Mein Sinn er gleicht dem Mond im Herbst

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Mein Sinn er gleicht dem Mond im Herbst,
der unbefleckt sich in smaragdnem Weiher spiegelt.
Ach nein, es gibt nichts das vergleichbar wäre.
Sag mir, wie könnte ich es ausdrücken?
Han Shan

Mit dem poetischen Vergleich versucht der Dichter Han Shan auszusprechen, wie der Geist eines Menschen des Tao arbeitet – und sich anfühlt. Ich werde oft gefragt, „ja bitte, wie macht man das??“ und große Augen blicken mich erwartungsvoll an. Und ich weiß die Antwort, ich fühle sie und will sie weitergeben. Aber da entsteht leider jene Situation, in der auch der Wortschatz des Dichters versagt: „Sag mir, wie könnte ich es ausdrücken?“
Das Gegenteil zu formulieren, also was der Sinn des Taoisten n i c h t ist, geht viel leichter. Sogar im Rahmen unseres Vierzeilers hier ist das möglich: Der mondgleiche Sinn des Suchenden, des Fragenden spiegelt sich eben nicht bloß auf der glasklaren Oberfläche des Weihers. Diesen Sinn begleiten ständig Hintergedanken und Fragen. Zum Beispiel, ob unter dem Spiegel des Weihers viele Fische sich tummeln, ob es Hechte darin gibt, wie tief das Wasser ist und was für andere Wassertiere und Pflanzen man finden könnte.
Was gibt es also zu tun, um zu jenem Geisteszustand zu finden, der so klar das Sein widerspiegelt? Da gibt es nur einen einzigen Schlüssel, und der lautet Verstehen. Wem aus dem eigenen Inneren heraus klar wird, dass sein Geist, sein wahrnehmendes Bewusstsein das Tao i s t,  für den gibt es nur noch die eine, so unscheinbar klingende Entscheidung: still sein.
Versuchen Sie doch einmal eine Woche lang zu fühlen, wie Ihre Sinne das Leben aufnehmen und Ihr Geist das Geschehen widerspiegelt. Unterlassen Sie jede Art von gedanklichem Kommentar, bleiben Sie frei von Kritik am Geschehen und halten Sie Ihre Gier auf kleinster Flamme – so klein es überhaupt geht. Wenn es Ihnen gelingt, wird Frieden und Ruhe in Ihrem Geist einziehen – aber auch jene Energie, welche den Weiher samt dem Mond, der sich darin spiegelt, erst entstehen lässt.
Ich spüre selbst, wie arm unsere Sprache ist, wenn ich so fundamentale Einsichten vermitteln will. Es ist wie mit dem Geschmack von Vanillepudding. Wer den nicht kennt, dem werde ich es niemals so nahe beschreiben können, dass er ein Gefühl dafür bekommt. Aber wenn die Zungenspitze eine einzige Sekunde lang und ein einziges Mal Vanille geschmeckt hat – und dann sind Sie angekommen.

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8 Responses to Mein Sinn er gleicht dem Mond im Herbst

  1. Ich bin wieder einmal sehr beeindruckt.Ich habe gerade Urlaub und wenn ich auch nicht den Mut aufgebracht habe , bei Euch Urlaub zu machen,nehme ich es als Zeichen einer höheren Macht.Das dies,einmal eine Woche zu beobachten,was ich mit meinen Sinnen aufnehme ohne zu bewerten,jetzt meine Aufgabe ist.Dafür sage ich Danke für diesen Impuls.
    Herzliche Grüße
    Alexa

    • Theo Fischer sagt:

      Alexa schreibt, sie hätte nicht den Mut aufgebracht, bei uns Urlaub zu machen. Das erschüttert mich einigermaßen: wozu braucht man für ein paar Tage Ferien auf La Costa denn Mut?? Meinetwegen – weil eine Begegnung mit diesem schrecklichen Theo Fischer dann unvermeidbar wäre?
      Dabei haben wir noch nie einem Gast Gespräche aufgenötigt. Gewiss, ich stehe Gästen, die sich mit mir unterhalten wollen, gerne zur Verfügung (ich bin nie böse, wenn mich jemand von der Arbeit ablenkt), aber es gibt bei uns keinerlei Erwartungshaltung, dass unsere Feriengäste mehr tun, als sich einfach zu erholen und die Stille und Atmosphäre von La Costa zu genießen.
      Ich hatte das Gefühl, dass ich das einmal deutlich richtig stellen sollte.
      Theo Fischer

      • Jetzt bin ich aber betroffen,das sie
        das so verstanden haben,
        Lieber Theo Fischer,
        es ist der Respekt und die Wertschätzung
        Ihnen gegenüber,die mich feig sein lassen.
        Ich Entschuldige mich für das Mißverständnis.

  2. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    ich denke, die Begrenztheit unseres Verstandes und unserer Sprache wird uns nur so lange zum Hindernis für tiefere Erkenntnisse, wie wir auf Denken, Verstehen, Begreifen, Vergleichen und Beschreiben als einzig gültigen Weg zur Gewinnung tieferer Einsichten fixiert bleiben. Und auch das ständige sich Beschäftigen mit und Klagen über diese Begrenztheiten ist Teil dieser Fixierung.

    Hans-Peter Dürr hat dem „Was ich nicht verstehe gibt es nicht!“, mit dem wir uns selbst für 99% der Wirklichkeit blind machen, kurz und bündig mit dem Satz widersprochen „Wir erLEBEN mehr als wir begreifen!“
    Lässt man diese Aussage probehalber einmal gelten und ein bisschen tiefer in sich einsinken, dann kann uns unsere begrenzte Sprache durchaus weiterhelfen. Sie hat nämlich aus gutem Grund zwei verschiedene Begriffe im Angebot, um zwischen Erleben und Verstehen zu unterscheiden.

    Auch Han Shan deutet glaube ich in seinem Gedicht auf diesen Unterschied hin. Er benutzt eine Metapher, den Herbstmond, ein sprachliches Bild, um anzudeuten, wie er seinen Geist erLEBT. Und er verweist auf die riesige Kluft zwischen seinem Erleben als Ganzes und dem winzigen Bruchteil davon, den er verstehen, begreifen und beschreiben kann, wenn er sagt:

    Ach nein, es gibt nichts das vergleichbar wäre.
    Sag mir, wie könnte ich es ausdrücken?

    Daher müsste ich Ihnen leider widersprechen, Herr Fischer, wenn Sie weiter schreiben: „… Da gibt es nur einen einzigen Schlüssel, und der lautet Verstehen. …“.

    Weiter unten im Text raten Sie jedoch erstaunlicher Weise genau das Gegenteil, mit „ … Versuchen Sie doch einmal eine Woche lang zu FÜHLEN, wie Ihre SINNE das Leben aufnehmen und Ihr Geist das Geschehen widerspiegelt. Unterlassen Sie jede Art von gedanklichem Kommentar… „
    Dies wiederum ist nichts anderes als eine Aufforderung, sich auf das reine Erleben zu beschränken, es anzunehmen, es wahrzunehmen und tief in sich einsinken zu lassen OHNE es verstehen, begreifen und einordnen zu wollen.

    Aber, ein solches Erleben kann nicht unterscheiden, ob etwas „von innen“ oder „von außen“ kommt, denn auch „innen“ und „außen“ sind schon gedankliche Weiterverarbeitungen eines Erlebens. Und noch eine Eigenschaft hat ein solches reines Erleben: es ist ganz von sich aus geistig STILL, da gibt es nichts, das entschieden werden müsste.

    Bleibt mir also nur, etwas verwirrt die Frage zu stellen, was Sie mit den völlig entgegen gesetzten Aussagen „Verstehen ist der einzige Schlüssel“ und „Wem aus dem eigenen Inneren heraus klar wird, dass sein Geist, sein wahrnehmendes Bewusstsein das Tao i s t, für den gibt es nur noch die eine, so unscheinbar klingende ENTSCHEIDUNG: still sein.“ eigentlich sagen wollten?

    Für mich liest sich Ihr ganzer Text oben als hätten ihn eigentlich zwei verschiedene Personen geschrieben. Die eine hat durchaus Zugang zu dem reinen, direkten und von Gedankengeplapper, Einordnungs- und Entscheidungszwängen unverfälschtem Erleben, das Han Shan mit seinem Bild vom Herbstmond andeutet.
    Und die andere Person, die will und/oder kann nicht wahrhaben, dass sie dem einfach nichts hinzu zu fügen hat.

    Viele Grüße ins Piemont,
    Taononymus

    • Theo Fischer sagt:

      Hallo Taononymus,

      die innere Stille folgt dem Verstehen, sie ist die Konsequenz, wenn ein Mensch mit Herz und Verstand und Gefühl die Klarheit gewonnen hat, dass das Tao und er selber keine zwei getrennten Vorgänge sind. Und wer aus dieser Stille heraus seine Probleme betrachtet, dem erschließt sich in seinem Handeln die Intelligenz des Grundes.
      Wenn ich bei Dialogen mit Gästen auf das Thema Probleme und ihre Lösung zu sprechen komme, versuche ich immer klarzumachen, dass es wichtig ist, die Problemstellung selbst zu Wort kommen zu lassen, also sie aus einer Bereitschaft des Nichtwissens auf sich einwirken zu lassen. Und zwar nicht stundenlang – sondern für wenige Augenblicke, dann aber mit aller Intensität, zu der der Geist fähig ist. Und dann kann wortwörtlich aus dem Nichts die Antwort, die Lösungsidee auftauchen.
      . Theo Fischer

      • Taononymus sagt:

        Lieber Herr Fischer,

        die Unterschiede zwischen den Menschen, und damit auch die Wege, auf denen sie Einsichten in taoistische Lebensweisheiten gewinnen, sind wohl unterschiedlicher als gemeinhin gedacht. Nicht umsonst heißt es ja auch, dass „viele Wege nach Rom“ führen.

        Für den Einzelnen ist es letztlich glaube ich nur wichtig, seinen eigenen Weg zu finden und die Hindernisse meistern zu können, die auf diesem persönlichen Weg speziell auf ihn lauern. Von anderen können dabei wertvolle Anregungen oder gar Inspirationen kommen, aber direktes Übernehmen oder gar Nachahmen hilft selten weiter. Im Gegenteil, letzteres kann sich sogar zu neuen Hindernissen auswachsen.

        Wenn Sie also schreiben: „die innere Stille FOLGT dem Verstehen, sie ist die KONSEQUENZ, wenn ein Mensch mit Herz und Verstand und Gefühl die Klarheit gewonnen hat, dass das Tao und er selber keine zwei getrennten Vorgänge sind.“, und wenn Sie dies als eine allgemein für alle gültige Aussage setzen wollen, so muss ich zumindest für mich persönlich erneut widersprechen.

        Es mag vielleicht auf den ersten Blick als Haarspalterei erscheinen, aber mir geht es hier nicht ums Rechthaben. Mir geht es darum, mein persönliches Erleben mit zu teilen. Und dieses zeigt für mich genau in die gegenteilige Richtung, d.h. für mich ist die Stille die ursächliche Quelle, aus der ALLE tieferen Einsichten sprudeln. Und als eine von vielen möglichen Konsequenzen kann der Verstand manche TEILE, entsprechend seinem Vermögen, verarbeiten und in ein Verstehen umsetzen. Und natürlich beruhigt er dadurch sich selbst, wird selbst für eine gewisse Zeit auch still. Aber diese Beruhigung des Verstandes, die nach jedem „Aha-Erlebnis“ an sich selbst beobachtbar ist, das ist NICHT die viel umfassendere geistig seelische Stille von der ich hier versuche zu berichten, sondern nur ein „Echo“ davon, das keine eigene Tiefe und keine Dauer hat.

        Mir persönlich ist diese Unterscheidung wichtig, denn für mich war die von Ihnen oben gesetzte Aussage „die innere Stille FOLGT dem Verstehen, ist die KONSEQUENZ, wenn ein Mensch…“ eines der größten jener oben angedeuteten Hindernisse.
        Mich hat diese Sicht, die ich wohlgemerkt nicht von Ihnen übernommen habe, dazu verleitet, die zeitweilige Beruhigung des Verstandes nach jedem weiteren „Aha“, mit jener viel tieferen Stille zu verwechseln, die Han Shan in seinem Gedicht andeutet. Aber das ist in etwa so als ob man das Echo eines einzelnen Tons, den ein größerer Felsen in der Landschaft geworfen hat, mit der ganzen ursprünglichen Symphonie verwechselt, die an der Quelle gespielt wird.
        Und Folge dieser Verwechslung ist dann natürlich das Beschreiten eines Weges, der über „Verstehen und Begreifen“ von irgendetwas, und sei es davon, dass „… das Tao und er selber keine zwei getrennten Vorgänge sind. …“, zum ERLEBEN der tiefen geistigen Stille Han Shan’s kommen will, wie Sie es oben umreißen. Nun, es ist ein Weg, der für andere Menschen, beispielsweise für Sie, funktionieren mag, der sich für mich jedoch als Holzweg erwiesen hat.

        Ihren weiteren Ausführungen, beginnend mit “ … Und wer aus dieser Stille heraus seine Probleme betrachtet, dem erschließt sich in seinem Handeln die Intelligenz des Grundes. …“ kann ich aus meinem eigenen Erleben heraus nur bestätigen. Nur, wie oben dargestellt, der Weg in DIESE Stille hinein, der scheint individuell sehr verschieden zu sein.

        Viele Grüße,
        Taononymus

  3. Peter Czeipek sagt:

    Der Wunsch nach Verstehen ist im Tao.
    Die reine Wahrnehmung ist im Tao.
    Das Wechselspiel dazwischen ist das erlebte Wunderbare.

  4. gitti sagt:

    Herr Fischer schreibt, wie arm unsere Sprache ist so fundamentale Einsichten mitzuteilen. Ich vertraue dem Hintergrund der Worte und spüre die Energie (Tao,Liebe,Wahrheit) die davon ausgeht. Worte sind immer begrenzt. Das was jemand sagen will gilt es zu begreifen – oder eben zu VERSTEHEN. Dieses „verstehen“ ist von einer anderen Qualität…….
    Liebe Grüße Gitti

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