Zum neuen Jahr

Der unten stehende Text ist der Leitartikel aus dem Januarheft des letzten Jahrgangs von TagundTao.  Ich denke, er ist noch genauso aktuell wie vor 5 Jahren – die Jahreszahlen müßt ihr euch eben umdenken 😉                                                                                                     Sabine

Liebe Leserin, lieber Leser,

in den 50er Jahren erschien damals das Buch Blick zurück im Zorn von John Osborne. An den Titel erinnerte ich mich, als ich mit der Niederschrift des heutigen Leitartikels begann. Ein neues Jahr steht vor der Tür und wartet auf unsere Reaktionen. Wir haben auf das alte zurückgeblickt, und ich frage mich, in welchemMaß dieser Rückblick im Zorn geschehen ist. Und falls er im Zorn stattfand, gegen wen hat sich dieser Zorn gerichtet? Gegen uns, weil wir falsch entschieden, weil wir uns eines Problems nicht gründlich genug angenommen haben? Weil wir in unseren Beziehungen zu wenig Interesse und Mitgefühl walten ließen? Oder richtet sich unser Zorn gegen andere Menschen, die schuld daran sind, dass uns im abgelaufenen Jahr einiges misslungen ist? Gilt unsere Aggression dem Zusammenwirken bestimmter Lebensumstände, gewisser Ereignisse, auf die wir keinen Einfluss hatten, denen wir aber voller Inbrunst die Schuld an allem geben, was im Jahr 2011 an Vorhaben aus dem Ruder gelaufen ist? Wie stark war unsere Rückschau auf das alte Jahr narzisstisch besetzt, wie heftig der Drang, unsere schwächlichen bis falschen Entscheidungen allen möglichen Schuldigen anzulasten – nur nichtuns selbst?

Ich habe Sie in Sachen „Blick zurück im Zorn“ nicht direkt angesprochen, weil die Fragestellung zu hart, gnadenlos und kränkend ist. Eine persönliche Frage möchte ich Ihnen dennoch stellen, eine Frage, der auch ich in meinen eigenen Angelegenheiten nicht ausweichen werde: Mit welchen Gedanken haben Sie auf das vergangene Jahr zurück geblickt? War es eine fröhliche Rückschau? Voller Freude über einen gelungenen Zeitabschnitt? Oder mischten sich Elemente wie oben zitiert hinein? Wie zufrieden oder unzufrieden sind Sie heute, da Sie diesen Text lesen, mit sich und Ihrer Welt? Gut, ich frage zu viel. Aber das hat seinen Grund: Ich wollte Sie nämlich bitten, in den nächsten Tagen – oder auch jetzt gleich – Ihren individuellen Jahresrückblick noch einmal zu wiederholen. Für die lustvollen Ereignisse brauchen Sie gewiss keine Betriebsanleitung, Sie werden sich fröhlich daran erinnern, wenngleich die Dinge inzwischen bereits wieder zu verblassen beginnen. Nun nehmen Sie sich auch die Geschehnisse vor, die in den verflossenen Monaten Unlustgefühle bis hin zum Zorn auf sich oder andere in Ihnen ausgelöst haben. Aber tun Sie es mit einer veränderten inneren Einstellung. Schauen Sie ohne jeden Widerstand auf die Dinge, so, als ob sie anderen und nicht Ihnen passiert wären. Und dann sehen Sie mit Ihrem inneren Auge noch ein zweites Mal hin, aber diesmal mit einem Herzen voller Mitgefühl und Zuneigung für die Ereignisse samt allen dran beteiligten Personen. Der inzwischen eingetretene zeitliche Abstand wird Ihnen diesen Schwenk Ihrer Einstellung leichter machen.                                                                                                                  Und noch eine andere Überlegung: Machen Sie sich bei der Beobachtung klar, dass alles, was Ihnen in den vergangenen zwölf Monaten begegnet ist, nur stattfinden konnte, weil Sie es erlebt haben. Selbst wenn Sie im Geist Osbornes im Zorn zurückblicken, sollte sich dieser Zorn einzig gegen Sie selbst als dem Verursacher allen Geschehens richten. Dies ist unter dem Strich die Konsequenz aus den Einsichten der taoistischen Philosophie: Es gibt nichts, was das Tao nicht ist. Und da Sie und das Tao ein und derselbe Vorgang sind, kann es auch nichts in Ihrem Leben geben, das Sie nicht sind! Schließen Sie also Frieden mit sich und Ihren vergangenen Misserfolgen.

Und zum Schluss noch etwas: Denken Sie nach diesem zweiten Rückblick nicht mehr an 2011. Vergessen Sie Ihre Freude ebenso wie Ihren Groll. Schauen Sie weg, und zwar für immer. Richten Sie den Blick auch nicht zu intensiv in die Ferne. Schauen Sie auf diesen Tag. In ihm sind alle potenziell möglichen Ereignisse der Zukunft als Tendenzen ihres Stattfindens eingelagert. Grübeln Sie nicht mehr darüber nach, wie sich Fehler der Vergangenheit durch andere Strategien künftig vermeiden ließen. Schauen Sie auf das neue Jahr wie auf einen Weg, der durch Ihre Wahrnehmung erst zu dem wird, was Sie sich von der kommenden Zeit wünschen und erhoffen.

 

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