Reife – der Schlüssel zum Glück Finale

Was ist der Mensch? Wer ist Gott und wo befindet er sich? Wotan, Zeus, Shiva, Jehova, Manitou, Allah, Brahman? DasTao? Die Buddha-Natur? Wer und wo sind sie? Es? Er? Handelt es sich bei unserer Identität und unserer ungestillten Sehnsucht nach Kenntnis und Begegnung mit dem Ursprung bloß um Angstreaktionen einer Horde verängstigter Lebewesen, deren Verstand nicht ausreicht, um mit ihrer Existenz zurechtzukom­men? Fragen über Fragen.

Der fundamentale Fehler in unserem Dasein ist die niemals be­friedigend erteilte Antwort auf unsere bewußten wie unbewußten Ängste vor der Endlichkeit unseres Seins. Wir alle, die wir leben, fühlen und denken, vollbringen diesen Prozeß mit einer absolut einseitig ausgerichteten Qualität geistiger Aktivität: Wir hängen am Bekannten, weil wir wähnen, damit ließen sich Sicherheiten und Gewißheiten schaffen und das Fremde, Unbekannte, Beäng­stigende aus unserem Leben ausschließen. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Unsere Orientierung am Gewußten, Vertrauten fes­selt uns an die Vergangenheit und macht uns zu Sklaven unserer Erinnerungen. Aus ihr schöpft unser konditioniertes Gehirn seine Impulse für alle Handlung. Selbst auf der Suche nach dem Ur­grund der Dinge verlassen wir uns einzig auf den Intellekt. Auch dann, wenn er sich in der Gestalt eines Glaubens äußert. Glau­bensaktivität ist ein Denkvorgang, Damit ist unser Los besiegelt, daß wir mit einem unbedeutenden Funktionsvolumen unseres Gehirns auskommen müssen, jenem, in dem Gedächtnis, Wissen, Erfahrung, die Fähigkeit zu Schlußfolgerungen, Vorhersagen und Kombinationen zu Hause ist. Damit ist ein Zustand latenter Langeweile und Leere zwangsläufig. Niemals können wir damit einem unbekannten Phänomen begegnen, wir fühlen nie derglei­chen, weil unsere Gefühle abgespalten sind, getrennt von der Wirklichkeit lebendiger Zusammenhänge. Der Feind aller Er­kenntnis sind wir selbst. Unsere fehlinformierten Gehirnbereiche in Personalunion mit deren konstruiertem Ich. Integration und Ganzheit finden auf dieser Ebene nicht statt. Mögen die Physiker in ihren Formeln und Paradigmen noch so glaubwürdig die Einheit eines in sich als Organismus geschlossenen Universums postulie­ren – keiner spürt etwas davon.

Die Chance liegt in den ungenutzten Gehirnbereichen und de­ren Funktionen, die ich pauschal «spontan» genannt habe. Von dieser Ebene aus wird Bekanntes ignoriert. Ja, dieser mächtige Teil in unseren Köpfen tritt erst in Aktion, wenn der Intellekt sich weigert, weil er nicht kennt, was ihm begegnet. Zur Kunst der Reife gehört der Umgang mit dem Unbekannten, Das Nicht-Gewußte macht den bedeutenderen Teil unserer Existenz aus, und auf ihn müssen wir verzichten, weil wir überzeugt sind, er liege außerhalb unserer Reichweite. Doch bereits das kleine Experi­ment mit einem von hinten nach vorn geschriebenen Satz, den wir ansehen, löst die Aktion dieses enorm wichtigen Funktionsberei­ches ohne Mühe aus. Unsere neue Art, mit den Sinnen des wahren Künstlers auf unser Leben und den Alltag zu schauen, verwandelt die Dinge und erschließt die prickelnde, abenteuerliche Dimension des einst Fremden, Unerkannten. Tatsächliche Erkenntnis ist in­tuitiv, non-verbal und erreicht unseren Sinn in jedem Augenblick, da Denken und Ich-Gefühl uns nicht an die erinnerte Vergangen­heit binden. Dies ist der Wandel in unserem sonst so von Routine geprägten Dasein!

Die Gottesbilder des Menschen, seine Vorstellung über einen Schöpfer sind Denkgebilde. Selbst wenn jemand sagt, dieses We­sen sei unbekannt, macht er sich gewisse Bilder davon, wie er nicht aussieht. Dies alles führt zu keinem Ergebnis. Ich will mit den unzulänglichen Mitteln der Sprache anhand eines Gleichnisses einen Versuch wagen, Ihnen die Art und Weise zu erklären, wie eine reale Annäherung an den Grund der Dinge vielleicht möglich ist:

Ein Mann sucht Pinkertons Detektivagentur auf und sagt: «Hier gebe ich Ihnen eine Million Dollar. Sie sollen jemanden für mich suchen.»

«Schön», sagt der Detektiv, «Machen wir. Beschreiben Sie uns die Person, Name, letzter Aufenthaltsort, körperliche Eigenheiten und Merkmale und so weiter.»

«Tja, da beginnt die Schwierigkeit», sagt der Mann. «Viel kann ich Ihnen nicht darüber sagen. Was ich suche, hat viele Namen, je nach Region wechselt er. Auch weiß ich nicht, ob männlich oder weiblich. Und unbekannt sind mir auch der Aufenthaltsort und das Aussehen. Ich weiß noch nicht mal, ob es sich überhaupt um ein Wesen handelt, geschweige denn, daß mir ein Steckbrief ge­länge. »

«Wenn dem so ist, muß ich leider auf das viele Geld verzich­ten», sagt der Detektiv. «Kommen Sie wieder, wenn Sie mehr dar­über wissen.»

In der Situation des erfundenen Auftraggebers ist jeder Mensch, der sich vornimmt, Gott zu finden. Eine unverhoffte, unerwartete Berührung mit dem Grund der Dinge kann höchstens auf eine seltsam ungewöhnliche Weise erfolgen, nämlich im Ein­geständnis des völligen Nichtwissens. Wenn Sie sich bei der Frage nach dem Ewigen vergegenwärtigen, daß Sie nichts, absolut nichts darüber wissen, NICHTS! großgeschrieben, und diese Erkennt­nis vollkommen als wirklich realisieren ohne jede Selbsttäuschung – dann geschieht vielleicht etwas wunderbar Vitales: Es über­kommt Sie in Verbindung mit Ihrem Nichtwissen ein Gefühl der Vertrautheit, Ihnen begegnet im Herzen ein Phänomen, das so nahe bei Ihnen ist und derart bekannt, als ob es Teil Ihrer Kindheit wäre, längst verklungen und wiederauferstanden, einer Kindheit aber, die vom Gefühl her Jahrmillionen zurückliegen könnte.

Jedes Jahr zu Weihnachten bekomme ich vom Rowohlt-Verlag ein Buch geschenkt. Vorletztes Jahr war es «Einsteins Traum» von Stephen Hawking. Der Autor, ein begnadeter Wissenschaftler, ist durch eine gräßliche Krankheit schwer körperbehindert, und er schwebt ständig in der Möglichkeit eines unerwarteten, frühen Todes. Infolgedessen hat er alle Ursache, sich mit Fragen nach dem Sinn der Dinge zu beschäftigen. Für den Ursprung der Dinge hat er den Begriff «Singularität» gewählt, und wie viele seiner Kolle­gen forscht er nach der einheitlichen Weltformel, die zugleich die Frage nach Gott beantworten würde, sofern man sie gefunden hat. Und am Schluß gesteht er mit einer leisen Resignation, es ließen sich keine Indizien für die Existenz dieser Singularität finden. Hätte ich Gelegenheit, während eines Essens einmal neben Haw­king zu sitzen, würde ich ihm zuraunen: «Du suchst den Eiffel­turm und schreist, <ich find ihn nicht?. Das ist kein Wunder, wo du doch draufstehst!»

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Reife – der Schlüssel zum Glück Finale

  1. gitti sagt:

    Hallo und liebe Grüße am Sonntag….. zu diesem Kapitel fallen mir die Worte aus dem Zen ein „tief verwurzelt im Bodenlosen“
    Gitto

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