Doping 2

Ich konnte oft Menschengruppen bei der Einnahme einer gemeinsamen Mahlzeit dabei beobachten, wie etliche der Teilnehmer neben Messer und Gabel sorgfältig eine oder mehrere Pillenschachteln aufbauten. Soweit es sich bei den Versammelten um Angehörige der höheren Altersgruppe handelte, wäre die Einnahme von Medikamenten für Verdauung oder Blutdruck und Kreislauf verständlich, aber ziemlich oft – wie behutsame Fragen aufklärten – wurden Psychopharmaka eingeworfen, regulär verschrieben von fürsorglichen Hausärzten oder Spezialisten. Die Präparate schaffen Linderung, der Stress im Beruf wird erträglicher und niemand fragt seinen Arzt oder Apotheker nach Nebenwirkungen. Aber weitaus gefährlicher, weil chemisch nicht nachweisbar, ist geistiges Doping, die Beeinflussung des Fühlens und Denkens durch außenstehende Autoritäten.

Geistiges Doping beginnt bei den großen Religionen. Trotzdem herrscht dort unter den Gläubigen eine gewisse Liberalität – man bekennt sich zwar zu den Ideen, aber hält sich nicht buchstabengetreu an alle Regeln. Wer so unverkrampft als Katholik oder Buddhist lebt, macht sicher Gewinn aus dieser wenig zwanghaften Einstellung. Sie gibt ihm Halt, ohne ihn zu vergewaltigen oder ihm Fesseln anzulegen, die ihm den Atem rauben. Zum Dopingmittel werden Religionen erst dann, wenn ihre Anhänger glauben, die Vorgaben bis ins kleinste Detail buchstabengetreu aufs Strengste und Genaueste umsetzen zu müssen. Wenn sie zulassen, dass man Heilige oder Märtyrer aus ihnen macht. Deutlich gefährlicher sind militante Sekten. Sie öffnen ihre Türen den Verlierern und versprechen, aus ihnen Sieger zu machen, wenn nicht in dieser Welt, dann in einer imaginären jenseitigen, von der fantastische Bilder gezeichnet werden. Natürlich unter der Bedingung, dass die lebens- und genussfeindlichen Regeln der Sekte befolgt werden. Es findet Doping statt, das den Verführten auf der ganzen Ebene ihres Erfahrungshaushaltes einen absoluten Lustverzicht aufzwingt.

Während wir den kritischen Blick auf Sekten und esoterische Anbieter richten, übersehen wir leicht eine andere, für das Lebensglück der Betroffenen durchaus nicht weniger fatale mögliche Doping-Brutstätte: das Elternhaus nämlich. Lebensträume, Ziele, Visionen, die einem Elternteil versagt geblieben sind, soll die Tochter oder der Sohn stellvertretend verwirklichen. Vom ersten Lebensmonat an beginnt eine Einflussnahme, die niemals endet, solange die Eltern noch am Leben sind. Es wird beobachtet und quasi überwacht, wie die Hoffnungsträger die elterlichen Sehnsüchte verwirklichen. Selbst wenn ein junger Mensch für seine Zukunft andere Entscheidungen trifft, wird er ein Erwachsenenleben lang von einem Bedürfnis nach Leistung vorangetrieben, unter dem er insgeheim leidet, aber dessen Ursache er selten aufzuspüren versucht.

Gibt es Wege heraus aus den Spätfolgen kindlicher Doping-Schäden? Und wie ist es um Menschen bestellt, die in religiösen oder weltanschaulichen Zwangsjacken gefangen gehalten werden? Die von ehrgeizigen Eltern angerichteten Schäden – sofern sie nicht traumatisch sind – lassen sich bis zu einem gewissen Grad in einem Prozess selbstkritischer Erkenntnis via Selbstheilung reparieren. Aber das verlangt absolute Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und dann eben auch eine klare posthume Kritik am elterlichen Verhalten. Mit den Glaubensbindungen ist das freilich weniger einfach und auch weniger klar. Die verursachenden Autoritäten verschwinden im Hintergrund, weil sie die SACHE voranstellen. Und mit einer Sache zu argumentieren ist von vornherein hoffnungslos – man bekommt keine Antworten und eine Diskussion mit den Statthaltern der Sache bringt ebenso wenig, weil da nur die Standpunkte wiederholt und betont werden, denen man ohnedies bisher verfallen war. Freiheit von allem fremden Einfluss, egal, woher er kommen mag, erfordert einen sehr, sehr kritischen Verstand. Der nichts Gewohntes als selbstverständlich ansieht, der die eigenen Denkgewohnheiten, seine gesamten Denkmodelle, seine Lebensphilosophie gnadenlos unter die Lupe nimmt. Es ist ein harter Rundumschlag der Selbstbefreiung, der sich gegen sämtliche von anderen auferlegten Regeln und Vorschriften richtet. Wenn Sie bereit sind, alles, was man Ihnen zeitlebens zu glauben gelehrt hat, in Bausch und Bogen über Bord zu werfen, wird sich ein selbst organisierender Prozess der Befreiung einstellen. Und haben Sie keine Sorge, dass dabei auch wahre und richtige Inhalte auf der Strecke bleiben könnten. Die Wahrheit lässt sich durch den empfohlenen Befreiungsschlag nicht vertreiben – sie kehrt rasch und unversehrt zu Ihnen zurück.

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3 Antworten zu Doping 2

  1. Peter Kabosch (Cavos) sagt:

    Das sehe ich auch so, nur weiss ich nicht was ich dennoch in meine Kinder durch meinen Weg impliziert habe, auch weil ich bestimmt infiltriert bin/war – nicht so sehr aus dem Elternhaus, vielmehr durch die Umwelt.

    • Theo Fischer sagt:

      Hallo Peter Kabosch,
      Kindern Vorträge über die Lebensphilosophie des Tao halten, wäre purer Unsinn. Da gibt es ein einziges wirksames Rezept, und zwar jenes, das uns in der Natur grundsätzlich präsentiert wird: Vorleben! Dass junge Füchse oder Rehe automatisch das Verhalten der Elterntiere übernehmen, nennt man anwölfen. Also, lassen Sie Ihre Kinder durch angewandte Lebenskunst die Dinge ebenfalls anwölfen. Und halten Sie ihnen bitte keine Vorträge. TF

  2. Taononymus sagt:

    Hallo Theo und Peter,
    aus dem Blickwinkel eines Kindes von Eltern, die in vielen wichtigen Bereichen ihres Lebens so ziemlich das Gegenteil all dessen vorgelebt haben, was hier unter taoistischer Lebenskunst zusammen gefasst wird, kann ich noch beisteuern, dass eine solche Kindheit ebenfalls ein sehr wirksames, wenn auch nicht zur Nachahmung empfohlenes Mittel darstellt, jemanden zur Suche nach dem Weg anzuregen. Mangels Vorbild zum „Anwölfen“ gestaltet sich die Suche von einem solchen Ausgangspunkt aus eher langatmig und kräftezehrender als eigentlich nötig, ist dafür aber von umso größerer Motivation getragen.
    Für den „ganz normalen“ Familienhaushalt (soweit es sowas überhaupt gibt) würde ich aus meiner Erfahrung heraus jedoch ableiten, dass Kinder und Jugendliche sehr gute Fähigkeit haben, sich aus den von den Eltern angebotenen Verhaltensweisen das Tauglichste und Beste herauszusuchen und daran anzuknüpfen. Das ist für Eltern sicher kein Freibrief, gedankenlos und nachlässig mit ihren Kindern umzugehen, aber doch vielleicht ein Grund, sich zu entspannen und den Stress, „perfekte Eltern“ sein zu müssen, zu reduzieren.
    Noch zu dem Satz aus dem Artikel oben:

    Das klingt für mich sehr nach reiner Kopfarbeit, die man per Analyse und Willensakt ableisten kann ohne „Blut, Schweiß und Tränen“ vergießen zu müssen. Aber leider widerspricht das meiner eigenen Erfahrung, denn ich selbst habe „mit dem Kopf“ nie allzu große Fortschritte machen können. Bei mir tat und tut sich eigentlich immer erst was, wenn ein mehr oder weniger großer Leidensfaktor mit im Spiel ist. Beispielsweise bemerke ich meine eigenen unterschwelligen Erwartungshaltungen oft überhaupt erst dadurch, dass sie enttäuscht werden und habe dann erst einen Anhaltspunkt dafür dass hier etwas ist, das ich mir genauer anschauen sollte.
    Ich frage mich daher, ob es für Erwachsene, bei denen die Methoden des „Anwölfens“ ja nicht mehr greifen, noch irgendwelche anderen Lernmechanismen als „aus Schaden wird man klug“ gibt? Das oben zitierte „alles Gelernte über Bord werfen“ klingt nach Alternative, ist mir jedoch viel zu abstrakt um im Alltag damit etwas anfangen zu können. Aber vielleicht gibt es zwischen diesem Abstraktum und dem Alltag Brücken?
    Wünsche allen noch einen schönen Restsonntag,
    Taononymus

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