Erleuchtung

Eines Tages im Frühling erschien ein junger Mann vor dem Meister eines Zen-Klosters. „Was willst du?“ fragte der Meister
„Ich will erleuchtet werden“, antwortete der junge Mann. „Würdest du mich als Schüler annehmen?“
Der Meister hatte einen Stock in der Faust, mit dem er in einer Brühe für die Düngung des Gartens gerührt hatte. Er hielt den Stock empor und fragte barsch:
„Was halte ich hier in der Hand?“
„Einen Stock?“ antwortete der Befragte vorsichtig.
„Falsch“, knurrte der Meister.
„Es ist also kein Stock“, sagte der junge Mann, immer unsicherer werdend.
„Auch falsch“, schrie der Meister. „Bleib hier im Kloster und lerne, bis du die Antwort auf meine Frage findest.“
Der Schüler blieb einige Jahre in dem Kloster. Viele Stunden grübelte er über die Antwort auf die erste Herausforderung an seinen Geist, der er hier begegnet war. Doch er fand die Antwort nicht, und er sprach den Meister auch nie wieder darauf an. Eines Tages beschloss er, weiter zu ziehen und verließ das Kloster.
Zwölf Jahre später stand er wieder vor den Toren eben dieses Klosters. Der alte Meister von damals war noch im Amt. Der Mann, inzwischen nicht mehr so jung, ließ sich zu ihm führen.
„Zwölf Jahre bin ich nun von Kloster zu Kloster gewandert. Und immer habe ich Ihre erste Frage mit mir getragen und nach einer Lösung gesucht. Jetzt habe ich die Antwort gefunden. Darf ich Sie Ihnen sagen?
Der Meister runzelte die Stirn. „Was habe ich damals gefragt?“ erkundigte er sich.
„Sie hielten mir einen Stock entgegen und fragten: „was ist das?“
„Als ich ‚ein Stock’’ antwortete, sagten Sie, ‚falsch’. Dann sagte ich, ‚also ist es kein Stock’’, worauf Sie antworteten, dies sei ebenfalls verkehrt.“
Der Meister begann zu lachen. „Meine Güte“, rief er, „was habe ich damals für einen Unsinn geredet.“

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19 Antworten zu Erleuchtung

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  2. Taononymus sagt:

    Eine Frage zum Text:
    Ist das ein Zitat? Falls ja, von wem?
    Oder wurde die Geschichte von Theo Fischer verfaßt?

    Grüße,
    Taononymus

  3. Christoph Katz sagt:

    Es ist recht interessant, im Zusammenhang mit dieser Geschichte Koan 43 und Koan 44 des Mumonkan zu lesen.

  4. Chris sagt:

    Frei nach dem Motto: was interessiert mich das Geschwätz von gestern. Hi hi
    Nebenbei würde mich die Antwort, die der Mann angeblich gefunden hat, interessieren.

    • Theo Fischer sagt:

      Keine Ahnung, welche Antwort der Mönch gefunden hatte. Aber interessant wäre die Überlegung, wie er auf den Meister reagierte: Entweder entlädt sich spontan sein Frust über ein Jahrzehnt sinnlosen Grübelns, und er nimmt dem Meister den Stock weg, den der immer noch besitzt, und verpasst ihm eine ordentliche Tracht Prügel. Oder dem Mönch wird mit einem Schlag die Nutzlosigkeit der vergangenen Überlegungen bewusst, mit einem Mal verspürt er eine ungeheure Freiheit, er wirft dem Meister die Reisschale vor die Füße und marschiert davon, um sich eine Braut zu suchen. TF

  5. Chris sagt:

    Großartig!

  6. Heinz Christen sagt:

    Erleuchtung:Hat das etwas mit Erlöschung zu tun?
    Was kann da eigentlich erleuchtet werden? Mein Ich? Mein Selbst,Die Seele,mein Hirn,die Leber oder einfach Das was ich denke zu sein?

    Ein daoistischer Mönch hat mir mal gesagt: Hier kommen die Leute nicht zum lernen, sondernzum verlernen.(unlearn)
    Als ich vor einigen Jahren nach langer Suche in fremdsprachigen Buchläden in Nanning
    eine mich ansprechende Übersetzung des Dschuang Zu gefunden,gekauft und nach Hause gebracht habe,schien meine Frau erleichtert:
    „Gut hast du gefunden wonach du gesucht hast.Aber-Daoismus ist nicht etwas das man studiert,es ist etwa das man versucht zu leben.“
    (Nicht gerade erleuchtend,aber immerhin beleuchtend)
    Gruss…Heinz

  7. Chris sagt:

    Ich meine, das Wort Erleuchtung kommt von „einem ein Licht aufgehen“, etwas erkennen bzw. sehen, dessen man vorher nicht gewahr war.
    Zu der Sache mit dem Verlernen, empfehle ich die Publikation von TF am 08.09.11 zu lesen „Von Hunden und Menschen“.

  8. Christoph Katz sagt:

    Erleuchtung.

    Die Schwester meiner Schwägerin fragte mich einmal, ob ich erleuchtet sei. Wenn ich diese Frage mit „Ja“ beantwortet hätte…

    ——————————————————————————

    Lieber Tan,
    leider ist Dein Eintrag, der den obigen intuitiv so schön und treffend kommentiert hatte, wie auch der meine, am Freitag durch ein technisches Problem gelöscht worden. Schade!

    Ich grüsse Dich!

    🙂

    • Tan sagt:

      Frage an Pater Kapleau:

      Frage: Sind Sie erleuchtet?
      Antwort:
      Wenn ich „Ja“ sage, werden die, die verstehen in Abscheu weggehen.
      Wenn ich „Nein“ sage, werden die, die nicht verstehen enttäuscht weggehen.
      ————
      Ich schreibs in meinen Worten.

      Der, der getrennte Personen sieht, sieht eine erleuchtete Person.
      Der, der Ganzheit sieht, sieht Erleuchtung überall und niemandem gehörig.
      … und das dies schon immer so war.

      Grüsse
      Tan

  9. Chris sagt:

    Was wäre dann gewesen Christoph, wenn du die Frage der Schwester deiner Schwägerin mit ja beantwortet hättest?
    Davon abgesehen, glaubst du, du bist erleuchtet? Was macht dich da so sicher?

  10. Christoph Katz sagt:

    Chris du stellst mir die gleiche Frage wie meine Bekannte. Ich habe ihr diese Frage damals nicht beantwortet. Ich bin der Ansicht (ich betone: das ist meine persönliche Ansicht), dass es unangemessen ist, nach Erleuchtung zu fragen, und genauso unangemessen, darauf zu antworten.

    Ich halte es grundsätzlich für nicht ganz unproblematisch, über Dinge wie den Taosimus, das „Buch der Wandlungen“ oder die Zen-Philosophie zu sprechen, oder eben Erleuchtung, und ich habe mich diesbezüglich in meinem Bekanntenkreis in den vergangenen zehn Jahren fast vollkommen bedeckt gehalten. Dieser Blog ist, abgesehen von meinen Amazon-Rezensionen, die erste, einzige Gelegenheit, mich über meine Spiritualität mitzuteilen. Ein Gefühl des Unbehagens bleibt, selbst wenn ich hier unter Gleichgesinnten bin, und wenn dieses Unbehagen sich noch verstärken sollte, werde ich mich dementsprechend verhalten.

    Man sollte „darüber“ im Grunde nicht reden. TF hat dies in seiner Einleitung zu „Wu Wei“ angesprochen, auch Laotse sprach es aus. „Wer weiss, redet nicht, wer redet, weiss nicht“. Ich halte es für nicht ganz ausgeschlossen, dass das ungeheuer Wertvolle, um das es in diesem Blog geht (und ich hoffe, das wird nicht passieren), eines Tages von den Fluten eines Laber-Tsunamis weggeschwemmt wird, was ausgesprochen bedauerlich wäre.

    Um auf das Obige mit meiner Bekannten zurückzukommen – ich wollte damit diese eben geschilderte Problematik andeuten. Chris du hast das nicht ganz verstanden. Es geht nicht darum, um Christoph Katz aus X im Schwarzwald erleuchtet ist oder nicht. Darum geht es (mir) nicht.

  11. Chris sagt:

    Interessante Ansicht, Christoph. Im Grunde bin ich deiner Meinung, von wegen nicht darüber zu reden. Ich denke aber, das bezieht sich mehr aufs Missionieren (wie es Religionen tun). Aber wenn mich jemand fragt und auf der Suche und offen ist, sollte man eine Ausnahme machen. Ich bin überaus glücklich darüber, dass TF über den Taoismus spricht und ihn verbreitet, denn auch ich war ein Suchender und habe so meinen Weg gefunden.

  12. Christoph Katz sagt:

    Es isr schön und richtig, was Du schreibst, Chris, und ich sage mal in diesem Zusammenhang, dass uns tatsächlich, in aller Bescheidenheit bemerkt, das eine oder andere „Licht“ aufgegangen ist, wie Du es weiter oben schon ausgedrückt hast. Wie weit wir von „Erleuchtung“ entfernt sein mögen ist doch für unsere Bewährung im Alltag, wenn wir versuchen, ihn (nach unseren Möglichkeiten) nach den Prinzipien des Tao zu gestalten, weniger wichtig.

    Gruss an Dich,
    Christoph

  13. Chris sagt:

    Da stimme ich Dir voll und ganz zu Christoph, es ist völlig unwichtig, den Grad der Erleuchtung zu benennen.
    Übrigens, ich sehe keine Gefahr, dass „der Blog hier von Fluten eines Laber-Tsunamis weggeschwemmt“ wird. Entsprechende Personen werden sich hier nicht einfinden bzw. sich hier nicht wohl fühlen, da sie sich in einem anderen Bewußtsein befinden.
    Ich habe ähnliche Erfahrungen mit meinem Bekanntenkreis wie Du. Ich sah und sehe, dass DER WEG ziemlich einsam machen kann und ist. Ich nehme das an und gehe ihn – ich kann gar nicht mehr anders.
    Ich fände es toll, wenn Du Dich hier wohl fühlen könntest. Was ist nötig, damit Du Dein Unbehagen bezüglich diese Blogs verlierst?
    Herzliche Grüße in den Schwarzwald an Dich Christoph

  14. Christoph Katz sagt:

    Lieber Chris,
    Ich danke Dir für diesen von tiefster Empathie geprägten Kommentar, ja, man fühlt sich als Taoist manches Mal einsam, wie zum Beispiel Han Shan vom Kalten Berg, aber trotzdem weiss man sich einer Gemeinschaft mit Gleichen verbunden, auch wenn diese Gemeinschaft nicht so offensichtlich ist, nicht so unmittelbar erscheint, wie man sie sich in einsamen Momenten ersehnt.

    Ein herzlicher Gruss an Dich… und die anderen unserer Gemeinschaft…!!!

  15. Christoph Katz sagt:

    Kleiner Nachtrag.

    Möge der Blog tatsächlich frei bleiben von kleinen philosophischen Geistern, deren eitle Intention es ist, die Menschen mit ihren Spitzfindigkeiten zu verwirren, möge es nach dem Motto des Blog gelingen, das Tao vor seinen Interpreten zu retten…

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