An der Quelle des Tao 9

Wer den Bogen überspannt, wird sich wünschen, rechtzeitig aufgehört zu haben.

Wer sein Schwert überscharf schmiedet, dessen Schneide wird nicht lange halten.

Wer sein Haus mit Gold und Edelsteinen füllt, wird sie nicht sicher aufbewahren können.

Wer hochmütig und auf Ehre und Reichtum stolz ist, sät den Samen für den eigenen Untergang aus.

Wer sich zurückhält, wenn das Werk vollbracht ist, erfüllt den Weg des Tao.

In der Phase des aufblühenden deutschen Wirtschaftswunders rief damals der Wirtschaftswissenschaftler Ludwig Erhard das Volk zum Maßhalten auf. Er betonte, eine Volkswirtschaft könne nicht auf Dauer gesund bleiben, wenn die Menschen ihre Ansprüche zu hoch ansetzen würden und nie genug bekämen. Man könnte meinen, Laotses neunter Spruch würde ein Syndrom unserer Zeit abbilden. Der Mensch scheint zu allen Zeiten in seinem Verhalten kein Maß gekannt zu haben, wenn es um Erfolg, Besitz und Macht ging. Offenbar gab es im alten China ähnliche Erscheinungen wie in unseren Tagen, wo Leute, die zehn Milliarden besaßen keine Ruhe gaben, bis es zwanzig waren. Und wer in bescheidenem Wohlstand lebte, war damit keinesfalls zufrieden – man versuchte zu allen Zeiten, aus Wohlstand Reichtum zu machen, und es gab emotional keine Marke der Sättigung, an der menschliche Gier eine Grenze akzeptierte. Laotse wusste um das Krankheitsbild der Sucht nach Reichtum und er wies darauf hin, dass das Mehrfache an Besitz auf keinen Fall automatisch ein Mehrfaches an Sicherheit beschert. Im Gegenteil nimmt die Angst vor Verlust proportional mit dem Anwachsen der Reichtümer zu. Auch war einst wie heute klar: wer sich maßlos bereichert, kann dies niemals tun, ohne dass es zu Lasten seiner weniger begünstigten Mitmenschen geht. Die Gier, immer mehr zu haben und zu erreichen drückt wie kaum ein anderes soziales Krankheitsbild einen tragischen Mangel an Mitgefühl aus.

Laotse verteufelt das menschliche Streben nach Wohlstand und Gelingen mit keinem Wort. Aber er weist auf den Punkt hin, wo ein intelligenter, verantwortungsbewusster Mensch mit dem Erreichten zufrieden sein und die Jagd nach mehr Reichtum einstellen sollte. Denn vom imaginären Punkt einer Sättigung an beginnen Aktionen zum Erreichen einer gesicherten Lebenssituation, die bisher richtig waren, ins Falsche umzuschlagen. Yang verwandelt sich in Yin. Das ist wie bei einem Spieler, der seine Gewinnsträhne überschätzt und verpasst, an dem Punkt, da sein Glück sich wendet, aufzuhören. Er versucht mit Gewalt, die eintretenden Verluste durch mehr Risiko aufzufangen, bis er schließlich auch den Rest noch verliert. Oder Besitzer von Aktien, deren Kurs fast täglich einen oder zwei Punkte steigt. Statt rechtzeitig den Gewinn abzuschöpfen und zu verkaufen, zwingt ihre Gier sie, abzuwarten, ob nicht noch mehr für sie abfällt und die Papiere zu halten, bis der Kurs einbricht. Auch dann wird nicht ein kleiner Verlust hingenommen, diese Leute warten dann meistens ab, ob die Valuta ihrer Aktien sich nicht doch wieder erholt und nicht selten verlieren sie dadurch das meiste ihres investierten Kapitals. Das sind triviale Beispiele, aber sie dokumentieren an nackten Zahlen das Syndrom menschlicher Gier überaus deutlich. Das Gleiche passiert auf der emotional-psychischen Ebene auch bei Beziehungen. Da gibt es Männer, die immer wieder die Bestätigung brauchen, wie begehrenswert sie sind. Sie sammeln Affären mit Frauen wie andere Münzen oder Schmetterlinge. Und lassen mehr als einen enttäuschten Menschen, mehr als ein verletztes, gebrochenes Herz zurück. Ich konnte freilich des Öfteren beobachten, dass solche Typen in Zeiten eigener seelischer Not oder akuter Krisen unversehens allein auf weiter Flur standen, weil sie auf Dauer diese Spielchen mit dem Glück nicht betreiben konnten, ohne durchschaut zu werden. Auch Betrüger setzen auf die Gier. Sie locken mit hohen, beinahe unglaublichen Gewinnen. An Stelle von drei oder vier Prozenten Rendite offerieren sie zwanzig, dreißig Prozent, im Schneeballsystem zahlen sie anfangs auch aus, und zwar aus den Einlagen neu hinzukommender Gimpel. Bis die Seifenblase platzt, die Gauner entweder gefasst werden oder ein Land ohne Auslieferungsabkommen fliehen. Aber die Gierigen, die mit bescheidenen Renditen nicht zufrieden waren, sind ihr Geld los.

Wer nie genug bekommen kann, übersättigt sich selbst und bleibt dadurch der ewig Unerfüllte, lehrt uns Laotse. Auch hat der Unersättliche keine Zeit für Glück, und Zufriedenheit ist ein Fremdwort für ihn. Allerdings muss ich auch vor Irrtümern in der Auslegung von Laotses Stellungnahmen zur Gefahr übermäßigen Erfolges warnen. Behauptungen, Spiritualität müsse weltfern sein, und selbst der bescheidenste Wohlstand würde sie verneinen, sind nicht ehrlich. Früher predigte die Geistlichkeit von der Tugend der Armut, eher gelange ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich. Dafür steht der Taoismus nicht ein. Er ist keine Philosophie, die Frömmigkeit fordert, ich finde sogar, dass die Lehre vom Tao Frömmigkeit im orthodoxen Sinne und vor allen Dingen als Bremse der Lebensfreude gar nicht möglich macht. Den Haltepunkt des eigenen Verlangens zu kennen, von dem an er zur Gier wird, ist eine individuelle Aufgabe. Es gibt keine Skala, an der man das ablesen kann.  Das Optimum wäre die Freiheit von allem Ehrgeiz.

Überlegen Sie beim Lesen, weshalb ich ausgerechnet diesen Spruch genommen habe, wo mir doch achtzig andere – minus der schon im Teil 1 verarbeiteten – zur Verfügung stehen? Vielleicht war es der latente Schwierigkeitsgrad, der ihm innewohnt. Verleitet Laotses Aussage doch zur Kritik am Streben nach Besitz, seine Sätze sind Wasser auf die Mühlen der Sozialisten und Moralprediger. Ich bin sicher, in diesem Sinne meinte er es nicht. Der Spruch ist schwierig ohne Fehlinterpretation zu verstehen, wenn Sie ihn für sich allein gestellt kennen lernen. Im Gefüge  taoistischen Denkens als Ganzes bekommt er einen anderen Sinn. Da bildet die Abwesenheit von Motiven beim Menschen des Tao den Hintergrund des Spruches, die Magie des Nichthandelns, die Stärke des Beobachters, der sich nicht vom Beobachteten trennt. Unter Berücksichtigung dieser Grundpfeiler einer intelligenten Lebensform verneint Laotse das Streben nach Wohlstand nicht, aber er sagt „Genug!“ wenn ein Ziel erreicht ist. Der Mensch des WEGES soll sich bitte auf seinen Lorbeeren ausruhen und anderen Leuten auch eine Chance geben. Er nimmt am unvermeidlichen Wettbewerb mit den Mitteln des Nichthandelns teil und zieht sich zurück, wenn sein Werk vollbracht ist. Wenn Sie sich an die Prinzipien des Tao halten, werden die Dinge gelingend auf Sie zukommen. Und Sie sind auf dieses Mehr an Erfolg nicht angewiesen, das die Bewahrung des Erreichten sozusagen doppelt genäht sicherstellen soll.

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