Passivität als eine Form des Handelns

Passivität – ein gefährliches Wort. Um es mit dem taoistischen Denken zu verbinden, sind klare, unmissverständliche Formulierungen nötig. Die es insbesondere von jener Untätigkeit trennen, die Sympathisanten von Wu wei so gerne praktizieren. Nämlich selbst Situationen mit dringendem Handlungsbedarf einfach auszusitzen. Im Vertrauen darauf, dass eine Macht, größer als sie selbst die Dinge schon regeln wird. Das Beobachten und stille Verharren ist dann richtig, wenn jemand vor Problemen steht, denen gegenüber er absolut ohnmächtig ist. Hier abzuwarten, bis der Sturm sich legt, und der Energie des Grundes zu vertrauen, ist intelligent und wird durch die einsetzenden Wirkungen auch bestätigt. Doch im normalen Alltag fordert das Leben einem Menschen des Weges auf alle Fälle ein produktives Tätigsein ab.

Wozu sollen wir uns dann mit Passivität befassen, wenn sie für die Umsetzung des Tao-Weges offenbar ganz und gar nichts taugt? Ich habe sie oben gefährlich genannt. Und wenn man im Duden nachschlägt, klingt es auch so: Passivität: = Leidensform, passiv: = untätig, teilnahmslos, still, duldend. In der Bilanz steht Aktiva für Vermögen und Passiva für die Schulden. Soweit es unser tägliches Verhalten und Handeln betrifft, stimme ich Ihnen zu: die Lebenskunst des Tao und Passivität haben auf den ersten und sogar auf den zweiten Blick nichts miteinander zu tun. Aber lassen Sie uns einen kleinen Schritt weiter gehen. Und den materiellen Bereich verlassen, in dem Aussitzen von Situationen keine Lösung ist. Ich will auch jenen Menschen nicht das Wort reden, die unter einer chronischen Entscheidungsschwäche leiden. Denen das Wasser weit über den Hals hinauf stehen muss, bis sie endlich aktiv werden. Oder die erst in letzter Sekunde zugreifen, wenn ihnen ein Ding, das sie gerne hätten, vor der Nase weggeschnappt zu werden droht.

Lassen Sie uns über eine andere Dimension von Passivität reden: der Passivität des Geistes. Im Sinne von Unbewegtheit, jener Abwesenheit von Aktion, die das Charakteristikum des unbewegten Bewegers – des Grundes aller Dinge ist. Das Tao tut nichts, und dennoch bleibt nichts ungetan, sagt Laotse. Unser Geist würde sich dem Zustand des Grundes nähern, wenn wir es fertig brächten, in unserem Gehirn eine Annäherung an diese passive Stille herzustellen. Wenn Sie jetzt ein wenig nach oben blicken – nicht zum Himmel, nur ein paar Zentimeter höher ins Innere Ihrer Schädeldecke, dann lauschen Sie bitte in sich hinein und nehmen zur Kenntnis, was für Szenen sich soeben dort abspielen. Seit der Kindheit haben wir im Inneren unseres Kopfes ein Filmstudio installiert, in dem tagsüber, von uns gebilligt, und nachts unfreiwillig die Filmstreifen unseres Verlangens ihr Programm abspielen. Unser Filmarchiv wird metaphorisch gesehen natürlich nicht zuletzt für unsere Identität gebraucht, wir erleben uns als Selbst über die viele Jahre lang gesammelten Eindrücke, die unser Wissenspotenzial ausmachen und unser Selbstbildnis formen. Die Programme in unserem Gehirn beginnen in dem Maß zu schrumpfen, in dem wir weniger wollen. Mit weniger Wollen meine ich nicht, dass wir uns nichts mehr wünschen dürfen oder gar nichts mehr bekämen, wenn wir uns geistig einschränken. Weniger Wollen, und damit diesen passiven Geisteszustand erzeugen, wird Ihnen gelingen, wenn Sie eine fundamentale Einsicht realisieren: dass dieser passive, stille Geisteszustand mit dem permanenten Schöpfungsprozess identisch ist, der Sie von Augenblick zu Augenblick Ihre Existenz überhaupt erst erleben lässt. Die Dinge samt Ihrer werten Person finden darum statt, weil in Ihnen in großer Tiefe diese Stille wohnt, die Ihr Sein und alles Geschehen, das Ihre Sinne wahrnehmen, erzeugt.

Es wäre doch einen Versuch wert: Im Vertrauen darauf, dass Ihr eigenes Stattfinden samt allen Ihren Beziehungen, Ihren Wünschen und Sehnsüchten – dass dies alles aus einem Zustand absoluter Passivität in Ihrem eigenen Inneren hervorgeht, sollten Sie einmal für eine Weile alles, was in Ihrem Geist aktiv ist, kurzerhand einschlafen lassen. Kommen Sie zur Ruhe. Sagen Sie sich: „Ich nehme meine Welt wahr, damit sie weiter stattfindet, und es liegt in meiner Macht, die Dinge so zu beeinflussen, so dass sie sich wie ein warmer, wohltuender Strom auf mich zu bewegen.“

Ein passiver Geist ist niemals träge. Er ist sich im Gegenteil seiner gewaltigen Aufgabe bewusst, und diese Aufgabe schließt das Streben nach dem eigenen Glück und Wohlergehen ein. Wenn Sie so zu denken beginnen, stehen Sie auf der Seite der Sieger.

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3 Antworten zu Passivität als eine Form des Handelns

  1. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    herzlichen Dank für diesen Lesegenuss am Sonntag 🙂

    Es ist im Alltag nicht immer einfach, den feinen Unterschied herauszufühlen zwischen einem geistig trägen, entscheidungsscheuen Dahinleben einerseits und jener unbewegten Stille des schöpferischen Grundes, von der Sie schreiben.
    Aber Sie weisen in Ihrem Text mehrfach implizit auf eine Orientierungshilfe hin, die ähnlich einer Kompassnadel unwillkürlich auf den schöpferischen Grund zeigen muss. Sätzen wie „… Lauschen Sie bitte in sich hinein und nehmen zur Kenntnis, was für Szenen sich soeben dort abspielen.“ oder: “ … Ich nehme meine Welt wahr, damit sie weiter stattfindet…“ beinhalten nämlich einen Aufruf zum wachen Hinschauen und Beobachten, zum aufmerksamen Wahrnehmen und zum Gewahr werden all dessen was sich innen wie außen abspielt.

    Diese einfache, wache Aufmerksamkeit ist aber aktive Zuwendung und passive Betrachtung zugleich, und ob in sich nun aktiv oder passiv, diese Frage verliert dabei völlig ihren Sinn. Denn obwohl man gar nichts „tut“ sondern „nur schaut“ bringt dieser Vorgang langsam aber unerbittlich den Dämmernebel geistiger Trägheit zur Auflösung bis er deren Basis grell ausgeleuchtet.
    Und mit dem halbwachen immer-weiter-Wursteln-und-Hasten, dem Augen-zu-und-durch und der betäubten Teilnahmslosigkeit gegenüber dem eigenen Leben, die für geistige Trägheit so typisch sind, geht es dann einfach nicht mehr weiter.

    Viele Grüße ins Piemont und einen schönen Sonntagabend,
    Taononymus

  2. Matthias sagt:

    Guten Tag!

    Passivität ist in der Tat ein gefährliches Wort, vor allem, weil Passivität in unseren Zeiten des Aktionismus immer einen negativen Beigeschmack hat.

    Dabei hat die ursprüngliche Bedeutung nichts mit Untätigkeit oder Entscheidungsschwäche zu tun. Im Gegenteil: das lateinische Adjektiv „passivus“ bedeutet „empfindsam, der Empfindung und der Affekte fähig “ (http://www.zeno.org/Georges-1913/A/passivus+%5B2%5D). Es ist abgeleitet von lat. „patior“, das im Wesentlichen „dulden, erdulden, aushalten, geschehen lassen“ bedeutet. Und das ist nach meinem Verständnis eine sehr „aktive“ Haltung, denn es geht um standhalten, sich behaupten angesichts des Sturms, nicht um das bloße Abwarten und Auf-die-lange-Bank-schieben.

    Interessanterweise schlägt der Pons (http://de.pons.eu/dict/search/results/?q=passiv&l=dela&in=ac_undefined&lf=la) zum deutschen Stichwort „passiv“ lat. „quietus“ (= ruhig) vor und übersetzt „sich passiv verhalten“ mit „nihil agere“ (= nichts tun).
    Offenbar waren die ollen Römer gar nicht so weit weg vom Tao. Und wir sind bei der von Theo Fischer vorgeschlagenen positiven Deutung des Wortes „Passivität“ als Geisteszustand, in dem wir unsere Empfindung der Stille in der Tiefe öffnen.
    Damit bin ich voll einverstanden.

    Was mich andererseits stört (natürlich weil ich mich in gewisser Weise betroffen fühle), sind Formulierungen wie „chronische Entscheidungsschwäche“ oder „geistige Trägheit“. Hinter denen lauert das aktuell ebenso angestrebte wie zu hinterfragende Ideal einer allzeit entscheidungsfreudigen, agilen Persönlichkeit. Deshalb muten diese Formulierungen eher wie negative Werturteile denn wie neutrale Beschreibungen an.

    Wer sich nicht entscheiden kann oder will, trifft ungewollt trotzdem eine Entscheidung, nämlich sich nicht zu entscheiden. Das kann – abhängig von der Situation – OK sein. Es wird aber zur Schwäche, wenn man sich über die eigene Unentschiedenheit oder über ihre Folgen beklagt.

    Man sollte auch zwischen Trägheit und Langsamkeit unterscheiden. Letztere ist eine Frage der persönlichen Grundgeschwindigkeit, wie sie Sten Nadolny in seinem Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ so eindrucksvoll beschreibt. Trägheit verstehe ich hingegen in Anlehnung an das physikalische Prinzip als Beharren auf einer geistigen Richtung und Geschwindigkeit.

    Die Grundfrage, die sich mir seit langem stellt, ist nicht die Unterscheidung zwischen
    „einem geistig trägen, entscheidungsscheuen Dahinleben einerseits und jener unbewegten Stille des schöpferischen Grundes“, wie Taononymus es so treffend formuliert, sondern:
    Wann ist der rechte Zeitpunkt für eine Entscheidung, ein Tun oder ein Unterlassen?

    In letzter Sekunde zugreifen kann – eBay-Benutzer wissen das – das Richtige zur richtigen Zeit sein. Eine weitere Zehntelsekunde zu warten jedoch nicht.
    Mein Sohn berichtete anlässlich seiner ersten Surfversuche auf relativ kleinen Wellen, wie das Wasser ihn nach Stürzen mit einer Kraft nach unten drückte, und keine Kraftanstrengung vermochte, gegen diese Kraft an die Wasseroberfläche zu gelangen. Er war besonnen genug, nicht in Panik zu geraten, sondern abzuwarten, bis das Wasser ihm wieder erlaubte, an die Oberfläche aufzutauchen.

    Die Frage ist also nicht nur, was zu tun oder zu unterlassen ist, sondern vielmehr, wann der günstigste Zeitpunkt dafür ist.

    Herzliche Grüße,
    Matthias

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