Multiple Persönlichkeiten

Wir sind in unserem normalen westlich erzogenen Geisteszustand im Grunde so etwas wie multiple Persönlichkeiten. Die Psychiatrie kennt die multiple Persönlichkeit bei Patienten, die zwei oder mehr Identitäten entwickelt haben, mit unterschiedlichen Charakter- und Verhaltenseigenschaften – von denen aber die eine nichts von der anderen weiß. Robert Louis Stevenson hat darüber 1886 die zauberhafte Geschichte von Dr. Henry Jekyll und Mr. Edward Hyde geschrieben. Der brave Dr. Jekyll schlüpft ohne es zu wissen hin und wieder in die Rolle des chaotischen, bösartigen Mr. Hyde. Auf der großen Linie verhält es sich bei uns ähnlich. Wir sind das Individuum, wir sind unsere Psyche und wir sind das Wesen, das sein Selbstbild aus den Ereignissen der eigenen Vergangenheit geformt hat. Und gleichzeitig sind wir – ebenfalls ohne dass wir das wüssten – auch unser Erzeuger, wir sind das Tao oder Gott oder der große Manitu. Aber das Göttliche in uns ist sich seiner nicht bewusst. In den seltenen Sternstunden, wo uns in der Vergangenheit seine Schöpferkraft berührte und Ordnung in einem chaotischen Zustand unserer Existenz schuf, ist der andere Teil unserer multiplen Persönlichkeit hindurchgebrochen und hat gehandelt. Ohne dass wir es gemerkt hätten. Da war für kurze Zeit eine andere Wesenheit im gleichen Körper und mit dem gleichen Gehirn aktiv, wie das auch den psychisch Kranken attestiert wird. Unsere Psyche leidet an unserem Unwissen über unsere doppelte Identität: der einen als der Erdenmensch, mit dem wir vertraut sind, und der anderen als unser eigener Schöpfer, der uns samt dem Geschehen unserer Welt kontinuierlich neu erfindet. Der Schritt zur Genesung wäre also kurz und bündig ein Wandel unserer Überzeugungen, die hinfort unsere zwei Identitäten nicht mehr voneinander trennt und auch die Wirkungsweise des göttlichen Anteils unserer Persönlichkeit bewusst erlebt und in alle seine Pläne einbezieht.

Es gibt hier allerdings noch etwas zu überlegen. Die Analogie mit der multiplen Persönlichkeit klingt logisch, aber darüber hinaus möchte ich doch noch ein wenig spekulieren, ohne dass diese Überlegungen der Wirksamkeit der taoistischen Lebenskunst irgendwelchen Abbruch täten. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die schöpferische Persönlichkeit sich in uns nicht erkennt, dass das Tao oder Gott sich überhaupt nicht bewusst sind, zum Menschen oder einer Milchkuh oder einem Kometen geworden zu sein. Dass es in Wirklichkeit den genau umgekehrten Vorgang braucht, um beide Identitäten zusammenzuführen und sich ihrer Zusammengehörigkeit bewusst zu machen. Dass es an Ihnen und mir liegt, ob wir unserer größeren Teilpersönlichkeit durch ein verändertes Denken und Handeln erst das Signal liefern müssen, dass es sich in unserem Gehirn seiner bewusst wird. Wie herum die Sache letztlich funktioniert, ist allerdings nur philosophisch von Bedeutung. Es liegt auf jeden Fall in der Verantwortlichkeit des Individuums, wie es sich auf die multiplen Anteile seiner Identität einstellt. Geben wir es zu: In unseren Wachträumen sind wir doch auch ein anderer Mensch als in der Wirklichkeit. Die Szenarien, die wir in unserer Phantasie mit uns als Hauptdarsteller erfinden und im Geist fortschreiben, ähneln doch nicht selten einer Serie im Fernsehen mit immer neu erfundenen Geschichten, mit Schwierigkeiten, Kämpfen, Problemen und Lösungen, die uns als Sieger abbilden. Wir kehren gerne zu den Bildern zurück, die wir in unseren Phantasien von uns und einer eingebildeten Lebenssituation zeichnen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden – ich glaube, das brauchen wir als Erwachsene noch immer aus den gleichen Gründen, wie einst in der Kindheit, als uns die Traumbilder ein Schutzschild gegen Verletzungen und Ängste waren. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, wenn wir dem Hauptdarsteller unserer Tagträume zwischendurch und mit zunehmender Häufigkeit eine andere Rolle andichten würden, nämlich jene vom Individuum mit der multiplen Persönlichkeit, die synchron zu der um ihr Glück ringenden Teilperson entdeckt, dass sie in Wirklichkeit ihr eigener Schöpfer ist.

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11 Antworten zu Multiple Persönlichkeiten

  1. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    die Analogie zwischen einer multiplen Persönlichkeitsstörung à la Dr. Jekyll und Mr. Hyde und der „ganz normalen“ menschlichen Unfähigkeit, unser Schöpfer-Sein und unser individuelles Bewusstsein miteinander zu integrieren, gibt glaube ich noch sehr viel mehr her.

    Sie schreiben oben so schön: „… Unsere Psyche leidet an unserem Unwissen über unsere doppelte Identität: der einen als der Erdenmensch, mit dem wir vertraut sind, und der anderen als unser eigener Schöpfer, der uns samt dem Geschehen unserer Welt kontinuierlich neu erfindet. …“.

    Nun, ich bezweifle aber, dass unsere menschliche Psyche unter dieser Abspaltung wirklich ausschliesslich leidet. Ich glaube eher das Gegenteil: sie kann ohne diese Abspaltung gar nicht existieren.
    Denn was hieße es für uns, sich permanent dessen bewusst zu sein, dass wir selbst es sind, die unsere menschliche Identität samt dem Geschehen unserer Welt kontinuierlich neu erschaffen?
    Ein Blick in die Nachrichten könnte uns dann sehr schnell zeigen, dass es das von uns erschaffene Geschehen unserer Welt ja ganz schön in sich hat. Wenn wir dort beispielsweise sähen, wie Syriens Machthaber ihr eigenes Volk beschießen, wären wir dann nicht heilfroh, sagen zu können: „Das war/bin ICH NICHT!? So etwas würde ich niemals tun! Mein Name ist nämlich Dr. Jekyll!“.

    Auch über die an multipler Persönlichkeitsstörung Erkrankten kann man nachlesen, dass ihre Krankheit sich meist als Antwort auf nicht in ihre Persönlichkeit integrierbare Geschehnisse gebildet hat. Hier würde Ihre Analogie also sehr gut greifen.
    Aber wenn es um die Frage der Heilung geht, dann kann sie glaube ich gewaltig in die Irre führen, auch im doppelten Wortsinn.

    Denn für den psychisch Kranken ist die Überwindung der Persönlichkeitsspaltung wohl meist ein Pfad der Gesundung. Für den mit nur einer Persönlichkeit ausgestatteten Normalmenschen aber wird es glaube ich schnell zum Problem, wenn er einen solchen Weg allzu konsequent umsetzt.

    Sola dosis venenum facit (Allein die Dosis macht etwas zum Gift), das ist hier glaube ich sehr angebracht. Und aus guten Grund gönnt sich unsere Psyche das Wissen um unsere „andere Identität als unser eigener Schöpfer, der uns samt dem Geschehen unserer Welt kontinuierlich neu erfindet“ allerhöchstens als „homöopathische Therapie“.

    Viele Grüße,
    Taononymus

    • gitti sagt:

      Karlfried Graf Dürckheim schreibt vom doppelten Ursprung des Menschen. Erich Fromm schreibt, daß der sselisch „Angeknackste“ der Gesunde ist während der Angepaßte in der Gesellschaft der Kranke ist.
      Auf dem ersten Blick ziemlich verwirrend. Ich für mich komme zu der Erkenntnis; diese zwei Identitäten sind Tatsache- wenn also das Geistige (Taononymus`s homöopath.Therapie) das Weltliche nicht überwindet sondern durchleuchtet im Sinne von Selbsterkenntnis können wir wachsen und uns entfalten…… ein lebenslanger Prozess!

      Liebe Grüße Gitti

    • Theo Fischer sagt:

      Zum Kommentar von Taononymus muss ich ein paar Bemerkungen machen: Der Text distanziert sich vom schlimmen Geschehen auf der Welt, zum Beispiel in Syrien. Überall auf der Welt bringen die Menschen sich gegenseitig um oder sprengen ihre Lebensräume in die Luft. Zu sagen: „D a s bin ich nicht!!“ ist nicht die Antwort. Krishnamurti zählt Zerstörung sogar ausdrücklich zu einem unvermeidbaren Prozess, der ebenfalls Ausdruck der universalen Liebe ist. In seinem Notizbuch schließt er einen Absatz über Liebe mit den Worten „Liebe und Tod sind untrennbar, und wo sie sind, da ist immer Zerstörung.“
      Theo Fischer

      • Taononymus sagt:

        Lieber Herr Fischer,

        die untrennbare Verwobenheit von Schöpfung und Zerstörung grundsätzlich zu bestreiten oder eine einseitige Distanzierung von einer der beiden Seiten als Lösung hinzustellen, das ist auch gar nicht der Punkt um den es mir bei meinem Kommentar ging.

        Mir ging es eher um die Frage, wie die real existierende menschliche Psyche eigentlich reagiert, wenn sie sich auf eine Konfrontation mit der zerstörerischen Seite des Geschehens dieser Welt WIRKLICH einlassen muss, wenn Zerstörerisches die Psyche so berührt, dass sie als GANZES, unter Einbeziehung ihrer Gefühlswelt, davon betroffen ist, wenn ein Ausweichen in gedanklich-intellektuelle Spekulationen nicht mehr möglich ist.

        Der Kontakt mit dem Zerstörerischen ist nämlich das, was der menschlichen Psyche neben dem Kontakt mit dem Schöpferischen GENAUSO auch widerfährt, wenn sie sich ihrer Identität als „Schöpfer des Geschehens dieser Welt“ so weit öffnet dass sie auch emotional einmal davon berührt wird anstatt diesen Schritt immer nur als rein intellektuelles Gedankenspiel nachzuvollziehen.
        Letzteres ist ja gerade deshalb so „beliebt“, weil das Gedankenspiel einen wirksam davon abhält, die Risiken einer solchen Öffnung einzugehen.
        Nur leider muß man damit dann wohl auch auf das Schöpferische verzichten.

        Viele Grüße,
        Taononymus

        • gitti sagt:

          Lieber Taononymus!
          Ich denke ein Mensch mit echtem Interresse an der Wahrheit kommt gar nicht umhin sich der dunklen Seite in sich zu stellen. Ich sehe das praktisch als Nährboden für das Schöpferische. Das Wort Zerstörerisch hat etwas sehr destruktives und erzeugt Angst in mir. Auch sehe ich es nicht als Risiko sich diesen Energien, Gefühlen etc. zu öffnen, im Gegenteil das bewußte Wahrnehmen nimmt ihnen den Schrecken und das Schöpferische wartet schon dahinter. Solange es bei einem Gedankenspiel bleibt fehlt dem Ganzen die Tiefe und Nachhaltigkeit.
          Liebe Grüße Gitti

  2. Matthias sagt:

    Ich finde, dass in diesem Beitrag von Herrn Fischer gleich drei Dimensionen des Person-Seins angesprochen werden.

    Der Begriff „multiple Persönlichkeiten“ kennzeichnet die erste Dimension.
    Taononymus hat darauf hingewiesen, dass „multiple Persönlichkeiten“ eine „Antwort auf nicht in ihre Persönlichkeit integrierbare Geschehnisse“ sind.
    Sie sind also eigentlich eine Schutzmaßnahme der Psyche, um der Person, die ein schweres seelisches Trauma vorläufig nicht auf andere Weise bewältigen kann, ein Weiterleben zu ermöglichen. Der Preis ist freilich, dass nun zwei oder mehr voneinander getrennte Persönlichkeiten in einer Person gelebt werden wollen.

    Eine Herkunftsdeutung des Begriffs „Person“ bezieht sich auf das lateinische „per-sonare“ (= hindurch tönen), hinter dem wiederum das Bild antiker Schauspieler stecken soll, die für ihre Rolle eine entsprechende Maske trugen, durch die sie hindurch „tönten“.

    Die meisten von uns zeigen in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Facetten oder Masken von uns selbst.
    Aber anders als die traumatisch Geschädigten erleben wir diese unterschiedlichen Masken im Rahmen einer alles in allem intakten Persönlichkeit.

    Das Beispiel Dr. Jekyll/Mr. Hyde repräsentiert die zweite Dimension.
    Hier geht es um den Yin/Yang-Aspekt des Menschen. Dr. Jekyll steht für die lichte Seite, Mr. Hyde für die dunkle Seite in uns. Und am Beispiel des Mr. Hyde wird prototypisch gezeigt, was passiert, wenn die dunkle Seite ungehindert durchbrechen kann.
    In den entsprechenden Filmen macht die Figur des Dr. Jekyll immer auch äußerlich eine Verwandlung zu einer Art Monster durch – wohl eher aus dramaturgischen Gründen. Denn dass es dieser Verwandlung nicht bedarf, hat uns in jüngster Zeit der Fall des norwegischen Massenmörders Anders Breivik gezeigt.
    Ich nehme an, nicht wenige von uns (mich eingeschlossen) dürften ihre dunkle Seite schon in Phantasien ausgelebt haben, jedoch ohne in die Gefahr einer „multiple Persönlichkeiten“-Störung gekommen zu sein.

    Theo Fischers Bemerkungen zu den weltlichen und göttlichen Anteilen des Menschen bilden für mich die dritte Dimension, die ich als Tiefen- oder Höhendimension einer Person bezeichnen möchte.
    Hier würde ich allerdings die von Gitti erwähnte Formulierung Dürckheims vom doppelten Ursprung des Menschen bevorzugen.

    Damit das Schöpferische bis zu unserer Oberfläche durchdringen und bewusst werden kann, muss der Mensch sich ihm öffnen. Für das Öffnen sind seit jeher unterschiedliche Methoden bekannt. Und auch in diesem Blog gab es schon viele Hinweise.
    Öffnet der Mensch sich nicht, wird sich das Schöpferische mit Urgewalt seinen Weg bahnen, meist zu unpassender Zeit, angefangen bei den sogenannten Freudschen Fehlleistungen über Träume bis hin zu Krankheiten.

    Herzliche Grüße,
    Matthias

    • Taononymus sagt:

      Lieber Matthias,

      Deine Darstellung der drei psychischen Dimensionen einer Person finde ich sehr hilfreich und klärend, Danke dafür 🙂

      Ich glaube, ähnlich wie alle drei Dimensionen des Raumes eines gemeinsam haben, nämlich dass sie Raum sind, so haben auch die drei psychischen Dimensionen einer Person oder Identität eine gemeinsame Basis. Sie wird gebildet durch den Umstand, dass eine Identität sich für die Zeitdauer ihrer Existenz EIN-eindeutig WIEDER-erkennbar von ihrer Umgebung unterscheidet. Mit wiedererkennbar meine ich nicht, dass sie immer unverändert bleibt, im Gegenteil. Ein Mensch, der aus einer einzigen befruchteten Eizelle heranwächst macht vom Moment der Zeugung bis zum Tod eine enorme Spannweite an Veränderungen durch. Aber von der Zeugung bis zum Tod ist es immer eindeutig, dass es sich dabei um genau die Identität handelt, die uns an einem bestimmten Tag ihres Lebens als Herr A und nicht als Frau B begegnet ist.

      Ganz am Anfang können wir nur die „biologische Dimension“ der Entwicklung einer menschlichen Person beobachten, aber auch eine befruchtete Eizelle legt auf ihrer biologischen Ebene schon ganz genau fest, was zu ihr gehört und was nicht. Sie stellt also eine biologische INTEGRITÄT her, die ihre Existenz ausmacht. Später treten immer mehr die von Dir oben beschriebenen psychischen Dimensionen einer Person mit all ihren Facetten, Masken, Störungen oder Krankheiten auf die Bühne. So schillernd und widersprüchlich das Bild einer menschlichen Person bei dieser Entwicklung dann auch werden mag, ihr Kern bleibt letztlich eine in MEHREREN Dimensionen existierende innere Integrität, eine Fähigkeit festzulegen was zu ihr gehört und was nicht, sich abzugrenzen und damit auch, sich zu begrenzen. Und auch wenn sie im Erwachsenenalter eine hochgradig empathiefähige Person ist, kann sie sich dies doch nur „leisten“ so lange sie genau merkt, ob es gerade ihre eigenen Gefühle sind, die sie fühlt oder die einer anderen Person, in die sie sich einfühlt.

      Wie uns die Eizelle, der schwer traumatisierte psychisch Kranke oder auch der moralisch wenig integre Mensch deutlich vor Augen führen, muss die Integrität einer menschlichen Person keineswegs immer ALLE möglichen Dimensionen menschlicher Existenz umfassen. Je nach Entwicklungsgrad oder Gesundheitszustand können eine oder mehrere davon grundsätzlich oder auch nur zeitweise fehlen oder ausfallen. Die Person ist dann in dieser Dimension bzw. auf dieser Ebene nicht existent.
      Wenn sie aber in einer bestimmten Dimension existent ist, dann deshalb, weil sie dort wiedererkennbar ist, weil sie sich dort durch einen Abgrenzungsvorgang von einem übrig bleibenden Rest selbst erschafft.
      Am häufigsten verwenden wir diese Sicht wahrscheinlich im moralischen Bereich. Wenn wir beobachten, dass ein Mensch moralisch keine verlässlich wiedererkennbaren Stellungen bezieht, wenn er ohne erkennbares Muster morgen etwas tut was er heute noch verteufelt hat, dann sagen wir, er habe keine moralische Integrität. Er ist dann auf moralischer Ebene als Person nicht greifbar, nicht verfügbar, es fühlt sich auf dieser Ebene an als wäre eigentlich gar niemand da.

      Gedanklich lässt sich die Anzahl der Dimensionen oder Ebenen über das für uns heute mögliche Spektrum hinaus vielleicht unendlich ausdehnen, womit wir wieder bei einem Gedankenspiel angelangt wären.
      Für unsere Frage aber, ob eine ALL-umfassende „zweite Identität“ für uns irgendetwas bedeuten könnte, brauchen wir eine solche Fortschreibung glaube ich aber gar nicht. Denn schon von der biologischen Identität bzw. Integrität einer Eizelle können wir lernen, dass sich eine Identität und erst recht eine Person durch einen Abgrenzungsprozess selbst erschafft und dadurch notwendiger weise selbst immer begrenzt ist. Oder aber sie existiert eben nicht.

      Unser Verstand wiederum ist daher natürlicher weise auf den Umgang mit Identitäten, Personen etc. ausgerichtet, er kann ohne „Identitäten“ im sprachlichen Sinne (=Begriffe) überhaupt nicht arbeiten.
      Wann immer wir folglich das ALLL-umfassende, Grenzenlose, wie den schöpferischen Urgrund oder das Tao benennen wollen, oder besser, notgedrungen bezeichnen müssen, laufen wir jedes Mal aufs Neue Gefahr zu vergessen oder zu verdrängen, dass wir damit auf das blanke NICHTS verweisen, auf etwas, das NIE und NIRGENDS da ist.
      Und notgedrungener Weise teilen dieses Schicksal dann auch „zweite Identitäten“, wenn sie, wie in Theo Fischers Text oben geschehen, als „ALL-umfassende Schöpfer des Geschehens unserer ganzen Welt“, d.h. als Widerspruch in sich, definiert werden sollen.
      Wem auch immer solche Konstruktionen nützen, wohl bekomm’s ihm.
      Ich selbst bleib‘ lieber gleich bei dem, was ein Chuang-Tsu oder ein Richard Wilhelm dazu gesagt haben, das trifft es für mich weit besser 🙂

      Liebe Grüße,
      Taononymus

  3. JE sagt:

    Hallo,

    … mir fiel zu dieser Thematik spontan das „Tractat vom Steppenwolf“ von Hermann Hesse ein, das ich zum Lesen empfehlen möchte [aber Vorsicht es ist „Nur für Verrückte“….. 🙂 ]
    Wir alle haben mehr als eine Seele in unserer Brust, die wir vermutlich auch bemerken, aber anstatt die „Stärke dieser Vielfalt“ zu nutzen, versuchen wir einzelne unserer Wesens(-arten), je nach Erziehung, Idealen usw. hervorzuheben, auszumerzen oder zu leugnen. So entsteht in uns bereits der Konflikt, der uns im Allgemeinen das Leben schwer macht (ich nehme mich da nicht aus), anstatt diese Vielfalt (an-) zu erkennen und anzunehmen. Schließlich ist das eine Vielfalt, die das Wesen jedes Einzelnen ausmacht und gleichzeitig die Vielfalt unserer Welt (in uns) widerspiegelt.
    Ich denke , dass wir nämlich alles ‚da Draußen‘, gleichermaßen sind und uns dies letztendlich unsere Verantwortung bewusst macht, die wir alle für unser Denken und Tun (bereits „im Kleinen“) haben….

    Mir persönlich gefällt im Übrigen, diese „Spekulation“ sehr gut…diese umgekehrte Betrachtungsweise, die es möglicherweise braucht, um die unterschiedlichen Wesen (-sarten) in uns zu erkennen und zu nutzen…

    Sehr herzliche Grüße
    JE

  4. Taononymus sagt:

    Liebe Gitti,

    herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Er hat vieles in mir angeregt und ich will einmal versuchen, Deine Fäden aufzugreifen, weiter zu spinnen und stellenweise auch etwas anders zu verknüpfen.

    Wenn Worte wie beispielsweise „Das Zerstörerische“ Angst oder andere Gefühle auslösen, so bedeutet dies, dass man Gelesenes gerade nicht nur als reines Gedankenspiel verarbeitet, sondern sich auch auf emotionaler Ebene darauf einlässt, seine Gefühlswelt so zu sagen „mitlesen“ oder mitschwingen lässt.
    Der Intelligenz unserer Gefühlswelt wird auf diese Weise die Tür zum Bewusstsein geöffnet, wo sie dem Verstand als Kompass dienen kann, wenn er denn „verständig“ genug ist sich davon leiten zu lassen.
    Nur, ganz egal ob die von den Worten ausgelösten Gefühle nun angenehm sind oder unangenehm, ohne sie überhaupt erst einmal zu fühlen und auszuhalten, ohne sich ihnen zu öffnen, sie wahr zu nehmen und ihre Wahrheit dann auch bestehen zu lassen, ist der Kompass der emotionalen Intelligenz nicht zu haben.

    Bei der Frage, was unsere zweite Identität als „unser eigener Schöpfer, der uns samt dem Geschehen unserer Welt kontinuierlich neu erfindet“ für uns überhaupt bedeuten kann, brauchen wir diesen Kompass glaube ich dringendst. Denn sobald sich unser begrenzter Intellekt mit Unbegrenztem beschäftigt, fängt er meist schon beim ersten Gedanken an, Schrott zu produzieren, stolpert von Widerspruch zu Zirkelschluss und wieder zurück und merkt es in der Regel noch nicht einmal.

    Unser Verstand hat beispielsweise keine Schwierigkeiten damit, „Das Zerstörerische“ unter Zuhilfenahme der einen oder anderen nützlichen Annahme über zwei, drei Ecken hinweg in „Das Schöpferische dahinter“ umzumünzen. Die Gefahr, die uns von der Intelligenz unserer Gefühle durch unsere Angst glasklar signalisiert wird, die hat er so flugs in eine risikolose Wellnesskur für die Seele umgedeutet.
    Und nur die reflexhafte Zielstrebigkeit, mit der der Verstand uns so immer wieder aus der unangenehmen Anspannung der Angst heraus und in eine vermeintlich wohl begründete entspannte Sicherheit hinein rationalisiert entlarvt, was wirklich passiert.
    Denn eigentlich könnten wir auf mindestens drei verschiedene Weisen auf eine Gefahr reagieren. Neben Weglaufen gäbe es im Prinzip ja auch noch Aushalten und/oder Angreifen. Aber die letzten beiden Möglichkeiten, die brauchen wir nicht mehr, wenn unser Verstand uns schon zur Flucht verholfen hat.

    Aber leider hat die so herbeirationalisierte „Entspannung“ ihren Preis: „Das Zerstörerische“ ist von einem Wort mit hoher emotionaler Aussagekraft zu einer abstrakten Vokabel geworden und der Kompass der emotionalen Intelligenz dabei über Bord gegangen. Der Verstand aber kann aufatmen und die Gedanken fortan ganz ungestört von allen Gefühlen mit „Der Zerstörung“ spielen lassen wie sie wollen.

    Vor allem eines fällt mit dieser emotional entkernten Zerstörungs-Vokabel nun leicht: „Das Zerstörerische“ lasst sich plötzlich ohne weitere emotionale Abstoßungsreaktionen in die preigene Persönlichkeit integrieren und erlaubt uns, nun ganz entspannt vom „Zerstörerischen in uns selbst“ sprechen.
    Dabei merken wir unter Umständen nicht einmal, dass uns unser Verstand hier sogar ein weiteres Mal nasführt. In Theo Fischer’s Ausgangstext war nämlich von unserer zweiten Identität als „unser eigener Schöpfer, der uns samt dem Geschehen unserer Welt kontinuierlich neu erfindet“ die Rede, nicht nur von uns selbst in unserer ersten, gewohnten Identität.
    Das hieße aber, dass wir in unserer zweiten Identität leider nicht mit der allseits beliebten Nabelschau dessen, was in uns selbst alles zerstörerisch ist, davon kämen, wenn wir vom Zerstörerischen sprechen.
    Denn zum Geschehen unserer Welt gehört auch ein Anders Breivik, ein syrischer Bürgerkrieg oder Fukushima. Wenn wir nicht völlig abgestumpft oder distanziert sind, dann holt uns spätestens hier nun die emotionale Wirklichkeit hinter dem von uns zum Hausgebrauch weichgespülten „Zerstörerischen“ wieder ein.
    Und wir müssen erkennen, dass wir ohne unseren emotionalen Kompass in der Frage, wie wir uns unserer „zweiten Identität“ annähern und welche Beziehung wir zu ihr aufbauen können, keinen Schritt weiter gekommen sind.

    Liebe Grüße an den Wolfgangsee,
    Taononymus

    • gitti sagt:

      Hallo Taononymus!

      Also eines wird mir durch unseren Diskurs wieder einmal klar. Angst entsteht nur im Verstand. Du schreibst vom Kompass der emotionalen Intelligenz,; genau um diese innere Wahrnehmung geht es. Hier sind Gefühle angesagt – echte Gefühle- im Verstand sind es doch immer nur Emotionen, die sich im Nachhinein als substanzlos herausstellen, und die einen tatsächlich an der Nase herumführen.
      Diese Zerstörung (Krieg, Terror…..etc) entsteht also durc h die Entfernung von der inneren Mitte und gefährdet sind wir demnach alle. Ich gehe daher dieser Unruhe, die in mir ensteht wenn ich mich wieder einmal entferne und den bequemeren Weg suche, immer nach und versuche mich zu zentrieren- und es gelingt mir und schafft echtes Selbstvertrauen.

      Liebe Grüße vom Wolfgangsee Gitti

      • Taononymus sagt:

        Liebe Gitti,

        speziell der menschliche Verstand ist sicher Spitze darin, die menschliche Psyche mit Befürchtungen und Ängsten zu „beglücken“, nicht umsonst gehören die Unternehmen der Branche, die mit Sicherheitsversprechen ihr Geld verdient, zu den „globalen Wirtschaftsriesen“ schlechthin. Wahrscheinlich sind sogar der größte Teil der Ängste, mit denen wir als Bürger westlicher Industrieländer uns meinen herumschlagen zu müssen, solche vom Verstand induzierte „Pseudo-Ängste“.

        Trotzdem hat der Verstand innerhalb der menschlichen Psyche kein „Erzeugermonopol“ auf Ängste, d.h. nicht alle Ängste die wir empfinden sind vom Verstand erzeugte Pseudogefühle. Angst kann auch als echtes Gefühl, das eine Gefahr signalisiert, hochkommen und einen spontan reagieren lassen, lange bevor der Verstand Gelegenheit hatte mit zu grübeln. Ich glaube, uns als Spezies gäbe es schon lange nicht mehr, wenn dem nicht so wäre.

        Bleibt also wieder einmal Arbeit übrig, nämlich die geistig-seelische Daueraufgabe, zwischen Pseudogefühlen und echten Gefühlen zu unterscheiden, uns zu „zentrieren“, wie Du so schön schreibst.
        Das Ergebnis davon kann im Einzelfall allerdings durchaus auch einmal lauten, dass eine echte Angst übrig bleibt und Handeln oder zumindest Umdenken einfordert.

        Darüber hinaus kann der Verstand uns nicht nur mit Pseudoängsten plagen, sondern uns mindestens ebenso gut mit Pseudosicherheiten, Halbwahrheiten und Illusionen einlullen, uns eine Dosis „Opium für’s Volk“ verabreichen, wie Karl Marx das einmal treffend, wenn auch abwertend, beschrieben hat. Und das gelingt dem Verstand vor allem deshalb so gut, weil er nicht nur Pseudoängste „kann“ sondern auch Pseudoberuhigung, Pseudoerleichterung, sogar Pseudoglück. Und diese Seite der Medaille „Pseudogefühle“ kommt oft gerade dort, wo das Aushalten und/oder seelische Verarbeiten einer echten Angst unbequem wird, viel zu schnell zur Anwendung. Heraus kommen dann beispielsweise wohltuende Gedankenspiele über eine das gesamte Weltgeschehen nicht nur umfassende sondern sogar erschaffende „Teilpersönlichkeit“ oder „zweite Identität“, die seltsamerweise aber schon am Inhalt von 5 Minuten einer x-beliebigen alltäglichen Nachrichtensendung zerschellt, sobald man dem Verstand dabei einmal genauer „auf die Finger“ schaut.

        Viele Grüße,
        Taononymus

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