Kommentar zu den Kommentaren

Die Stellungnahmen zum Thema Muße haben mich ein wenig traurig gestimmt. Irgendwie bekomme ich das Gefühl, mich in meinen ganzen Arbeiten nicht deutlich genug ausgedrückt zu haben – oder könnte es sein, dass an sich völlig klar formulierte Sätze individuell einfach umgedeutet werden? Ich rede vom Ich-Wesen, dem subjektiven, also der ein Leben lang gewachsenen Psyche.
Da wird mit fix und fertigen Identitäten gerungen, jemand quält sich mit einem tatsächlichen Zustand ab, an dem er nichts ändern kann. Ich will deutlicher werden: Wer auf Fehlersuche in sich geht, wird spätestens am Schluss seiner Bemühungen vor der fatalen Einsicht stehen, dass er/sie selber das Problem ist, das beseitigt gehört. Wie der Fall von der unbeschreiblich hässlichen Frau, die beim Schönheitschirurgen erschien und forderte, er möge ihr altes hässliches Gesicht beseitigen und ihr ein neues, schöneres machen. Worauf der Arzt erwiderte: „Tut mir Leid, gnädige Frau, wir nehmen keine Enthauptungen vor.“,
Die alten taoistischen Weisen wussten um dieses Problem – und taten das Einzige, was es bei diesem Paradox zu tun gab: sie nahmen es nicht ernst. Sie taten es als Menschen, deren eigene Psyche genau so gestrickt war wie die unsere, mit dem einzigen Mittel ab, das angesichts einer derartig verqueren inneren Situation möglich war: sie brachen in großes Gelächter aus. Sie hörten einfach auf, dieses verquere Wesen da oben in ihrem Gehirn so ernst zu nehmen, wie dieses es forderte. Also: Wenn Ihr Ich-Wesen sich meldet und verlangt, dass Sie an ihm arbeiten, erzählen sie ihm den Witz von der hässlichen Frau – und lachen sich aus. Sie werden staunen, wie sehr es befreit: sich selber nicht mehr so tierisch ernst, und vor allem nicht mehr so wichtig zu nehmen.

Der Trost für diesen Akt ist das Wissen um die tatsächlich existierende, universale Identität. Diese muss nicht erarbeitet werden, auch nicht das Gefühl, dass sie vorhanden ist. Sie kann gar nicht errungen werden. Sie ist einfach da – und Sie werden Sie von der Phase an wie einen Hauch von Frieden und Segen spüren, in der Sie fähig geworden sind, über sich selbst und all Ihr Ringen lauthals zu lachen.
Soviel für heute. Ihr Theo Fischer

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10 Antworten zu Kommentar zu den Kommentaren

  1. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    da sie letztlich auch „nur Menschen“ waren, muß die Psyche der alten taoistischen Weisen Chinas wohl schon alle wesentlichen Elemente in sich gehabt haben, die auch die Psyche eines heutigen Westeuropäers ausmacht, einschließlich aller Facetten eines subjektivem Ichs.
    Aber deswegen war die Psyche der „alten Chinesen“ noch lange nicht „genauso gestrickt“ wie unsere heutige. Wer jemals länger als ein paar wenige Monate in einem Land wie China gelebt und sich auf die Menschen dort wirklich einmal eingelassen hat, der wird bestätigen können wie erschreckend groß der psychische Unterschied allein schon zwischen den heutigen Chinesen und uns heutigen „Westlern“ ist.
    Sicher, auch hier stößt man mit der Zeit auf eine allen Menschen gemeinsame Basis und erkennt viel Gleichartiges im fremden „Kulturgewand“ wieder. Aber gerade bezüglich der Frage, welche Rolle das subjektive Ich im Vergleich zum Rest der Psyche spielt, gibt es eklatante und in jedem halbwegs ernsthaften Gespräch direkt spürbare Unterschiede.
    Wieviel größer müssen diese Unterschiede dann wohl sein, wenn nochmal 2000 Jahre Zeitunterschied dazu kommen?

    Von den alten Taoisten zu lernen bedeutet also nicht nur, 2000 Jahre in der eigenen Kultur zurück zu gehen, sondern zusätzlich noch eine der breitesten kulturellen Kluften, die es auf diesem Globus überhaupt gibt, überbrücken zu wollen.
    Dass die „alten Chinesen“ Erkenntnisse gewonnen haben, die für uns „moderne Westeuropäer“ heute erneut in sich stimmig sind, das kann sehr wohl als Beweis dafür aufgefasst werden, dass beiderlei Psychen auf der gleichen Basis stehen.
    Und sogar noch mehr: es kann auch als Beweis dafür aufgefasst werden, dass diese Erkenntnisse etwas für (fast?) alle Menschen Zutreffendes ausdrücken.

    Aber daraus zu schliessen, dass der Weg zu diesen Erkenntnissen den modernen Westeuropäern genauso leicht fallen muß wie damals den alten Chinesen, das ist für mich nicht nachvollziehbar.

    Und noch ein anderer, autobiographischer Aspekt verdient es glaube ich, hier angesprochen zu werden. Letztes Jahr war diesem Artikel der Wiener Zeitung hier: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/382723_Theo-Fischer.html zu entnehmen, dass Sie achtzig Jahre alt geworden waren.

    Und falls es Ihnen nicht zu persönlich ist, würde ich daher gerne fragen, ab welchem Alter Sie eigentlich fähig waren, dauerhaft so gründlich über sich selbst und all Ihr vorheriges Ringen zu lachen, dass Sie dieses Ringen wirklich loslassen konnten?
    Wieviele Jahre des Ringens gingen dem voraus?

    Viele Grüße,
    Taononymus

    • Theo Fischer sagt:

      Hallo Taononymus,

      zu Ihrer Frage, wann ich von diesem Ringen loslassen konnte: ich weiß es nicht. Irgendwann – das mag 25, 30 Jahre zurückliegen, merkte ich es einfach irgendwie.

      Noch eine Schlussbemerkung zur chinesischen Psyche: nicht nur die chinesische unterscheidet sich von der germanischen – im Grunde verändert und differenziert der Erfahrungshintergrund des Über-Ich die Psyche jedes Individuums.

      Liebe Grüße, Theo Fischer

      • Taononymus sagt:

        Danke 🙂

        Ich vermute mal, dass die Leute, die hier schreiben, sehr unterschiedlichen Alters sind.
        Und ich vermute, daß man dem/der durchschnittlichen Dreißigjährigen (einschließlich mir selbst in dem Alter) alle Weisheit der Welt in klarsten, einfachsten Worten auf die Stirn nageln könnte, er/sie würde nicht allzu viel davon begreifen können 🙂

        C.G. Jung hat einmal bezüglich der Möglichkeiten von Europäern, sich in Richtung der Erkenntnisse des alten taoistischen Gedankengutes weiter zu entwickeln, geschrieben:

        „… Aus diesem Grunde hat auch dieser Entwicklungsweg vor der Lebensmitte (normal 35 – 40 Jahre) kaum einen Sinn, kann sogar durchaus schädlich sein. …“
        Aus: Einführung zu „Geheimnis der goldenen Blüte“, 1929

        Und „nicht verstehen“ ist ein sehr wirksames, in der Regel unbewußtes, Mittel, sich vor verfrühten und daher schädlichen
        Entwicklungen zu schützen.

        Viele Grüße ins Piemont,
        Taononymus

  2. gitti sagt:

    Lieber Herr Fischer!
    Es ist immer eine Enttäuschung, wenn man die Wahrheit erkennt und ständig falsch interpretiert wird.Jeder einzelne kommt nur durch Selbsterkenntnis zur Wahrheit.Krishnamurti: „Ohne Selbsterkenntnis gibt sich das Unsterbliche nicht zu erkennen.“ Ihre Sätze können noch so klar formuliert sein, solange dem Leser der fruchtbare Boden fehlt geht das Korn nicht auf.Es muß schon eine tiefe Sehnsucht in einem sein sich dieser Unendlichkeit zu öffnen.Sonst bleibt man im Argumentieren stecken.

    Liebe Grüße und viel Freude an den schönen Sommertagen Gitti

  3. JE sagt:

    ……..
    Aus meiner Sicht, ist Erkenntnis keine Frage des Alters.
    Ich kenne sehr viele ältere Menschen, bei denen von Einsichten nichts zu merken ist (das meine ich ohne Wertung), andererseits habe ich schon viele sehr junge Menschen kennen gelernt, die so tief und offen in die Gesamtheit unseres Daseins blicken, dass es begeistert und faszinierend zugleich ist.
    Das mag mit Lebensumständen oder Erfahrungen zu tun haben, und damit, wie Sie liebe Gitti, hierzu auch Krishnamurti zitieren.

    Ich wünsche Ihnen bei all dem viel Humor…..denn:
    „Humor trägt die Seele über Abgründe hinweg“ (Feuerbach).

    Beste Grüße
    JE

    • Taononymus sagt:

      Lieber JE,

      jetzt geht’s mir wohl ähnlich wie Theo Fischer: ich sitze hier mit einem lachenden und einem weinenden Auge und schüttle den Kopf darüber, wie gründlich man missverstanden werden kann 🙂

      Selbstverständlich haben junge Menschen, Kinder eingeschlossen, ihren eigenen Zugang zu tieferen Einsichten und nützen ihn meist viel unverstellter und direkter als ältere Menschen.
      Und dass es sehr viel mehr alte Esel als weise Alte gibt, lässt sich ebenfalls kaum übersehen. Das einzige, was man über das Alter wohl sicher behaupten kann ist, dass es vor Torheit nicht schützt.

      C.G Jung hat mit seiner Beschreibung seelischer Entwicklungsprozesse jedoch keineswegs das bloße Ansammeln von Erfahrungen, Wissen oder Erkenntnissen über eine längere Zeit hinweg gemeint. Seelische Entwicklungen werden natürlich von all dem beeinflusst. Sie haben aber ihren eigenen inneren Antrieb und eigene innere Regeln. Außerdem sind sie nicht ausschließlich nur auf das Hinzugewinnen von Erkenntnissen ausgerichtet. Letzteres ist vielmehr nur eines von mehreren möglichen Ergebnissen.

      Im Verlauf seelischer Entwicklungen kann vorher sicher Erkanntes ebenso auch wieder aus dem Bewusstsein verschwinden, während der Mensch sich den Anforderungen der Entwicklungsphase stellt, in der er sich gerade befindet. Und auch die Jungen, deren Erkenntnisse einmal so erstaunlich tief und klar waren bevor das Leben sie unversehens „ran nahm“, werden hiervon leider nicht ausgespart.

      Was C.G. Jung jedoch festgestellt hat ist, dass sich im Zuge der weiteren, über die Jungend hinausgehenden, seelischen Entwicklungen bei den meisten Europäern die Voraussetzungen für ein tieferes Verständnis der alten Taoisten etwa um die Lebensmitte herum einstellen.
      Da C.G. Jungs Aussage nur über den statistischen Durchschnitt seiner ärztlichen Erfahrung etwas aussagt, sind für jeden Einzelnen natürlich individuelle Abweichungen anzunehmen. Und ebenso gibt es die berühmten Ausnahmen, die jede statistische Regel bestätigen (= Wunderkinder oder alte Esel).

      Mir persönlich ist an dieser Aussage Jungs die Einsicht wichtig, dass einem Menschen im Laufe seines Lebens der „fruchtbare Boden“, von dem Gitti oben geschrieben hat, früher oder später einfach deshalb zuwächst, weil es als Bestandteil einer relativ normalen (= durchschnittlichen) seelischen Entwicklung ohnehin irgendwann dran ist.
      Und hier führt für mich der Faden wieder zurück zu Theo Fischer, zum irgendwann einsetzenden Lachen über das eigene Ringen, zum Leben in Muße und zu Wu Wei .

      Mit der Frage aber, ob jemand nun für eine bestimmte Erkenntnis „zu jung“ oder „zu alt“ ist, hat C. G. Jungs Aussage glaube ich rein gar nichts zu tun.
      Sehr viel aber damit, was man in Menschen, die sich gerade in anderen Lebensphasen befinden, eigentlich sieht: nur einen „an sich unfruchtbaren Boden“ oder aber einen Menschen, dessen momentane Bodenbeschaffenheit zur Zeit einfach anderes als taoistische Weisheiten wachsen läßt?

      Viele Grüße,
      Taononymus

      • gitti sagt:

        Hallo Taononymus!
        Das mit dem „unfruchtbaren Boden“ ist nicht abwertend gemeint. Diese von Herrn Theo Fischer eingerichtete Seite ist bestimmt zu dem Zweck gemacht worden, uns dem TAO näherzubringen oder es in uns zu entdecken.Wenn Du dann immer alle Versuche diesen „fruchtbaren Boden“ zu bereiten, mit deinen eigenen Ich-Vorstellungen blockierst entsteht Stillstand. Man kann immer alles in Frage stellen oder relativieren, das dürfte aber nicht der Sinn des Ganzen sein. Übrigens ich bin 61 Jahre (alt oder jung) und war immer froh Menschen zu treffen, die manches vielleicht schon erkannt haben und wo ich eine Entwicklung durchmachen konnte, ohne Andere zu kopieren…. also Selbsterfahrung!
        Liebe Grüße Gitti

        • Taononymus sagt:

          Liebe Gitti,

          ich will dem Werk, das Herr Fischer seit vielen Jahren tut, in keiner Weise meinen Respekt versagen. Im Gegenteil, ich würde hier nicht schreiben, wenn ich nicht eine tiefe Achtung davor hätte.

          Allerdings glaube ich auch, dass man dem Austausch, den Herr Fischer hier ermöglicht, mehr schadet als nutzt, wenn man abweichende Ansichten nicht mindestens so deutlich zum Ausdruck bringt wie Zustimmung, wenn nichts in Frage gestellt, nichts relativiert, diskutiert oder neu zu einander in Beziehung gesetzt wird.
          Soviel Respekt ich für Deine Sicht habe, aber ich glaube in diesem Punkt unterscheiden wir uns ziemlich stark. Mich würde es nicht nur sehr befremden, wenn sich die Ansichten der ganz verschiedenen Menschen, die hier auf dem Blog schreiben, gegenseitig ständig nur bestätigen würden. Ich hätte darüber hinaus auch den Eindruck, dass dabei nichts Neues entsteht, weil dem Austausch die für eine kreative Entwicklung notwendige Spannung und Reibung fehlt.

          Was nun die Bereitung eines fruchtbaren Bodens bei anderen Menschen angeht, ganz egal ob für’s Tao oder für sonst irgend etwas, so glaube ich, dass dies weit außerhalb der Wirkmöglichkeiten eines jeden Menschen, einschließlich eines Herrn Fischers, liegt.
          Anregungen geben, ausstreuen von Samenkörnern so zu sagen, das ist glaube ich das Maximum was ein Mensch einem Anderen anbieten kann.
          Ob das für den/die Andere in dem Moment dann gerade nutzbringend ist oder ob er/sie sich eher verschließt weil es in der momentanen Lebensphase mehr schadet als nutzt, das liegt allein im Ermessen des Empfängers.

          Klar, es ist nicht angenehm, etwas anzubieten, für das man große Teile seiner Lebenskraft einsetzt, nur um dann fest zu stellen, dass es bei jemand anderem (noch?) keine Wurzeln schlagen kann.
          Aber wie immer hat die Medallie auch hier eine zweite Seite. Denn wenn bei jemand der Boden für so etwas wie ein „Gefühl für eine universale Identität“ reif geworden ist, braucht er/sie sich über Blockaden durch Ich-Vorstellungen, Relativierungen, Hinterfragungen etc. keine allzu großen Sorgen zu machen, wie Herr Fischer ja ganz oben selbst bestätigt hat.
          Die Ich-Vorstellungen werden dann nämlich von der gleichen Kraft reduziert, die Jahrzehnte vorher zu ihrer Ausweitung geführt hat.
          Und was in so einem Zustand des „fruchtbaren Bodens“ als Hinterfragungen und Relativierungen an einen heran getragen wird, das gießt und harkt den Boden noch zusätzlich 🙂

          Viele Grüße,
          Taononymus

      • JE sagt:

        Lieber Taononymus,

        Ich denke, ich habe Sie nicht missverstanden… –
        Und was die Auffassung von C.G. Jung betrifft kann ich keinen Widerspruch zu meiner Aussage erkennen. Seine und meine Ansicht schließen sich in ihren Kernaussagen nicht aus.

        Beste Grüße
        JE

  4. Matthias sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    ich bin sicher, wenn wir alle an einem schönen Sommerabend in Ihrem Garten bei einem guten Wein beisammen säßen und über all das redeten, würden wir recht bald auch in großes Gelächter ausbrechen. Denn im schnellen Hin und Her eines Gesprächs werden Absurditäten manchmal schneller deutlich als in der zeitversetzten Form des schriftlichen Blogs.

    Hier erhalten Worte größeres Gewicht, auch weil jeder Teilnehmer sich spürbar um möglichst klaren Ausdruck bemüht in dem Versuch, seine „Straßenschäden“ zu bearbeiten. Und wie das auf Baustellen so ist, wird der Beton manchmal auch falsch angerührt, vielleicht weil der Lehrling etwas falsch verstanden hat.

    Vielen Dank, dass wir hier überhaupt Beton mischen dürfen und Sie uns immer wieder die richtige Mischung nahe bringen!

    Herzliche Grüße,
    Matthias

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