Der Taoismus – ein ausklingender Modetrend?

Verliert die Lehre vom Tao in diesen Tagen ebenso ihre Magie wie die inzwischen weitgehend ausklingende New-Age-Welle? Als diese damals aufblühte, ist ein neuer Stil zu denken und zu leben entstanden: man verweigerte sich der Fron eines festen Berufes, die Cadillac-People wohnten in verschrotteten Luxusautos, man bildete Kommunen, es wurde getöpfert und Kleinkunst verkauft. Doch heute ist von dieser Begeisterung für ein unorthodoxes Leben frei von Bindungen kaum noch etwas zu spüren. Vielleicht darum, weil jene meist jungen Menschen zu viele trügerische Hoffnungen in einen Lebensstil gesetzt haben, der innerhalb einer starr organisierten Gesellschaft einfach nicht funktionieren konnte.

Später lösten östliche Lehren wie zum Beispiel der Zen-Buddhismus die Ideen des New Age ab oder vermischten sich mit ihnen. Als ich dann vor über 20 Jahren Wu wei schrieb, stieß die Lehre vom Tao damals genau in jenes Vakuum, das sich durch die Auflösung der alten Ideen gebildet hatte. Nichthandeln, sich dem Tao anvertrauen, das Tao realisieren, waren Botschaften, die Hunderttausende begeisterten. Und das Prinzip funktionierte – zumindest dort, wo die Tao-Enthusiasten unabhängig von ihrer neu gewonnenen Geisteshaltung auch weiterhin ihren Geschäften nachgingen und aktiv blieben. Wer freilich Nichthandeln gleich Aussitzen verstand, geriet in Schwierigkeiten. Und beklagte sich, wieder einmal falschen Idealen aufgesessen zu sein.

Inzwischen ist der Taoismus zwar allgemein bekannt, aber das Interesse an seiner Lebenskunst hat mangels tieferem Verständnis seiner Feinheiten in genau jenem Maße abgenommen, in dem damals das Interesse aufgeflammt war. Und das ist so schade. Gerade in unseren Tagen, in denen der Ungeist der Pharaonen wieder die arbeitenden, abhängigen Menschen quält und ausnützt, wäre eine taoistische Geisteshaltung vielleicht genau das Mittel, dem das Potenzial des Widerstandes innewohnt.

Wenn Sie als Betroffene(r) begriffen haben, dass der schöpferische Grund der Dinge und Sie ein und dasselbe sind, dass durch Ihr Bewusstsein und Ihre Wahrnehmung das Unermessliche sich selbst realisiert – wenn Sie das als eine Tatsache zu spüren beginnen, werden Sie sich auch der Energie bewusst, die in Ihnen schlummert. Den Missgeschicken und Schikanen, die einem Menschen des Tao widerfahren, begegnet dieser in allererster Linie mit dem Mittel der Beobachtung. Und unter dieser Beobachtung verändern sie sich. Und zwar im vorliegenden Fall im positiven Sinne. Es wird im Mikrobereich des individuellen Alltags ein Wandel eintreten. Freilich nicht allein durch stilles Dulden. Dem Menschen des Tao werden die intelligenten Impulse seiner Ur-Identität jenen Antrieb geben, im rechten Moment das Richtige auch zu tun. Das wird an der sozialen Gesamtsituation kaum etwas verändern, aber es wird Ihnen helfen.

Aber stellen Sie sich vor: Millionen von Betroffenen würden im Sinne des taoistischen Denkens von der Macht ihrer Beobachtung Gebrauch machen – da würde eine geballte Energie diese Pharaonentypen geradezu hinweg fegen. Doch auf die intelligenten Reaktionen der Masse zu warten, war von jeher schon vergebens. Also setzen Sie für sich allein und jene, die Sie lieben die Grundsätze des Tao in Ihrem Leben um. Das verlangt keine Kraftakte – einzig Ihr wacher Sinn, die Einsicht in Ihre wahre Position innerhalb der Prozesse Ihres Alltags würden für Veränderungen ausreichen.

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6 Antworten zu Der Taoismus – ein ausklingender Modetrend?

  1. Alter Chinese! sagt:

    Gerade fühlte ich mich bei der Internetlektüre eines Interviews mit einem gealterten Rockstar deutlich an ein paar Zeilen aus dem Bestseller „Wu wei“ erinnert, und zwar an die Stelle mit dem Witz über die fotografierende Reisetruppe:

    „[…] Jedoch hat Waters die Hoffnung, “dass die Leute nicht nur in ihre Telefone starren werden”. Von den Handys im Publikum ist der Altrocker nämlich schwer genervt. “Die Menschen schauen während der Show nur auf ihre kleinen Computer. Das ist total absurd. Statt dabei zu sein, filmen sie alles, um es später mitzuerleben. Am liebsten würde ich diese Unsitte verbieten lassen, aber das ist zu teuer. Bei einer Show in Athen konnte ich einmal allen das Handy wegnehmen lassen: Es wurde wundervoll!” “

    (Quelle: klatsch-tratsch.de)

  2. gitti sagt:

    Krishnamurti sagte in einer seiner letzten Vortäge den Satz „Es ist Alles gut so wie es ist“
    Diesen Satz sagte er bestimmt nicht aus Resignation oder Gleichgültikeit. Vielleicht geht die Veränderung im Sinne des TAO tatsächlich langsam und im Kleinen vor sich.Denn dahinter steckt ja eine große Ernsthaftigkeit und aber auch Leichtigkeit. Da sich aber die Masse zur Zeit mit „Empörung zum Wutbürger“ entwickelt, bleibt uns nichts anderes übrig als uns täglich – mit dem Grund der Dinge- in Einklang zu bringen, und das ist auch gut so.
    Liebe Grüße und heute ist ein wunderschöner Sommertag ich hoffe bei Euch auch
    Gitti

  3. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    ich musste mich doch etwas wundern, als ich Ihren Text oben las.
    Nachweislich seit dem siebzehnten Jahrhundert haben sich in Europa immer wieder Menschen, unter ihnen auch die „besten Köpfe“, mit taoistischen Schriften beschäftigt, sich davon anregen lassen und in zunehmendem Maße Querbezüge und Zusammenhänge entdeckt.
    Angefangen von Gottfried Wilhelm Leibnitz über Richard Wilhelm, C.G. Jung, Wolfgang Pauli bis hin zu den Zeitgenossen Harald Atmanspacher, Hans Primas, Hans-Peter Dürr und unzählige andere, ist in Europa die Kette derer, die immer wieder die Auseinandersetzung mit dem Taoismus gesucht haben und noch suchen weil es sie in ihrer Arbeit und in ihrem Leben als Ganzes weiter bringt (nicht weil es gerade Mode ist), bis heute nicht abgerissen.

    Um bei dieser langfristigen Entwicklung auf die Idee eines „Modetrends“ kommen zu können, muss man seine Betrachtungsweise glaube ich schon fast mit Gewalt auf einen sehr kurzen Zeitraum einschränken. Nimmt man jedenfalls einmal die Wikipedia-Definitionen von „Mode“ im Gegensatz zum „Klassiker“ her, so ist die Beschäftigung mit dem Taoismus zumindest für Europa ganz klar ein „Klassiker“. https://de.wikipedia.org/wiki/Mode

    Mag sein, dass sich dies für die amerikanische Welt, in der das Ausblenden nichtamerikanischer (europäischer wie asiatischer) Wurzeln und Gegenwartsentwicklungen zum Alltag gehört, völlig anders verhält. Wenn in einer solchen Welt ein Physikprofessor eine Asienreise unternimmt um einmal über seinen Tellerrand zu schauen, und wenn er anschließend noch völlig besoffen vom Kulturschock ein vor Enthusiasmus geradezu überschäumendes Buch schreibt, so ist es nicht allzu verwunderlich, wenn sich viele modeorientierte Menschen seines Umfelds von dem für sie in ihrer Welt „unerhört Neuen“ mitreißen lassen… et voilà, ein Modetrend ist geboren. Und rollt er erst einmal , so lässt sich ein solcher Trend aufgrund seiner naturgemäßen Oberflächlichkeit dann mit vielem geschmacklich „Passenden“ anreichern: Buddhismus, Schamanismus, Christentum, Anthroposophie, Yogalehren etc. etc.. „Everything goes“ im „New Age“, Hauptsache es macht „good vibrations“ und „paßt irgendwie“ dazu.

    Dieser Modetrend hat mit Taoismus aber nur noch begrenzt zu tun, weswegen letzterer zumindest in Europa und Asien einem eventuellen Abebben der „New Age Welle“ völlig gelassen entgegensehen kann.

    Unter Umständen mach ein Ende des „New Age“ sogar endlich wieder den Weg frei für die Fortsetzung einer tiefer gehenden Beschäftigung mit dem Taoismus, wäre somit also eher ein Segen als ein Schaden. So macht es der Hype um „New Age“ beispielsweise zurzeit noch fast unmöglich, vom Taoismus zu sprechen ohne sofort mit esoterischen Schaumschlägern, Gurus und sonstigem Klimbim in einen Topf geworfen zu werden.
    Möge es daher nach und nach gelingen, den Taoismus langsam wieder unter dem riesigen Müllberg hervorzuholen, unter dem die „New-Age“-Mode ihn begraben hat.
    Man sagt ja, Überschwemmungen machen den Boden fruchtbar. Mag die „New Age Welle“ also auch für den Taoismus ihr Gutes, beispielsweise weil sie winzige „Samenkörner“ davon in die Breite gestreut hat. Nur, diese Art Fruchtbarkeit läßt sich eben erst richtig nutzen, wenn das Wasser wieder abgelaufen ist 🙂

    Viele Grüße ins Piemont,
    Taononymus

  4. Giri sagt:

    Erkenntnis wanderte im Norden an den Ufern des dunklen Wassers und bestieg den Berg des steilen Geheimnisses. Da begegnete sie von ungefähr dem schweigenden Nichtstun.
    Erkenntnis redete das schweigende Nichtstun an und sprach: „Ich möchte eine Frage an dich richten. Was muss man sinnen, was denken, um das Tao zu erkennen? Was muss man tun und was lassen, um im Tao zu ruhen? Welche Straße muss man wandern, um das Tao zu erlangen?“
    Dreimal fragte sie, und das schweigende Nichtstun antwortete nicht. Nicht dass es absichtlich die Antwort verweigert hätte; es wusste nicht zu antworten. So konnte Erkenntnis nicht weiter fragen und kehrte um. Da kam sie im Süden an das weiße Wasser und bestieg den Berg der Zweifelsendung. Da erblickte sie Willkür. Erkenntnis stellte dieselben Fragen an Willkür.
    Willkür sprach: „Oh, ich weiß es; ich will es dir sagen.“
    Aber während sie eben reden wollte, hatte sie vergessen, was sie reden wollte, und Erkenntnis konnte nicht weiter fragen. Da kehrte sie zurück zum Schloss des Herrn, trat vor den Herrn der gelben Erde und fragte ihn.
    Der Herr der gelben Erde sprach: „Nichts sinnen, nichts denken: So erkennst du das Tao. Nichts tun und nichts lassen: So ruhst du im Tao. Keine Straße wandern: So erlangst du das Tao.“
    Erkenntnis fragte den Herrn der gelben Erde und sprach: „Wir beide wissen es, jene beiden wusste es nicht. Wer hat nun recht?“
    Der Herr der gelben Erde sprach: „Schweigendes Nichtstun hat wirklich recht; Willkür kommt ihm nahe; wir beide erreichen es ewig nicht.“
    Erkenntnis fragte den Herrn der gelben Erde: „Wieso erreichen wir es nicht?“
    Der Herr der gelben Erde sprach: „Das schweigende Nichtstun ist wirklich im Recht, deshalb, weil es kein Erkennen hat; Willkür kommt ihm nahe, weil sie Vergessen hat; wir beide erreichen es ewig nicht, weil wir Erkennen haben.“

    Zhuangzi

    Wer es versteht die Kraft des dao zu verstehen bummelt jenseits aller Unterscheidungen, er hat sein Ich verloren und ist ohne Wissen, Wollen und Haben.

    Urs Boeschenstein nach Zhuangzi

    Letztlich ist es doch gut, das das Tao nicht zu benutzen ist (Wie sagte doch Huizi zu Zhuangzi: Deine Lehre ist groß und nutzlos). Es ist etwas für Leute, die nicht auf Glück (Siehe Jullien – Abseits vom Glück) und Nutzen aus sind, die nicht lernen wollen, nicht mehr werden wollen, sondern weniger, wie Laotse es ausdrückte. Und das sind nunmal nicht viele.

  5. Peter Paul sagt:

    Tao ist die Tiefe (Raum oder Leere,dunkle Energie) die alles fließen läßt. Das immer fehlende Drittel der Erkenntnis oder Bewußtheit. Die für uns stets unfaßbare Wirklichkeit. Man könnte das Tao auch als die allem innewohnende Freiheit betrachten. Tao ist Sog und Quelle aller vorübergehenden Wirklichkeiten im Sichtbaren wie im Unsichtbaren. Es ist das Eine, das kein Zweites kennt ,aber alle Möglichkeiten in seinem stets offenen unendlichen inneren Prozeß enthält. Unendliche Teilung führt zu unendlichen Selbstorganisationen gleichzeitigen Zusammenstrebens. Das Tao das man nennen kann,ist nicht der wahre unendliche Weg der Wege. Die es wirklich kennen, reden nicht darüber,Wir ahnen es nur. Es ist keine Mode sondern das Fundament des Alls. Für uns ein Name, Gast der Wirklichkeit. Das meint Peter Paul.

  6. Giri sagt:

    Der Taoismus ist ja kein monolytischer Block, das war er von Anfang an nicht.
    Da gibt es die Lehren, die im Laozi geschildert werden, dann die Lehren von Zhuangzi (die ja durchaus in Teilen denen von Laozi zuwiderlaufen). Und sicher die deren Hauptinterpretatoren – Wang Bi (von denen das unselige Idee eines fast transzendenten Urgrundes stammt) und Guo Xiang (von dem es hiess, man wisse nicht ob Guo Xiang Zhuangzi interpretiere oder umgekehrt).
    Des weiteren gab es dann noch die Lehren der inneren Alchemie, die nochmal von vielen Hauptprinzipien von Laozi und Zhuangzi abweichen.
    Hier (also beim Thema Daoismus als Modeerscheinung) geht es aber noch um einen westlichen Synketismus aus Psychologie (die Bewusstwerdung fordert), New Age und daoistischen Ansätzen. Meiner Meinung hat das ja schon nicht allzuviel mit dem ursprünglichen Daoismus zu tun, widersprechen ihn wieder an vielen Punkten.

    Der ursprüngliche Daoismus war in der letzten Zeit sicher nie eine Mode, weil er so viel lehrt, was unsewrem Zeitgeist so dermaßen entgegengesetzt liegt. Seine Betonung des Nichtwillentlichen Handelns (Wei Wu Wei), des Nichtindividuelle, die Unterordnung unter das himmlische, kosmische, die Unwichtignehmen des Glücks und der Lobpreis des Faden, die Schwammigkeit der Lehren (es gibt ja eben keine Gebrauchsanweisung eines Tu das und das), die Ignoranz des Ichs, das „Sei einfach leer, das ist alles“, der Lobpreis des einfachen, des Unbewussten (während die Neuzeit doch Bewusstheit und Lernen predigt). Die Hauptansätze des Daoismus sind letztlich antikapitalistisch, eine Kunst des weniger und weniger, während doch die meisten Leute mehr und mehr wollen.
    Dieser Niedergang ist ja auch an den daoistischen Foren in Deutschland zu beobachten, das eine (Tao-Freunde-Forum) ganz verschwunden, das andere (taoismus.de) ist quasitot (es gibt es noch, aber mehr als spannende Textsammlung, es passiert nichts mehr. Das Interesse ist gemessen an anderen Bewegungen (man sehe sich in buddh. Foren oder Yogaforen um) doch sehr marginal).

    Andererseits scheint es Forschungen zu geben (Einerseits die Flowforschung – Ähnlichkeiten und Unterschiede sind schön in Edward Slingerland – „Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen geschildert“, andererseits in der Erforschung der Leere, wie sie z.B. Niels Birbaumer & Jörg Zittlau in „Denken wird überschätzt – Warum unser Gehirn die Leere liebt“ schildern, sind ja dann durchaus nicht so weit weg von daoistischem.

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