Die Sehnsucht nach dem Anderswo

Der Sehnsucht nach dem Anderswo
Kannst du wohl nie entrinnen:
Nach drinnen, wenn du draußen bist,
Nach draußen, bist du drinnen.
Mascha Kaléko

Na, wohin geht’s über die Feiertage? Die Karibik ist seit Jahren „in“, dort ist es mollig warm und die Menschen sind heiter und freundlich, also ist perfekte Bedienung garantiert. Oder zieht es Sie aufs Meer hinaus, die Welt auf einer Kreuzfahrt umrunden oder wenigstens eine Teilstrecke den Luxus an Bord genießen? Auch das Angebot an diversen Kursen und Kuraufenthalten ist überaus reichlich. Es gibt in unseren modernen Zeiten fast nichts, das es auf dem Sektor Wohlbefinden und Unterhaltung nicht gibt. Hatten Sie dies alles schon, ist Ihnen die Sehnsucht nach dem Anderswo so sehr zur Gewohnheit geworden, dass vor Feiertagen gar keine alternativen Überlegungen mehr stattfinden?

Oder sehnen Sie sich nach Ruhe? Nach einem Gegengewicht, das diese Triebkräfte, die Sie nach draußen in die Ferne drängen, ausgleicht, sie außer Betrieb setzt, zumindest während der Festtage. Bis Sie diesen Text lesen, dürften die Geschenkeinkäufe zum großen Teil erledigt sein und höchstens noch ein paar Restposten übrig bleiben, für die Ihnen entweder die Ideen fehlen oder das Angebot im Handel. Wie dem auch sei – ich hätte eine Idee, was Sie sich zu Weihnachten schenken könnten: Schenken Sie sich einen Geist, der nichts mehr will! Ich höre förmlich Ihren Aufschrei, „wie um Gottes Willen soll ich das denn hinkriegen? Wo doch in meinem Köpfchen droben eine Maschine surrt, für die abzustellen ich den Stecker nicht finden kann.“ Das Rezept ist ebenso einfach, wie es Ihnen vielleicht makaber erscheinen mag: sterben Sie jetzt. Machen Sie diesem ängstlichen Ego den Garaus, geben Sie sich heute auf und nicht erst, wenn Sie mit gefalteten Händen mit 90 oder 100 die Augen schließen. Dieses Geschenk hat weitreichende Folgen. Nicht, dass Sie von da an nichts mehr bekämen, weil da kein Verlangen mehr ist. Im Gegenteil: ein Geist, der nichts mehr will, ist das Unermessliche! Und da Ihr Geist sich nun in keinem Detail mehr vom schöpferischen Grimd unterscheidet, gewinnen Sie eine Macht über Ihr Leben, von der Sie früher noch nicht einmal träumen konnten. Zum Sich Aufgeben gehört Mut, aber der Lohn folgt diesem Schritt nicht erst nach einer halben Ewigkeit – er beginnt sich von dem Moment an auszuwirken, an dem dieser ständig fordernde Gierschlund, der Ihren Namen trägt, sein Fordern, sein Verlangen aufgibt. Wäre das nicht ein wunderschönes Geschenk zu diesem Fest?

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14 Antworten zu Die Sehnsucht nach dem Anderswo

  1. Lieber Herr Fischer

    Einfach grandios Ihre Idee, die ich seit über 20ig Jahre auch über die „sog. Festtagszeit“ lebe und webe…! Ja, Sie Herr Fischer, haben eine Idee, was sich die Menschen zu Weihnachten schenken könnten…: Schenken Sie sich einen Geist, der nichts mehr will…!

    Seit über 20ig Jahren mache ich keine Geschenke, weder Weihnachtsessen noch sonst einen „Rummel“ mit und somit ist Ihre Idee seit Jahren mein Geschenk, auch in diesen Zeiten…!

    Diese Ihre Geschenkidee wünsche ich den Mitmenschen aus tiefstem Herzen; nur so, so meine ich, kommt die Stimme der Stille zu Wort…; wir leben im Wu wei… Das <schlägt< im Weltgefügt Wurzeln…

    Ihnen und Ihrer werten Frau wünsche ich in diesem Sinne eine bereichernde Zeit und einen grandiosen Rutsch ins Neue Jahr 2012!

    Mit herzlichen Grüssen,
    Albrecht Lauener

  2. Chris sagt:

    Ja, wahrlich eine schöne Anregung, Herr Fischer.
    Leider erreichen Sie hier nicht die breite Masse, welche sich Gedanken über ihr Treiben an solchen Feiertagen machen sollten. Auch ich zelebriere seit – ich weiß nicht wievielen Jahren – kein Weihnachten oder ähnliche Kommerzfeiertage mehr.
    Aufgegeben habe ich und gestorben bin ich auch. Und wahrlich, es lebt sich leichter. Außer, dass meine Umwelt es nicht ganz nachvollziehen kann. Ich komme mir oft vor, wie von einem anderen Planeten und meine sozialen Kontakte sind seitdem sogut wie null. Aber es ist es wert.

    • gitti sagt:

      Es heißt im Zen, alles ist mit allem verbunden, und doch lebt man manchmal, wie Chris richtig sagt, wie auf einen anderen Planeten. Mir geht es ähnlich.
      Nur wirklich einsam fühle ich mich nicht.
      Liebe Grüße Gitti

      • Theo Fischer sagt:

        Seitdem Laotse das Tao te king verfasste und der Taoismus bekannter wurde, haben nach meiner Erkenntnis im Laufe der Geschichte nur wenige Menschen die Magie des Tao richtig verstanden. Ich habe öfter schon vermerkt, dass es pro Milliarde Menschen und je Jahrtausend vielleicht eine oder zwei Personen begriffen haben. Heute ist das Tao, vermutlich auch unterstützt von meinen Schriften, populärer geworden. Wie es mit dem tieferen Verständnis beschaffen ist, lässt sich dabei freilich schwer sagen. Die Lebenskunst des Nichthandelns erlegt uns keine Opfer auf, auch keinen Verzicht. Sie verträgt sich interessanterweise auch mit allen möglichen Religionen, die sie einfach als Kulturgut walten lässt. Darum haben Sabine und ich auch keinerlei Hemmungen, wie einst in der Kindheit das Weihnachtsfest fröhlich, heiter und besinnlich zu begehen. Unser Haus erglänzt abends im Schmuck der Lichterketten, Sabine hat zum Verschenken und auch für uns diverse Sorten von Plätzchen gebacken – und an einem der Feiertage werden wir uns auch etwas Besonderes zum Essen gönnen. Was heißt: wir feiern die Feste wie sie fallen, ohne dass dies Glaubensinhalte von uns fordert. Den WEG gehen heißt nicht, dass ich keine Kirche mehr betrete – wenn dort über die Festtage gregorianische Gesänge angeboten werden, sind wir selbstverständlich unter den Zuhörern – es sei denn, die Veranstaltung beginnt, wie hier im Süden leider üblich – erst abends um halb zehn. Sich mit den Dingen bewegen bedeutet im Sinne taoistischer Lebenskunst nichts anderes, als dass wir nicht nur mit unseren Vorlieben, sondern auch mit unseren Abneigungen ein gesundes Maß einhalten. Nichtsdestoweniger euch allen nochmals ein frohes Fest.

        • Taononymus sagt:

          Hallo Herr Fischer,

          eine Frage: zählt für Sie Jiddu Krishnamurti in Ihrer ganz persönlichen Einschätzung zu den ein oder zwei Personen dazu, denen es pro Milliarde Menschen und pro Jahrtausend vergönnt ist, „die Magie des Tao“ richtig zu verstehen?

          Klar, es steht keinem zu, sich über andere Menschen ein allgemeingültiges oder gar objektives Urteil anzumaßen, aber eine ganz persönliche, subjektive Meinung darf eigentlich jeder haben und auch äußern… und die Ihre würde mich in diesem Fall interessieren 🙂

          Viele Grüße,
          Taononymus

          • Theo Fischer sagt:

            Hallo, Taononymus,
            ja, ich würde Krishnamurti dazu zählen – aber auch Meister Eckhart, Hildegard von Bingen oder Thomas von Aquin. Die drei Letzteren hatten zu ihrer Zeit nur das Christentum als Ausdrucksform, aber was sie formulierten könnte durchaus zum Teil von einem der alten Taoisten stammen. Meister Eckhart hat seine Offenheit am Ende ja vor die Inquisition gebracht. TF

    • Sabine sagt:

      Nein, Widerspruch!
      1. geht es nicht darum, irgendwelche breiten Massen zu erreichen und
      2. bedeutet es nicht, sozial zu vereinsamen.
      Ich kann eine Lebenseinstellung oder Philosophie nur für MICH leben und bejahen. Ich muss niemanden von meiner Einstellung überzeugen, ich muss sie nur selber leben. Genau durch diese Überzeugungsarbeit kann soziale Einsamkeit entstehen. Das heißt nicht, dass ich mich und meine Lebenseinstellung verleugnen muss. Ich lebe sie für mich und akzeptiere, dass andere Menschen andere Lebenseinstellungen haben. So kann ich mich auf andere Menschen einlassen, ohne sie verändern zu wollen.
      Und ich kann Weihnachten feiern oder es bleiben lassen.
      Und ich kann mich darüber freuen, dass ich viele Menschen mit genauso vielen persönlichen Ansichten kenne und respektiere. Die Geschichte vom Hirten und seinem Ochsen zeigt es doch wunderbar.
      Euch allen noch schöne Adventstage
      Sabine

      • gitti sagt:

        Liebe Sabine!
        Danke für die ehrlichen Zeilen.
        Diese Tendenz zur Abgrenzung ergeben sich manchmal, und ich kann sie auch bei mir feststellen. Ich liebe solche Zeilen, die mich wieder auf den Boden zurückbringen.
        Frohe Weihnachten
        Gitti

  3. JE sagt:

    Liebe Sabine, lieber Theo,

    auch ich erlebe jedes Jahr die Hektik im Beruf und in den Läden, wenn jeder glaubt, der „letzte Tag“ stehe bevor.
    Dem Trubel und der Hektik kann man sich entziehen, trotz Geschenke kaufen,
    indem man sich klar macht, ich muss eigentlich gar nichts. ……und mit dieser Einstellung finden sich oftmals die besten Geschenkideen für jetzt [oder später]
    Wir haben heute (20.12.) noch keinen Weihnachtsbaum und keinen Adventskranz, weil wir hierzu noch keine Zeit gefunden haben.
    Falls wir das Eine oder Andere noch finden, wäre schön …. aber es sind ja auch noch ein paar Tage …… mal schauen, ansonsten haben wir dennoch schön dekoriert und freuen uns auf drei etwas ruhigere Tage.
    Weihnachten ist eine besondere Zeit – in der sich viele Menschen, zumindest mit dem Wort besinnlich, gedanklich auseinandersetzen und sich vielleicht über diesen Gedanken, bewusster werden, was Stille ist, was „Geist“ bedeutet.
    Schön, dass hierfür auch die „Außenwelt“ (wenn auch gezwungener Maßen) für zwei bis drei Tage etwas ruhig(er) gestellt ist.

    Und zu dem wunderbaren Gedicht von Mascha Kaléko:
    Es schlägt mit schönen Worten auch einen Bogen zu Han Shans Gedicht: Der Turm.
    Wo anders sein wollen, als da, wo man gerade ist und immer etwas anderes wollen, nur nicht das, was gerade ist, lässt den Menschen zum Sklaven dieses vermeintlich eigenen „Antriebs“ werden.
    Hierzu ist mir ein Gedicht von Pablo Neruda vor einigen Tagen in die Hände gefallen: „Die Katze will nichts als Katze sein“ – das passt wunderbar!

    Es wäre schön, wenn wir Alle an Weihnachten nirgendwo anders sein wollen, außer da, wo wir gerade sind.

    In diesem Sinne wünschen wir Euch, liebe Sabine und lieber Theo, sehr schöne Weihnachtstage im wunderschönen Piemont und ein (in Eurem Sinne) „glückliches“ Neues Jahr sowie weiterhin viel Spass mit Elsa und Henri und den Katzen!

    Liebe Grüße
    „JE“ und St.

  4. Rouven sagt:

    Sehr geehrter Herr Fischer,

    mit diesem Artikel als Aufhänger möchte ich Ihnen Dank sagen für immer wieder einfachste wie wertvolle Anregungen (Ihr erstes Buch „Wu Wei“ kam mir schon zur Zeit der Pubertät in die Hände und ich schätze es bis heute hoch).
    So wünsche Ihnen und Ihren lieben frohe Festtage und ein glückliches neues Jahr voller Gesundheit und besonderer Momente und Begegnungen!

    Freundliche Grüße aus Bremen

    Rouven Haacke

  5. JE sagt:

    Hallo, Ihr Lieben!

    – zu meinem o.g. Kommentar ergänzend noch das Gedicht von Pablo Neruda:

    „Die Katze will nichts als Katze sein

    Der Mensch möchte Fisch sein und Vogel;
    die Schlange möchte gern Flügel haben;
    der Hund ist ein irregeleiteter Löwe;
    der Ingenieur möchte Dichter sein;
    die Fliege studiert Schwalbenflug;
    der Dichter trachtet, die Fliege nachzuahmen;
    die Katze aber will nichts als Katze sein.“

    Pablo Neruda

    Beste Grüße
    JE

    • Chris sagt:

      So’n Quatsch JE, das Gedicht.
      Tiere können nicht Wollen und werden auch nichts wollen! Die leben einfach ihr Leben, in dem Körper und dem Zustand, der ihnen von Gott gegeben wurde.
      Aber ich habe auch was Schönes zu dem ganzen Thema hinzuzufügen:
      Wenn ich nicht für mich da bin, wer soll dann für mich dasein?
      Und wenn ich nur für mich da bin, was bin ich dann?
      Und wenn nicht jetzt – wann dann?
      Schöne Feiertage Euch allen!

  6. JE sagt:

    …….bestimmt gibt es Ingenieure, die gerne Ingenieur sind und Katzen, die lieber Hund wären……
    Aus meiner Sicht wird mit dem Gedicht sinnbildlich etwas Anderes zum Ausdruck gebracht.

    Natürlich sollte jeder für sich selbst da sein und seine (zumindest geistige) Unabhängigkeit bewahren, dennoch sind wir NIE „nur für uns“, wir leben schließlich in dieser Welt mit einer gewissen Verantwortung und wir leben auch genau jetzt!
    Diese Überlegungen stehen –nach meiner Interpretation- deshalb aber nicht im Gegensatz zu dem Gedicht; denn vielleicht hat (zum Beispiel) die Katze uns dieses Bewusstsein voraus?
    Woher wissen wir, dass Tiere nichts Wollen?
    Woher wissen wir, dass Tiere nichts Wissen?
    Wir „wissen“ doch nur das, was uns bis heute zugänglich ist und das ist ja bekanntlich eben (noch) nicht alles. So „hochentwickelt“ sind wir bei Weitem nicht.

    Der Mensch kann auch von Tieren gleichermaßen noch etwas erfahren und lernen. Genau deshalb schlägt dieses Gedicht -für mich- einen schönen Bogen zwischen den vergangenen drei Beiträgen zu Han Shan, Marc Twain und Kaléko.
    Diese Interpretation muss nicht für jeden „richtig“ sein, sie bleibt -glücklicherweise- jedem selbst überlassen.

    Viele Grüße und eine gute Zeit!
    JE

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