Reife – der Schlüssel zum Glück Kapitel 11

Spontaneität als Lebensform

Die Aussagen des vorigen Kapitels sind mit Ausnahme des Beispiels von der Rose und den Hinweisen auf Ihre Wahrnehmung nur von theoretischem Wert für Sie, falls sie Ih­nen überhaupt etwas sagen. Ich spreche damit Ihren Intellekt an, der an der Lektüre nach wie vor seinen hauptsächlichen Anteil hat. Wir haben uns völlig selbstverständlich den Machtverhaltnissen unterworfen, daß uns eine andere, freiere Variante von Existenz nicht in den Sinn kommt. Und zu predigen, man solle sanfte Anar­chie durch Verweigerung üben, hätte nur dann Sinn, wenn alle mitmachen würden. Und dazu fehlt jegliche Voraussetzung. Be­reits unsere egozentrische Ethik: Jedem das Seine, aber mir das meiste, dieser kollektive Futterneid der Industrie- und Konsumge­sellschaft läßt Mitgefühl und Verantwortungsbewußtsein für den Nächsten kaum zu. Die Blume der Solidarität muß im Verborge­nen blühen, und Menschlichkeit wird leider nur im kleinsten pri­vaten Rahmen geübt. Was in der Öffentlichkeit als solche ange­priesen wird, sind Kompromisse des kleinsten gemeinsamen Nen­ners zwischen denen, die Hilfe dringend benötigen, und denen, die aus der Fülle ihres Vermögens heraus sie leisten könnten. Sie und ich können die Welt nicht ändern oder aus den Angeln heben. Was wir tun können und unbedingt tun sollten, ist, uns zu ändern. Und zwar von Grund auf.

Wir stehen einer weltumfassenden kollektiven Unreife und Selbstsucht gegenüber, der wir unbedingt mit einem kritischeren, vernünftigeren Weltbild der realen Einsichten begegnen müssen. Mit Hilfe der spontanen Gehirnfunktionen, des kreativen, uner-schlossenen Bereichs unserer Intelligenz können wir eine neue Art von Handeln lernen und im Alltagsgeschehen anwenden. Wir sind dazu erzogen, daß wir uns in unseren gesamten Entscheidun­gen an den folgenden Kriterien orientieren. Wir kennen unsere Lebensumstände und die Bedingungen, die sie verursachen, und berücksichtigen sie, bewußt oder unbewußt, reflexartig bei kleinen und großen Herausforderungen; wir setzen zur Entscheidungsfindung unsere Erfahrung ein, indem wir Situationen analysieren, sie gemäß unserem Wissensstand, unserer Kombinations- und Vor­hersagefähigkeit nach bestem Wissen und Gewissen beurteilen und dann die beschlossene Tat folgen lassen. Natürlich verläuft das in der Praxis schneller, weniger umständlich, wie hier beschrieben -bei Kleinigkeiten gibt es kaum Grübelei oder tiefes Nachdenken, es wird kurzerhand reagiert. Doch die Reaktion findet auf der Basis der Inhalte unseres Gedächtnisses statt. Und dieses Gedächtnis ist das angesammelte Reservoir der Vergangenheit. Damit begegnen wir grundsätzlich dem Fluß des gegenwärtigen Lebens. In unseren Beziehungen, im Beruf, in unserer Freizeitgestaltung, im Bereich unserer Probleme, Sorgen und Nöte – überall taucht massiv unsere Kenntnis der Dinge auf, die aus vergangenen, gespeicherten Ereig­nissen resultiert. Auf diese Weise pflanzt sich Vergangenheit über die Gegenwart des Tages in die Zukunft hinein fort. In eine Zu­kunft, über die wir Mutmaßungen anstellen, die sich aus unseren gemachten Erfahrungen ergeben. Die Vergangenheit bestimmt unsere Gegenwart. Und Zukunft ist ein Denkkonstrukt. In Wirklichkeit gibt es sie nicht, sie ist ein Hilfsmittel, um mit dem Phänomen <Zeit> umzugehen. Unser In­tellekt selbst ist ein Produkt von Zeit, er ist das Resultat einer über weite Zeiträume hinweg angehäuften Summe von Informationen. Unser Verstand operiert vom intellektuell-orientierten Gehirnbe­reich (nicht örtlich, nur funktioneil zu verstehen) aus mit Hilfe permanenter Vergleiche. Wir vergleichen die täglichen Ereignisse mit solchen, die wir aus Erfahrung bereits kennen, und handeln dann entsprechend dieser Erfahrung. Niemals kommt hier etwas Neues hinzu. Wir sind in diesem Teufelskreis von Information, Vergleich, Entscheidung und ergo neuer Erfahrung auf der Basis der alten gefangen. Der Zyklus gibt uns Sicherheit und nimmt uns scheinbar die Angst vor der Zukunft. Da aber das Gehirn im Grunde genau über sein Nichtwissen über die Zukunft, über deren fiktiven Charakter Bescheid weiß, wirkt die Pille <Erfahrung> nur bedingt. Vor allen Dingen ist in unseren intellektuell verarbeite­ten Erfahrungen der Anteil an Ohnmachtsgefühlen, an Gefühlen der Unzulänglichkeit und des Unterlegenseins immer präsent. Niemals, zu keiner Stunde hat der Mensch unserer Zeit ein Ge­fühl vollkommener Richtigkeit. Nie spüren wir, daß alles absolut stimmt mit uns und unserem Leben. Zu mannigfach sind die Strö­mungen und Einflüsse von innen und außen, als daß wir unserer Sache je ganz gewiß sein könnten. Wer dennoch ausposaunt, bei ihm gäbe es diese Unsicherheit nicht, der ist ein Narr. Einer, der sich noch mehr Illusionen hingibt als seine Zeitgenossen. Und bei einer derartig ignoranten, den echten psychischen Zustand ver­leugnenden Geisteshaltung ist das Scheitern zwangsläufig. Keiner hält für immer durch. Und der Absturz aus der Höhe eines über­zogenen Selbstwertgefühls ist schmerzhaft. Solange wir unter dem Diktat der eigenen Vergangenheit, dem Zwang der Umstände und den Reflexen unserer Erfahrung han­deln, werden wir immer Probleme haben. Ich will nun versuchen, Ihnen die neue, die andere Art von Leben und Handeln zu erklä­ren. Ich begebe mich damit auf eine heikle Gratwanderung. Denn was es zu erklären gibt, ist zwar in grundlegenden Zügen der Wis­senschaft wohlbekannt, jedoch in der Anwendung der alltäglichen Lebenspraxis gilt es in den Augen der breiten Öffentlichkeit als metaphysisch, esoterisch oder gar parapsychologisch. Einfach, weil der Bauer nichts frißt, was er nicht kennt. Es fällt uns schwer, Aspekte der Realität zu akzeptieren, wenn sie uns weder zuvor begegnet sind noch den Segen öffentlicher Anerkennung genie­ßen. Ein kleines Beispiel: Bei der Zulassung von Heilmitteln fallen manche altbewährten Pflanzen unter den Tisch, weil sich in ihnen keine heilsamen Wirkstoffe nachweisen lassen. Und dies, obgleich sie seit Jahrhunderten im Volk bei bestimmten Leiden mit Erfolg angewendet werden. Die Ignoranz wird mit dem Argument be­gründet, ja, Einbildung mache es eben in diesen Fällen, man könne genausogut Placebos nehmen. Basta. Ist das nicht gräßlich dumm? Tatsache ist doch, daß die Chemiker etwas, das wirksam ist, nicht gefunden haben. Und weil diese Leute um keinen Preis zugeben, etwas nicht zu wissen, darf etwas, das man nicht kennt, nicht exi­stieren. Auf diese Weise wird bei uns gelebt – und gehandelt. Es gibt keinen vernünftigen Umgang mit dem Unbekannten, weil das Unbekannte keine Sicherheit liefert.

Der spontane Cehirnbereich benutzt das Gedächtnis nicht. Wer aus diesem Potential schöpft, wird unabhängig von Erfahrung handeln. Lebensumstände, was immer sie verursacht, berücksich­tigen Spontaneität einzig auf der Grundlage des augenblicklichen Zustandes, wie er sich aus der direkten Wahrnehmung ergibt. Das aus der Vergangenheit rekrutierte, vom Denken in Betrieb gehal­tene Ich bleibt bei kreativen Gehirnaktionen außen vor, es tritt nicht auf. Im Gegensatz zur Verstandestätigkeit bezieht Sponta­neität die Vergangenheit nur in dem Maße ein, wie der Betreiber des Gehirns es vernünftigerweise will. Zukunft ist technisch gese­hen das Potential zahlloser sich überlagernder Ereignismöglich­keiten, die in der Gegenwart existieren. In diesen Ereignismög­lichkeiten sind sowohl Vorgänge enthalten, die dem Zustand der individuellen Lebensverhältnisse des Betrachters Rechnung tra­gen, wie auch solche, die ohne Rücksicht auf Kausalitäten andere Lösungen realisieren können. Die Auswahl, welche dieser Mög­lichkeiten sich letztlich manifestiert, trifft nicht der Intellekt. Es ist die Geisteshaltung des Beobachters, der sie auslöst! Das ist das Neue, von dem ich rede. Unwillkürlich, ohne daß wir uns dessen bewußt sind, geschieht es ohne Pause, solange unser Leben währt. Solange wir mit Intellekt und Erfahrung an die Herausforderun­gen herangehen, sind wir weitgehend ohne Einfluß auf unser Ge­schick. Selbst das sogenannte <positive> Denken, das Imaginieren, das Sich vor stellen besserer, erwünschterer Zustände bleibt meist ohne Wirkung. Weil uns bei gewöhnlicher Sehensweise der Blick auf die echte Realität der Dinge verstellt ist. Was wir sehen, ist unsere voreingenommene, verzagte Meinung davon.

Unser Gehirn operiert in seinem Spontanbereich unabhängig von Ursache und Umständen, und es operiert unabhängig von Zeit. Die normale Achse unseres Tuns verläuft linear, von links nach rechts, während die Achse der Kreativität senkrecht steht, sie kreuzt unser Leben stets nur diesen Augenblick, frei von Zeit. Aus dem Potential der Möglichkeiten von Ereignissen realisiert sich das, was wir mit Hilfe dieses neu gefundenen Sinnes der Wirklich­keitswahrnehmung entdecken. In dieser Betrachtung der Außen­welt treten blitzartig Wünsche, Bedürfnisse und die Erkenntnis von Notwendigkeiten hervor. Dieser Hauch, dieses fast schemen­haft aus dem Nichts auftretende Bedürfnis nach Handlung ist der Auslöser, der die Wahl für uns trifft. Genauer, präziser und richti­ger, als der Intellekt es bei aller Mühe zustande brächte.

Das Gesagte wird für Sie Idee, Theorie bleiben, wenn Sie nicht den Mut und die Unbefangenheit aufbringen, es zu erproben. Sie dürfen mir nichts von alledem glauben. Das würde Sie lediglich wieder zum Nachfolger einer anderen Lcitidee reduzieren und keine Reife bewirken. Betrachten Sie von jetzt an Ihre Welt mit anderen Augen. Direkt, ohne Kommentar, ohne Vergleich. Sie werden erleben, wie beglückend diese Momente der Klarsicht sind, und der Tag wird kommen, wo Sie aus dieser Ich-fremden Haltung heraus agieren, gedeihen und leben.

 

 

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