Reife – der Schlüssel zum Glück

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Nahrung als Determinante?

Zuerst will ich Ihnen nun doch eine Teilantwort zu Übung i geben, denn es ist nicht meine Absicht, Leserin­nen und Leser sich gänzlich selbst zu überlassen. Der Zeitpunkt, an dem Sie geistig auf vollständig eigenen Beinen stehen, wird sich von selbst einstellen, wenn Ihre kritische, unvoreingenommene Selbsterkenntnis erst den Punkt erreicht hat, auf den zuzusteuern wir versuchen. Wenn Sie nüchtern und neutral beobachten, wie Ihr Denken praktisch zu jeder Minute des Tages damit beschäftigt ist, Ihre Ich-Vorstellung in Betrieb zu halten, werden Sie zugleich das Fehlen aller anderen Merkmale registrieren, die Sie zu einem von der Welt abgetrennten Ich machen. Falls Sie zum gleichen Resultat gelangt sind, brauchen Sie die Übung zunächst nicht wei­ter zu betreiben – wir kommen später in einem anderen Zusam­menhang noch mal darauf zurück. Sofern Sie in sich zusätzlich zum Ich-Denken noch andere Bausteine Ihres Ich entdeckt haben soll­ten, empfehle ich dringend, die Übung fortzusetzen und sich diese Zusatzelemente gründlich anzusehen. Ist da vielleicht die Idee, der Glaube, an.eine immaterielle Wesenheit in Ihnen aufgetaucht, die Ihr Ich nach innen hin ergänzt und abrundet? Oder setzen Sie Ich mit Seele gleich? Oder statten Sie Ihr Ich mit Eigenschaften aus, die nicht vom Denken herrühren? Sofern solche Erscheinungen bei Ihrer Selbstbetrachtung ins Spiel kommen oder andere, hier nicht erwähnte, dann empfehle ich Ihnen, sich die folgende Frage zu stellen: Sind nicht alle Ich-Bestandteile, die Sie entdeckt zu haben meinen, ebenfalls Gedanken darüber? Ganz gleich, ob Sie an Seele denken (von der wird an anderer Stelle noch die Rede sein) oder an eine Ihrem Ich inhärente höhere Wesenheit-es wird jedesmal ein Gedanke sein, der dies bezeugt. Infolgedessen haben

Sie sich vom eigenen Denken im Kreis herumführen lassen und sind dem Wahn verfallen, daß diese ergänzenden Gedanken nicht zum Dcnkvorgang gehören, der das Ich-Gefühl erzeugt.

Pflichten sind das Resultat fremder Einflüsse. Es gibt aber auch Pflichten, deren Ursprung wir nicht mehr erkennen, weil wir sie so stark verinncrlicht haben, daß wir sie für ein eigenes Gewächs halten. Und wir neigen dazu, die auf diese Weise adoptierten Ver­pflichtungen oder Regeln (was das gleiche ist) bei belanglosen Dingen als selbstentwickelte Gewohnheit zu betrachten oder in markanteren Fällen als Eigenverantwortung. Der fremdbestim­mende Einfluß ist derart verdeckt, daß er uns ohne genaue Unter­suchung nicht mehr ins Auge springt. Auf diese unterschwellige Weise manipuliert, zum Beispiel, die Werbung den Verbraucher. Er kauft und verbraucht Waren, von denen er zutiefst überzeugt ist, er habe eine unbeeinflußte Wahl getroffen. Verwenden Sie doch ein paarmal die Beobachtungsminute Ihrer Pflichten auf Ihre Ernährung, untersuchen Sie beim Kochen oder Essen kurz und gründlich Ihre Motive, weshalb Sie etwas essen. Ich möchte bei der Betrachtung den Fertigfutter-Komplex ausklammern, weil er in der Regel eine Notlösung aus Zeitmangel darstellt, was natür­lich nicht heißt, daß er besonders gesund wäre. Reden wir kurz von Diätlehren, Gesundheitstheorien und Eßvorlieben im Zusam­menhang mit der elterlichen Küche.

Viele Leute behalten ein Leben lang die Eßgewohnheitcn bei, die ihnen als Kinder beigebracht wurden. Auf diese Weise pflan­zen sich die Traditionen der regionalen Küche fort – die bayeri­schen Knödel, die schwäbischen Maultaschen, der Bremer Grün­kohl mit Pinkel -, und niemand bemerkt oder registriert, wie stark konditioniert dieses Verhalten ist. Wer auf seine Gesundheit ach­tet, orientiert sich an ausgefeilten Ernährungstheorien: Rohkost, Vegetarismus, Trennkost, Heilfasten, Saftkuren, Margarine statt Butter, proteinarm, vitaminreich, mineralsto ff gesättigt und was noch mehr. Weder gegen regionale Hausmannskost noch gegen

Bircher-Benner oder andere Ernährungslehren ist im Grunde etwas einzuwenden, sofern sie vernünftig angewandt werden. Die Problematik im Zusammenhang mit menschlicher Reife verbirgt sich in der Konsequenz der Befolgung einer Ernährungsmethode. Unser Organismus ist ein vitales wandlungsfähiges Gebilde mit wechselnden Bedürfnissen. Und nun haben wir uns guten Glau­bens und noch besseren Gewissens einem Ernährungskonzept verschrieben, von dessen Nützlichkeit wir überzeugt sind. Doch mit der Zeit wird uns zunehmend unbehaglicher zumute. Mit je­dem Gericht melden sich stärker Zweifel an, ob wir wirklich noch richtig mit unserer Entscheidung liegen. Aber anstatt in so einem Fall unser Konzept energisch in Frage zu stellen, halten wir wider besseres Gefühl am einmal gefaßten Entschluß fest und rechtferti­gen ihn lieber vor uns. Wer jenseits der Lebcnsmitte vegetarisch ißt, wird zu irgendeinem Zeitpunkt zum Beispiel merken, daß sein Körper die Botenstoffe für bestimmte Enzyme und Wirkstoff­komplexe nicht mehr bereitstellt, wie dies in jüngeren Jahren der Fall war. Er braucht Lebensmittel, in denen die ihm nunmehr mangelnden Nahrungsbestandteile unmittelbar enthalten sind, statt über Umwege durch die Chemie des Organismus erzeugt werden zu müssen. Er braucht Fisch, Innereien oder Fleisch, damit der Mangel behoben wird. Und sein Körper signalisiert es deutlich durch Unwohlsein oder Verdauungsstörungen. Da hat sich aber während der fleischlosen Zeit die Idee eingenistet, man dürfe keine anderen Eebewesen tüten, und (dies zu Recht) die Massen­tierhaltung um des Genusses willen sei unannehmbar. In der Gei­steshaltung des allmählich Ernährungsgeschädigten drückt sich durchaus Verantwortung aus, aber sie entsteht aus dem Gefühl der Verpflichtung gegenüber der Sache, nämlich der Idee des Ve­getarismus, und gegenüber dem selbstgefaßten Entschluß.

Ein echtes Dilemma entsteht. Gefühle der Verantwortung und selbstbeschlossener Verpflichtungen stehen gegen die – oftmals uneingestandene – Tatsache eines Ernährungsdefizits. Diese Un­beweglichkeit und Theoriehörigkeit in der Ernährung ist typisch für Menschen mit festgefügtem, rigidem Charakter. Und es ist ein flagrantes Merkmal der Unreife. Was gäbe es denn Einfacheres, als dem Körper selbst die Entscheidung zu überlassen ? Wir behan­deln unseren Organismus wie ein Chauffeur sein Fahrzeug. Es hat zu gehorchen, basta. Und wenn etwas infolge falscher Behandlung kaputtgeht, kommt es in die Werkstatt, nötigenfalls gibt es Ersatz­teile. So verfährt der Mensch mit sich selbst. Er lebt unvernünftig – und unvernünftig kann selbst die beste Diätform sein, wenn sie dem eigenen Körper nicht bekommt -, und dann rennt er zum Doktor. Notfalls geht es ab in die Klinik, und im extremen Fall werden Ersatzorgane transplantiert. Vernunft, also die Vermäh­lung von Verstand und Spontaneität, würde ausreichen, unsere Ernährungssünden auszumerzen. Wer ein bißchen aufmerksam in seinen Körper hineinhorcht, könnte durchaus jederzeit feststel­len, was dieser braucht und haben möchte.

Dies soll keine Übung werden. Aber untersuchen Sie doch in Zukunft aufmerksamer Ihre Art zu essen. Es ist völlig sinnlos, daß Sie auf Leute hören, die sagen, Margarine mit ihren wasweißich-wiedoppelt gesättigten-ungesättigten Fettsäuren baue Cholesterin ab, während Butter zuviel davon hätte und infarktgefährdend sei -oder daß Margarine einen Cholesterinmangel hervorrufe und Buttergenuß und tierische gehärtete Fette den Körper mit lebens­notwendigen Fettmengen versorgen würden. Wenn Sie alles nachlesen/was über Ernährung verzapft wird, und wenn Sie es befolgen wollen, dann essen Sie am besten überhaupt nichts mehr. Es gibt dagegen nur ein Rezept: Eassen Sie Ihren Leib zu Wort kommen. Schreiben Sie ihm nicht vor, bloß weil es Ihnen schmeckt, was ihm zu bekommen hat. Lernen Sie auf seine gar nicht so leise Stimme zu hören. Das ist die echte Art, für sich Verantwortung zu übernehmen. Jene andere, die sich auf Ärzte, Sanatorien und die Krankenkasse verläßt, ist die unreife.

 

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1 Antwort zu Reife – der Schlüssel zum Glück

  1. Eva sagt:

    Wenn meine Eltern mich damals nicht mit ziemlicher psychischer und teils auch physischer Gewalt zum Fleischessen gezwungen hätten, also damals, als ic 4, 5, 6 Jahre alt war, hätte ich niemals damit begonnen. Es war mir immer entsetzlich unappetitlich und widerwärtig. Mein Körper hat damals nicht nach Fleisch verlangt, und jetzt, wo ich seit über 4 Jahren wieder fleischlos esse, ist er mir auch wieder dankbar, das merke ich deutlich. Also nichts von Mangelernährung zu merken und ich bin 67. Immerhin – abgesehen von dieser Thematik bin ich ganz einig mit Theo. Jedoch glaube ich, dass der Körper, der ja die Gedanken produziert, die das nicht-existente Ich „herstellen“, diese Gedanken dann auch soweit respektiert, dass er auf deren Inhalte irgendwie anspricht. Daher der Spruch: Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Und dies gilt auch bei dem Thema Ernährung. Gruß und alles Liebe, Eva

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