An der Quelle des Tao 41

41
Wenn ein Weiser höchster Art vom Tao hört,
so ist er eifrig und tut danach.
Wenn ein Weiser mittlerer Art vom Tao hört,
so glaubt er halb, halb zweifelt er.
Wenn ein Weiser niedriger Art vom Tao hört,
so lacht er laut darüber.
Wenn er nicht laut lacht,
so war es noch nicht das eigentliche Tao.

Die feine Ironie des Meisters, die in diesen einleitenden Zeilen des 41. Verses zum Ausdruck kommt, setzt sich mit der Torheit so genannter Erleuchteter auseinander. Der Weise höchster Art ist im Grunde die Karikatur eines Weisen. Er gibt vor, alles zu verstehen und führt dies durch ein theatralisches äußeres Verhalten vor. Dieser Typ hat deutlich Ähnlichkeiten mit jenen Gurus, die aus Indien zu uns kamen, um dem westlichen Menschen die Erleuchtung zu bringen. Sie machten ihr Glück, richtiger, ihr Vermögen bei uns, weil ihr exotischer Reiz und ihre kryptischen Verheißungen von Erleuchtung, freier Liebe und Besitzlosigkeit eine große Zahl von Narren anzog, die ihnen folgten wie einst die Kinder dem Rattenfänger von Hameln. Laotse drückt aus, dass der „höchste“ Weise übertreibt, an anderer Stelle setzt er seine Kritik an diesem Menschentyp fort, indem er diesen höchsten Weisen mit einem Tal vergleicht, wobei Tal hier für Hohlraum steht, wie Chuang tzu dazu vermerkt. Der höchste Charakter scheint ungenügend – sein äußeres Auftreten ist Schauspielerei, die seine Hohlheit verbirgt. Obendrein entlarvt sein Eifer flagrant seine Unkenntnis, wie Nichthandeln funktioniert. Es ist schrecklich, ein solcher Weiser zu sein, der seiner Welt ohne Pause beweisen muss, wie weise er ist, dessen gesamtes äußeres Verhalten vor Weisheit trieft, der sich Fehlerfreiheit aufs Panier geschrieben hat – und damit ein extrem hohes Maß an Unfreiheit als Preis für sein Image als Weiser bezahlt. Krishnamurti beschuldigte diese Art von Gurus, sie würden ihre Nachfolger zerstören, damit aber zugleich sich selbst.

Der Weise mittlerer Art schwankt verunsichert zwischen Glauben und Zweifel. Laotse zeichnet hier knapp ein Verhaltensmuster in Sachen Lebenskunst, dem wir in der Gegenwart in zahllosen Varianten begegnen. Die Menschen unserer Zeit spüren deutlich, dass mit ihrer Geisteshaltung einiges nicht stimmt. Sie forschen nach Antworten und begegnen auf ihrer Suche früher oder später auch Hinweisen auf das Tao. Nachdem Frithjof Capra mit seinem Werk Das Tao der Physik erfolgreich die Zusammenhänge wissenschaftlicher Erkenntnisse der Neuzeit mit der Lehre vom Tao nachwies, setzte ein Strom regen Interesses an der alten chinesischen Philosophie ein. Freilich mit der in unseren Breiten leider allzu üblichen Tendenz, dass sich etliche Lehrer aus eigenen Gnaden aufmachten, den Taoismus für abendländische Gemüter akzeptabel aufzubereiten. Es ist beim Forschen in alten Überlieferungen schon schwer, die Trennlinie zwischen der ursprünglichen Lehre eines Laotse oder Chuang tzu und der ab Beginn der Zeitrechnung stattgefundenen Beimischung von fremdem religiösem östlichem Gedankengut zu erkennen. Im Grunde lässt sich die in fünf Jahrtausenden gewachsene Weisheit aus dem Falschen nur herausfiltern, wenn der suchende Mensch lernt, in dem Buch zu lesen, das tief in seinem Inneren darauf wartet, gelesen zu werden. Und heute verhält es sich keinen Deut anders. Lassen Sie mich ein in diesem Zusammenhang triviales Gleichnis anführen: Es gibt meterweise Kochbücher über die Italienische Küche. Seitdem selbst in der Werbung südliche Rezepte und Geschmackszutaten im Trend liegen, sind der Beliebtheit dieser Kost kaum noch Grenzen gesetzt. Aber: Wenn mir eines dieser Bücher in die Hände gerät, brauche ich nur einen flüchtigen Blick auf die empfohlenen Zutaten zu werfen, um zu erkennen, ob es sich um Originalrezepte oder von nördlichen Küchenmeistern kreierte Kompositionen handelt. Die Italienische Küche ist nämlich vom Ursprung her eine Armeleute-Küche, das heißt, man kommt mit ganz wenigen, billigen und einfachen Zutaten aus. Der Überbau an Elementen kreativer Kochkunst mag dekorativ und letztlich auch wohlschmeckend sein – aber das Original ist es nicht. Analog passiert es vielen suchenden Menschen, dass ihnen jemand vom Tao vorschwärmt, es preist und als Lebenshilfe verkauft, wenn man nur fleißig und eifrig genug ist, die Regeln zu befolgen und bedingungslos zu glauben, was da verkündet wird. Der mittelmäßig Weise gerät damit in die Zwickmühle zwischen gesunder Skepsis und seiner Sehnsucht nach Erfüllung. Meister Laotse kommentiert die Zerrissenheit des mittleren Weisen ebenfalls mit einer Metapher: Wer auf dem ebenen Weg schreitet, scheint aufwärts und abwärts zu gehen.

Der Weise niedriger Art scheint entgegen den beiden anderen Typen tatsächlich weise zu sein. Das Gelächter, von dem die Rede ist, löst die Entdeckung aus, dass ich und meine Probleme und das Tao ein und dasselbe sind. Ich habe mich, seit ich lebe, vergebens geplagt. Hätten ich früher erkannt, wie nahe ich dem Unendlichen bin, wäre mir so manches an Not und Sorge erspart geblieben. Die Weisheit des einfachen Weisen ist nicht getrennt von jener Intelligenz, die mit der Intelligenz des schöpferischen Urgrundes identisch ist. Seine Weisheit drückt sich nicht zuletzt dadurch aus, dass er sich wie ein gewöhnlicher Mensch benimmt, weil anders ihm der Kontakt zu seinen Nächsten verloren ginge, weil er sonst eine Wehrmauer der Weisheit zwischen sich und den Menschen, die ihn lieben, errichten würde. Tuschmalereien stellen die alten Taoisten – Laotse ausgenommen, der allezeit äußerst würdig abgebildet ist – vielfach wie fröhliche Kinder dar. Es existieren Pinselskizzen von den Dichtern Han shan und Shih te, auf denen sie wie zwei Behinderte aussehen, die sich über einen zappelnden, auf dem Rücken liegenden Käfer halb tot lachen. Doch der Eindruck täuscht: Diese frei von jedem Geltungsbedürfnis offenbarte scheinbare Naivität ist Ausdruck echter Weisheit. Was zum Beispiel Han Shan in seinen Gedichten von sich gibt, zeugt von einem tiefen Einblick in die menschliche Natur und zugleich vom völligen Mangel jeglichen Ehrgeizes, in dem Spiel um Ruhm und Ansehen mitzumachen. Wer das Tao versteht, scheint schwer von Begriff, skizziert Chuang tzu den lachenden Weisen. Aber dieser oft wie töricht wirkende Mensch realisiert die Magie des Tao. Es ist wiederum Chuang tzu, der im Zusammenhang mit dem 4l. Vers vermerkt: Dieses Tao versteht es, seine Macht zu leihen und Erfüllung zu bringen. Im Grunde ist Weisheit etwas, zu dem der einfach denkende Mensch leichter findet, als der hochtrainierte Intellektuelle. Auf Weisheit ließe sich der gleiche Spruch wie über die Liebe anwenden: Das, was der größte Philosoph nicht zu erklären, wohl aber der größte Dummkopf zu empfinden vermag, nennt man Liebe.

Weise Männer – ihr habt mich verworfen
Ihr Narren – ich verwerfe euch!
Ich will kein Narr und auch kein Weiser sein
Drum lasst uns fortan nicht mehr voneinander hören
Im Abenddämmer sing ich für den hellen Mond
Beim Morgengrauen tanze ich mit Weißen Wolken
Wie könnt ich Mund und Glieder stillehalten
Stocksteif zu sitzen bis mein Haar sich lichtet?
Han Shan

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