Der magische Turm

         

In diesen Tagen gibt es eine Art von Menschen,
die sind nicht böse aber auch nicht gut.
Sie wissen nicht was es bedeutet, Herr im Haus zu sein.
Als Vagabunden wohnen sie mal hier, mal da.
Doch die auf ihre Weise ihre Zeit vergeuden,
sind nichts als stumpfsinnige Fleischklumpen.
Wenngleich sie auch einen magischen Turm besitzen,
führen sie doch ein Sklavendasein
(Han Shan
150 Gedichte vom Kalten Berg, S. 145
)

Der Dichter Han Shan übt hier ganz klar Gesellschaftskritik, so treffend, dass er sie im Jahr 2011 geschrieben haben könnte. Auf welche Zeit er sie einst bezog, wird für immer ein Rätsel bleiben. Seine Herkunft ist unbekannt. Es steht noch nicht einmal fest, ob er im siebten, achten oder neunten Jahrhundert gelebt hat. Den Berichten von Zeitgenossen zufolge soll er ein armer Mann und ein verrückter Bursche gewesen sein, der einsam auf einem unwirtlichen Berg hauste. Mich erinnern manche seiner Texte an Äußerungen von Hofnarren der alten Fürsten- und Königshäuser. Diese Männer durften sich kritische Aussprüche leisten, für die andere gehängt worden wären. Sie wurden unter dem Schutz der Narrenfreiheit sogar zu harscher Kritik ermutigt, die kein anderer, dem sein Leben lieb war, zu äußern traute.

Stellt sich beim Lesen des kleinen Gedichtes bei Ihnen ein Gefühl ein, als ob es direkt auf Sie zielen würde? Dass da ein Taoist der alten Zeit Ihnen heute den Spiegel vors Gesicht hält und Selbstkritik, wenn nicht gar Selbsterkenntnis von Ihnen fordert? Sind Sie ein guter Mensch oder ein böser? Oder ein Mischtyp, in dem sich beide Wesensmerkmale je nach Sachlage die Tür in die Hand geben? Aus taoistischer Sicht sollte in Ihrem Gefühlshaushalt Mitgefühl, also Menschlichkeit ein dominierendes Merkmal Ihres Wesens sein. Aus der tief empfundenen Einsicht heraus, dass alle die Dinge, denen Sie mit Zustimmung oder Ablehnung begegnen, unter dem Strich Sie selber sind. Dazu müssten Sie freilich wissen, was es bedeutet, Herr im eigenen Haus zu sein. Und damit meint Han Shan gewiss nicht Ihre Rolle als Hausherr oder dominierende Hausfrau. Er spricht von der Freiheit Ihres Geistes, er zeichnet einen Zustand geistiger Unbeeinflussbarkeit, was meint, dass Sie in Ihrer geistigen Struktur von keiner anderen Einflussgröße abhängig sind, als vom Wirken der Intelligenz, die sich aus dem Grund der Dinge kommend in Ihnen rührt und Sie bewegt. Damit würden die inneren Unruhestifter, welche unsere Mitmenschen andauernd zu Veränderungen antreiben, endlich still werden. Was meint, dass Sie endgültig Schluss mit allen Anstrengungen machen, die Sie im innersten Wesen verändern, bessern sollen. Han Shan vergleicht die Menschen, die ständig im Werden begriffen sind und um Wachstum ringen, brutal als stumpfsinnige Fleischklumpen. Das ist wahrlich kein Kompliment für jemanden, der sich so intensiv bemüht, wie Sie es vielleicht schon öfter getan haben.

Der unorthodoxe Dichter liefert am Schluss des Textes den Schlüssel, indem er auf den magischen Turm verweist, den taoistischen Geist-Turm der Wahrheit, den jeder Mensch besitzt. Und den es zu entdecken gilt. Alles, was Sie für ein erfülltes, intelligent gestaltetes Leben brauchen, lebt in Ihnen selber – Sie brauchen die Unruhe nicht, welche die so genannten Vorbilder und Idole unserer Gesellschaft verbreiten. Schauen sie hin, wie unglücklich diese Leute doch sind. Sie haben das nicht nötig. Greifen Sie auf das Potenzial Ihres magischen Turms zurück – und das es wird in Ihrem Leben kein Sklavendasein mehr geben, weder auf der geistigen noch auf der materiellen Ebene.

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6 Antworten zu Der magische Turm

  1. Theo Fischer sagt:

    Das Buch mit den 150 Gedichten vom Kalten Berg ist die einzige Quelle über Han Shan, über die ich verfüge. Als der Beitrag vom magischen Turm bereits im Blog stand, fiel mir erst auf, dass die aus dem Vorwort entnommene Behauptung, man wisse nicht, in welchem Jahrhundert der Dichter gelebt und gewirkt habe, nicht so ganz stimmen kann. Denn im gleichen Buch wird auch davon berichtet, dass sein Freund Shih Te, mit dem zusammen er auf etlichen alten Zeichnungen abgebildet ist, im Kuo Ch’ing Kloster die Speisehalle besorgte Er sammelte Reis- und Gemüsereste in einem Bambusrohr, das sich Han Shan, wenn er zum Kloster kam, dann auf die Schulter packte und wieder loszog. Also müssten eigentlich zu diesen Berichten zumindest auf einige Jahrzehnte genaue Datumsangaben möglich sein. Die Gedichte selbst hatte Han Shan zum Teil auf die Felswände seiner Wohnhöhle und auf alle möglichen anderen ungewöhnlichen Unterlagen gepinselt. Hier könnte man höchstens durch Radio-Karbon-Analysen eine zeitliche Bestimmung vornehmen. Aber was soll’s. Die Hauptsache bei der Geschichte ist doch heute die in den Versen enthaltene taoistische Weisheit. Hier dürfen wir über jede erhalten gebliebene und nicht von fremdem Gedankengut verfälschte Information dankbar sein. TF

    • Der Andere sagt:

      Das Problem der unbemerkten „Abweichung“ vom Weg ist bedeutend älter, als man vermutet.

      In dem Werk „Der Gelbe Kaiser“ (DAS Standard-Werk der Tradionell Chinesischen Medizin) beschreibt Huangdi bereits um 2.600 v. Chr. die Auswüchse der menschlichen Psyche – und deren Folgen. Bereits hier könnte man vermuten, dass sich das Werk auf eine gar nicht so lange zurückliegende Vergangenheit bezieht.

      Exemplarisch:

      Auf Huangdis Frage, warum die Menschen in früheren Jahrhunderten (also Jahrhunderte vor 2.600 v. Chr.) über 100 Jahre alt wurden, ohne die „normalerweise“ auftretenden Zeichen des Alters aufzuweisen, antwortete ihm Qi Bo:

      „In der Vergangenheit praktizierten die Menschen das Dao, den Weg des Lebens. Sie verstanden das Prinzip des Gleichgewichts, von Yin und Yang, wie es sich in den Wandlungen der Energien des Universums widerspiegelt. Sie entwickelten Praktiken wie die des Daoyin,… … sie übten sich in Meditation, um in Einklang mit dem Universum zu kommen. Sie aßen ausgewogen und regelmäßig, sie vermieden jede geistige und körperliche Überanstrengung, sie standen zu bestimmten Zeiten auf und gingen zu bestimmten Zeiten zu Bett und waren in jeder Hinsicht maßvoll. Sie bewahrten sich ihr geistiges und körperliches Wohlbefinden und deshalb ist es überhaupt nicht überraschend, daß sie länger als hundert Jahre lebten. Heutzutage (2.600 v.Chr.) hat sich der Lebensstil der Menschen verändert. Sie trinken Wein, als wäre es Wasser, sie geben sich zerstörerischen Aktivitäten hin, sie erschöpfen ihr Jing (die in der Niere gespeicherte Essenz des Körpers) und vergeuden ihr Qi. Sie wissen nicht um die Geheimnisse der Pflege der Energie und der Lebenskraft. Sie sind nicht im Stande, ihren Lebensstil und ihre Ernährung zu regulieren, und schlafen auf unangemessene Weise. Deswegen ist es nicht überraschend, dass sie mit 50 alt erscheinen und nicht viel später sterben.“

      „Früher führten die Menschen ein ruhiges, ehrliches Leben, sie waren frei von ungebührenden Wünschen und Strebungen; sie hatten ein reines Gewissen und waren ohne Furcht. Sie arbeiteten, ohne sich dabei zu erschöpfen. Da sie ein schlichtes Leben führten, kannten sie auch Zufriedenheit. Sie begnügten sich mit einfachem aber nahrhaftem Essen und ihre Kleidung war den Erfordernissen der Jahreszeiten angepasst. Es kam nie vor, dass sie in Luxus schwelgten. Zufrieden mit ihrem Platz im Leben, waren sie frei von Eifersucht oder Neid. Sie verspürten Mitleid mit anderen Menschen und standen ihnen hilfreich zur Seite, sie waren ehrlich und frei von zerstörerischen Neigungen. Nichts konnte sie verführen, sie blieben unerschütterlich, auch wenn Schwierigkeiten auf sie zukamen. Sie behandelten andere Menschen gerecht, ungeachtet deren Intelligenz oder sozialen Status.“

      Wie man daraus unschwer herleiten kann, reicht die aktuelle Problematik min. 4.600 Jahre zurück und hat bis heute keine kollektive Auflösung gefunden.

      🙂

  2. Taononymus sagt:

    Hallo Herr Fischer,

    weder Fisch noch Fleisch, lauwarm, unverbindlich, wurzellos umhergetrieben, ausweichend und ungreifbar: so wirkt der in Han Shans Gedicht umrissene Menschentyp auf mich.

    Ein Mensch der vor allem Wesentlichen in seinem Leben davonrennt und sich vor nichts mehr fürchtet, als davor, sich zu stellen oder gestellt zu werden, sich auf Begegnungen und Gefühle einzulassen und so „sein Haus zu bewohnen“.
    So jemand ist nicht wirklich lebendig, ein „stumpfsinniger Fleischklumpen“ eben, der seine Zeit vergeudet, Lichtjahre davon entfernt, etwa gar „Herr im eigenen Haus“ zu sein.

    Den „magischen Turm“ verstehe ich rein intuitiv eher als ironisches Bild dessen, was Menschen zu dem oben geschilderten Jammerbild des emotional entwurzelten Vagabunden werden lässt:
    gesellschaftlich höchst erstrebenswerte Ziele nämlich, auf die sich der Mensch wie in „magischer“ Verblendung fixiert und denen er unter Verlust seiner seelischen „Hausherrschaft“ um jeden Preis hinterher hechelt.
    Für alles andere, insbesondere für sich selbst, ist er dadurch verloren, wird zum „stumpfsinnigen Fleischklumpen“, zum gefühllosen Zombie.

    Eine andere, bei uns gebräuchlichere Analogie dazu wäre der berühmte Tanz ums goldene Kalb der alten Israeliten.
    Man glaubt man strebt nach Höherem, nähert sich „Göttern“ indem man sich an turmhohen Ansprüchen und Erwartungen ausrichtet, aber in Wirklichkeit ist man Sklave eines Wahns.
    Der Selbstverbesserungswahn wäre in diesem Bild auch so ein magischer Turm. Wissen, Erfolg, Status und Macht könnten diese Rolle ebenso einnehmen.

    Am Ende laufen Ihr und mein Verständnis des Gedichts auf verschiedenen Wegen also wohl auf das gleiche Ziel hinaus.

    Viele Grüße ins Piemont,
    Taononymus

    • Theo Fischer sagt:

      Hallo Taononymus.
      Der magische Turm ist im Taoismus das Symbol für Erkenntnis, also für einen höheren geistigen Standort. Ihre Interpretation ist sehr treffend, nur würde ich d i e s e n Turm vielleicht den Jammer- oder Klageturm taufen, etwa wie die berühmte Klagemauer in Jerusalem. TF

      • gitti sagt:

        Es ist schon ein schmerzhafter Prozess den „stumpfsinnigen Fleischklumpen“ in sich zu entdecken und es erfordert großen Mut hinzuschauen.
        Die Bezeichnung „stumpfsinniger Fleischklumpen“ hat etwas sehr Abwertendes, wenn auch das Richtige gemeint ist.
        Das Buch „das Tao der Selbstfindung“ von Herrn Fischer hat mir sehr geholfen den magischen Turm in mir zu spüren.
        Liebe Grüße Gitti

  3. JE sagt:

    Lieber Theo,

    ein sehr schönes und treffendes Gedicht
    Ein wichtiger (!) – wenn auch nicht sehr schmeichelhafter Spiegel, für uns, die wir im Alltag immer wieder zu diesen „Fleischklumpen“ werden.
    Ich empfand das Gedicht dennoch als positiv: zeigt es doch auf, dass wir –glücklicherweise – alle im Besitz dieses magischen Turms sind und ihn ‚nur’ für uns entdecken und bewahren müssen.

    Das Gedicht ist Spiegel und Anker zugleich.

    „JE“

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