Der Koan zum Sonntag

Ein Mann geht über die Brücke.
Sieh! Die Brücke fließt,
und das Wasser ist unbeweglich.

Der Koan bezieht sich auf unser Zeiterleben. Wir halten den Lauf des Wassers, also den Verlauf unseres Lebens für einen kontinuierlich fortschreitenden Vorgang. Für uns ist das Verströmen der Zeit von der Vergangenheit über die Gegenwart hinein in die Zukunft ein Prozess, in dem sich Myriaden Momente der Gegenwart wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihen, erlebt werden und in der Vergangenheit versinken. Die Brücke steht symbolisch für unser Bewusstsein. Wir stehen darauf und beobachten, wie sich unter uns der Strom des Lebens in Zeit verwandelt fortbewegt. Das Gleichnis vom Fluss und der Brücke kehrt die Vorgänge um und weist auf eine Welt hin, die anders beschaffen ist, als wir gelernt haben. Der Koan will im Menschen, der sich mit ihm beschäftigt, die Erkenntnis wecken, dass die Bewegung des Lebens, wie sie unser Bewusstsein registriert, in Wahrheit die Brücke ist, die sich fortbewegt. Die Brücke steht stellvertretend für die Bewegung der Zeit. Das Wasser hingegen, von dem wir das Gefühl haben, es würde fließen, symbolisiert das Jetzt, das ewig und unbewegt am selben Platz ist.

Die fundamentale Erkenntnis, die dieser Koan vermitteln will, lautet, dass es sehr wohl zu diesem großen kosmischen Spiel gehört, dass wir die im unendlichen Jetzt stattfindenden Ereignisse als fortgesetzte Handlung erleben und entsprechend verarbeiten. Es gehört aber auch zu diesem Spiel, dass wir in das große Gelächter ausbrechen, wenn wir dahinter kommen, wie der kosmische Spieler uns zu der Illusion verleitete, der Augenblick des Jetzt wäre mit dem Lebensstrom identisch, weil er immer vorhanden ist. Einen Schritt weiter folgt die Einsicht, dass der eigentliche große Strom des Universums das Tao ist. Und bewegt sich das Tao vielleicht? Natürlich nicht. Es rührt sich nicht und dennoch bleibt nichts ungetan. Der Strom, die Straße des Lebens steht still – und die Brücke, unser erlebendes Bewusstsein, bewegt sich voran in der Zeit.

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2 Antworten zu Der Koan zum Sonntag

  1. Matthias sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    ein Zen-Meister würde Sie vermutlich aus dem Kloster jagen, wenn Sie ihm mit einer derartigen Antwort auf den Koan kämen. Soll doch ein Koan den Verstand an seine Grenzen führen und zum Sprung darüber hinaus zwingen.
    Aber das wissen Sie sicher genauso gut wie ich.

    So sehr mich Ihre Kommentare oft emotional berühren, ließ dieser hier mich seltsamerweise irgendwie kalt. Rational nachvollziehbar, aber ohne Wiederhall.
    Statt dessen wurde mein Blick immer wieder vom Koan angesogen, und zwar speziell von diesem eindringlichen „Sieh!“. Nicht: „Schau mal“ oder „Sieh hin“, sondern: „Sieh!!!“.
    Ich erinnere mich, auf Brücken gestanden zu haben und so lange aufs Wasser geschaut zu haben, bis ich den Eindruck hatte, die Brücke bewege sich und das Wasser stehe still. Aber selbst diese geänderte Wahrnehmung hatte nichts zu tun mit dem „Sieh!“, das mich aufzufordern scheint, über die gewohnten Sinneswahrnehmungen hinaus mit jeder Faser meines Seins zu „sehen“.
    Und …
    Oh, oh – ich werde jetzt aus dem Kloster gejagt 🙂

    Herzliche Grüße,
    Matthias

  2. gitti sagt:

    Hallo und liebe Grüße an Alle!

    Also ein Koan wo man von vornherein schon weiß, daß man über das übliche Schauen hinausgehen soll, wo liegt da der Sinn?. Dieses „SIEH“ von dem Matthias schreibt, entsteht hinter dem üblichen Alltagsdenken. Ich kann mir das Denken (Koan) und die Erkenntnis „ich weiß das ich nichts weiß“ ersparen (großes Gelächter).
    Der direkte Draht machts aus – wo ich die Leichtigkeit des Seins erfahren kann.
    Gitti

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