Nichts Gutes, nichts Böses – dein Urantlitz jetzt

Wenn ich mein eigenes Gesicht sehen will,
wie es war, bevor ich geboren wurde, dann
muss ich eintauchen in die unermessliche
Leere des Reinen Tao.
Hui neng

Die Titelzeile ist ein Koan. Er fordert Sie auf, jetzt, in diesem Augenblick zu realisieren, wie Ihr Bewusstsein beschaffen war, ehe Sie von Erfahrungen geprägt zu dem Individuum wurden, als das Sie sich heute erleben. Sie sollen sich in das eigene Wesen vertiefen und einen Zustand spüren, in dem es noch ein unbeschriebenes Blatt und frei von jeder Beeinflussung war. Was heißt das in der Praxis? Ist ein Ratschlag, wie ihn Hui neng in seinem Vierzeiler erteilt, überhaupt umsetzbar? Welchen Sinn macht es, einen Blick auf Ihren einstmals ungeprägten Geist zu werfen? Sofern das überhaupt möglich ist. Wird hier nicht etwas verlangt, das keinerlei praktischen Nutzen hat und sich nirgendwo auf die Qualität Ihres Lebens und Handelns auswirkt? Und das obendrein so wenig gelingt, wie der Versuch, sich ins Ohr zu beißen?

Dennoch wäre es einen Versuch wert. Die Figuren des italienischen Künstlers Marco Lodola haben leere Flächen anstelle von Gesichtern. Da ist nichts, was sie als Hans, Christine, Karl oder Anna identifizieren könnte. Hinter unserem organischen Gesicht verbirgt sich das geistige. Sich vorstellen, dass Ihre körperlichen Gesichtszüge wie von einer Schultafel weggewischt wären, verlangt noch nicht einmal so viel Phantasie. Versuchen Sie es einmal. Und dann lassen Sie Ihre Gedanken und Ihr Gefühl hinter die nun leere Maske eindringen. Spüren Sie einen Zustand, in dem es Sie überhaupt nicht gibt. Das ist nämlich eines der Geheimnisse von Sein und Nichtsein: Sein ist vergänglich, die Vergänglichkeit dürfte sogar das Motiv für die Erfindung des Universums sein. Denn unser nicht vorhandenes, leeres Urantlitz hatte in einer Phase, da es die Zeit nicht gab, keinerlei individuelles Profil. Es unterschied sich durch absolut nichts von der unermesslichen Leere des Schöpfergeistes. Mit dieser primitiven Übung können Sie dem Tao so nahe wie nur irgend möglich kommen. Nämlich, indem Sie selber für eine kurze Phase wieder zum Nichts werden und sich mit dem Ursprung emotional identifizieren. Und zwar dadurch, dass Sie für diese kurzen Momente ebenfalls zu etwas Unbekanntem, undefinierbarem werden. Vielleicht erinnern Sie sich: dieser Zustand dürfte sich bereits einige Male in Ihrem Leben eingestellt haben, und zwar jedes Mal dann, wenn ein Ereignis eintrat, das Ihren Geist in die Starre der Schrecksekunde versetzte. Da gab es Sie plötzlich nicht mehr. Und in der Rückschau, im Nachempfinden können Sie vielleicht heute noch die unglaubliche Leichtigkeit spüren, die diesen Zustand begleitet hat.

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18 Responses to Nichts Gutes, nichts Böses – dein Urantlitz jetzt

  1. gitti sagt:

    Hallo und liebe Grüße im Neuen Jahr

    Dieses Aufgeben des Selbstbildes empfinde ich sehr sehr befreiend…..

    Gitti

  2. JE sagt:

    Lieber Theo,

    eine sehr interessante Übung, wobei, zugegebenermaßen, mir die Vorstellung für den Bruchteil einer Sekunde zunächst etwas unbehaglich war. Ich habe mich aber gerne auf diesen Zustand eingelassen.
    (Als ich die Titelzeile gelesen habe, dachte ich zunächst an einen Spiegel, in den ich in der Regel hineinschauen muss, wenn ich mein eigenes Gesicht sehen will …und gleichermaßen würde sich -im übertragenen Sinne-, wie mit dieser Übung hervorragend beschrieben, ja auch das „Nichts“ widerspiegeln, wenn wir dieses unser organisches Gesicht, d.h. unser geistiges Profil, abstreifen).
    Es wird erschreckend klar, wie und wodurch man sich, aber auch andere, definiert….die berühmte Oberfläche, die all den -vermeintlich- eigenen Ansprüche und denen unserer Gesellschaft gerecht werden will.
    Ich denke, wenn man diesen (ich möchte sagen: ‚ehrlichen’) Zustand in Alltags-Situationen ‚abrufen‘ kann, eröffnet uns dies neue Blickwinkel und ungeahnte Möglichkeiten, den Dingen und uns selbst noch etwas „näher auf den Grund zu kommen“ und geistig noch unabhängiger zu werden.

    Eine schöne Vorstellung….

    Herzliche Grüße
    JE

  3. Taononymus sagt:

    Hallo Herr Fischer,

    wie ist denn dieser Satz aus Ihrem Text oben zu verstehen, Zitat: „… die Vergänglichkeit dürfte sogar das Motiv für die Erfindung des Universums sein. “ ?

    Klingt für mich salopp formuliert erstmal nach einem „Erfinder“ dem’s so ganz ohne Vergänglichkeit schlicht zu langweilig war… ist aber wahrscheinlich anders gemeint… oder?.

    Viele Grüße,
    Taononymus

    • Theo Fischer sagt:

      Hallo Taononymus,
      der Satz „Sein ist vergänglich, die Vergänglichkeit dürfte sogar das Motiv für die Erfindung des Universums sein“ hat mehr als eine Rückfrage ausgelöst. Dabei ist gerade Vergänglichkeit als Chance des Wandels das Element der Schöpfung, das Sinn macht. Da ist ein ewig dauerndes, leeres Nichts, das sich selbst in den wechselnden Prozessen seiner Schöpfung wieder findet. Wäre Schöpfung fix und fertig und niemals endend, würde das nur die Monotonie der ursprünglichen Einsamkeit fortsetzen. Uns passt der tiefe Sinn der Endlichkeit nur darum nicht, weil wir den Tod nicht verstehen. Im Alltag führt ein fortbestehender Zustand zu geistiger Abstumpfung. Selbst permanentes Glück wäre schwer zu ertragen, wenn es die Interferenzen der Polarität nicht gäbe. Wir spüren in unserem Bedürfnis nach Veränderung in diesem Sinne bereits etwas von dem uns innewohnenden Schöpfergeist. Krishnamurti geht sogar so weit, dass er kosmische Zerstörung als höchsten Ausdruck von Liebe bewertet. TF

  4. JE sagt:

    Lieber Theo,

    vielen Dank für Deine Antwort – auch ich hatte diesen Satz ja nicht recht verstanden und die annähernd gleiche Frage, wie Taononymus, an Dich gerichtet.
    Durch Deine Erklärung komme ich nun Krishnamurtis Definition von Liebe ebenfalls näher, denn exakt an dieser Stelle in seinem „Notizbuch“: „….Sie ist etwas Schreckliches, denn Liebe ist Zerstörung….“ prangte seit einiger Zeit ein großes Fragezeichen.

    Wenn ich es also –nun- richtig verstehe, so ist Liebe in diesem Sinne nicht das, wie wir (unsere ‚gesellschaftsfähigen’) Liebe definieren.
    Liebe ist demnach zwar Zerstörung, aber damit auch gleichzeitig Schöpfung.

    Vergänglichkeit wäre damit nicht nur Motiv, sondern auch Bedingung (Grundlage) für die Entstehung bzw. Erfindung von Schöpfung/Universum?

    Beste Grüße
    JE

    • Theo Fischer sagt:

      Hallo JE,
      du hast es erfasst. Liebe im Sinne von Verliebtheit und jene Liebe mit kosmischen Dimensionen sind zwei Paar Stiefel. Wobei zwischen Menschen die letztere durchaus möglich ist. Aber sie verlangt einen Geisteszustand der über Besitzen und Begehren weit hinausgeht. Theo

      • Taononymus sagt:

        Hallo Herr Fischer,

        danke für Ihre Antworten 🙂
        Auch mir ist es zum Thema „Urantlitz“ einiges klarer geworden, einiges gärt auch noch… soll es!

        Mit Ihrem letzten Kommentar oben haben sie allerdings gleich eine neue Frage aufgeworfen… ich hoffe ich überstrapaziere Ihre Geduld nicht wenn ich sie noch stelle.
        Sie schreiben bezüglich einer kosmischen Dimension der Liebe, Zitat: „… wobei zwischen Menschen die letztere durchaus möglich ist. …“.
        Welches menschliche Verhalten wäre denn Ihrer Meinung nach ein Beispiel für eine Liebe rein kosmischer Dimension, das NICHT letztlich auch eine Liebe menschlicher Dimension ausdrückt?

        Viele Grüße,
        Taononymus

        • gitti sagt:

          Genau dieser Geisteszustand, der über Besitzen und Begehren hinausgeht, ist nicht erlernbar im gewöhnlichen Sinne. Es muß einem wirklich ernst sein mit der Frage- Was ist Liebe-dann ergeben sich Antworten aus der Leere des reinen Tao.Krishnamurti greift seine Leser ziemlich hart an,was aber wichtig ist, sonst kommt man nie darauf und hält immer an den alten Dingen fest.

          Liebe Grüße Gitti

        • Theo Fischer sagt:

          Hallo Taononymus,

          da habe ich mich ja auf ein Minenfeld gewagt. Gitti – Dank sei ihr – hat ja die Antwort bereits gegeben: diese Art der Liebe ist frei von jeglichem Verlangen. Man könnte sie auch als ein sehr starkes, tiefes selbstloses Mitgefühl verstehen. Im Übrigen darf ich zum Thema Liebe auf einige meiner Bücher verweisen – ich glaube, bis auf meinen letzten Titel habe ich in jedem der Arbeiten der Liebe mehr als ein paar Zeilen Text gewidmet. TF

          • Taononymus sagt:

            Hallo Gitti und Herr Fischer,
            vielen Dank für Eure Antworten!

            Was Ihr da über den Geisteszustand und das Gefühl einer umfassenden zwischenmenschlichen Liebe jenseits von haben und besitzen wollen sagt, leuchtet mir direkt ein, dazu habe ich keine weiteren Fragen. Dass man einer solchen Liebe eine “kosmische Dimension” zusprechen kann, auch wenn es nur Menschen sind, die sie empfinden und erleben, wollte ich nicht in Frage stellen.

            Meine Frage zielte vielmehr auf den Aspekt des Themas „kosmische Liebe”, der durch JEs Krishnamurti-Zitat, „… sie ist etwas Schreckliches, denn Liebe ist Zerstörung …“ und durch JEs Schlussfolgerung, „…Liebe ist demnach zwar Zerstörung, aber damit auch gleichzeitig Schöpfung“ umrissen wird.

            Weder aus Krishnamurtis noch aus JEs Aussagen oben kann ich entnehmen, dass damit auch eine Übertragung DIESER „kosmischen Liebe“ auf den Bereich zwischenmenschlicher Liebe gemeint ist. JE, bitte korrigieren Sie mich, wenn ich Sie hier falsch verstanden haben sollte.
            Die von Ihnen, Herr Fischer, nun angeschlossene Aussage, dass auch diese Liebe kosmischer Dimension zwischen Menschen durchaus möglich ist, lässt mich daher nach wie vor mit meiner ursprünglichen Frage von ganz oben zurück, nämlich welches zwischenmenschliche Verhalten denn aus so einer „kosmischen zwischenmenschlichen Liebe“, die ja „auch etwas Schreckliches“ bzw. „auch Zerstörung“ ist, entspringen sollte?

            Oder, nochmal anders gefragt: wo im zwischenmenschlichen Bereich siedeln Sie denn den schrecklichen und zerstörerischen Anteil der kosmischen Liebe an, wenn Sie diese auf das Zwischenmenschliche übertragen?
            Je mehr ich drüber nachdenke, umso mehr gebe ich Ihnen recht: DAS ist wirklich ein Minenfeld, und gerade deshalb wollte ich hier doch nochmal nachhaken, was hinter Ihrer Aussage steckt?

            Ihre Bücher, die ich alle gelesen habe, befassen sich wohl an vielen Stellen mit verschiedensten Aspekten der Liebe. Es geht dabei jedoch um die oben im ersten Abschnitt angeführte, „normale“ menschliche Liebesfähigkeit, mal mit mehr und mal mit weniger tiefem Verstehen gepaart. Dass diese Liebesfähigkeit im zwischenmenschlichen Bereich dann aber auch das Schreckliche, Schöpferisch-Zerstörerische der „kosmischen Liebe“ Krishnamurtis integrieren soll, DAS konnte ich aus Ihren Schriften bisher nicht entnehmen.
            Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass ich es nicht nur einfach überlesen oder ausgeblendet habe, sondern dass es auch wirklich nirgends enthalten ist, denn: was wird aus zwischenmenschlicher Liebe, wenn sie sich an der kosmischen Dimension des schöpferischen Zerstörens vergreift?
            In diesem Sinne ist JEs „Fragezeichen“ bei mir also nicht nur noch vorhanden, sondern mittlerweile schon fast zum Ausrufezeichen geworden.

            Viele Grüße ins Piemont,
            Taononymus

          • Theo Fischer sagt:

            Hallo Taononymus,
            einmal vorweg: auch wenn ich Krishnamurti bei Gelegenheit gerne zitiere, dürfte er ganz gewiss kein Experte in Sachen Liebe gewesen sein. Er selber war zeitlebens Single und es ist keine einzige Liebesbeziehung von ihm aktenkundig geworden. Insofern würde ich seine Statements nicht auf den Bereich der menschlichen Zuneigung ausdehnen – das ist unlängst nur mir passiert! Zerstörung ist gewiss kein Vademecum in Sachen Liebe unter den Menschen. Zerstörung macht nur Sinn, wenn sie Raum für das Neue, Frische, Unverbrauchte schafft, für den Wandel. In einer menschlichen Beziehung kann sich ein Abglanz der diskutierten Liebe einzig dadurch ausdrücken, dass sie die Bremsklötze zum Glück verbrennt, das Falsche vernichtet – bis hin zur Zerstörung einer ganzen Beziehung, wenn damit ein Leiden ohne Ende eliminiert wird. TF

  5. Lieber Herr Fischer – Liebe Leserinnen – Liebe Leser

    Ich fand kürzlich eine interessante Aussage zur Liebe…:

    Nur wenige Menschen wissen, was Liebe ist. Liebe ist die Blume, Mitgefühlt ist der Duft. Buddha hat Mitgefühlt als <Liebe plus Meditation< definiert. Wenn deine Liebe nicht mehr blosses Verlagen nach dem anderen ist, wenn deine Liebe nicht nur ein Bedürfnis ist, wenn deine Liebe ein Teilen ist, wenn deine Liebe nicht die eines Bettlers, sondern die eines König ist, wenn sie nichts zurückhaben will, sondern bereit ist, nur zu geben – aus reiner Freude am Geben -, dann füge Meditation hinzu, und der reine Duft strömt hervor… Das ist Mitgefühl – die höchste Stufe der Liebe…!

    Sexualität ist die unterste Stufe; sie geschieht in 99ig-% nicht aus Liebe…! Wenn das Mitgefühlt, die höchste Stufe der Liebe, zwei Liebende in die geschlechtliche Vereinigung führt, dann verschmelzen zwei in Einheit und wahrhaftiges Licht erstrahlt…: Die Höchste Stufe der Liebe…!

    Mit herzlichen Grüßen
    Albrecht Lauener

    • gitti sagt:

      „Sag es niemand, nur den Weisen weil die Menge gleich verhöhnet,
      das Lebendige will ich preisen,das nach Flammentod sich sehnet.“
      Goethe beschreibt hier die „Zerstörung“ als etwas Positives.
      Um diesem Urantlitz immer wieder zu begegnen, verspüre ich große
      Sehnsucht die Bremsklötze zu sehen und sie aufzulösen.
      Das wirkt sich auf die zwischenmenschlichen Beziehung sehr wohl aus,mal
      mehr mal weniger radikal.
      Diese schöpferische Zerstörung ist notwendig – lebensnotwendig
      sonst endet man in einem Sumpf ewigen Gleichklangs.

      liebe Grüße Gitti

  6. JE sagt:

    Lieber Taononymus,

    Sie hatten in Ihrem Beitrag vom 13.01. eine Frage an mich gerichtet, die ich Ihnen natürlich noch beantworten möchte (leider finde ich erst heute die Zeit).

    Auch wenn ich nicht weiß, ob Krishnamurti die zwischenmenschliche Liebe in seine Betrachtungen einbezogen hat (aber er schließt sie auch nicht aus?), ist für mich eine Liebe in dieser Dimension gleichwohl im zwischenmenschlichen Bereich möglich.

    [Zerstörung bedeutet auch -geistige- Zerstörung, nämlich von Konditionierungen, von Angst, in all ihren Auswüchsen, von Illusionen,usw. – und nur aus diesem, dann entstehenden Nichts, kann nach meinem Verständnis eine solche Liebe (neu) entstehen].

    Würde mich freuen, wenn ich Ihre Frage klären konnte.

    Beste Grüße
    JE

    • Taononymus sagt:

      Lieber JE,

      Danke für Ihre Klärung. Ihre Anwendung des Themas „Zerstörung“ auf den psychologischen Bereich kann ich auf jeden Fall nachvollziehen und für mich persönlich zumindest teilweise und manchmal (leicht finde ich’s aber nicht gerade) auch umsetzen.

      Die Frage die bei dieser Übertragung ins Zwischenmenschliche aber nerviger Weise wieder von neuem auftaucht ist die, wo denn nun die „kosmische Dimension“ geblieben ist, von der Krishnamurti geschrieben hat.

      Diesbezüglich nehme ich für mich nun das von dieser Tao-Baustelle mit, was Herr Fischer oben in einer seiner Antworten geschrieben hat, Zitat: “ … In einer menschlichen Beziehung kann sich ein Abglanz der diskutierten Liebe einzig dadurch ausdrücken, dass sie die Bremsklötze zum Glück verbrennt, das Falsche vernichtet – bis hin zur Zerstörung einer ganzen Beziehung, wenn damit ein Leiden ohne Ende eliminiert wird.“

      Hierbei wird für mich der kosmische Aspekt menschlicher Liebe sichtbar und erfühlbar, aber zwischenmenschliche Liebe bleibt menschlich und hat da Grenzen wo man selbst UND der ja genauso betroffene andere Mensch seine jeweiligen Grenzen hat.

      Viele Grüße,
      Taononymus

  7. Michael sagt:

    Lieber Theo Fischer,
    Ich möchte noch einmal auf das Koan selbst zurück kommen:
    Wenn mein Urantlitz leer ist, keinerlei individuelles Profil hat und sich nicht unterscheidet von der Leere des Schöpfergeistes, bedeutet das doch, dass alles, was ich jetzt bin, nur vorübergehende Erscheinung ist und nichts als diese Leere wirklich bleibt.
    Ich finde diesen Gedanken eher deprimierend.
    Welchen Sinn hätte dann das ganze Leben?
    Oder habe ich da etwas völlig falsch verstanden?
    Liebe Grüße
    Michael

    • Theo Fischer sagt:

      Lieber Michael,
      Ihre Frage ist leicht und schwer zu beantworten. Weil höchstwahrscheinlich die berühmte Leere, aus der alles entsteht, die größere Substanz besitzt. Krishnamurti beschreibt in seinem Tagebuch seine Begegnungen mit dem Unbekannten, und seine Worte sind zu arm, dieses gewaltige Erleben auch nur zu beschreiben. So wie ich die Dinge erahne, ist das Universum bei aller imposanten Größe im Grunde eher die Verdünnung des unbekannten Nichts. Wie hat einmal ein Philosoph es formuliert: Würde Gott auf Erden wandeln und dir auf der Straße begegnen, würdest du nichts wahrnehmen, weil deine Sinne etwas so Unbekanntes nicht zu erkennen vermögen. Wir sehen nur das, was wir kennen.
      Damit wäre unsere Vergänglichkeit positiver zu sehen: Wir sind Teilhaber an einem kosmischen Spiel, dessen Sinn das Stattfinden ist. Und die Rückkehr zum Grund, wie die Taoisten es erklären, ist quasi eine Heimkehr zum eigenen Ursprung. Aus der Wechselwirkung zwischen Substanz und Leere, Sein und Nichtsein entsteht ja genau jenes Kontrastprogramm der Gegensätze, welches der Langeweile endlosen Seins, selbst endloser Glückseligkeit vorbeugt. TF

  8. Michael sagt:

    Hallo Theo,
    vielen Dank für die schnelle und auch sehr schöne Antwort!
    Ich habe auch das Gefühl, dass die Leere, die letztlich alles manifestiert, auch alles umfasst. Dass nichts verloren geht oder verschwinden kann.
    Dass es einen ständigen Prozess von Erscheinen und Vergehen gibt.
    Andererseits gibt und gab es viele Menschen, die mir wichtig sind und die ich liebe.
    (auch Tiere oder andere Dinge)
    Ich kann einfach nicht akzeptieren, dass sich das alles in einem leeren Ursprung auflöst und vielleicht anders manifestiert.
    Aber hier fehlt mir sicher auch die Erfahrung, die sich aus einer Begegnung mit dieser Leere ergibt.
    Viele Grüße
    Michael

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