Reife – der Schlüssel zum Glück

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                                               Gefühlsdefizite

Am größten ist das menschliche Reifedefizit im Gefühls­bereich. Bevor beim Kind die Gefühle richtig aufgeblüht sind, wird ihm über komplizierte, von der Mutter (hauptsächlich) ausgelöste Mechanismen deren volle Entfaltung ungewollt ver­weigert. Sie können sich über den weiten Bereich der Kindheits­traumen durch die Lektüre aufgeschlossener Therapeutinnen und Therapeuten (z.B. Alice Miller, Peter Schellenbaum, ArnoGruen, Jean Liedloff, um nur einige zu nennen) kundig machen. Der Te­nor aller diesbezüglichen Erkenntnisse mündet in der Feststel­lung, daß unser aller Kindheit – von ganz, ganz wenigen, seltenen Ausnahmen abgesehen – ein erhebliches Defizit an echter selbst­loser Zuwendung und Liebe aufweist. Das ist der Grund, weshalb der erwachsene Mensch kaum noch eine Beziehung zu echten eigenen Gefühlen hat. Was wir heute täglich empfinden, sind Ge­fühle, die der intellektuell orientierten Gehirnhemisphäre ent­springen. Es sind vorwiegend gedachte, keine gefühlten Gefühle. Und der größte Teil sind negative Empfindungen. Was uns in der Kindheit an Verletzungen und psychischen Schmerzen zugefügt wurde, ist vergessen, verdrängt, aber es wirkt im Unbewußten fort und beeinflußt mehr als alles andere heute noch unsere Art zu handeln. Der Mensch unserer Zeit hat keinen Zugang zu seinen wirklichen Gefühlen mehr. Selbst unsere Vorstellung von Liebe ist vielfach Begehren, Gier, Verlangen, Wunsch. Dieser Liebe fehlt die federleichte und dennoch wie Feuer brennende Intensität eines spontanen Gefühls.

Mehr als alles andere müssen wir dieses Manko ausgleichen. Niemand kann in die Vergangenheit zurück. Was dort geschah, ist geschehen. Vorbei, aus, unumkehrbar. Aus der Erinnerung und

dem Aufarbeiten dieser vergangenen Ereignisse allein läßt sich nichts mehr retten, selbst wenn das Unbewußte seine Schleusen Öffnet und wir uns auch an die heftigsten Schmerzen von einst erinnern. Das Problem läßt sich nur jetzt lösen. Und die Chancen sind gar nicht so schlecht. Damals waren wir klein und besaßen nicht die Macht zur Gegenwehr. Es blieb uns keine andere Wahl, als erdulden, kompensieren und verdrängen. Nachdem unser Or­ganismus groß und stark und ausgewachsen ist, Hegen die Ver­hältnisse anders. Heute wären wir durchaus imstande, uns jedem Schmerz zu stellen. Unsere Gehirne sind ausreichend entwickelt, so daß keine noch so heftige Freude oder die tiefste Trauer uns um den Verstand bringt.

Aus Gewohnheit verarbeiten wir unseren Gefühlshaushalt in­tellektuell. Wir rationalisieren jeden Gefühlsimpuls, sobald er auf­tritt, verpassen ihm sein Etikett. Ich möchte behaupten, wir fühlen in der Tat nur solche Gefühle, die wir aus Erfahrung kennen. Neuen Empfindungen gegenüber verschließen wir uns automatisch, aus einem verständlichen Reflex des Selbstschutzes heraus. Bevor ein Gefühl, positiv oder negativ, sich in uns entfaltet, übernimmt der Verstand bereits die Regie darüber und will es verarbeiten. Die bösen, unangenehmen sollen verschwinden, die guten, angeneh­men, lustvollen hingegen bleiben. Dieser geistige Mechanismus ist in sich absolut unlogisch. Wenn ich einen Furunkel an der Kehr­seite habe und der Arzt vereist mir den Hintern, damit ich die Kur ertrage, dann spüre ich auch die zärtliche Hand nicht mehr, die meinen Po liebkost. Mitanderen Worten: Unser gesamtes Nerven­system reagiert gegenüber auftretenden Gefühlen zuerst einmal mit Abwehr. Diese Reflexe zur Schmerzvermeidung unterschei­den nicht zwischen erwünscht und unerwünscht. Und überhaupt herrscht in unserem Gehirn ein Chaos sich pausenlos überlagern­der Empfindungen unterschiedlichster Couleur. Wie Nebelfetzen schwirren Ängste, Sorgen, Hoffnungen, Freuden und Glücks­impulse durcheinander.

Weil der Mensch unserer Tage nie gelernt hat, mit seinen nega-

tiven Gefühlen umzugehen, ist er außerstande, die positiven aus­zuleben. Wir sind verkrüppelt. Echte Gefühle haben keine Bezie­hung zum verstandesorientierten Gehirnbereich. Sie sind weder logisch noch rational. Sie sind Gefühle. Punkt. Und sie entsprin­gen den spontanen, kreativen Gehirnfunktionen, diesem beschrie­benen Niemandsland, das wir so selten betreten dürfen, weil unser Intellekt es nicht zulaßt.

Das Modell unserer Gesellschaft vom Erwachsenen sieht die Entfaltung der Gefühle nur am Rande vor. Bereits kleinen Jungen wird das Weinen verweigert mit dem Argument: Ein Mann weint doch nicht, sei keine Heulsuse. Was damit an Schaden für das Gefühlsleben des Heranwachsenden angerichtet wird, ist unüber­sehbar. Das Ideal vom brauchbaren Mitglied einer menschlichen Gemeinschaft bevorzugt intellektuelle Eigenschaften: Reaktions­schnelligkeit, Härte, Konsequenz, die Fähigkeit zu nüchterner Analyse, Objektivität, Begeisterungsfähigkeit (aber bitte aus­schließlich für die <gute> Sache), Lernfreude, Wissensdurst und profunde, jederzeit anwendbare Erfahrung. Nach der Fähigkeit zum Glückserleben wird kaum gefragt. Selbst in partnerschaft­liche Beziehungen wirken die Gesellschaftsnormen hinein. Die ideale Frau, der ideale Mann weist bestimmte, öffentlich aner­kannte Merkmale auf, nicht zuletzt zählen seine finanzielle Situa­tion und seine Karrierechancen. Statussymbole wie Haus, Villa, Yacht, Sportwagen, Luxusuhr, Bankkonto usw, sind die Parame­ter für das Ansehen, das jemand genießt. Wohl ist es bei den weni­ger Begünstigten mehr Neid als Anerkennung, aber dennoch darf sich der Erfolgreiche, Besitzende im Glanz seiner Habe sonnen, er ist anerkannt und erfährt die entsprechend respektvolle Behand­lung und Aufmerksamkeit. (Gehen Sie doch einmal in Räuberzivil in ein Kaufhaus und warten Sie ab, wie die Verkäuferin mit Ihnen umgeht.) Diese Habenmentalität wird von ihren eigenen Gefüh­len begleitet. Bei Besitzenden tendieren sie zu Triumph – still oder laut -, Arroganz, Stolz, Überheblichkeit, und beim mittellosen Volk, wie gesagt, zu Neid, Frust, aber auch zum Ansporn, es den Arrivierten möglichst gleichzutun. (Das führt dann zu Absurditä­ten, wie dem zwölfarmigen Kronleuchter im verlotterten Wohn­zimmer. )

Es sei betont, ich habe absolut nichts gegen Besitz und Reich­tum. Wer es mit Anstand schafft, und Gott sei Dank gibt es viele Leute, die das trotz aller Versuchung können, dem sei es von Her­zen gegönnt. Und den Armen, Unterprivilegierten wünsche ich ebenso, daß ihnen der Sprung zu Wohlstand gelingen möge. Wir werden gegen Ende des Buches noch auf Möglichkeiten und Wege zu sprechen kommen, wie so etwas geschehen kann. Bedauerlich ist die Ignoranz gegenüber jedem menschlichen Gefühl in der Öf­fentlichkeit. Gut, der einzelne bewahrt seine Empfindungen im Herzen, und da sind auch Güte, Mitgefühl und Zuneigung zu fin­den. Aber diese Tugenden sind keine gängige Ware, damit gewinnt man – nach der vorherrschenden, unreifen Meinung -keinen Blumentopf. Nun, wir wollen sehen, ob das wirklich stimmt.

Ein Mensch nämlich, der endlich Zugang zu seinen Gefühlen findet, zu den echten, spontanen, weiten, ein solcher Mensch wird in seinen Lebensäußerungen ungemein produktiv sein. Ein Mensch mit einem reichen, unverklemmten Gefühlsleben ist ein tätiger Mensch, kein Bohemien, der bloß auf der Bärenhaut liegt und über das Unrecht der Welt jammert. Er hat seinen Platz in der Welt gefunden, weil sie ihm nicht mehr fremd ist. Wer zu seinen Gefühlen findet, ist angekommen. Und dies wirkt sich positiv und nachhaltig auf jegliche Lebenssituation aus. Er hat den Umgang mit der Furcht ebenso gelernt wie das Ausleben seiner Lustge­fühle. Überhaupt ist die Beziehung eines von Gefühlsblockaden befreiten Menschen zu seiner Umwelt eine beinahe erotische. Wenn Depressionen, Melancholie, Frust und Zustände von Inhalts- und Sinnlosigkeit heute eine große Zahl Menschen regel­mäßig bis dauernd betallen, ist dies mittelbare oder sogar unmit­telbare Folge ihrer ungelebten Gefühle. Was wir für Gefühle hal­ten, nennt die Psychologie Pseudogefühle, weil sie aus dem

Gedächtnis erlebt werden. Denken Sie an Situationen, in denen Sie einen angenehmen oder schmerzlichen Schock erlitten. Was geschah damals? Zuerst, im Augenblick des Ereignisses, war da nichts. Es gab das Ereignis, und es gab Sie, der oder dem es wider­fuhr. Sie waren momentan ohne jedes Gefühl der Freude oder Furcht. Sie standen dem unerwarteten Phänomen neutral, wie be­täubt gegenüber. Dann setzte Ihr Denken ein, das unter dem Schock vergessen hatte weiterzuleiern, und begann, das Ereignis mit anderen, früher geschehenen zu vergleichen, und suchte sich an jenes Gefühl zu erinnern, das Sie seinerzeit hatten. Und dieses schafft der intellektgesteuerte Teil Ihres Hirns dann ins wache Be­wußtsein und läßt Sie es nacherleben. So funktioniert das. Versu­chen Sie sich bitte, wenn es geht, an eigene Erlebnisse dieser Art zu erinnern, und prüfen Sie nach, ob es nicht so verlief.

Sie werden festgestellt haben, ich enthalte mich jeden Berichtes darüber, wie Lieschen M. geheilt wurde, was Hänschen K. pas­sierte und wie er mit seinem Problem dank einer unfehlbaren Me­thode fertig wurde. Weil das alles Traubenzuckerpillen für Ihre eigenen emotionalen Engpässe wären. Es geht hier um Sie und darum, daß Sie die Mittel finden, sich am eigenen Zopf, wie einst Baron Münchhausen, aus dem Sumpf zu ziehen. Nur der unfer­tige Mensch, der Abhängige, verläßt sich immerzu darauf, daß hinter ihm aufgewischt wird und daß Bezugspersonen herbeieilen, sobald er Hilfe wünscht. Selbst ist die Frau und der Mann!

Das Wesen und Merkmal der intellektuell ausgelösten Pseudo-gefühle ist die Ausdauer, mit der sie uns heimsuchen. Das hangt schlicht mit ihrem erinnerten Charakter zusammen. Sie sind ja zum Zeitpunkt, da Sie sie nachempfinden, nicht mehr lebendig. Und deshalb sind sie so haltbar. Ihr Denken kann sie beliebig oft und lange reproduzieren. Sie, der das Gefühl erlebende Mensch, sind anscheinend völlig machtlos dagegen. Dies ist – leider – die Rache der intellektuellen Übergewichtung unserer ganzen Le­bensweise. Und sie wäre unnötig. Die wirklich starken, vitalen, lebendigen Gefühle sind kein Dauerton. Sie treten auf, wie der

Klang einer Glocke, entfalten sich bis zum Höhepunkt – und dann klingen sie wieder aus. Vorausgesetzt, Ihr Denken bemächtigt sich ihrer nicht und sorgt für Fortbestand. Ihre spontanen Gehirnberei­che leben den Augenblick eines Ereignisses oder Zustandes, nicht die Dauer. Gefühle des Glücks wie der Trauer kommen und gehen, sie sind mächtig und kraftvoll. Aber sie sind auch ebenso flüchtig, wie die ganze Natur mit ihren ewig sich wandelnden Erscheinun­gen.

Diese Art zu fühlen, diese starken Gefühle zuzulassen und aus­zuleben ist lernbar. Und wenn Sie erst einmal die Erfahrung wirk­licher Gefühle bewußt gemacht haben (Sie hatten Ihr Eeben lang natürlich welche, aber sie waren Ihnen vermutlich oft zu hurtig für Ihren befangenen Sinn), dann werden die Emotionen von der kopf­lastigen Sorte bald ihren Geist aufgeben und Sie in Ruhe lassen.

Nun haben ungelebte, verdrängte, abgewiesene Gefühle die Eigenheit, daß sie nicht aufgeben, ehe sie nicht ans Tageslicht getre­ten sind. Dadurch staut sich unbewußt in der Psyche ein ungeheu­rer Druck auf, der sich in den oben geschilderten destruktiven Zuständen äußert. Sie vermögen diesen Druck nicht direkt wahr­zunehmen, weil er ein Dauerzustand geworden ist, so lange schon, daß außer einem gewissen Eindruck von Unstimmigkeit ihn nie­mand mehr bemerkt. Es ist wie auf einer Wanderung mit Rucksack. Solange Sie das Ding auf dem Buckel mitschleppen, werden Sie seiner kaum gewahr. Aber was ist das für ein Unterschied, wenn Sie rasten und ihn herunternehmen. Dieses Gefühl von Leichtigkeit, beinahe Schwerelosigkeit ist dem vergleichbar, das Menschen erle­ben, denen es endlich gelungen ist, Druck abzulassen. Das Rezept ist so simpel, daß man ihm kaum eine Wirkung zutraut. Die Pri­märtherapie baut ihr ganzes Gebäude darauf auf: aufdemUrschrei. Es wird bei dieser Heilversion ein an sich gewöhnlicher Vorgang durch diverse äußere – und meiner Meinung nach nicht unbedingt notwendige- Maßnahmen eine Atmosphäre der Ungestörtheit ge­schaffen, in der der Klient völlig auf sich gestellt ist. Doch die Geschichte läßt sich auch ambulant verwirklichen.

Hier wäre die Übung:

Ich möchte Sie bitten, sich irgendwo einen Platz oder Raum zu suchen, wo Sie ungestört und unbelastet schreien und brüllen können. In unserer überzivilisierten Kultur wird das nicht ganz einlach sein – am ehesten geht es im geschlossenen Auto, unter­wegs auf einsamerstrecke, im Wald bei Nieselregen oder in einem gut gebauten Haus. Ich hoffe, Sie werden ein Plätzchen finden. Setzen Sie sich hin, stehen oder gehen Sie – und schreien Sie sich al len Schmerz, der sich zeitlebens angesam­melt hat, vom Herzen. Schreien Sie und denken Sie nicht darüber nach, warum Sie schreien. Was einst an Traumen und Schmerzen vorkam, wird mit herausströmen. Schreien Sie, solange Ihnen danach ist. Und wiederholen Sie die Prozedur, sooft Sie dazu Gelegenheit haben.

Sie werden beim ersten Versuch feststellen, daß es gar nicht so leicht geht, wie sich das hier liest. Es existieren Hemmungen, die Trauer und den Schmerz – aber auch Triumph und Freude – laut zu äußern (denken Sie an die antiken Klageweiber, die das stellver­tretend taten). Und es kann möglich sein, daß der Damm, wenn er erst einmal bricht, Sie zu überwältigen droht. Und Sie werden sich dann wahrscheinlich sehr wohl an Übereinstimmungen zwischen diesem und längst vergessenen Gefühlen erinnern. Haben Sie keine Furcht. Sie sind groß und stark, und es wird Sie befreien, wie eine wohltätige Dusche an einem heißen Sommertag. Es wird ein mächtiger Freiraum in Ihrer Psyche dadurch entstehen. Raum für die Entfaltung anderer als der Pseudogefühie. Gegen jene hätte ich noch eine Übung für Sie. Sie können diese wieder in die täglichen Minuten pro Stunde einbinden. Hierzu möchte ich anmerken, daß es keinen Sinn macht, die Übung allzu pünktlich vorzunehmen, also jede erste Minute einer vollen Stunde oder so, es sei denn, Sie brauchen diese Einteilung als Gedächtnisstütze. Ansonsten kön­nen Sie willkürlich zwischendurch, immer, wenn Ihnen danach ist, den Faden aufnehmen.

 

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