Polarnacht

Zahlloser Sterne breites Band, glitzernd in tiefer Nacht.
Klippe beschienen von einsamer Leuchte, Mond noch nicht gesunken.
Prächtiger Glanz vollkommener Kugel von ungeschliffenem Jaspis,
aufgehängt im nachtschwarzen Himmel. Das ist mein Sinn
Han Shan

Dieser Han Shan hatte schon eine Vorliebe für poetische Sprüche. Wie schön wäre es, sich vorzustellen, der eigene Geist wäre so klar und weit, wie er es in diesem Vers in Worte fasst. Ich selbst habe in einem meiner Bücher diese Stille des Geistes mit einer windstillen, sternklaren Polarnacht verglichen, so ruhig und unberührt, wie man es sich nur wünschen kann.

Ist das nun alles Illusion? Eine Skizze unerfüllbarer, frommer Wünsche? Ist das menschliche Gehirn überhaupt zu einer derartigen Ruhe fähig? Ja, das ist es. Aber im gewöhnlichen Alltag stellt sich diese Ruhe hauptsächlich dann ein, wenn ein Mensch sich einer absolut hoffnungslosen Lebenslage bewusst wird, wenn er alles Ringen und Kämpfen als sinnlos begriffen – und sich selber vollständig aufgegeben hat. Ich habe es im Deckblatttext von Wu wie entsprechend formuliert – und das ist nicht erfunden, keine künstlerische Freiheit des Schriftstellers – das habe ich selber erlebt! Und aus dieser beinahe polaren Stille und Ruhe heraus werden unversehens Kräfte geboren, Energien, welche den Betroffenen sich erheben und am Ende siegen lassen.

Und es braucht keine katastrophale Lebenssituation, um in diesen Geisteszustand von Ruhe und Stille zu gelangen. Es müssen nicht erst die eigenen Kräfte versagen, bis der Widerstand gegen die Klarheit eines leeren Sinnes sich einstellt. Das Gleiche geht auch auf freiwilliger Basis: indem man sich einfach für eine Weile aufgibt! Sie stellen sich in Ihrer ja auch sonst so reich blühenden Fantasie eine Situation vor, die reif zum Aufgeben ist. Sie fühlen sich hinein in einen Zustand, in dem nichts mehr wichtig ist, am allerwenigsten Sie selber. Wenn Ihnen das gelingt, werden Sie unversehens merken, dass sich da in Ihrem Sinn eine Wandlung vollzieht: Alles, was Sie vorher spürten, hat keine Bedeutung mehr – Sie selber sind leer und unwichtig, die Mittelachse des Brummkreisels, der Sie selber sind, ist plötzlich verschwunden. Und Sie beginnen etwas Neues, Anderes zu spüren: Eine Kraft, eine Energie, die nicht die Ihre ist, mit der Sie aber im Zustand der Stille absolut verbunden sind. Und wenn Sie diesen Geisteszustand der polaren Stille jedes Mal aufsuchen, wenn eine Krise oder ein Problem drohen – dann wird Ihr Gemüt sie in aller Seelenruhe und kalt wie ein Eisberg lösen.

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4 Antworten zu Polarnacht

  1. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    da sind sie also wieder, diese Beispiele von Leuten, die nur über persönliche Katastrophen oder längerfristige Anstrengungen zu innerer Stille gefunden haben, seltsamer Weise gefolgt von dem Schluß, dass es all das gerade NICHT braucht, weil ja eigentlich alles „ganz einfach“ ist.
    Sie selbst reihen sich hier in die Kategorie „durch die Katastrophe zur Stille“ ein, während Han Shan ein Mensch ist, der in der Lebensmitte Familie, Haus und Hof verlassen hat, um als Eremit im Tiantai-Gebirge zu leben. Aber das war für ihn noch lange nicht genug der Anstrengung. Zusätzlich verbrachte er auch noch einen großen Teil seiner Zeit mit Meditation und Bücherstudium, wie aus seinen Gedichten ziemlich eindeutig hervorgeht. Also wieder nichts mit dem „ganz einfachen“ Weg zu innerer Stille.

    Diese Beispiele von Menschen, die zu irgendeiner Form innerer Stille fähig sind, ließen sich beliebig vermehren. Aber alle hätten sie entweder persönliche Katastrophen durchlebt oder sich anderweitig ernsthaft um innere Stille bemüht, meist sogar beides. Überhaupt einen Menschen zu finden, der „ganz einfach“ durch „Fantasiereisen auf freiwilliger Basis“ zu ihr gefunden hat, das dürfte meiner Meinung nach schwer sein.
    Gegenbeispiele bitte sofort hier melden 😉

    Der für mich persönlich logische Schluss aus diesem Befund ist, dass es eben NICHT „ganz einfach“, ohne persönliche Katastrophen oder anderweitige innerliche Arbeit geht. Letztere muss ja nicht notgedrungen innerliche Verkrampfung, Verbissenheit, ständigen Kampf gegen sich selbst und dergleichen mehr bedeuten. Sie kann auch aus einer selbstbejahenden und gelassenen inneren Haltung heraus erfolgen und trägt wahrscheinlich nur so auch wirklich Früchte. Aber „ganz einfach“ per Tagtraum und ohne weiteren Einsatz ist innere Stille deshalb noch lange nicht zu haben.

    Auch ein weiterer, in letzter Zeit in Ihren Zitaten und Texten häufiger auftauchender „Kurzschluss“, aus dem Sie ebenfalls gerne folgern, innere Stille sei „ganz einfach“ zu haben, wäre hier zu erwähnen.
    Und zwar die Verwechslung zwischen der grundsätzlichen Fähigkeit eines einzelnen Menschen, Momente innerer Stille zu erleben, und der konkreten Erfahrung, die er in solchen Momenten dann machen kann.

    Erstere, die persönliche Fähigkeit zu innerer Stille, die war und ist im Erwachsenenalter glaube ich nicht ohne Einsatz zu haben, sei es im Rahmen eines „Katastropheneinsatzes“ oder durch freiwillige Bemühungen, siehe Sie selbst und siehe Han Shan. Wie gesagt, Gegenbeispiele gesucht, bitte hier melden 😉

    Letzteres, das in Momenten innerer Stille konkret Erlebte, das beinhaltet laut Laozi, Zhuangzi und auch laut Han Shan in der Tat oft, dass alles, was man durch Mühen zu erreichen suchte, ganz ohne dieses Zutun immer schon vorhanden war und man dem trotz aller Mühen nichts hat hinzufügen können.
    Nur, eine solche Einsicht mag momentan noch so befreiend wirken, sie fegt den real existierenden Menschen, der sie erlebt hat, nicht hinweg. Ihr Eindruck, egal wie tief, wird unweigerlich früher oder später vom Alltag verschluckt werden, wenn der Mensch das „Pech“ hat, dass keine erneute persönliche Katastrophe ihm „Nachhilfeunterricht“ in innerer Stille erteilt und wenn er sich auch ansonsten zu keinen weiteren Bemühungen um selbige aufraffen kann.

    Viele Grüße ins Piemont,
    Taononymus

      • Taononymus sagt:

        p.s.: In HanShans eigenen Worten liest sich dies natürlich tausendfach schöner:

        „Unermesslich weite Wasser des Huanghe,
        Fließen gen Osten, ohne Unterlass.
        Niemals erlebt man, wie der Strom sich klärt,
        Denn aller Menschen Leben hat ein Ende.
        Willst Du jedoch auf einer weißen Wolke reiten –
        Weißt Du, wodurch Dir Flügel wachsen?
        Nur wenn Du Dir, so lang Dein Haar noch schwarz,
        Wo Du auch gehst und stehst die größte Mühe gibst.“

        Liebe Grüße,
        Taononymus

  2. JE sagt:

    Hallo,

    – bereits das Lesen dieses Verses von Han Shan lässt wunderbar diese Stille spüren.

    Es geht um das (Sich-) Aufgeben, entweder aus Gründen, die aus einer sogenannten Krisensituation resultieren, leider dann sozusagen „gezwungenermaßen“ – oder aber, dass dieses Aufgeben auf „freiwilliger Basis“ erfahren werden kann, in dem man sich zum Beispiel in eine ähnliche Lebens-Situation „einfach“ hineinversetzt.
    So verstehe ich Deinen Kommentar, lieber Theo.
    Ich sehe hierin auch keinerlei Widerspruch, wie Taononymus diesen formuliert.
    Außer man reibt sich nun an dem Verständnis für das Wort „einfach“ auf… – aber, dass ein stiller, klarer Geist nicht wie gebratene Tauben daher kommt, werden wohl die wenigsten in den Text hineinlesen.
    Freiwilligkeit, d.h. das Einfach-tun und ein Bemühen schließen sich dahingehend also nicht aus; ein solches Bemühen hat auch nichts mit krampfhafter Anstrengung oder gar mit Schweißperlen zu tun, man kann es nämlich „einfach“ freiwillig machen.

    Auch, wenn dem Ein oder Anderen der Lebensweg von Han Shan als mühsam und anstrengend erscheint, für ihn war es doch offensichtlich das, was er sich ausgesucht hat… – eben einfach freiwillig 🙂

    Herzliche Grüße
    JE

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