Nur ein unbedeutendes Lebewesen

Ich sitze in der Sofaecke, ein Buch in der Hand, und entspanne mich beim Lesen ein wenig von der Schreibarbeit. Da bemerke ich plötzlich etwas scheinbar total Unbedeutendes, ein Vorgang, den zu erwähnen jedes Wort zu viel wäre. Doch lesen Sie weiter: An der Schnittkante der Buchseiten bewegt sich langsam ein winziger schwarzer Punkt – ich sehe mit der Brille auf der Nase genauer hin – es ist ein voll ausgebildetes Insekt. Ich zähle sechs Beine, ein mikronenkleines Köpfchen und einen Körper, nicht größer als ein Stückchen Fliegenkot. Die normale menschliche Reaktion auf eine Störung dieser Art wäre wohl gewesen, das Tierchen einfach fortzuwischen – ein Rohling hätte es vermutlich zerquetscht, es hätte ja eine Laus oder ein Floh sein können. Aber für diese Identität war es zu klein, aus einem Floh hätte man ein Pärchen dieses seltsamen Wesens machen können. Und was, denken Sie, tat ich? Ich beobachtete, wie das Tier langsam, aber gezielt seinen Weg fortsetzte, bis es die Oberkante des Buches erreichte und dort zwischen Umschlag und der ersten Seite ins Innere verschwand. Und ich gerate ins Grübeln. Ich beobachte und überlege, wie das Bewusstsein dieses für den Menschen scheinbar unbedeutenden Lebewesens beschaffen sein könnte. Besitzt sein kleines Gehirn Denkvermögen? Ist es ein Männchen oder ein Weibchen? Hat es Gefühle? Sind diese geschlechtsspezifisch – ähnlich wie bei uns – verschieden? Ist in diesem Körper ein Bewusstsein vorhanden, das unserem Grundgefühl des Vorhandenseins entspricht? Wie alt ist das Tier? Und welche Lebensspanne hat es vor sich? Vielleicht ist es vor wenigen Minuten aus dem Ei geschlüpft und erlebt gerade eine Kindheit voller Abenteuer.

Auf die wenigsten dieser Fragen finde ich eine Antwort. Ich wäre auf Mutmaßungen angewiesen – und davon halte ich mich lieber fern. In einigen wenigen Punkten bin ich mir meiner Sache relativ sicher: Der Winzling wird sich mangels Propaganda gewiss nicht für die Krone der Schöpfung halten, sehr wahrscheinlich wälzt er keine Gedanken darüber, was der Sinn seines Vorhandenseins ist und wohin der Weg führt, wenn er einmal endet. In einem fundamentalen Punkt der obigen Aufzählung stimme ich allerdings mit früheren Aussagen von Alan Watts überein: Das Grundgefühl des Da-Seins dieses kleinen Wesens dürfte das gleiche sein, wie unseres. Es wird sich in diesem Sinne – freilich ohne unseren intellektuellen Überbau – ebenso als „Mensch“ fühlen und erleben, wie wir es tun. Das kann im Grunde gar nicht anders sein, denn Leben und das Tao, das sich in ihm manifestiert, erfährt sich in allen Erscheinungsformen des Universums an seiner Basis gleich. Was dann die Erfahrung hinzufügt, dürfte die Unterschiede herstellen. Eine Taufliege wird andere Erlebnisse ihrer Identität hinzurechnen als ein Eichhörnchen – und ein Hai wiederum andere als ein moderner zweibeiniger in Nadelstreifen.

Sie haben alles Recht der Welt, anderer Meinung zu sein. Die Überzeugungen von Milliarden Menschen stehen den Gedanken entgegen, die ich hier skizzenhaft vortrage. Selbst ein weltoffener Buddhist darf mir da nicht Recht geben. Zwar gibt es in der Koansammlung des Zen eine Aufgabe, die Überlegungen herausfordert, ob ein Tier die Buddha-Natur besitzt, aber die individuellen Antworten darauf schließen sich dann doch eher dem Krone-der-Schöpfung-Modus an. Man will schließlich im endlich erreichten Nirwana nicht gemeinsam mit einem Esel oder Schwein die Ewigkeit verbringen. Sie werden gewiss in Ihrem subjektiven, alltäglichen Erleben die Einheit der Dinge nicht so stark empfinden, dass Sie sich mit einer Grille oder einem Bund Radieschen identifizieren. Das wäre wahrhaftig zu viel verlangt – und obendrein unnötig. Aber es wäre auch kein Fehler, wenn Sie bei Gelegenheit einmal eine Begegnung der geschilderten Art aus einem anderen Blickwinkel betrachten würden, als Sie es gewohnheitsmäßig tun.

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2 Antworten zu Nur ein unbedeutendes Lebewesen

  1. Taononymus sagt:

    Hallo Ihr,

    bei der Annäherung an das grundlegende Daseinserleben, das wir mit allen und allem teilen weil es alle und alles durchdringt, hilft es mir oft, mir zunächst einmal klar zu machen, welches übermächtige Ausmaß der menschliche „Überbau“ hat, der uns den Zugang dazu blockiert.
    In einem ersten Schritt mache ich mir also das speziell Menschliche noch stärker bewusst, um im zweiten Schritt eine größere Chance zu haben, für Sekundenbruchteile ein klein wenig davon abrücken zu können.

    Beim speziell Menschlichen stoße ich nicht nur auf den „intellektuellen Überbau“ mit all seinen Varianten wie dem Krone-der-Schöpfungsmythos, dem Wissen um die eigene Sterblichkeit, den Nach- und Vorteilen der menschlichen Sprache usw. sondern zusätzlich auf genetische, psychisch-emotionale, kulturelle etc. Überbauten. Alle diese Überbauten sind speziell menschlich und jeder einzelne davon steht dem rein intellektuellen Überbau in seiner Mächtigkeit in nichts nach.
    Mit speziell menschlich meine ich hier nicht, dass andere Lebewesen nichts dem entsprechendes haben. Aber was sie in ihrer Welt haben, das ist nichtmenschlicher Art und Ausprägung, so verschieden von uns dass wir allzu oft nur über den Weg der projektiven Vermenschlichung ein künstliches Gefühl der Nähe zu ihnen herstellen können.
    Diese Nähe ist dann geprägt von menschlichen Projektionen, nicht von echtem Verstehen oder gar von echtem Respekt, der gerade auch Andersartigkeit anerkennen kann. Aber meist bemerken wir diese Unterschiede noch nicht einmal. Und wenn doch, dann wollen wir sie nur ungern wahr haben, denn zu sehr verunsichert uns die Vorstellung von etwas, das grundlegend anders ist als wir selbst.

    Ausmaß und Bedeutung des speziell Menschlichen mache ich mir oft mit dem Bild eines riesigen, lange Zeit gewachsenen dichten Urwalds klar, an dessen Stämmen und Ästen wir uns festhalten, in dem wir uns aber auch verstricken und verirren und in dem es uns nur selten gelingt eine kleine Lichtung zu betreten, auf der Bäume und Gestrüpp die Sonne auf den Boden scheinen lassen, ehe wir wieder ins Gehölz hineinstolpern.

    In diesem Bild müssten wir dann nicht nur Gedanken, Erfahrungen und Wissen, sondern gerade auch unsere Gefühle, unseren Charakter, die Kultur in der wir aufgewachsen sind, unsere Religion sowie alle Begriffsbildungen unserer Sprache für einen Moment zurücklassen, damit wir jenes grundlegende Daseinserleben in unser Bewusstsein „hineinscheinen“ lassen können, welches wir mit dem Miniinsekt aus Theos Buch UND mit jedem UNbelebten Ding gemeinsam haben.

    Aber spätestens bei einem Versuch mit der unbelebten Natur, mit einem Sandkorn etwa, wird es schwierig. Zu tief verstrickt stolpern wir in unserem allzu menschlichen Urwald aus Projektionen, Gefühlen, Erfahrungen und Gedanken herum und zu verkrampft halten wir uns an seinen Stämmen und Ästen fest, als dass wir DIESEN Schritt tun könnten.
    Aber gelingt es uns denn mit einem Lebewesen wirklich besser, oder spielen wir uns da mit den Mitteln vermenschlichender Projektionen nur etwas vor?
    Reicht denn beispielsweise ein Virus oder muss es schon ein kompletter Einzeller sein? Wenn Einzeller aber nicht Virus, wie begründen wir die Grenze, die wir da ziehen? Reicht vielleicht erst eine Pflanze oder gar ein Tier, damit wir „es“ überhaupt mit so etwas wie einem grundlegenden Daseinserleben in Verbindung bringen können? Und wenn der Einzeller nicht reicht, was ist dann mit uns selbst, die wir alle in unseren ersten Lebensmomenten auch mal ein Einzeller waren?

    Und genauso scheinen mir auch die Fragen nach den Gefühlen, der Seele oder der Buddha-Natur von Tieren sowie nach der Auferstehung und/oder Wiedergeburt von Tieren oder als Tier samt ihren jeweiligen kulturell und religiös geprägten Antworten nach dem gleichen Strickmuster gewebte Missverständnisse aus menschlichen Projektionen zu sein.
    Um in Bild zu bleiben, sie gehören zu den ganz großen Urwaldriesen, wohl wurzelnd in einer intuitiven Wahrnehmung einer gemeinsamen Abstammung, aber der Natur nach ein weiteres Erzeugnis menschlichen „geistigen Wachstums“. Man kann sich gut daran festhalten, sich auch darin verirren, auf jeden Fall aber schirmt es die Sonne mit einem undurchlässigen Schattendach wirksam ab.

    Mit diesem Bild des „Urwalds des Menschlichen und Vermenschlichten“ gelingt mir dann manchmal für Sekundenbruchteile der zweite Schritt einer ganz minimalen Ablösung von all dem. Eine treffende verbale Beschreibung dieses Schritts käme allerdings einer Quadratur des Kreises gleich und schon der Versuch allein kreiert natürlich auch wieder nur einen weiteren Spross im Gestrüpp des allzu Menschlichen.
    Die für mich noch am meisten brauchbare „Verbalprothese“ bei diesem Versuch ist das Wort „Daseinswahrnehmung“, welches mir ein Verschmelzen von Daseinsbewusstsein und Daseinserleben, passivem Wahrnehmen und aktivem Ausleben des Vorhandenseins suggeriert.
    Aber mit solchen Begriffen ist es natürlich wie mit „Körperprothesen“ auch, sie sind an den Träger angepasst und für andere nur nach Umarbeitung und Anpassung an die eigenen Gegebenheiten zu gebrauchen, wobei auch Enzyklopädien nur begrenzt weiterhelfen können.
    Allerdings: ein solcher „Prothesenaustauschvorgang“ kann trotz oder vielleicht gerade wegen 😉 aller Unzulänglichkeiten inspirierend und befruchtend sein, so zu sagen eines der „Lebenselixiere“ dieser Baustelle hier.

    Viele Grüße
    Taononymus

  2. gitti sagt:

    Heute hat es bei uns 33 Grad und ich flüchte von der Terrasse in das kühle Zimmer.
    Die kleinen „unbedeutenden Lebewesen“ auf meiner Terrasse habe ich mit Aufmerksamkeit wahrgenommen. Kleine unterschiedlichste Wesen mit perfekten Füßchen und Fühlern leben mit uns.
    Die Hitze macht ein bißchen träge und müde- doch die Wahrnehmung meiner Umgebung ist dadurch nicht beeinträchtigt, im Gegenteil- ein ruhiger Sommernachmittag in „gehobener Gesellschaft“.
    Liebe Grüße Gitti

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