An der Quelle des Tao 8

 

Höchste Güte ist wie das Wasser.

Des Wassers Güte ist es, allen Wesen ohne Streit zu nützen.

Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten. Darum steht es dem Tao nahe.

Beim Wohnen zeigt sich die Güte an dem Platz.

Beim Denken zeigt sich die Güte in der Tiefe.

Beim Schenken zeigt sich die Güte in der Liebe.

Beim Reden zeigt sich die Güte in der Wahrheit.

Beim Walten zeigt sich die Güte in der Ordnung.

Beim Wirken zeigt sich die Güte im Können.

Beim Bewegen zeigt sich die Güte in der rechten Zeit.

Wer sich nicht selbst behauptet, bleibt eben dadurch von Tadel frei.

 

Eine treffendere Metapher für das Wirken des Tao als das Wasser zu suchen wäre ein hoffnungsloses Unterfangen. Laotses Denkweise wurde allerdings laut zeitgenössischen Deutungen weniger von der Urkraft und Gewalt des Stromes beeinflusst – diese bevorzugt Chuang tzu – als vom Wasser als Sinnbild der Stärke von Sanftmut und Weisheit. Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten. Darum steht es dem Tao nahe. Mit den zwei Sätzen betont Laotse das Nicht-Streben, das Sein an Stelle von Werden, den Verzicht auf Bedeutung. Er vergleicht die scheinbar niedrigste Stellung des wesenhaften Menschen mit dem Wasser, weil sich Wasser immer an den tiefsten Stellen sammelt. Flüsse brauchen Täler, Quellen das Gefälle im Gebirge, um zum Strom zu werden.

In seinem 8. Spruch listet Laotse im Zusammenhang mit dem Strom des Tao Tätigkeiten auf, denen er einen einzigen Wesenszug voranstellt: Güte. Nach meiner Erkenntnis ist damit das umfassende Mitgefühl gemeint, das wirksam wird, wenn die Trennung von Subjekt und Objekt, von Beobachter und Beobachtetem aufgehoben ist. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, können Anteil am Erleben dieser Güte nehmen, sie unmittelbar, ohne Umwege spüren, sobald Sie mit Denken aufhören. Mag die Spanne der Denkpause nur eine Minute oder sogar weniger währen, die Präsenz dieses Mitgefühls ist auf der Stelle vernehmbar. Ihre Beziehung zu dem Raum, in dem Sie sich befinden, zuhause, im Geschäft, in der Stadt oder draußen in der freien Natur, verändert sich. Sie nehmen, wenn Sie emotional nicht hoffnungslos verhärtet sind, diese Güte deutlich wahr. Sie können sich dem Gefühl öffnen und in diesen Momenten werden Sie merken, dass ohne Denken neben diesem weiträumigen Mitgefühl gar keine anderen Gefühle mehr da sind. Sobald Ihr Denken wieder die Macht in Ihrem Kopf ergreift, verschwindet Ihre Wahrnehmung der Güte im Hintergrund. Aber sie ist nicht verloren. Sie wohnt in der Tiefe Ihres Wesens, und Sie haben es in der Hand, in welchem Maß Sie sich diesem Strom anvertrauen. Allein die Erkenntnis nach dem Versuch mit der Denkpause und der mit den erneut einsetzenden Gedanken stattfindenden Wiederkehr aller anderen Gefühle ist ein Katalysator. Sofern Sie bereit dazu sind und es zulassen, wirkt das Erlebnis Ihrer Begegnung mit dem eigenen Potenzial an Güte und Mitgefühl fort und löst unauffällig Veränderungen in Ihren Denkgewohnheiten aus, ohne dass Sie diese willkürlich herbeiführen müssten. Obwohl der Urgrund nicht aktiv liebt, ist sein fundamentaler Wesenszug Liebe und Güte. Dass kein kosmischer Übervater in die Irrungen der Menschheit eingreift, mindert diese Güte nicht, denn mit dem unendlichen Mitgefühl einher geht ein Wissen um das Wesen des permanenten Schöpfungsvorganges, in dem sich die Wesenheit des Tao selbst als Akteur in jedem Geschöpft erlebt.

Ich sagte, Sie haben es in der Hand, in welchem Maß Sie sich diesem Strom anvertrauen. Mit der großen Zehe eintauchen, bleibt ohne Wirkung. Auch ein „Halbtagstaoismus“, der Teile des Stromes in einen Eimer füllt, wird nur Enttäuschung erfahren. Wie kommentiert Chuang tzu unter anderem den 8. Vers? Wenn der Leib unaufhörlich in Bewegung gehalten wird, wird er müde. Wenn der Geist unaufhörlich in Bewegung gehalten wird, wird er sorgenvoll, und Sorge verursacht Erschöpfung. Das Wesen des Wassers ist, dass es klar wird, wenn man es in Ruhe lässt, und still, wenn man es nicht stört. Wenn es eingeschlossen wird und nicht fließen kann, kann es auch nicht klar bleiben.

Man kann keine Anteile am Tao erwerben wie Aktien an der Börse oder sich die bequemsten Elemente herausgreifen und mit nach Hause nehmen wie ein paar Kleider vom Wühltisch beim Sommerschlussverkauf. Sie müssen den ganzen Fluss akzeptieren und hineintauchen. Wenn Sie Ihr Selbst mit dem Strom des Lebens vereinen und die Trennung zwischen sich und der Welt draußen, die diesen symbolischen Strom repräsentiert, aufheben, werden Sie zum Teilhaber am Energiepotenzial des Tao. Für mich sind das Wasser und sein Lauf Symbole ungeheurer Kraft. Denken Sie an die Bilder in den Nachrichten, wo die grauenhafte Zerstörung ganzer Ortschaften zu sehen ist, geborstene Dämme oder auch „nur“ anderthalb Meter unter Wasser stehende Straßen und Autobahnen.

Auch Krishnamurti verwendet das Wasser als Sinnbild des Unermesslichen. In seinem Tagebuch zeichnet er das Bild von der Brandung des Meeres, wie sie gegen die felsige Küste tobt. Die Bewegung von Ebbe und Flut wird ihm zum Gleichnis menschlichen Handelns: Ebbe und Flut sind wie Handlung und Reaktion der Menschen. Unsere Handlungen und Reaktionen sind so schnell. Vor der Reaktion gibt es kein Innehalten. Auf eine gestellte Frage versucht man augenblicklich eine Antwort, für ein Problem eine Lösung zu finden. Zwischen Frage und Antwort gibt es keine Pause. Letztendlich sind wir selber Ebbe und Flut des Lebens – das Äußere und das Innere. Wir versuchen eine Beziehung zum äußeren herzustellen, denken dass das Innere etwas ist, das vom Äußeren getrennt, abgespalten ist. Doch ist es ganz gewiss, dass die Bewegung des Äußeren nur die Flut des Inneren ist. Wie das Wasser des Meeres sind beide dasselbe. Das ist unser Leben.

Allem Gesagten zum Trotz gibt es auch den umgekehrten Weg, der wie paradox bewirkt, dass der Strom zu Ihnen kommt wie der Berg zum Propheten. Ein Anteil unseres Bewusstseins ist die von Laotse beschriebene Güte. Viele Menschen verlieren den Zugang zu ihr als Folge einer traumatischen Kindheit und hässlicher Erfahrungen im späteren Leben. Dennoch wohnt Güte, die Fähigkeit zur Liebe, tief drinnen in jedem Menschen, wie schwer verschüttet diese Gaben auch sein mögen. Sie können sich aber in jedem Augenblick – ich betone: in jedem Augenblick und in jeder Situation dieser Güte öffnen. Zulassen, dass sie Ihren Geist überflutet. Wenn Sie Ihren tiefsten inneren Gefühlen Raum geben, werden Sie höchst überrascht feststellen, dass mit einemmal Zorn, Hass und Aggression verblassen und Sie die Dinge zu mögen beginnen. Dies wäre der Weg, auf dem der Strom, der das Tao ist, zu Ihnen kommt.

 

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