Reife – der Schlüssel zum Glück

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Der Mensch lebt unterhalb seiner Möglichkeiten

 

Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf Erden, das un­terhalb seiner naturgegebenen Fähigkeiten lebt. Jedes Tier entfaltet das Maximum seiner Möglichkeiten, und wenn diese er­schöpft sind, stirbt es, ohne zu klagen, so selbstverständlich und so leicht, wie es gelebt hat. (Von dieser Feststellung ausgenommen sind Tiere in Menschenobhut. Ihnen wird jede artgerechte Entfal­tung trotz gegenteiliger Behauptungen verweigert. Wie sollte auch der Beherrscher der Welt Kreaturen, deren Instinkte ihm fehlen und die er deswegen verachtet, mehr Verstand entgegen­bringen als der eigenen Brut? Und gerade letztere muß viel, viel leiden, bis sie aus dem Gröbsten herausgewachsen ist.)

Eine Ursache für die weltweiten menschlichen Probleme ist die Einseitigkeit des Instrumentariums, mit dem wir verstehen und handeln. Unserer Art zu leben fehlt die Symmetrie. Was wir auch immer tun, es wird von Wissen und Erfahrung, also vom Intellekt diktiert. Unser anerzogenes Weltbild und unsere Vorurteile spre­chen ein gewichtiges Wort mit. Niemand klärt seine Kinder dar­über auf, dass es auch noch eine Alternative gibt. Wohl kennen wir den Begriff «Spontaneität», aber bereits die Forderung: «Sei spon­tan» ist in sich ein Witz. Wenn ein junger Mensch die Schule verlässt, ist ihm bereits alles an Talenten ausgetrieben worden, die ihn zu kreativem, spontanem Handeln befähigt hätten. Eine wei­tere Ursache des Malheurs ist der Umstand, dass die wenigsten zivilisierten Menschen es schaffen, ihre kindlichen Bindungen an die Eltern abzulegen. Und wem es gelingt, den überfällt spätestens während oder nach der Pubertät dieses überwältigende Gefühl der Isolierung und Einsamkeit als Folge der gelösten Familienbande, und er wird nichts Eiligeres tun, als sich in der Abhängigkeit neuer Bindungen zu verlieren. Die Überbetonung des Verstandes in Verbindung mit ungelösten Eltern- oder Ersatzbindungen erzeugt dieses Gefühl der Fremdheit gegenüber der Welt, an dem wir lei­den.

Wahrscheinlich denkt kaum jemand darüber nach, woher diese Empfindung der Fremdheit gegenüber der Außenwelt kommt. Ja, dieses Gefühl des Nichtbeteiligtseins wird bewusst gar nicht wahr­genommen, solange man sich innerhalb seines privaten Lebens­kreises einigermaßen in Sicherheit weiß. Es brauchte eine mittlere Katastrophe, einen Krieg, ein Erdbeben, eine Sturmflut, die uns obdachlos und einsam macht, daß wir unsere Isolierung von der Welt mit voller Wucht erlebten. Dabei ist^s diese innere Abspal­tung von unserer Welt, die unser Handeln so armselig und unzu­länglich macht. Die Auffassungen der Völker über die Welt unter­scheiden sich im Detail voneinander, in ihrem großen Rahmen stimmen sie jedoch überein. Die Philosophie unserer Kultur be­tont und beklagt diese Spaltung zwischen Mensch und Welt, aber in der alltäglichen Anwendung fördert sie sie. Vom Osten kom­men Lehren zu uns, die diese Einheit als Grundvoraussetzung ver­künden, aber sie sind und bleiben Theorie.

Es stellen sich zwei Fragen: Macht es Sinn, sich um eine andere Position gegenüber der Welt zu bemühen – also: Was nützt es mir? und Was könnte und müßte getan werden? Auf beide Fragen gibt es die gleiche Antwort: Sie müssen es ausprobieren. Solange der eine sitzt und Behauptungen niederschreibt und die anderen sie lesen und glauben oder ablehnen, sind wir alle im alten Muster vom Glauben an fremde Information gefangen. Es gibt nur den Weg über die Praxis. Entweder etwas funktioniert und macht da­durch Sinn oder es funktioniert nicht. Auch im zweiten Fall gibt es eine Erkenntnis, die jedoch selbst erfahren und nicht aus zweiter Hand ist. Im Verlaufe der folgenden Übungen zum Erwachsen­werden werden Sie auch solche vorfinden, an denen Sie scheitern sollen. Sie funktionieren dadurch, dass sie misslingen. Unter den Wahrheiten des Lebens ist die Gewissheit, dass etwas Bestimmtes nicht geht, gar nicht so trostlos. Sie entbindet uns im Gegenteil von‘ der Last, es immer und immer wieder zu versuchen, bloß weil wir nicht realisieren oder nicht zugeben dürfen, dass es nicht geht.

Wir werden uns auch mit der Struktur unserer Psyche befassen. Was wir an Informationen über sie besitzen, ist genauso eine Theorie wie die Hypothese vom Urknall oder vom – falls kein Urknall – ewig bestehenden Universum. Der Witz bei diesen Para­digmen ist, daß insbesondere die Wissenschaft, die für viele unse­rer Leit- und Weltbilder verantwortlich zeichnet, den wirklich un­bekannten Phänomenen völlig hilflos gegenübersteht. Jedes Kind mit seiner unschuldigen, unverbildeten Logik würde auf die Frage, ob die Welt schon immer bestand oder durch den Urknall hervor­trat, antworten, das sei doch egal und vielleicht wäre beides falsch und die dummen Leute wüssten bloß nicht, wie es sich wirklich verhält. Aus schierer Angst vor Unsicherheit schließen wir alles Unbekannte grundsätzlich aus unserem Leben aus. Niemals be­ziehen wir es in unser Handeln ein. Gut, mit Tatsachen leben ist wunderbar, anders funktioniert es nicht. Aber einmal Hand aufs Herz: Ist der Umstand, dass wir ungeheuer viele Dinge nicht wis­sen, daß es massenweise uns unbekannte Phänomene gibt, nicht ebenfalls eine Tatsache? Eine Tatsache, die wir um den Preis per­manenter Schwierigkeiten im Leben ignorieren ?

Die meisten Dinge, über die wir Bescheid wissen, nützen uns ganz und gar nichts, wenn es um die Lösung unserer Probleme geht. In dieser im ersten Kapitel erwähnten Schulung für Künstler wird Bezug auf die Eigenschaften der rechten und linken Gehirn­hälfte genommen, und die Ausbildung zielt darauf ab; dass die in­tellektorientierte linke Hälfte zeitweise ihre Vorherrschaft zugun­sten der kreativen rechten aufgibt. Mit visuellen Übungen wird der Schüler darauf trainiert, nach Bedarf seinen kreativen Gehirn­bereich «einzuschalten». Ich habe mir diese Kurse angesehen, und die vermittelten Methoden lassen sich auch im Alltag anwenden. Allerdings mit einigen Vorbehalten und einigen materiebedingten Ergänzungen. Zum Beispiel glaube ich nicht an diese Halbierung des Gehirns. Es gibt andere, plausible Forschungsergebnisse, nach denen das Gehirn chaotisch organisiert ist, richtiger: sich chao­tisch organisiert (wobei mit <chaotisch> vermutlich eine Ordnung gemeint ist, welche die Wissenschaftler mangels Überblicks nicht entdeckt haben). Außerdem grenzt das sich als Individuum füh­lende Ich seine persönliche Welt in dem Minimalbereich des Ober­stübchens ein. Und dieser Minimalbereich ist zugleich für Ge­dächtnis und Gedanken zuständig, die dieses ständige Gefühl, ein Individuum, ein Ich zu sein, erzeugen. Der Rest des Kopfinhaltes ist freies, kaum benutztes Land. Bereit, dem zu dienen, der es ent­deckt und betritt. Und dies, liebe Leserin, lieber Leser, wollen wir tun. Lassen Sie uns mit Übung eins beginnen.

Die Übungen sollen Zweifel an Ihrem etablierten Weltbild und an Ihrem Selbstverständnis als Erwachsener auslösen. Andere sind dazu bestimmt, Ihnen den Zugang zu Ihrem spontanen Po­tential zu öffnen und Ihnen einen Schlüssel zu liefern (Ihren eige­nen!), damit kreative Erfahrungen keine Eintagsfliegen bleiben. Opfern Sie von sechs, acht oder zehn Stunden Ihres wach ver­brachten Tages jede Stunde je eine Minute für unsere Übungen. Manche dieser Übungen beanspruchen nur Momente. Setzen Sie für Übung eins aber die ganze Minute ein. Hier ist sie:

Beobachten Sie Ihr Innenleben und stellen Sie sich dabei die fol­gende Frage: Gibt es außer Ihren Gedanken noch einen weite­ren Beweis dafür, dass Sie ein Ich sind? Ich wiederhole: Fragen Sie sich beim Betrachten Ihrer Gefühle und Gedanken, ob außer Ihrem Denken noch ein Indiz für die Existenz Ihrer Ich-Identität auffindbar ist.

Was immer Sie bei dieser Übung erleben, entdecken oder nicht entdecken werden – lassen Sie sich nicht beunruhigen oder irritie­ren. Es gibt nichts aufzufinden, das nicht bereits vorhanden ist. Nichts, mit dem Sie nicht schon zeitlebens vertraut sind, ohne dass es Ihnen vielleicht bewusst ist. Beobachten Sie, aber bitte, interpretieren Sie nicht. Erklären Sie nichts. Beobachten Sie nur und registrieren Sie, was Sie entdecken. Es gibt nichts zu korrigieren und nichts zu ändern. Es ist auch nichts an und in Ihnen, das ver­ändert werden müsste. Mir geht es allein um Ihre Erkenntnis einer, wie sich noch herausstellen wird, wichtigen Tatsache.

 

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1 Antwort zu Reife – der Schlüssel zum Glück

  1. Alter_Chinese! sagt:

    „Reife“ – das war das Buch mit dem „Kummerkasten Gehirn“, richtig? Weiß noch genau, dass ich damals im Wald verbotenerweise (war mir aber wurscht) mit meinem Rucksack neben mir auf einem Jägerhochsitz saß, als ich dieses Kapitel zum ersten Mal gelesen hatte. Mein Fahrrad unten an den Baum gelehnt. Hatte mich sehr inspiriert, dieses Kapitel, das weiß ich noch. Traurig, dass so etwas Wertvolles nicht mehr nachgedruckt wird. Dennoch ist es nicht verloren.

    Praktisch jeden Tag kommt mir ein Zitat von Theo Fischer in den Sinn. Habe ihn nie persönlich kennengelernt, war gar nicht nötig. Er war auch so ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben. Anscheinend nach wie vor. Transzendental.

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