Reife – der Schlüssel zum Glück Kapitel 15

Kreative Produktivität

Die Gefahr der recht deutlichen Ausführungen des vo­rigen Kapitels besteht darin, daß sich in Ihrem Kopf die Vorstellung einer Selbstlosigkeit einnistet, die mir häufig im wei­teren Bekanntenkreis begegnet. Sie wird von Menschen prakti­ziert, die in einer Aufgabe vollständig aufgehen und sich darin verlieren. Nicht zuletzt handelt es sich um moralisch «wertvolle» Dienste – in der Alten- und Krankenpflege, im Entwicklungs­dienst oder, dies am häufigsten, in der eigenen Familie. Lesen Sie Nachrufe auf Todesanzeigen: wie das aufopfernde Wesen und der Edelmut der Verblichenen gerühmt wird. Das Ideal einer Selbst­oder ich-Losigkeit, die das letzte Hemd hergibt und keinen Sinn mehr für Eigenes oder Besitz aufbringt, ist das Zerrbild eines von seinen Prägungen und Verletzungen befreiten Menschen. Und es ist an der Zeit, ein Wörtchen über das Thema «Selbstlosigkeit» zu verlieren. Sie ist, unkritisch verwirklicht, eine Flucht vor der Rea­lität und ein Tauschgeschäft. Indem ich mich für die Familie auf­opfere oder für eine gute Sache oder eine Religionslehre, leiste ich Verzicht auf wesentliche Anteile möglichen Glückserlebens. Ich betreibe Lustverzicht (wie Freud es ausdrücken würde) als Tausch­geschäft gegen eine Belohnung, die ich entweder unmittelbar ein­fordere oder spätestens in einem mir verheißenen Jenseits in Emp­fang zu nehmen gedenke. Bei einer opferbereiten Mutter schwebt ständig dieses «Ihr müßt mich um meiner Fürsorge willen lieben» in der Luft. Im Grunde sind selbstlose Menschen Gewalttäter: weil sie sich und ihre vitalen Bedürfnisse um der Idee der Selbst­entäußerung willen vergewaltigen. Und das ist nichts als ein fla­grantes Signal von Unreife und Mißverständnis der eigenen Mög­lichkeiten. Aus derartigen Tauschgeschäften wird nichts, außer daß die Irregeführten gründlich ausgenützt und mißbraucht wer­den.

Mir liegt fern, die Gefühle engagierter Menschen zu verletzen, und der Dienst an der Menschheit ist dringender notwendig denn je zuvor. Es geht um die Frage nach den Beweggründen. Wer ohne Motive, die aus Erziehung oder Lebenserfahrung resultieren, im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Bestes auch für die Mitmen­schen im Sinn hat – der versucht es nicht mit einem Gegenge­schäft: Ich opfere mich auf, dafür liebst du mich. Oder denken Sie an die Männer und Frauen, die Sommer wie Winter mit einer gewissen Broschüre in den Städten stumm herumstehen. Eine wahrlich entsetzlich demütigende Geste. Und wofür geschieht es? Um einer unbewiesenen Ideologie willen und im Geisteszustand gezielten Kalküls eines Lohnes, der in der Teilnahme an künftigen Verheißungen besteht.

Dies alles ist nicht gemeint oder bezweckt, wenn ich Sie gebeten habe, Tatbestände über den Realitätsgehalt Ihrer Vorstellungen über sich herauszufinden. Diese Selbsterkenntnis soll einzig dazu dienen, Ihnen die leistungsfähigeren und intelligenteren Bereiche des eigenen Gehirns zu erschließen. Mit den Übungen sollen Sie mit der Macht Ihres Sinnesapparates vertraut werden und ihn nicht als unbedeutende Filiale Ihres Intellekts abwerten. Bereits die nüchterne Logik Ihres Verstandes, eine Betrachtungsweise, wie sie Mathematiker und Forscher einsetzen, reicht aus, damit Sie einer Reihe von Ungereimtheiten in Ihrer geistigen Struktur auf die Schliche kommen. Einzig der Schritt des Umschaltens auf die spontanen Gehirnfunktionen bedarf der Sinne, und aus­schließlich dieser. Es ist Ihre Wachheit, die Genauigkeit Ihrer Wahrnehmung, die den Kraft- und Informationsfluß zwischen den äußeren Vorgängen und Ihrer latenten Kreativität herstellt.

Ihre Sorgen und Probleme sind im intellektuellen Hirnbereich eingelagert und wirken von dort aus. Sie bleiben jeweils in den Momenten still, in denen Sie direkt hören oder sehen. Überhaupt laßt sich am Beispiel des Gehörs am deutlichsten vorführen, wo die Fehler bei unserer gewohnten Weise der Wahrnehmung stecken. Nichts fällt uns im Alltag schwerer, als jemandem ruhig zu­zuhören. Wir sind derart intensiv mit uns beschäftigt, daß jede Ansprache von außen stört. Und die Leute lassen sich selten zu völliger Aufmerksamkeit herab, wenn Sie ihnen etwas berichten wollen. Wie ergeht es Ihnen denn beim Zuhören? Ehe der oder die andere den ersten Satz beendet hat, beginnt das Räderwerk Ihrer intellektuellen Hirnbereiche bereits mit Gegenargumenten und Stellungnahmen. Bei sehr vielen Gesprächspartnern, insbeson­dere anläßlich von Geselligkeiten, fällt mir auf, daß sie Pausen, die ich beim Sprechen zum Atemholen oder am Satzende mache, dazu nützen, mir in die Rede zu fallen – vielfach warten sie nicht mal so lange und unterbrechen mitten im Satz. Und fahren fort, von sich zu reden, ohne auf das einzugehen, was ich ihnen gerne mitgeteilt hätte. Ich habe es bei den meisten meiner Besucher, echte Freunde ausgenommen, langst aufgegeben, darauf zu hoffen, daß mir mal einer wirklich zuhört. Wir hatten schon Wochenendgäste im Haus, die waren dermaßen angefüllt mit ihren Aktionen und Plä­nen und Ressentiments, daß sie sich kaum nach unserem Wohl erkundigten. Wir hätten die Pest haben oder Not leiden können -sie hätten es bis zur Abreise nicht bemerkt.

An diesem Maßstab können Sie den Grad Ihrer Fähigkeit zur Aufmerksamkeit messen. Probieren Sie es aus: Bei nächster Gele­genheit versuchen Sie, richtig, mit voller Achtsamkeit der Rede Ihres Gesprächspartners zu lauschen. Vermeiden Sie jeden Kom­mentar, bevor Ihr Gegenüber geendet hat – selbst wenn es eine Stunde dauert. Ich weiß, der Wortschwall einer beredten Person kann zur Folter werden. Versuchen Sie es dennoch, lernen Sie es. Es ist eine große Kunst. Und wer sie ausübt, kann das Prinzip auch auf die anderen Sinne übertragen. Lassen Sie visuelle Eindrücke, Töne und Körperkontakte ohne Abwehr auf sich einströmen. Ver­schließen Sie sich nicht, nehmen Sie keine Abwehrhaltung ein. Bleiben Sie entspannt. Sie können bei derartigen Anlässen an sich beobachten, daß die Geschichte erst anstrengend wird, wenn Sie sich dagegen wehren. Und bedenken Sie, auf die Weise, wie wir beim Zuhören reagieren, reagieren wir im Grunde auf das ganze Leben!

Es sind gewichtige Worte gefallen. Was fehlt, sind Hinweise auf die Auswirkungen, die eine veränderte Wahrnehmung auf das Alltagsleben hat. Ich würde mir Argumente gerne ersparen und es Ihnen überlassen herauszufinden, was es damit für eine Bewandt­nis hat. Doch mir ist zugleich klar, Sie haben Anspruch auf meine Erläuterungen.

Sie wissen um meine Behauptung, seit Ende der Steinzeit seien die wenigsten Menschen der zivilisierten Welt wirklich reif und erwachsen geworden. Weil sie die Beziehung zu den eigenen Ge­fühlen verloren beziehungsweise niemals gefunden haben, weil sie als Erziehung und Ausbildung einer Reihe von Dressurakten unterworfen worden sind und weil sie niemals ins Wasser gewor­fen wurden, um selbst zu schwimmen, sondern sich allezeit an den diversen Rettungsringen fremder Meinungen festhalten durften. Und ich habe gesagt, als einziges Lebewesen dieses Planeten würde der Mensch unterhalb seiner Möglichkeiten leben. Dazu habe ich die Zustände der Psyche erläutert und versucht, ihren illusionären Charakter offenzulegen. Und Ihnen Übungen empfohlen, mit de­ren Hilfe Sie es bei unvoreingenommenem Praktizieren selbst entdecken können. Weiter sprach ich über die Überbewertung des Intellekts und der Notwendigkeit, zur Vernunft zu kommen. Wo­bei mit Vernunft eine Synthese von Spontaneität und Verstand gemeint ist, bei der Spontaneität und Kreativität, den Eigenschaf­ten des Augenblicks gegenüber dem Intellekt, dem Werkzeug von Wissen und Vergangenheit, die Oberhoheit zukommt.

In unserer Gesellschaft scheinen mit zunehmendem Lebensal­ter nicht die Qualitäten der Reife zu wachsen ~ es ist vielmehr eine deutliche Zunahme von Problemen und Konflikten feststellbar. Je älter ein Mensch wird und zusehen muß, wie ihm das Leben wie Sand durch die Hände rinnt, desto stärker wird sein Verlangen, der entschwindenden Existenz endlich ihren Sinn zu geben. Der­artige Zustände psychischer Torschlußpanik können mit Vierzig bereits beginnen, die berüchtigte Midlife-crisis gehört dazu, ebenso das Klimakterium der Frau. Mit der Umstellung der Wahr­nehmung auf den spontanen Gehirnbercich lösen sich diese Kon­flikte auf. Sie verschwinden einfach, werden vergessen, wenn in der unmittelbaren Erfahrung des Alltags intellektuelle Funktio­nen nur noch dort auftreten, wo Wissen über praktische Tätigkei­ten notwendig ist. Während die Ich-Funktionen außer Betrieb bleiben. Es herrscht Friede und Stille im Inneren des Menschen, der so auf sein Leben schaut. Das unruhige Wesen, das pausenlos etwas will und zugleich nicht will, das endlos vergleicht und verur­teilt und zustimmt – dieses Wesen, das unser Ego ist, tritt in der unmittelbaren Wahrnehmung der Dinge nicht auf.

Nicht um Sie zu täuschen, habe ich Sie die Übungen ausführen lassen. Und ich habe keine Aussagen gemacht, die den geringsten Glauben von Ihnen verlangen. Gewißheit über Ihre Befindnisse erlangen Sie ausschließlich über das eigene kritische Urteilsver­mögen. Ich habe Sie lediglich auf bestimmte Merkwürdigkeiten aufmerksam gemacht. Und habe Ihnen gezeigt, worauf bei Ihrem Denken und Ihrer Beobachtung zu achten ist. Habe erläutert, wie es möglich wird, daß Ihre spontanen Gehirnfunktionen in Aktion treten. Nicht ersparen kann ich Ihnen die Mühe, selbst der Wahr­heit Ihrer Identität und der damit verbundenen Konsequenzen auf die Spur zu kommen. Ich kann Sie auf die Fährte setzen, doch den Weg müssen Sie allein gehen. Lassen Sie sich nicht von Informa­tionen irritieren, die Ihrer Beobachtung widersprechen. Wahrheit ist nicht subjektiv oder gar Geschmackssache. Wahrheit ist das, was wirklich existiert. Und zwischen Wahrheit und Realität gibt es keinen Unterschied. Was real ist, ist wahr, und Wahrheit ist real. Geben Sie nichts auf Philosophien, die verkünden, Wahrheit ebenso wie Realität seien individuell, und jeder erzeuge seine ei­gene Version. Was bedeuten würde, daß es ebenso viele Wahrhei­ten und Realitäten auf der Welt gibt, wie es Menschen gibt, Milliarden. In der unmittelbaren Erfahrung der Dinge, ohne daß diese Erfahrung vom Denken ausgelegt wird wie die Bibel von einem alten Pfarrer, können Sie unmißverständlich erkennen, wie die Tatsachen des Lebens beschaffen sind. Mit Hilfe der wenigen Übungen der vorausgegangenen Kapitel haben Sie ein Mittel in der Hand, sich von der tatsächlichen Struktur Ihrer Persönlichkeit ein klares Bild zu machen. Die Schwierigkeit besteht in der Unfä­higkeit der meisten Menschen, sich von gewachsenen Vorstellun­gen über sich zu trennen und Informationen über Ich und Psyche außer acht zu lassen. Sie dürfen an keinem Fitzelchen Wissen über sich festhalten. Lassen Sie jede Meinung über sich fahren und schauen Sie nur hin. In der Beobachtung, wie Ihr Denken zwi­schen Ich und den Gedanken, die dieses Ich scheinbar denkt, hin und her pendelt, wird deutlich, wie unwirklich dieses Gebilde in Ihrem Kopf ist, das so viel Kummer verursacht. Ohne die Illusion dieser Denkprozesse wird Leben erst lebenswert und frei. Denn mit dem Begreifen, daß der Denker in Ihnen vom Denken selbst simuliert wird mit Hilfe der gespeicherten Lebenserinnerungen -mit dieser Einsicht, daß dem wirklich so ist, hört zwangläufig jede Bemühung sich zu ändern oder zu verwirklichen sofort auf. Weil dieser innere Mensch, der sich gerne verwirklichen will, eine Illu­sion, eine Idee ist. Das klar zu erkennen, es zu verstehen und zu akzeptieren, führt den Wandel in Ihrem Gehirn herbei, der um­wälzende Konsequenzen in Ihrem Alltag hat.

Im Besitz der oben erwähnten Erkenntnis fallen die Schranken und Abgrenzungen zwischen Geist und Körper vollständig weg. Es existiert dann nichts mehr von diesem Chauffeur-Fahrzeug-Syndrom oder dem Wahn vom sündigen, widerspenstigen Leib, den man unterwerfen müsse. Sie, Ihr Ich, sind nicht der Reiter und Ihr Körper der Gaul, den es an die Kandare zu nehmen gilt. Sie werden im Bewußtsein und Vollgefühl der Einheit von Körper, Sinnesapparat, Gefühl und Verstand Ihre weiteren Tage verbrin­gen. Es gibt keine Spaltung mehr – Sie sind ganz. Und die von Sprache, Wissen und Meinungen erzeugte Trennung von Ihrer Welt schwindet gleichzeitig dahin. Denn mit Ihrem durch den Urschrei und seine Folgen gewonnenen Zugang zu machtvollen Ge­fühlen ist auch Ihr Gefühl für die Verbundenheit des Körpers mit der Außenwelt real geworden. Mit den aufgegebenen Wahn­ideen – das waren sie! – vom getrennten Ich im Kopf und dem sterblichen Leib erwächst eine andere Dimension des Handelns. Es ist in Zukunft der Organismus als Summe aller Teilstücke, aus denen sich Ihre Person vorher zusammengesetzt hat, der in Aktion tritt. Auf diese Weise kommt erstmals ständig die vege­tative Intelligenz von Gehirn und Nervensystem zum Tragen, die der mechanischen Intelligenz des Intellekts so haushoch überlegen ist. Falls Ihnen jemals Zweifel gekommen sind, Sie wären viel­leicht doch nicht so klug, wie Sie sich nach außen, vor anderen Leuten darstellen oder es sich von Ihren Lieben gerne bestätigen lassen – dann war das gar kein so verkehrter Eindruck. Wir leben unterhalb unserer Möglichkeiten, weil die wirkliche Intelligenz sich nicht rühren darf unter dem ständigen Ansturm des sich in den Vordergrund drängenden Verstandes. Unser Wissen, die Summe unserer Informationen hat Grenzen. Und was gewöhnlich für Intuition gehalten wird – ist beinahe immer ebenso eine Va­riante von Wissen oder eine Schnapsidee.

Die Kapazität unseres kreativen, spontanen Gehirnbereiches dagegen ist grenzenlos. Dort ist das Tor zürn wirklich Geistigen. Die andere Funktion drüben im intellektuellen Bereich ist auf das Volumen ihrer Erinnerungen angewiesen. Diese Grenze gilt für Spontaneität nicht. Sie schöpft allein aus der Fülle augenblick­licher Ereignisse und Zustände. Und in unserer Beobachtung des Lebens gewinnen wir einen Einfluß auf den Lauf der Dinge, von dem unser Denken nur träumen kann. Überlegen Sie doch: Was kann ein Wesen schon ausrichten, das bloß als Idee eines Gehirns existiert? Unser Ich hält seine Gewohnheiten und Reaktionen, seine anerzogenen, dressierten Reflexe für Willensausübung oder gar für Macht über das Schicksal. Weil sich kaum ein Mensch, wenn er nicht soeben einen Anfall von Depression oder Minderwertigkeitsgefühlen hat, eingesteht, wie ohnmächtig er gegen­über dem Strom des Lebens ist. Wer begriffen hat, wie vernetzt und sich gegenseitig beeinflussend im Tageslauf die Ereignisse einem Kaleidoskop gleich wirbeln und wechseln, dem muß normalerweise die Zuversicht, er könne in diesem Chaos etwas aus­richten, rasch vergehen. In der Tat besitzt der Intellekt nur ein kleines Maß an Gewalt über das Leben. Zumeist wird es passiv erfahren, also erlitten. Daß der Normalbürger nicht an seiner Ohnmacht verzweifelt, verdankt er im höchsten Maß seiner Fä­higkeit zur Illusion. Seine Überzeugungen und Interpretationen der Wirklichkeit und die Tatsache, daß im gewöhnlichen Verlauf eines Zeitabschnittes wenig spektakuläre Ereignisse das Gleichge­wicht seiner Lebensumstände stören, verhindern, daß er entweder den Lebensmut oder den Verstand verliert.

Unser aus direkter Wahrnehmung aktivierter Spontanbereich im Hirn kann dem Übel abhelfen. Dort werden die schöpferischen Aktionen unseres eigenen Lebens ausgelöst und verwirklicht. Würden sie nicht trotz des zersplitterten Geisteszustandes der Menschheit in die bedingten Existenzen hineinwirken – wäre es um die Welt noch übler bestellt, als es ohnehin schon ist. Ich will jetzt versuchen, mit Hilfe eines konkreten Beispiels, den Unter­schied zwischen intellektueller Aktion und dem spontanen Han­deln deutlich zu machen. Dazu muß ich mich auf ein Gebiet bege­ben, das ich eigentlich gerne gemieden hätte. Denn jeder, der sich mit den Grenzbereichen von Philosophie und Psychologie befaßt, verwendet es: die Phänomene der Quantenphysik, Ich habe regel­rechte Hemmungen, die Begriffe in den Mund zu nehmen – bes­ser: in die Tasten der Schreibmaschine zu hämmern. Weil die Sache schon ziemlich plattgewalzt ist. Und weil die einzelnen In­terpreten dürr oder phantastisch darüber berichten, verständlich oder mysteriös. Andererseits ist es erfreulich, daß endlich jemand aufsteht und Konsequenzen aus bewiesenen Kenntnissen im Mi­krobereich der Welt auf den Makrobereich überträgt. Es ist ganz logisch: die Verfassung des feinsten materiellen Bereiches ist zwangsläufig auch für die gröberen Raster gültig. Daß das Univer­sum demnach ein Ding aus einem Stück ist und die Gegenstände unserer Wahrnehmung auf ihrer kleinsten materiellen Ebene samt den Zwischenräumen zusammengehören, ist eine Sache. Die Folgerungen daraus im täglichen Leben zu ziehen, ist eine völlig andere. Die Konfusionen entstehen vorwiegend, weil die endlose Zahl von Einzelerscheinungen mobil ist. Entweder autonom be­wegt, fliegen, schwimmen, schreiten oder von fremder Hand bewegt werden können – wie eine Kommode, der Armsessel oder das Auto. Es gehört zusammen, aber bewegt sich durcheinander, auseinander oder aufeinander zu.

Wie dem auch sei, Hauptsache, wir hängen an keiner Leine fest, wie der arme Hofhund drunten im Dorf. Was die Forscher seit Jahrzehnten irritiert, ist der bestürzende Umfang ihres eigenen Einflusses auf Experimente im subatomaren Bereich. Da postu­liert einer als Hilfsmittel für seine Arbeitshypothesen soundso viele Quarks – und, du glaubst es nicht – später finden sich die Dinger wirklich ein. Sie müssen das Unwahrscheinliche daran be­merken: das ist, als ob ich ein Märchen erfinden würde mit ein paar obskuren, lustigen Gestalten. Und unvermittelt begegnen sie mir, bloß, weil ich mich, ohne mir klarzumachen, daß es sie nicht geben kann, auf die Suche nach ihnen gemacht habe. Der mensch­liche Anteil an den fundamentalen Prozessen der Materie ist groß. Und die Fragestellung des Beobachters ist es, welche die Resultate herbeiführt. Aus diesen Vorgängen ergab sich der natürliche Wunsch herauszufinden, ob dieser Einfluß auch im Makrobereich des täglichen Lebens auffindbar wäre. Es gibt Institute, die sich mit parapsychologischcn Experimenten befassen. Aus dieser Ecke gibt es Publikationen über eine Versuchsreihe, die mit Hilfe einer Anzahl Testpersonen Informationsmaterial über unerklärbare Einflußnahmen fabrizierte.

Zuerst wurden die am Versuch teilnehmenden Personen be­fragt, ob sie an Quantenphänomene glauben beziehungsweise ih­nen positiv gegenüberstehen oder nicht. Auf diese Weise ergabensich zwei Gruppen: Teilnehmer, die den Möglichkeiten positiv und aufgeschlossen gegenüberstanden, und die anderen, die eine ablehnende, negative Haltung einnahmen. Jedoch wurde keine der Gruppen ausgeschlossen. Beiden wurden die gleichen Aufga­ben gestellt. Die Versuchsanordnung bestand aus einem Bild­schirm, einer Tastatur, mit deren Hilfe bestimmte Felder auf dem Monitor angesteuert werden konnten, und einem Auslöseschal­ter. Au f dem Bildschirm war ein Kreis zu sehen, wie ein Uhrziffer­blatt. Statt der Zahlen gab es Punkte, aus denen der Kreis gebildet wurde. Im Hintergrund fand der radioaktive Zerfall von Teilchen statt, und dieser Zerfall löste jeweils analog ein Leuchtsignal auf dem Monitor aus. Und zwar an der Stelle eines der Punkte des Kreises. Die Testpersonen sollten nun versuchen, durch die Steue­rung ihres Cursors und der Auslösetaste für den radioaktiven Zer­fall möglichst viele nebeneinander liegende Lichtpunkte zu erzeu­gen. Ziel war, daß die Lichtsignale in dem Kreis wie die Perlen einer Kette hintereinander folgten, wie der Sekundenzeiger einer Uhr läuft. Und tatsächlich gelang es einer Anzahl von Teilneh­mern, das hinzukriegen. Auf ihrem Bildschirm leuchteten brav hintereinander die Lichtpunkte auf. Bei den Erfolgreichen han­delte es sich ausnahmslos um Mitglieder der positiv eingestellten Gruppe. Bei den anderen gelang überhaupt nichts. Da leuchtete es trotz mühevollen Tastens ohne Ordnung hier und dort auf. Kein Einfluß möglich. Die Pointe der Geschichte ist folgende; Diese radioaktiven Zerfallserscheinungen fanden im Hintergrund ohne Kenntnis der Versuchspersonen völlig chaotisch statt, ohne Regel, frei von jeder Reihenfolge, die auch nur annähernd die Aufgabe hätte erfüllen können. Normalerweise hatte keinem der Teilneh­mer gelingen dürfen, im Uhrzeigersinn nacheinander aufleuch­tende Signale auf dem Monitor zu erzeugen. Die Zer f allsten de n -zen können sich zwar in vielfältigen Möglichkeiten offenbaren, aber es hätte eines Jahrhunderts bedurft bis zu dem seltenen Fall, daß sie sich von selber in der erzielten Reihenfolge organisiert hatten. Es war einzig der unbefangene, unvoreingenommene Versuch eines Menschen mit entsprechender Geisteshaltung, der die Aufgabe entgegen aller Wahrscheinlichkeit und entgegen realisti­scher Möglichkeit bewältigt hat.

In diesem Muster funktioniert im Alltag Spontaneität. Dieser Gehirnbereich hat keine Beziehung zur Zeit, ergo besteht auch kein Informationsfluß zur Vergangenheit. Es ist ausschließlich der direkte, unmittelbare Eindruck einer gegebenen Situation, aus dem heraus der Impuls der Inspiration erfolgt. Im normal dahinplätschernden Leben wird es wenig Ereignisse geben, bei denen die Spontanreaktion widersinnig erscheint, weil sie im totalen Gegen­satz kontrovers zu den Forderungen der Situation steht. Es wird im allgemeinen eine Reaktion stattfinden, die mit den Dingen harmoniert. Wenn Sie gelernt haben, sich in Zukunft bei Ihren Entscheidungen auf die Impulse Ihrer spontanen Reaktionen zu verlassen, wird es selten Hürden geben, vor denen Sie zurückscheuen: Das kann ich nicht machen, so geht es nicht. Zum Bei­spiel haben Sie den Impuls, Ihrer Bank einen Schmähbrief zu schreiben und Spott und Schande über sie auszugießen. Aber Ihr Verstand warnt: Halt, sei vorsichtig. Du hast dein Konto überzo­gen, und wenn sie dir den Kredit kündigen oder sich ganz weigern, noch mit dir zu arbeiten, bist du böse dran. Nun stehen Sie vor dem Dilemma: Entweder folgen Sie Ihrem kreativen Signal und riskieren Kündigung und Rausschmiß, oder Sie machen den üb­lichen Kotau vor den Umständen und gehorchen Ihrem Intellekt, was zugleich Gehorsam der Konvention gegenüber ist. Man schreibt seiner Bank keine beleidigenden Briefe, wenn man dort in der Kreide steht. Wenn Sie Ihrem spontanen Impuls folgen, wird gar nichts passieren. Im Gegenteil, höchstwahrscheinlich treffen Sie in dem Augenblick, da Ihr Brief vom Empfänger gelesen wird, dessen Nerv, und Sie erwischen ihn auf dem linken Fuß, wie man so sagt. Während Ihr intellektueller Kompromiß lediglich Ihre Abhängigkeit und Furcht vor dem großen Partner unterstreicht.

Selbst wenn alle realen Gegebenheiten und Voraussetzungen gegen einen spontanen Impuls sprechen, sollte er zur Handlung werden. Weil Spontaneität in Fällen tatsächlich existierender Be­dingungen und Abhängigkeiten diese Grenzen ignoriert und kur­zerhand neue Verhältnisse schafft. Sie brauchen außer der in Ih­nen angeregten Tat nichts weiter zu tun. Ihre Wahrnehmung, Ihre Einsicht, Ihr Verständnis für eine Situation und Ihre Emp­fänglichkeit für die Stimme Ihres spontanen Gehirnpotentials leisten den schöpferischen Vorgang. Denken Sie an den geschil­derten Versuch mit dem radioaktiven Zerfall. Die Testpersonen hatten von der Versuchsanordnung her keinerlei Chance, die Auf­gabe zu erfüllen. Dank dem Gewicht der Geisteshaltung jedoch vollbrachte es ein Teil von ihnen. Weil sie keine Rücksicht auf Prozesse nahmen, die ihnen das Vertrauen ins Gelingen hätten rauben können. Wer sich für spontanes Handeln entscheidet, steht auf der Seite der Schöpfung. Sprünge von einem unwahr­scheinlichen in einen wahrscheinlichen Zustand sind hier die Re­geln, nicht die Ausnahme. Eine Gefahr ist dabei : Sie können Ein­flüsterungen Ihrer Erfahrung mit Kreativität verwechseln. Doch die Gefahr ist für den aufmerksamen Beobachter gering: Sponta­neität nämlich äußert sich nicht in Worten ! Diese Gehirnfunktion hat keine Verbindung zur Sprache! Keine. Damit unterscheiden Sie zwischen intelligenter Handlung und Schnapsidee.

Haben Sie jetzt Zweifel, ob Sie’s schaffen, so zu handeln? Las­sen Sie sich eine kleine Episode erzählen:

Vor ungefähr vier Jahren rief mich eines Abends ein guter Be­kannter an: «Ich bin völlig erledigt», sagte er. «Bei der Bank stehe ich mit einer halben Million in der Kreide, meine Angestellten im Geschäft faulenzen und treiben sich mehr in der Kaffeeküche rum als draußen im Laden. Zur Kundschaft und mir sind sie patzig. Und meine Frau droht mit Auszug samt dem Kind, wenn ich nicht bald finanziell flott werde. Was soll ich machen?»

«Häng dich auf», sagte ich.

«Was?!» keuchte er.

«Ich meine nicht wirklich. Beschließe es nur. Tu so, als ob du mit dem Leben abgeschlossen hättest, gib alles auf. Deine Ängste, deinen Kampf um Kredit, Geschäft, Personal und Familie. Simuliere deinen bevorstehenden Selbstmord. Und handle in den nächsten Tagen so, als ob du völlig frei und unangreifbar nur noch die kurze Spanne bis zur Tat durchleben würdest.»

«Aha», sagte der andere, «ich glaube, ich habe kapiert.»

Er legte auf. Ich sah ihn erst drei Jahre später zufällig auf der Straße einer süddeutschen Stadt wieder.

Elegant gekleidet stieg er aus einem stinkteuren Luxusschlitten. Er freute sich sehr, mich zu sehen, und wir gingen einen Kaffee trinken. «Denk dir», berichtete er, «ich habe damals deinen Rat befolgt. Beinahe hätte ich mich wirklich aufgehängt, so verzweifelt und deprimiert war ich. Die folgende Nacht habe ich nicht geschlafen. Höchstens ein wenig gedöst, kurz vor dem Aufstehen. Aber dann hatte ich wirklich aufgegeben. Mir stank die Geschichte dermaßen, das ich am liebsten den ganzen Plunder hingeschmissen hätte. »Er berichtete dann zu unser beider Vergnügen die Szenen des Tages: Als erstes begegnete er seiner Gattin. Barsch forderte er sie auf, ihre Koffer nebst Tochter zu packen und zu verschwinden. Madame fiel aus allen Wolken. So ernst habe sie es nicht gemeint, sagte sie, ob er denn auf Ihrem Exodus bestehe. Er wolle noch mal Gnade walten lassen, aber bei der nächsten Bemerkung der gehab­ten Art sei endgültig Schluß. Als nächstes betrat er sein Ladenge­schäft und traf seine Damen bei der Kaffeepause an. Er ließ einen Schrei los und kündigte sämtlichen Anwesenden. Schmiß sie frist­los raus mit dem Hintergedanken, es schriftlich nachzuholen. Plötzlich wurden die Frauen und Mädchen ganz klein und zahm. Es kam keine Widerrede. Sie verlegten sich aufs Bitten. Er herrschte sie an und hielt ihnen einen Vortrag über Pflichtverges­senheit, gespickt mit massiven Drohungen. Dann war die Bank an der Reihe, die inzwischen ihre Pforten geöffnet hatte. Er trampelte ohne anzuklopfen, vom Erfolg daheim und im Geschäft beflü­gelt, ins Büro des Geschäftsführers und begann sofort bei noch offener Tür zu brüllen: Er werde sich über die Geschäftsmethoden beim Verwaltungsrat beschweren und dafür sorgen, daß der ver­antwortliche Bursche in die Wüste geschickt werde. Außerdem benötige er auf der Stelle noch einen weiteren Kreditrahmen von einer halben Million, sonst würde er sein Konto kündigen. Am Ende bekam er noch mal eine halbe Million Kredit, und heute ist er saniert und weitgehend schuldenfrei. Die Angestellten spuren seitdem, und über die Gattin beklagt er sich ebenfalls nicht mehr. Nun? Kommentar überflüssig.

 

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