Intelligenz

Intelligenz ist das feingestimmte Gewahrsein der Totalität des Lebens. Des Lebens mit seinen Problemen, Widersprüchen, seinen Leiden und Freuden. Sich all dessen bewusst zu sein, ohne Wahl und ohne an einem seiner Probleme hängen zu bleiben, sich dem Fluss der Ganzheit des Lebens zu überlassen – das ist Intelligenz.
Krishnamurti, Das Notizbuch S. 96

In unserer Gesellschaft wird Intelligenz mit Hilfe des IQ, des Intelligenzquotienten gemessen. Da gibt es Tests, in denen die Versuchspersonen ihre Intelligenz dadurch beweisen, dass sie logische Zusammenhänge in den Aufgaben erkennen und sie einander zuordnen. Jede der Lösungen hat einen Wert und die Summe aller Antworten ergibt dann diesen Intelligenzquotienten. Dieser Wert kann unter 100 liegen, aber im Extremfall auch bis zu einer Zahl von 130 steigen. Wie immer er ausfällt, es wird hier die menschliche Fähigkeit zum logischen Denken und Kombinieren gemessen. Dieser IQ erscheint mir Welten von dem entfernt zu sein, was Krishnamurti zum Thema Intelligenz zu sagen hat. Im Gegensatz zur westlichen Definition messbarer Intelligenz lässt sich seine Formel (wenn ich sie so nennen darf) in kein nachrechenbares Schema pressen.

Problematisch wird die Aufgabe, wenn gefordert wird, Intelligenz aus der Sicht der taoistischen Philosophie zu erklären. Die Intelligenz, die in den alten Schriften erwähnt wird, ist die Intelligenz des Grundes der Dinge selbst. Sie ist umfassend, universal und kann unmöglich mit Hilfe einer Meßlatte bewertet werden. Der Mensch des Weges hat begriffen, dass er selbst mit diesem maßlos intelligenten Grund identisch ist, und dieser Grund sich durch ihn, seine Sinne und sein Bewusstsein realisiert. Ein Mensch des Tao mag von seiner Ausbildung oder Hirnstruktur her nicht unbedingt eine besonders hohe Punktzahl auf der IQ-Skala erreichen – das Maß der echten, durch ihn wirkenden Intelligenz bestimmt etwas anderes: nämlich, in welchem Umfang er begriffen und gelernt hat, die Intelligenz des universalen Grundes in sich bei allem, was er denkt, tut und fühlt zur Auswirkung kommen zu lassen. Mit anderen Worten: der Mensch des Tao ist offen für die Intelligenz, die aus einer anderen kosmischen Dimension zu ihm kommt – und er macht von diesem Geschenk des Tao kontinuierlich im täglichen Leben Gebrauch. Da braucht es dann keine erhabenen Sätze, welche diese Intelligenz beschreiben – einfach, weil sie da ist und wirkt und keine Skala nötig hat, die nachmisst, in welchem Grade der betreffende Mensch des Weges sie umsetzt.

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10 Antworten zu Intelligenz

  1. Sittingfool sagt:

    Lieber Theo Fischer,
    ich glaube, es ist ein sehr guter Ansatz, sich dem Wunder des wu-wei über den Begriff einer höheren, allem innewohnenden Intelligenz zu nähern. (Mir persönlich ist allerdings Krishnamurti ein befremdender Zeuge dessen).
    Interessant ist, dass der Glaube an diese Intelligenz und der daraus resultierende Entschluss „Hingabe und Nichthandeln“ auch in anderen Philosophien/Religionen auftauchen.
    So spielt, habe ich mir sagen lassen, in der christlichen Mystik der Satz aus dem Vater unser – dein Wille geschehe (und es ist der Wille zum Guten) – eine zentrale Rolle.
    Und in den Verhaltensregeln sich selbst und anderen gegenüber, die Patanjali (möglicherweise ein ungefährer Zeitgenosse von Laotse, Buddha, Sokrates – was für eine Zeit!) geschrieben hat, findet sich der Satz: „Wenn man im Nicht-Stehlen fest gegründet ist, kommen einem alle Schätze von selbst zu.“ (Yogasutras 2/37). Das atmet den gleichen Geist.

  2. Matthias sagt:

    Guten Abend!

    „Intelligenz“ ist zunächst einmal nichts anderes als ein psychologisch-wissenschaftliches Konzept. Nicht nur böse Zungen behaupten, dass Intelligenz das sei, was der jeweilige Intelligenztest misst. Die IQs, die durch solche Tests ermittelt werden, sind so unterschiedlich und im Grunde genauso willkürlich wie die Temperaturskalen von Celsius und Fahrenheit. Dennoch ist „der IQ“ ein wichtiges Vergleichs- und Selektionskriterium.
    Dass das ursprünglich auf kognitive Funktionen beschränkte Intelligenzkonzept inzwischen durch andere „Intelligenzen“ (emotionale, souiale, praktische, etc.) ergänzt wurde, macht die Sache nicht besser.

    Insofern erscheint mir der Versuch Krishnamurtis, den Intelligenzbegriff aus seiner Einengung zu befreien, als ehrenwert aber ungeeignet.
    Der Geschmack, den Krishnamurtis und Theo Fischers Anmerkungen bei mir hervorrufen, lässt mir ein anderes Wort geeigneter zur Bezeichnung des Beschriebenen erscheinen: Weisheit.

    Herzliche Grüße,
    Matthias

    • Stefan sagt:

      Hallo,

      Matthias, das ist wirklich eine sehr treffende Antwort von Ihnen.
      Bei diesen Betrachtungen merke ich immer wie uneindeutig viele Begriffe sind.
      Vielleicht liegt hier auch ein Problem der Übersetzung vor, wurde der Begriff „Intelligent“ vielleicht nur falsch gewählt oder in den falschen Zusammenhang gestellt?

      Viele Grüße,
      Stefan

  3. thomas sagt:

    die Tatsache, dass Intelligenz oft zum Schaden anderer Menschen eingesetzt wird und auch viele Diktatoren und Betrüger „intelligent“ sind, zeigt, dass diese Fähigkeit keinesfalls „per se“ gut ist. Eine Wettbewerbsgesellschaft, die immer nur einen „Sieger“ und viele „Verlierer“ kennt, braucht mit ihrer eindimensionalen, reduzierten „Logik“ auch ein simples Ordnungssystem (IQ-Test), dass keine kritische Hinterfragung gebrauchen kann.
    Die alten Meister des Taoismus haben eine der größten Leistungen der menschlichen Zivilisationsgeschichte vollbracht und viele wertvolle Gedanken und Handlungsanleitungen überliefert. Würden sie selbst so weit gehen, zu behaupten, dass ihre Lehren abschließend und endgültig sind und damit die weitere Entwicklung von Mensch und Gesellschaft nur vergeudete Zeit? Ich denke, dass der Taoismus in seinem Wesenskern kein Ende des Wachstums kennt und daher auch die ihm nachfolgenden Entwicklungen, Erfahrungen und Irrtümer des menschlichen Werdeganges bis in die heutige Zeit integrieren und einbeziehen würde. Was bedeutet dies konkret?
    Die Glaubwürdigkeit einer geistigen Haltung hängt ab von ihrer Aufgeschlossenheit und der ist jeder Absolutismus fremd. Der Taoismus ist ein wirkungsmächtiges Mittel für das eigene Wachstum, dass sich unaufgeregt zu den anderen, später entwickelten Erkenntnissen über den Menschen hinzugesellen würde. Es ist nicht das einzige, sondern nur ein (wenn auch wichtiges) Element von vielen, die dabei Helfen, sich in der heutige modernen Lebenswelt zurecht zu finden.

    • gitti sagt:

      Krishnamurti meinte mit Intelligenz sicher Weisheit. Das Wort Weisheit hinterläßt oft auch so einen erhabenen, abgeklärten Eindruck. Jedoch im Alltag mit dem Grund der Dinge verbunden zu sein und das Wissen (Bildung) zum Diener zu haben und nicht zum Herrn ( wie das heute so oft passiert), erscheint mir das Richtige.Diese Intelligenz, Weisheit, Tao, Urgrund des Wissens…zu ergründen ist einer der sinnvollsten Tätigkeiten in Verbindung mit dem Alltäglichen.
      Liebe Grüße an Alle Gitti

      • Thomas sagt:

        Ich denke, dass man an der Diskussion sieht: Bereits die Begriffe, die wir kennen und gebrauchen, taugen wenig, bzw. stellen sich einem anderen, neuen Verständnis entgegen. Unser Denken und Fühlen wird durch Sprache etikettiert, gelenkt und oft auch manipuliert. Taoistische Aufmerksamkeit bedeutet dann vielleicht auch, gegenüber Sprache bewusst und kritisch zu sein, was schwierig ist, denn wie ein Fluidum ist sie überall und nirgends. Sie ist mächtig, aber man spürt diese Macht nicht. Intelligenz und Weisheit sind Begriffe aus dieser Sprache mit denen wir bestimmte Erwartungen, aber auch Klischees verbinden.
        Die „Weisheit“ des Tao, ist die Weisheit des Lebens selbst. Wir haben alle eine Idee vom Leben, die unser Intellekt erfunden hat. Wir sehen einen Weg und scheitern doch schon beim ersten Schritt, ohne zu erkennen, dass das Leben offensichtlich „intelligenter“ ist, weil es bessere Ergebnisse produziert. Dabei setzt Intellekt einen Denkvorgang voraus, den die Natur nicht haben kann.
        So verheddern wir uns zwischen den Begriffen und erkennen nicht, dass sie genauso untauglich sind, wie unser gesamtes Denken, das oft nur ein korrupter, gefälliger Sekundant ist, der sich geschickt als das Leben selbst ausgibt. Dann ist das Denken mit seinem buckligen Gehilfen (der Sprache) ein Betrüger, den es zu überführen gilt…

  4. JE sagt:

    – Wunderbare Kommentare! Vielen Dank.

    Beim Lesen entstand bei mir folgender kleiner Vers:

    Intelligenz – Weisheit sind nur Worte.
    Sie zu erfassen, ist mehr als nur das Wort.

    Herzliche Grüße
    JE

  5. lorenzvg von Gottberg sagt:

    Intelligenz – Weisheit
    Worte!
    Gefühl – Verstand
    Kann ich Gefühle verstehen?
    Wie intelligent ist ein Text?
    Was dringt aus der Tiefe meines Seins an die Oberfläche und etabliert sich eben da als schöne, bewundernswerte Blume, in Formkraft und Farbsymphonie, in strömenden Düften nicht zu übertreffen – bis zum nächsten Wunder aus der Tiefe meines Seins.
    Intelligenz?
    Weisheit?
    WUWEI!
    So geschieht es.
    Immer wieder.
    Und jeden Tag mehr.
    Lorenz

  6. thomas sagt:

    das Tao oder die Gelassenheit/Unvoreingenommenheit

    http://www.youtube.com/watch?v=2XlJmew2lK4

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