Innenschau

Du bist allein im Raum, um dich her die vertrauten, alltäglichen Gegenstände und Abmessungen. Du spürst deinen Körper, weil du ihn dir für einen Moment bewusst machst. Du hebst den Arm, betrachtest die Hand und überlässt dich dem seltsamen, ungewohnten Gefühl, dass du, eines der Wesen der Gattung, die sich den Namen Mensch gegeben hat, hier stehst und zu spüren versuchst, was der Vorgang bedeutet, der soeben in diesem Raum stattfindet. Es ist nichts Besonderes, nichts Spektakuläres wie ein Vulkanausbruch oder eine Flutwelle – es ist einfach Vorhandensein, Da-Sein. Aber irgendwie spürst du in diesen Momenten, dass dieses Vorhandensein doch eigentlich einen bestimmten Sinn haben sollte. Nicht, dass du von einem Auftrag phantasierst, der dir von höherer Macht erteilt wurde und den herauszufinden deine Pflicht und lebenslange Aufgabe wäre. Du versuchst, während du dort noch am selben Platz verweilst, wo vorhin deine Gedanken, dein Hineinhorchen in die Ursprünge des Lebens begannen, mehr Gespür für etwas zu bekommen, dessen Stattfinden und dessen Unerklärbarkeit dir mehr als sonst bewusst wird. Und dann stellt sich sanft und leise ein unbeschreibliches Gefühl ein. Dein Denken schweigt und du fühlst, wie unversehens etwas Ursprüngliches dich berührt. Und dieses Fühlen, dessen stärkste Eigenschaft seine Unerklärbarkeit ist, lässt dich zugleich ahnen, dass du in diesen Sekunden die Allgegenwart berührst, in der sich im Jetzt alle Zeiten vom Beginn der Dinge an vereinen. Vielleicht gleicht die Erfahrung ein wenig der Erinnerung an die Kindheit, aber eine Kindheit, die Jahrmillionen zurück liegt.

Wenn ein fallender Stein Bewusstsein hätte,
würde er die Gravitation für seinen Willen halten.
( Schopenhauer)

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8 Antworten zu Innenschau

  1. Lieber Herr Fischer

    Ja, brillant ausgedrückt…; aber eine Kindheit, die Jahrmillionen zurück liegt.

    Es gibt eine kleine Geschichte des Lebens, deren Tiefe mich fasziniert….: Ja, so einfach ist sie, die Geschichte des Lebens…

    Ein kleines Kind hat sich vorgenommen, rechtzeitig zum Geburtstag seiner Mami ein Bild von einem Haus zu malen. In seiner Vorstellung hat das Mädchen das Haus schon fertig gemalt…; sie weiß ganz genau, wie es aussehen wird, bis hin zu den kleinsten Einzelheiten…; sie muss es nur noch auf Papier bringen…

    Sie holt den Farbkasten, den Pinsel und einen Lappen hervor und macht sich voller Begeisterung und Freude ans Werk. Ihre ganze Aufmerksamkeit und allen Fleiß konzentriert sie auf das, was sie tut…; nichts kann sie von der Arbeit, die vor ihr liegt, abhalten…

    Das Bild wird rechtzeitig zum Geburtstag fertig. So gut sie nur konnte, hat sie ihre Vorstellung von einem Haus Gestalt werden lassen. Es ist ein Kunstwerk, denn es ist alles ganz von ihr; jeden Pinselstrich hat sie aus Liebe zu ihrer Mutter gemacht, jedes Fenster, jede Tür gemalt voller Überzeugung, dass es genau an dieser Stelle zu sein habe… Selbst wenn das Ganze aussieht wie ein Heuschober, ist es das vollkommenste Haus, das je gemalt wurde…: Es ist gelungen, weil die kleine Künstlerin Herz und Seele, ja ihr ganzes Wesen hinein gelegt hat…!

    Das ist Gesundheit…; das ist Erfolg und Glück und echter Dienst…: Dienen durch Liebe in vollendeter Freiheit auf unsere eigene Weise…!

    So kommen wir in diese Welt: Wir wissen, welches Bild wir zu malen haben; den Weg durchs Leben haben wir bereits ausgearbeitet und alles, was uns noch zu tun bleibt, ist, ihm materielle Gestalt zu geben. Voll Freude und Interesse gehen wir los, konzentrieren alle unsere Aufmerksamkeit auf die Vervollkommnung jenes Bildes und übertragen nach bestem Vermögen unsere Gedanken und Ziele in das physische Leben, in die Umgebung, die wir uns gewählt haben…

    Dann, wenn wir von Anfang bis Ende ganz unseren Idealen und unseren ureigenen Plänen mit aller Kraft folgen, die wir besitzen, dann gibt es kein Versagen und unser Leben ist ein gewaltiger Erfolg geworden; gesund und glücklich… und diese Schwingung strahlt unweigerlich auf unsere Umwelt aus; das ist echter Dienst…!

    Diese gleiche „kleine Geschichte“ der kleinen Malerin wird uns aber auch illustrieren, wie – wenn wir es zulassen – die Schwierigkeiten des Lebens jenen Erfolg, die Glückseligkeit und die Gesundheit durchkreuzen und uns von unserem Ziel abbringen…

    Das Kind mal fleißig und glücklich, als jemand hereinkommt und sagt…:

    Warum malst du nicht hierhin noch ein Fenster, und dort eine Türe…; der Garten sollte natürlich auf dieser Seite sein…

    Die Folge wird sein, dass das Kind sein Interesse an der Arbeit völlig verliert. Vielleicht malt es weiter, aber nun bringt es nur noch die Vorstellung eines anderen Menschen zu Papier…

    Vielleicht wird es mürrisch, gereizt, verärgert, unglücklich, vielleicht traut es sich nicht, jene Vorschläge abzuweisen…

    Vielleicht fängt es an, die Freude an seinem Bild zu verlieren, es allmählich zu hassen und womöglich gar zu zerreisen, je nach der Art des Kindes wird seine Reaktion ausfallen…

    Am Ende wird das Bild vielleicht ein erkennbares Haus zeigen, aber es ist ein unvollkommenes und misslungenes Haus, weil es die Deutung der Gedanken eines anderen darstellt und nicht die Vorstellung des Kindes…!

    Es hat keinen Wert als Geburtstagsgeschenk, weil es vielleicht nicht rechzeitig fertig geworden ist und die Mutter noch ein Jahr zu warten hat, bis sie ihr Geschenk erhält…

    Das ist Krankheit…: Die Reaktion auf Störung…! Das ist „vorübergehendes“ Scheitern und Unglücklichsein und es tritt ein, wenn wir es zulassen, dass andere Menschen sich in unseren Lebenssinn einmischen und Zweifel in unserem Denken säen oder Angst und Gleichgültigkeit…

    Herzlichst, Ihr
    Albrecht Lauener

    • gitti sagt:

      Lieber Herr Lauener!
      Danke für Ihre schöne Geschichte,die mich zum richtigen Zeitpunkt erreicht hat.Das Problem ist,die Welt ist wie sie ist, also keine heile Welt. Diesen inneren Raum zu beschützen ist mir seit geraumer Zeit sehr viel wert. Ich stoße immer wieder auf Widerstand, wenn ich mein ureigenstes Leben lebe und das schmerzt.
      Dabei hebt sich mein Leben nicht besonders ab von den Anderen, aber mit einer unabhängigen Ausstrahlung können wenig Menschen etwas anfangen.
      liebe grüße gitti

      • Liebe Gitti

        Ja, wie recht Sie haben mit Ihrer Äusserung: Aber mit einer unabhängigen Ausstrahlung können wenig Menschen etwas anfangen…

        Das kenne ich aus meinem eigenen Leben… Folgen Sie trotzdem Ihrem Innersten und erkennen Sie:

        Wenn die Innere Stimme spricht, zögere nicht! Tue ruhig, was sie sagt, tu es fest und unverzagt! Nicht was der Verstand gebracht, hat je glücklich uns gemacht. Nur aus tiefstem Seelengrund, wird uns wahre Weisheit kund!

        Ich wünsche Ihnen weiter eine freude- und lichtvolle Wegstrecke…; verkörpern Sie Ihren Weg… Mit herzlichen Grüssen, Albrecht Lauener

    • Taononymus sagt:

      Hallo Herr Lauener,

      dieses Korrigieren, Dreinreden und „Verbessern“, was Sie da in ihrer Geschichte von der der kleinen Malerin so treffend als Krankheit und Störung bezeichnen, ist leider nichts anderes als das, was Eltern ihren Kindern in der großen Mehrzahl als sogenannte Erziehung „angedeihen“ lassen. Ausnahmen gibt es natürlich immer, nur leider ändern sie nicht viel am traurigen Gesamtbild.

      Die weitaus meisten Kindern stehen von Geburt an unter dem prägenden Einfluß von Menschen die von der Unvollkommenheit, Korrekturbedürftigkeit und Unfähigkeit des neugeborenen Wesens so tief überzeugt sind, dass ihnen meistens noch nicht einmal bewußt ist, was sie ihm im Namen der Erziehung, Fürsorge und Elternliebe antun.
      Für den so „erzogenen“ Menschen ist das daraus resultierende Scheitern und Unglücklichsein leider mehr als nur vorübergehend, denn die Fähigkeit, Einmischungen von außen abzuweisen, ist ihm ja von Geburt an mit viel Aufwand aberzogen worden.

      Mir fällt dazu die Analogie vom erwachsenen Arbeitselefanten ein, der sich von einem relativ dünnen Seil, das er jederzeit leicht durchreißen könnte, an einem Baum anbinden läßt. Begründung: der Elefant wurde schon als Junges mit diesem Seil angebunden und damals konnte er sich mangels ausreichender Kräfte nicht befreien. Und dieses Scheitern brennt sich ihm für den Rest des Lebens so tief in die Elefantenpsyche ein, dass er als Erwachsener nicht einmal mehr auf die Idee kommt, es erneut zu versuchen. Es erübrigt sich fast, zu erwähnen, dass kein Wildelefant jemals auch nur Sekunden zögern würde, sich von solch einem Seil zu befreien.

      Klar, das ist nur eine Analogie und Menschen mögen mehr Entwicklungsmöglichkeiten haben als Elefanten… zu hoffen und zu wünschen ist es auf jeden Fall 🙂

      Viele Grüße,
      Taononymus

  2. Christoph Katz sagt:

    Herr Fischer – Ihr Beitrag „Innenschau“ sollte mit keinem Wort kommentiert werden, einfach nur so da stehen – und wirken…

    Herr Lauener, kennen Sie Dschuang Dses Geschichte vom „Ursuppenkloß“? Hier für Sie (und alle anderen) die kaum bekannte Übertragung von Vinzenz Hundhausen:

    DER TOD DES UNBEWUSSTEN

    Der Vielgewandte war des Südmeers Herr,
    Der Ungestüme war des Nordmeers Herr,
    Der Unbewusste war der Herr der Mitte.
    Weil sie zuhause niemals Musse fanden,
    Begegneten bisweilen sich die Schritte
    Des Ungestümen und des Vielgewandten
    Im Reich des Unbewussten, der das Paar
    Stets gastlich aufnahm und sehr freundlich war.
    Der Vielgewandte sprach zum Ungestümen
    Drum eines Tags: „Mein Freund, es wird uns ziemen
    Dem Unbewussten dankbar uns zu zeigen.
    Sind nicht Nase, Augen, Mund und Ohren
    Den Menschen sieben Öffnungen zu eigen
    Zum Riechen, Sehen, Hören und zum Essen?
    Bei diesem Ärmsten sind sie ganz vergessen!
    Wir wollen ihm die sieben Löcher bohren!“
    So bohrten sie ein Loch ihm jeden Tag, –
    Bis er am siebten Tage tot dalag.

    (Und in diesem Zusammenhang natürlich auch das uns bekannte Bild vom unbehauenen Klotz…)

    Viele Grüsse!

  3. Katharina sagt:

    Heute, da die Konditionierungen von einst in mir sprachen, mein Intuitives störten und mich im Weiteren sehr schlecht fühlen ließen, stieß ich auf „Innenschau“ und die Geschichte von Herrn Lauener. Ich bin weitaus ruhiger nun und spüre wieder „Verbindung“ zum Tao. Inniger Dank!

  4. Taononymus sagt:

    Hallo Herr Fischer,

    die für mich wertvollste der vielen guten Seiten Ihres Ausgangstextes „Innenschau“ ist, dass er hilft, den Fesseln von Erziehung und Prägung ein Schnippchen zu schlagen und für Augenblicke an all dem Sperrmüll der Erfahrungen vorbeizutauchen, hinein in unsere wahre Natur.

    Und das „ganz einfach“ so, wie wir jetzt und heute sind, ohne vorherige jahrelange Vorbereitungen, Übungen, Therapien oder sonstige „Exerzitien“.

    Danke 🙂

    Viele Grüße ins Piemont,
    Taononymus

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