Karneval

Karneval auf la Costa

Panem et circensis – „Gebt dem Volk Brot und Spiele“ lautete einst im alten Rom die Parole der Cäsaren. Dass zu den Spielen in den Arenen auch arme Sünder als Gladiatoren um ihr Leben kämpfen mussten und bei jeder Gelegenheit gekreuzigt wurde, verschweigt des Sängers Höflichkeit. Heute ist der Karneval auf der einen Seite das Rudiment abergläubischer Volksbräuche, mit denen zum Ende des Winters die bösen Geister samt dem Teufel vertrieben werden sollten, auf der anderen Seite aber genau eines jener Mittel, das geplagte, vielfach geschundene Volk bei Laune zu halten. In den närrischen Tagen kann man sich endlich einmal wieder so richtig ausleben, als ob es keine Sorgen gäbe, man vergisst bis zum Aschermittwoch, wo der Schuh drückt. Und das ist gut so. Die Lebensprobleme verschwinden dadurch zwar nicht, aber man vertreibt sie durch das Eintauchen in den Rausch kollektiver Fröhlichkeit für eine kurze Zeit. Ich halte den Fasching für eine gute Sache. Zumal durch das Medium der Umzüge dem Volk auch viel Freiraum für Zeitkritik eingeräumt wird, wo man oft auch übertrieben deutlich seine Meinung sagen darf, ohne dafür gleich wegen Beleidigung von einem Obermotz verklagt zu werden. Doch dann kommt der Aschermittwoch – Asche aufs mutwillige Haupt und zurück in die Tristesse des individuellen Lebens. Doch überlegen wir mal – wie wäre es denn damit: Dass Sie und ich uns absolut unabhängig von öffentlich legitimierter kollektiver Fröhlichkeit ganz und gar individuell von Zeit zu Zeit einen eigenen Karneval gönnen? Und zwar einfach dadurch, dass wir uns für, sagen wir, eine Woche oder auf jeden Fall etliche aufeinander folgende Tage eine Auszeit von unseren Alltagsproblemen nehmen und hintereinander weg ein paar verrückte Dinge tun? Dinge tun, die wir normalerweise vorsorglich unterlassen würden? Ich habe zum Beispiel neulich als Mittel gegen Traurigkeit einen absolut hässlichen Schlangenkaktus gekauft. Der Verkäufer nannte ihn „tote Katze“ und man hatte ihn bei Einbruch der Kältewelle bei den winterresistenten Pflanzen einfach zum Sterben im Freien gelassen. Ich nahm ihn nach Hause, verpasste ihm ein warmes Fußbad und gab ihm einen schönen, hellen und kühlen Platz zum Überwintern. Und wenn der Frühling kommt, darf er zu mir in mein Arbeitszimmer umziehen, wo ich ihn durch liebevolle Pflege trotz seiner Hässlichkeit meiner Zuneigung versichere. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Diese private Karneval-Auszeit muss keine spektakulären Aktionen beinhalten, keiner soll da über Nacht nach Venedig reisen oder eine Woche lang gegen Atommülltransporte demonstrieren. Es sind im Gegenteil die kleinen, aber ungewöhnlichen Dinge, die uns diese Fröhlichkeit bescheren, so ähnlich, als ob wir an einem Maskenball teilnähmen. Was Sie tun, bleibt Ihrer Phantasie und Ihren spontanen Einfällen überlassen. Diese werden sich von dem Moment an unwillkürlich einstellen, wenn Sie die Bremsen Ihrer rationalen Vernunft ein wenig lockern. Lassen Sie mich mit einer symbolischen Idee schließen: Im Dreiländereck Frankreich Deutschland Schweiz verlängern sie den Fasching, indem sie nach Aschermittwoch nach Basel gehen, wo in einer der kommenden Nächte der Lällenkönig über den Rhein geschafft werden muss. Schaffen Sie sich Ihren eigenen Lällenkönig und ziehen Sie ihn irgendwo an Land.

P.S. bevor es zu einem allgemeinen Aufschrei aller Tierschützer kommt – wir haben unsere Tiere NICHT kostümiert. Eine liebe Freundin hat das Bild montiert.

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2 Antworten zu Karneval

  1. Ich habe Sie heute aus Neu-gier gesucht und mich sehr gefreut, Sie hier zu finden.
    Das Leben ist kurz und wir haben nur ein Einziges.
    1992 habe ich Ihr „Wu wei“ gelesen und heute nach verdammt langer Zeit, wie auch „Reife- Schlüssel zum Glück“ wieder mal reingeschaut.
    Lange Zeit meinesLebens war ich auf der Suche, damals war das mein Anfang, mit Kind allein, anstrengender aber befriedigender Beruf, Existenzängste etc.
    Jetzt werde ich 78 im Sommer und bin mittlerweile so, dass ich mich als sehr glücklicher Mensch sehe.Bei der Philosophie gelandet, Sokrates, Epikur versuche ich zu leben. Ja , der Glaube, der, an sich selbst, kann Berge versetzen.Und ein bißchen „Karneval“ gehört im Leben immer dazu.
    Ich habe mich heute sehr gefreut, Ihnen wieder begegnet zu sein. Danke
    und einen herzlichen Gruß Antje Schrader

  2. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    bei dem, was Sie hier anhand des Themas Karneval ansprechen geht es glaube ich nicht um die Frage, ob ich nun Karnevalsmuffel bin oder mich im Gegenteil, gerne närrischem Treiben anschließe.

    Für mich ist eher dieser Satz aus Ihrem Beitrag oben zentral:
    „… Dass Sie und ich uns absolut unabhängig von öffentlich legitimierter kollektiver Fröhlichkeit ganz und gar INDIVIDUELL von Zeit zu Zeit einen eigenen Karneval gönnen? …“

    Oder, noch etwas zugespitzter gefragt: Sind wir überhaupt in der Lage zu rein individueller, NICHT kollektiv oder gar öffentlich legitimierter Fröhlichkeit, Ausgelassenheit oder Narretei?

    Und wenn ich mich mit dieser Frage im Hinterkopf einmal umschaue, so muss ich leider eine sehr traurige Feststellung machen.
    Schon bei kollektiv legitimierten aber privaten Anlässen wie Geburtstagsfeiern oder ähnlichem ist nur ein erschreckend geringer Anteil der Menschen überhaupt zu einer echten, inneren, nicht von Alkohol oder anderen Rauschmitteln induzierten, Fröhlichkeit in der Lage.
    Viel mehr noch als das in Ihrem anderen Beitrag diskutierte Vertrauen und/oder Glauben scheinen Fröhlichkeit und Ausgelassenheit in unseren Breiten von kollektiver äußerer Legitimation und Enthemmung durch Rauschsubstanzen abhängig zu sein.

    Einen Menschen, der etwa gar die Chuzpe hat, sich die Freiheit zu einem ganz individuellen kleinen „Karneval“ zu nehmen, den müssen Sie hier glaube ich weit suchen.

    Viele Grüße,
    Taononymus

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