen, kann Tätigsein durchaus Freude machen, selbst wenn die Woche 50 Stunden Einsatz fordert. Beim Realisieren von Wu wei und der Annäherung an Chuang tzus wesenhaften Menschen muss in allererster Linie ein fundamentaler Wandel in der Geisteshaltung stattfinden und erst in zweiter Linie stellt sich die Frage nach dem Wechsel oder Ausstieg aus einer Situation. Und nach den Prinzipien des Nichthandelns lässt sich auch ein negativer Status Quo verändern, ohne dass Sie gleich die Flucht ergreifen müssten. Ich will die leider in unserer schlimmen Zeit herrschenden unerträglichen Verhältnisse nicht bagatellisieren. Wo Sicherheit nur durch die Hinnahme von Schikanen oder Dauerstress gewährleistet wird, egal, ob dies im Beruf oder in einer unglücklichen Ehe oder anderen Beziehung geschieht. Wer hier den Bettel hinwirft, reagiert gewiss nicht auf einen Fluchtreflex.

Ehe ich fortfahre, sollte ich wohl meine harsche Bemerkung, dass das Tao Ihnen nichts offeriert, etwas besser erklären: Wenn Sie aus welchen Motiven immer den Schritt heraus aus dem Getriebe der Ballungszentren und heraus aus dem Dauerstress Ihrer Arbeitsbelastung wagen, gibt es die Hilfe, von der Sie träumen. Aber sie kommt von Ihnen selbst, und zwar aus Ihrem eigenen Bewusstsein, das nicht getrennt vom Weltengrund ist. Das Tao ist und bleibt der unbewegte Beweger. Wer und was die Dinge in Bewegung setzt – sind einzig Sie selbst. Damit Ihr Schritt hinaus aufs Land, vielleicht sogar in eine gewisse Einsamkeit zum Erfolg und nicht zur Katastrophe wird, kommt noch ein wichtiges Element hinzu: Ihr Verhältnis zur Natur!

Es ist merkwürdig, dass wir im Allgemeinen so wenig Beziehung zur Natur und allem, was sich darin entfaltet, haben. Ich sehe mir gelegentlich gerne eine Quizsendung im Fernsehen an, wo man 300 000 Euro gewinnen kann. Viele Kandidaten scheitern an Fragen, die ich im Schlaf beantworten könnte, und zwar, wenn es sich um Naturphänomene handelt. Über Pflanzen und Tiere wissen so bestürzend wenig Leute Bescheid. Dieser Querschnitt bei den Fernsehsendungen ist symbolisch für die statistische Quote der Allgemeinheit. Und das Desinteresse an allem Lebendigen bis hin zur unscheinbarsten Pflanze ist zugleich ein Krankheitsbild unserer Kultur. Wenn es gelingt, diesen Mangel zu beseitigen, indem Sie eine tiefe Beziehung zur Natur herstellen, haben Sie zugleich das Mittel gefunden, um Ihren Geist zu heilen. Die Genesung Ihrer Psyche stellt sich sanft und leise ein, wenn Sie mit der Natur leben. Gewiss gibt es genügend Argumente, warum Ihnen die Beziehung zur Natur angesichts Ihrer gegenwärtigen Lebenssituation nicht möglich ist. Sie wohnen wahrscheinlich in der Stadt oder in einem verstädterten Dorf und Ihre Verpflichtungen lassen Ihnen wenig Muße, sich mit Natur zu beschäftigen. Die Natur trägt, wenn Sie nicht gerade Gärtner oder Landwirt sind, ja wenig zu Ihrem Lebensunterhalt bei, sie unterstützt auch nicht Ihre Karriere und soweit sie in Ihre Liebesbeziehungen hineinspielt, ist sie bei unaufmerksamen Spaziergängen auf eine Nebenrolle reduziert. Dabei wäre die Kommunion mit der Natur der Schlüssel, der das Tor zur Erfahrung der Einheit für Sie öffnen könnte.

Vielleicht setzen Sie auf diese Anregung hin künftig in Ihrer Freizeit andere Prioritäten und versuchen, öfter hinauszukommen in die Welt der Wiesen, Wälder, Bäche und Flüsse mit ihren vielgestaltigen Bewohnern. Selbst wenn Sie kein Auto haben und in der Stadt wohnen, gibt es die Vorortbahn, das Fahrrad oder einfach Wanderstiefel. Begegnen Sie einer neuen Art des Erlebens, einer Erfahrung, die sich nicht mehr nur auf spektakuläre Postkartenanblicke konzentriert, sondern all die kleinen Dinge wahrnimmt: den unscheinbaren Schmetterling, die Feldmaus, die fort huscht, wenn Sie sich ihr nähern, die Eidechse, die sich in der ersten Frühlingssonne wärmt, die Feldblumen, die aus dem Boden sprießen, die filigrane Gestalt der Moose und Flechten, die Gravur des Felsens in Ihrer Nähe und was immer sich sonst an Eindrücken bietet. Lassen Sie die Natur zu sich herein, ohne sie mit Ihren Gedanken zu etikettieren, ohne sie abzulehnen – leben Sie sich in das Gefühl hinein, eins mit Ihrer Umgebung zu sein. Auf diese Weise werden Sie bald spüren, dass die Objekte Ihrer Wahrnehmung ebenso zu Ihnen gehören wie Ihr Gehirn oder Ihr Herz. Ihrem Naturerleben darf nichts Erzwungenes, Forciertes anhaften, es braucht eine Intensität, die aus dem leidenschaftlichen Interesse an allem Lebendigen strömt. Wenn Sie sich diesem allem öffnen, wächst in Ihrer Psyche ein Gefühl der Verbundenheit mit den Dingen draußen heran, das dem Empfinden der Einheit sehr nahe kommt. Nach und nach wird Ihre Identität mit jener der Natur zusammenwachsen und mit dieser Erfahrung ist ein wundersames Glücksgefühl verbunden.

Nehmen Sie sich bitte nicht vor, meinem Rat zu folgen – nehmen Sie sich am besten überhaupt nichts vor – tun Sie es einfach. Aber tun Sie es mit ganzem Herzen, nicht zögerlich, wie einer, der erst die große Zehe ins Wasser hält, ob es auch nicht zu kalt ist. Springen Sie hinein ins neue Erleben – die Natur wird Sie belohnen und sich als zu Ihnen gehörige Dimension offenbaren. Das Gefühl des Getrennt Seins verschwindet, und vielleicht verschwindet, während Sie es erleben, sogar für ein paar Stunden das Gefühl, ein Mensch zu sein. Denken Sie daran: Wer die Harmonie mit dem Tao sucht, kann nicht in Disharmonie mit der Natur leben. Und damit wäre denn auch die Geisteshaltung vorhanden, in der Sie den Schritt eines Ausstiegs aus der ungeliebten Gesellschaft ins Ungewisse hinein wagen können.

Sie erwähnen die Weisheit des ungesicherten Lebens. Muss ich denn wirklich auf alle Sicherheit verzichten, egal, ob ich der Gesellschaft erhalten bleibe oder mir ein einsames Häuschen suche?

Von Alters her spielt die Weisheit des ungesicherten Lebens im taoistischen Denken eine bedeutende Rolle. Und es ist hier nicht von Bruder Leichtfuß die Rede, der aus überzeugter Verantwortungslosigkeit unfähig ist, dem Leben den nötigen Ernst zu zollen. Der Mensch des Tao verschließt vor dem Abgrund, der von ferne oder sogar aus der Nähe droht, nicht die Augen. Aber er begegnet dem Abgründigen mit einer Geisteshaltung gelassener Heiterkeit. Und zwar darum, weil er einige Dinge verstanden hat, die seine leidenden Mitmenschen sich zu verstehen weigern. Der Mensch des Tao hat nicht nur verstanden – er praktiziert seine Einsichten, er wendet im Angesicht auftretender Probleme in der Tat die Prinzipien des Nichthandelns an. Er weiß, und zwar als Tatsache, nicht als Theorie, dass er vom Urgrund, dem unsere Kultur den Namen Gott gibt, nicht getrennt ist. Und es ist ihm ebenso eine Tatsache, dass die Welt, in der er lebt, in ihren Wurzeln absolut anders beschaffen ist, als es den Anschein hat. Er realisiert, dass es zwischen ihm und den Vorgängen seines Lebens – einschließlich dieser Besorgnis erregenden Zukunft – keine Trennung gibt. Was ihn ängstigen könnte und was seine Mitmenschen bis zur Lähmung zu ängstigen fähig ist, vermag er mit seinem Selbst zu identifizieren. Er hat verstanden, dass er aus Sicht der taoistischen Philosophie sein Leben samt dessen Erscheinungen ist, dass ihm dieses Leben nicht als hilflosem Opfer widerfährt. Er hat sich aus der Position des Leidenden, des Wehrlosen durch seine konsequente Geisteshaltung herausbewegt. Und in dieser Freiheit mit der Sicht auf die Dinge, von denen er sich nicht abtrennt, ist er imstande, durch seine Wahrnehmung allein bereits die Kräfte in Bewegung zu setzen, die seinen Fortbestand samt seinem Wohlsein gewährleisten.

Sobald Sie sich dieser Identität als Tatsache, nicht als graue Theorie bewusst sind, wird Ihnen eine ungesicherte Zukunft kein Angst besessenes Verhalten mehr aufzwingen. Sie werden spüren, dass Sie dem Leben, das Sie selber sind, vertrauen können und dass dort, wo Türen sich schließen, andere aufgehen werden.

 

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2 Kommentare zu Wu Wei – Fragen und Antworten Kapitel 8

  1. gitti sagt:

    Ich hoffe liebe Frau Fischer es geht Ihnen gut, da ich schon so lange nichts mehr von Ihnen gehört habe.
    Liebe Grüße Gitti Haas

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