An der Quelle des Tao 25

Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet.

Bevor der Himmel und die Erde waren, ist es schon da, so still, so einsam.

Allein steht es und ändert sich nicht. Im Kreis läuft es und gefährdet sich nicht.

Man kann es die Mutter der Welt nennen. Ich weiß seinen Namen nicht.

Ich bezeichne es als Tao.

Ihm mühsam einen Namen gebend, nenne ich es Groß. Groß, das heißt immer bewegt.

Immer bewegt, das heißt ferne. Ferne, das heißt zurückkehrend.

So ist das Tao groß, der Himmel groß, die Erde groß, und auch der Mensch ist groß.

Vier Große gibt es im Raum,und der Mensch ist auch darunter.

 Der Mensch richtet sich nach der Erde. Die Erde richtet sich nach dem Himmel.

Der Himmel richtet sich nach dem Tao. Das Tao richtet sich nach sich selber.

In seinem 25. Spruch zeichnet Laotse in einer poetischen, metaphernreichen Sprache die Prinzipien des ewig wirkenden Tao nach. Wir begegnen in diesem Text wieder einmal erneut dem bekannten Dilemma, mit einer für diesen Zweck unzulänglichen Sprache Wesen und Arbeitsweise eines unbekannten Urgrundes zu beschreiben. Man meint beim Lesen des Spruches förmlich Laotses Mühe auf der Suche nach einem Namen zu spüren. Dass er es Tao nennt löst das Problem nicht, weil diese drei Buchstaben keine Hinweise auf seine Wesenseigenschaften enthalten. Laotse entkommt der verbalen Zwickmühle nicht, wenn er synonym auf den Begriff Groß ausweicht. Sofort muss er nachsetzen und Groß erklären, nicht unbedingt gelungen, wie die folgenden Zeilen erkennen lassen. Der Versuch ehrt ihn, etwas niederzuschreiben, was sich jeder Beschreibung entzieht. Darum brauchte speziell dieser 25. Spruch bereits vor 2300 Jahren aus der Feder seiner Interpreten etliches an deutenden Texten. Grob formuliert, sagt Laotse hier aus, dass das Tao nicht genannt werden will und wenn es genannt wird, dies bloß ein Zugeständnis an die menschliche Sprache ist. Im Spruch bringt Laotse das schweigende Kreisen der Himmelskörper als Gleichnis ins Spiel, das uns Menschen als ein Vorbild zur Nachahmung empfohlen wird. Er erwähnt das Prinzip der Wiederkehr aller Dinge zu ihrem Ursprung. Dieses Prinzip macht Schöpfung und Zerstörung – gegensätzliche Phänomene überhaupt, bloß zu verschiedenen Aspekten des gleichen Prozesses. Chuang tzu ergänzt Laotses Zeilen durch Deutungen, die klarer verständlich sind und durchaus einen weiteren Absatz des Spruches hätten bilden können:

Alle Ordnung entsteht aus einem einzigen Prinzip, und jeder Aufstieg und Niedergang hängt zusammen. Wenn etwas seine Grenzen erreicht, kehrt es die Richtung um, wenn das Ende erreicht wird, beginnt der Anfang. Das ist alles, was durch die materielle Welt erwiesen wird, alles, was wir wissen und sagen können. Denn schließlich reicht unsere Erkenntnis nicht über das materielle Weltbild hinaus. Wer das Wirken des Tao beobachtet, versucht nicht, etwas bis zum letzten Ende zu verfolgen, noch ihm bis zur letzten Quelle nachzuspüren. Hier endet jede Diskussion.

„Das ist alles, was durch die materielle Welt erwiesen wird, alles, was wir wissen und sagen können.“ Dieser Satz hätte auch im vorigen Jahrhundert, im Jahr 1925 (oder 1927?) geschrieben sein können. Ich denke dabei an Werner Heisenbergs Quantentheorie und die Kopenhagener Deutung. Im Analyseprozess der Materie, ihrer Auflösung bis ins Kleinste wird es offenbar: Die Welt ist nicht nur anders, als wir sie uns vorstellen, sie ist anders, als wir sie uns vorstellen können. In die Physik der Teilchen spielen metaphysische Elemente hinein, die der analytische Verstand widerstrebend zur Kenntnis nimmt, sie aber nicht erklären kann. Chuang tzu scheint einst die Problematik intuitiv begriffen zu haben, er geht sogar weit über das Dilemma der Kernforscher hinaus und bezieht im Grunde kategorisch die Gegensätze Begrenzt und Grenzenlos, Aufstieg und Niedergang, Wachstum und Verfall, Anfang und Ende in diesen Kreislauf ein, den Laotse mit den ewigen Gesetzmäßigkeiten der Planetenbewegungen verglich, um uns ein Bild vom Geheimnis des Tao zu verschaffen. Ich erteile nochmals Chuang tzu das Wort. Lesen Sie, wie kraftvoll er ausdrückt, was es zum 25. Spruch zu sagen gibt:

Frei und ungebunden ist mein Geist, er greift hinaus und weiß nicht, wohin er reicht. Er kehrt zurück und weiß nicht, wo er einhält. Mein Geist geht vor- und rückwärts und weiß nicht, wo das alles endet. Er ergeht sich in der großen Leere, wo der Große Weise auftritt, und weiß nicht, wohin das alles führt. Begreifen, dass Materie Materie ist, heißt das Unendliche mit der Materie erreichen. Wo die Materie endlich ist, sind die Grenzen der endlichen Materie. Die Grenze des Grenzenlosen ist die Grenzenlosigkeit des Begrenzten. Wenn man die Erscheinungen des Aufstiegs und des Niedergangs, Wachstums und Verfalls vornimmt, so betrachtet mein Geist Aufstieg und Niedergang nicht als Aufstieg und Niedergang, sieht Wachstum und Verfall nicht als Wachstum und Verfall an, betrachtet Anfang und Ende nicht als Anfang und Ende, Entstehen und Vergehen nicht als Entstehen und Vergehen

Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass alles das vorher Gesagte zur intellektuellen Spekulation wird, sobald es jemand formuliert, gleich, ob Sie das sind, Laotse, Chuang tzu, Wang wei, Han Shan oder meine Wenigkeit, dann bleibt wieder einmal die Gretchenfrage offen: Was soll es? Was nützt es mir in meinem selten sorgenfreien Leben, wenn ich mich mit kluggesch-nackter Philosophiererei abgebe und mir den Kopf zermartere, kaum verständliche Sätze in Lebensrezepte umzuwandeln, die tatsächlich positive Wirkung zeigen sollen, selbst wenn es nur homöopathische Spuren wären. Und die ehrlich-kritische Antwort lautet: Nichts! Ich wiederhole: Nichts. Worte, gesprochene oder geschriebene, appellieren an unseren Verstand. Lösen Gedanken aus, und wenn es sich um Fragen der Lebenskunst handelt, werden solche Texte zum Problemfall, weil man sich immer tiefer in Wörter und Begriffe verstrickt, ohne dass unter dem Strich ein Quäntchen Klarheit herauskäme. Wer sich mit dem Tao te king beschäftigt oder mit den alten Schriften der Taoisten, gewinnt nicht die geringste Hilfe daraus, wenn er intellektuell nach Rezepturen zur Lebenskunst forscht. Sie finden, ich sollte jetzt besser mit Schreiben aufhören, Sie haben verstanden, wo die Fahnenstange zu Ende ist, ohne speziell aufgefordert zu werden, bitte nicht weiterzuklettern.

Dennoch gibt es noch ein paar Takte zu sagen,  quasi zur Ehrenrettung Laotses, Chuang tzus – und auch ein bisschen der meinen. Ausführungen wie die vorausgegangenen sind Signale. Was sie aussagen, dürfte der Wahrheit entsprechen. Eine praktische Nutzanwendung entsteht aber aus dem von Chuang tzu betonten Umkehrprinzip: Sie lassen diese Texte auf sich einwirken und Ihre Erfahrung findet nichts, womit Sie das Gesagte vergleichen könnten. Es gibt in Ihrem Gedächtnis nichts Ähnliches. Ergo setzt Ihr Gehirn die Analyse außer Betrieb und ein anderes, leider so selten angewandtes Phänomen Ihrer Fähigkeiten tritt in Kraft: Ihre Intuition oder, mit anderen Worten, Ihr Ahnungsvermögen beginnt zu wirken und Sie verstehen plötzlich, was mit diesen kryptischen Verlautbarungen gemeint ist. Ihr Leben bewegt sich im Kontrastprogramm der Gegensätze. Das Positive wünschen Sie sich herbei, möglichst als Dauerzustand, und das Negative soll Ihnen vom Leibe bleiben. Nun begreifen Sie mit einem Mal, wie vage, wie unbestimmt beide Enden dieser gegensätzlichen Pole sind. Sie beginnen zu verstehen, dass Lust und Unlust sich in Ihrer Leidenschaft zu leben zu einer Einheit zusammenschließen und dass Sie ohne das eine das andere nicht erfahren würden. Und Ihre Ahnung sagt Ihnen noch ein Weiteres: Diese kontroversen Strömungen im Kreislauf Ihrer Tage widerfahren Ihnen nicht, Sie sind mit diesen Strömungen und der Welt, aus der sie hervortreten, eins, Sie sind mit ihnen identisch. Dies alles können Ihnen intellektuell verstandene Texte nicht vermitteln, denn dann werden sie nur zu Resultaten einer Analyse. Aber in dem Augenblick, da Ihre Erfahrung vor so starken Aussagen wie Laotses 25. Vers und Chuang tzus Kommentare dazu kapituliert, öffnet sich die Tür zu Ihrer Intuition. Und Sie vermögen weiter einzusehen, dass auch in Ihrem Alltagsleben eine gewisse Unschärfenrelation wirkt. Chuang tzu zitiert zusammenfassend aus einem alten Weihelied des Yu-Yen:

Man horcht und kann seine Stimme nicht hören, man schaut und kann seine Gestalt nicht sehen. Es erfüllt das ganze All und umfasst die Sechs Punkte des Raumes. Man will ihm lauschen, doch gibt es keine Berührungspunkte.

 

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3 Antworten zu An der Quelle des Tao 25

  1. Gitti Haas sagt:

    Liebe Sabine, was würde Ihr Mann zu der heutigen Coronasituation wohl sagen…?
    In Österreich wird es immer enger und beklemmender.
    Lockdown für Ungeimpfte, Impfpflicht, Ausgrenzung
    ich habe manchmal Angst
    Wie geht es Ihnen? manchmal verläßt mich die innere Sicherheit und Ruhe
    liebe Grüße aus dem verschneiten Salzkammergut

    • Sabine sagt:

      Liebe Gitti, ich weiß nicht, was Theo sagen würde, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er die ganze Situation eher gelassen gesehen hätte. Er hätte sich mit Sicherheit impfen lassen, wäre vorsichtig gewesen – die einzigen Dinge, auf die wir im Moment Einfluss nehmen können – und auch das nur jeder bei sich selbst. Sicherheit ist eine Illusion, vielleicht lehrt uns das die Pandemie. LG Sabine

      • Gitti Haas sagt:

        Liebe Sabine , danke für die Antwort
        Mein Mann ist auch geimpft , ich möchte das nicht..wir haben da keine Probleme. Wissenschaft und Politik täuschen Sicherheit vor das sehe ich als Problem.
        Ich werde ab 1.Feber (Impfpflicht) mit Ausgrenzung und hohen Geldstrafen belegt.
        …ich hoffe die taoistische Gelassenheit verlässt mich nicht..
        eine gute Zeit für Sie und liebe Grüße Gitti

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