Der Geist und das Unermessliche

Wenn du aufgibst, deinen Geist von seinem Erleben als eigenständige Wesenheit abzuspalten, ist er das Unermessliche
Krishnamurti

Der hat gut reden, der Krishnamurti. Einst saß er in Kalifornien in einem schönen Hain unter einem Baum – ich glaube es war ein Pfefferbaum, der auch bei uns am Mittelmeer wächst – und da kam die Einsicht über ihn, die er oben zitiert. Und von dieser Erfahrung an veränderte sich sein Leben fundamental. Er zerstörte alle Bindungen an die Menschen, die ihn für eine bestimmte Aufgabe manipulierten, die einen Orden für ihn gegründet hatten und ihn zum Guru erhoben. Nachdem er seinen Sponsoren den Stuhl vor die Tür gestellt hatte, stand er vor dem Nichts. Kein Heim, kein Geld, kein Auto, nichts. Dass diese Situation automatisch seinem Ausstieg folgen würde, muss er gewusst haben. Doch er nahm keine Rücksicht auf die Konsequenzen drohender Verarmung, als er die Brücken seiner Bindungen abwarf. Und siehe da: es stellten sich wie aus dem Nichts überaus großzügige Angebote von Freunden ein, die ihm den Start in die neue Freiheit ebneten. Er ging auf Reisen und begann zu lehren. Aber nicht jene unehrlichen Botschaften, die seine früheren Sponsoren von ihm erwartet hatten. Krishnamurti predigte Freiheit, und zwar eine Freiheit, die jeder Mensch in jeder Lebenslage erlangen könnte – sofern er es nur wollte, und sofern er den Mut aufbrächte, seine Identität mit dem Unermesslichen auszuleben.

Können Sie in Ihrem eigenen Leben etwas Ähnliches nachvollziehen? Dass Sie sich klarmachen, wie es um Ihren Geist bestellt list, ob da oben in Ihrem Schädel ein von Sorgen zerfressenes Wesen haust oder ob Sie ein Gefühl dafür bekommen, dass Ihr tägliches Erleben der Vorgang einer Ganzheit ist, in der das Unermessliche unsichtbar die Hauptrolle spielt? Krishnamurti ist einst bei seiner kategorischen Entscheidung nach unserem Ermessen unglaubliche Risiken eingegangen, bis hin zur Gefahr des Hungerns und der Obdachlosigkeit. Aber ich denke, tief in seinem Inneren hat er jenes Gefühl seiner Verbundenheit mit dem Unermesslichen stark genug gespürt, dass er fähig zum Handeln war. Und der Erfolg hat ihm Recht gegeben. Warum versuchen wir es nicht ebenso? Folgen den Impulsen, die sich vom Urgrund aus in uns regen? Wem dies gelingt, wer sich diesem Phänomen der Einheit öffnet, der braucht sich um den Fortbestand einer menschenwürdigen Existenz keine Sorgen zu machen. Wenn der eigene Geist sich an keiner Stelle mehr von jenem des Grundes der Dinge unterscheidet – was kann denn da noch schief gehen? Gut, es wird auch nach einer solchen Wende Ihres Geistes das Gesetz der Polarität wirken, aber das brauchen wir schließlich, um uns wirklich lebendig zu fühlen.

Das sind große Worte über große Dinge. So scheint es. Aber in Wahrheit bedeutet diese Aufgabe Ihres Geistes, sich als eigenständige Wesenheit zu fühlen, nur einen winzigen Schwenk von fünf Winkelminuten von sich weg und dem Lauf der Dinge zu. Und wenn Ihnen diese Bewegung ein einziges Mal, und sei es nur für Sekunden gelungen ist, sind Sie angekommen. Weil Ihnen diese Erfahrung niemand mehr rauben kann.

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8 Antworten zu Der Geist und das Unermessliche

  1. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    auch mir geben Texte von Jiddu Krishnamurti viel, sie bewegen mich und eröffnen mir oft neue Sichtweisen auf ein Thema das mich beschäftigt.
    Aber wie bei vielen anderen „geistigen Größen“ ebenfalls zu beobachten, so sind leider auch bei Krishnamurti gelebtes persönliches Leben und gepredigte Lehre zwei ganz verschiedene Paar Schuhe.
    Letztlich entgehen wohl nur diejenigen unter den „Größen“, über deren persönliches Leben fast nichts wirklich Nachprüfbares bekannt wird, einer solchen Relativierung der Ansprüche ihrer Lehre durch ihr eigenes gelebtes Leben. Der Sohn jenes Zimmermanns aus Nazareth hat in dieser Hinsicht wohl sehr viel mehr Glück als Jiddu Krishnamurti.

    Sie schildern oben beispielsweise, wie er den damals zehntausende Mitglieder zählenden Orden, dem er bis zu jenem Tag an die achtzehn Jahre lang vorgestanden hatte, auflöste. Er stellte sich also vor ein paar Tausend Vertreter dieses Ordens hin und sagte ihnen, dass sie heimgehen sollten weil er religiöse Organisationen generell für nutzlos bis schädlich halte und weil er nicht mehr länger gedenke, ihre Erwartungen zu erfüllen. So nachzulesen in den Niederschriften der Rede, die er bei diesem Anlass gehalten hat. Soweit so grandios.

    Der Orden war also aufgelöst, nur der Mensch Jiddu Krishnamurti, der stand danach weder materiell vor dem Ruin noch vereinsamt im sozialen Abseits. Die Leute, die ihn nach Auflösung des Ordens auf seinem neuen Weg unterstützten, die kamen ebenfalls nicht unvermittelt aus dem Nichts sondern Krishnamurti kannte sie schon vorher, sie waren teilweise Ordensmitglieder gewesen, „alte Freunde“, teilweise auch Verwandte. Und Krishnamurti hat Beziehungen zu Ex-Ordensleuten, Verwandten und Freunden, die SEINE Position unterstützten, nie abgebrochen.

    Kurz gefasst, so bewundernswert ich Krishnamurtis Ordensauflösung auch finde, er war meilenweit davon entfernt, dadurch etwa Risiken wie Obdachlosigkeit oder gar Hunger einzugehen. Das, was über seine Lebenssituation jener Zeit bekannt ist, gibt für einen solchen Wanderprediger-„Mythos“ leider ziemlich wenig her.

    Lieber Herr Fischer, „Können Sie in Ihrem eigenen Leben etwas Ähnliches nachvollziehen?“, fragen Sie in Ihrem Text in Bezug auf Krishnamurti’s beispielhaftes Handeln.
    Nun, unter Berücksichtigung der historisch überlieferten Lebensumstände des Menschen Jiddu Krishnamurti kann ich da eigentlich nur zurückfragen: Was soll DARAN denn so schwierig sein? Mich hätten die Erwartungshaltungen zehntausender Menschen nicht erst nach achtzehn Jahren genervt. Und echte Risiken für sein persönliches Überleben musste er ja nun wirklich nicht eingehen. Kein Wunder also, dass er sich auch nicht mit einem sorgenzerfressenen Wesen in seinem Schädel herumquälen musste.

    Lieber Herr Fischer, kann es sein, dass „große Beispiele“ und „große Worte über große Dinge“ schon allein deshalb am Kern Ihrer eigentlichen Aussage vorbeigehen, weil letzterer sich mit so viel „Grandiosität“ grundsätzlich nicht verträgt?

    Viele Grüße,
    Taononymus

    • Theo Fischer sagt:

      Lieber Taononymus, zur Frage im letzten Absatz: große Dinge, grandiose Vorgänge sind relativ, wenn z.B. unserem Kater Rufus eine junge Spitzmaus entkommt, hat das wenig Bedeutung für ihn, für die kleine Maus hingegen ist das Entkommen ein gigantisches, fundamentales Ereignis. Capisci??
      Mit einem herzlichen Gruß
      Theo Fischer

      • Taononymus sagt:

        *Lach 🙂 … super Beispiel! 
        Die Bedeutung der Spitzmaus für Kater Rufus ist aus Sicht des Katers allein nämlich ebenfalls sehr relativ. Erfreut er sich eines Lebens als Fischer’s Haus- und Hofkater, kann es ihm letztlich wurscht sein, ob er nun die Maus erlegt oder nicht. Denn ein echtes Risiko für Leib und Leben geht er nicht ein, wenn er sie entkommen lässt. Stellen ihm doch am Ende des Tages Sabine oder Theo sowieso einen Napf voller Katzenfutter hin.
        Müsste er jedoch sein Leben als verwilderter Streuner verbringen, der nirgends Aufnahme gefunden hat, so kann eine entwischte Spitzmaus für ihn je nach körperlichem Zustand den Unterschied zwischen Verhungern und Überleben bedeuten. Spitzmaus und Kater stehen sich dann auf der Basis „Du oder ich“ plötzlich auf „Augenhöhe“ gegenüber und für Rufus wäre es ein echtes Lebensrisiko, die Maus entkommen zu lassen.

        Und ähnlich wird auch die Situation der Menschen durch Umfeld und Umstände, die sie selbstverständlich selbst mit gestalten, relativiert. Ein Brahmanensohn kann es sich offensichtlich recht gut leisten, den Orden, den sein Vater mit gegründet hat aufzulösen und sich befriedigerenden Dingen zuzuwenden.
        Ein echtes Existenzrisiko, das in unserem Zusammenhang hier als Beispiel für irgendwas taugen würde, geht er damit genauso wenig ein wie Kater Rufus, wenn er die Maus entwischen läßt.

        Herzliche Grüße ins Piemont,
        Taononymus

  2. JE sagt:

    Lieber Theo,
    – wie recht Du hast
    Ich danke Dir für diese Zeilen.
    Der Text kam zur rechten Zeit….hat mich durchgeschüttelt und mir wieder vor Augen geführt, wie -unmerklich- ich mich (noch immer) in diesen alten Strukturen, von denen ich doch glaubte, endlich frei zu sein, ‚plötzlich’ wieder selbst festgesetzt hatte!…. Da braucht es manchmal diesen Ruck von außen.
    Dies zeigt mir aber auch, dass diese Erkenntnis (was mich angeht) nichts Statisches, sondern veränderlich ist, wie wir selbst und alles Leben um uns herum….
    Es ist eine, nicht immer leichte, aber wichtige, Auseinandersetzung mit sich selbst, jeden Tag aufs Neue – gepaart mit dem Vertrauen und dem Bewusstsein, dass die erforderliche Kraft in uns vorhanden ist.
    Herzliche Grüße!
    JE

  3. Sabine Thiel sagt:

    Sehr geehrterHerr Fischer,
    Mein Geist fühlt sich nicht wie ein Teil des Ganzen an. Aber ich wollte etwas anderes ansprechen: Wenn ein gesunder Säugling geboren wird, muß er natürlich erst lernen, daß er und seine Umwelt nicht ein und dasselbe sind. Meines Wissens weiß man, dass der Körper des Säuglings erst (und sehr schnell) lernen muß, was zu ihm gehört und was nicht (Bakterien und andere ungsunde Stoffe). Sein Körper kann sich in wenigen Stunden daran erinnern. – Jeder Körper eines Erwachsenen weiß es natürlich ebenso, und macht nur sehr selten einen Fehler. Und sagt man nicht „Wie der Körper, so der Geist“?
    Mit freundlichen Grüßen
    Sabine Thiel

    • Theo Fischer sagt:

      Hallo Sabine Thiel. Zu Ihrem Kommentar möchte ich mit ein paar Sätzen Sigmund Freud zu Wort kommen lassen. Er argumentiert von der anderen Seite her, setzt beim Geist an – die Reaktionen des erwachsenen oder heranwachsenden Körpers werden in diesem Sinne zunehmend psychosomatischen Reaktionen ausgesetzt, welche das Immunsystem beeinflussen und bis zu einem gewissen Grade sogar außer Betrieb setzen können. Theo Fischer

      Denken Sie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz
      eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwach-
      senen.

      Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet es eine Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest eines weit umfassenderen, ja – eines allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der Umwelt entsprach. Wenn wir annehmen dürfen, dass dieses primäre Ichgefühl sich im Seelenleben vieler Menschen – in größerem oder geringerem Ausmaße – erhalten hat, so würde es sich dem enger und schärfer umgrenzten Ichgefühl der Reifezeit wie eine Art Gegenstück an die Seite stellen, und die zu ihm passenden Vorstellungsinhalte wären gerade die der Unbegrenztheit und der Verbundenheit mit dem All…..
      Sigmund Freud Das Unbehagen in der Kultur S.67

  4. Taononymus sagt:

    Hallo Ihr,

    … ich staune immer wieder, wie breit gestreut doch die Bedeutungen sind, die verschiedene Menschen dem Begriff „Geist“ beimessen 🙂
    Angefangen von einem in allem enthaltenen Universalgeist über die menschliche Psyche im Allgemeinen bis hinunter zu nur einzelnen Aspekten derselben, wie beispielsweise das Ichbewußtsein, kann jemand alles damit meinen.

    Dieses Wort ist wohl einer der am „besten“ funktionierenden „verbalen Rorschach-Kleckse“ die es im Deutschen gibt. Zum Verständnis schriftlicher Aussagen anderer Menschen, die dieses Wort verwenden, kann es wohl nur kommen, wenn der Schreiber seinem Text gleich noch einen persönlichen Beipackzettel zur Anwendung dieses Begriffs aus seiner Sicht hinzufügt 😉

    Viele Grüße,
    Taononymus

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