Reife – der Schlüssel zum Glück Kapitel 6

Wie frei ist freier Wille?

Die Entwicklung des menschlichen Willens gehört zu un­serer Vorstellung von Autonomie. Nun gibt es aus ver­schiedenen Ecken Stimmen, die ernsthafte Zweifel an unserer Zu­versicht, wir hätten einen freien Willen, anmelden. Und wer sich sein Leben genauer anschaut, gerät in Zweifel, ob er allezeit frei wählen kann, was er tut. Angeblich ist die Art Willensausübung, wie wir sie verstehen und praktizieren, ein Merkmal, das uns vom Tier unterscheidet. Dem Tier sagt man nach, es ließe sich von seinen Instinkten leiten und sein Verhalten würde keine Zeichen von bewußter Entscheidung aufweisen. Tja, wir haben einen Hund, eine Wolfspitzhündin namens Nike. Wenn ich die Lebens­äußerungen unseres Hausgenossen betrachte, habe ich durchaus nicht den Eindruck, daß Nikes tägliches Verhalten ausschließlich instinktgesteuert wäre. Klar, es handelt sich um ein Haustier, ge­züchtet und domestiziert. Dennoch habe ich bei Nike eine Reihe von Gewohnheiten entdeckt, die sogar wechseln, je nach Jahres­zeit und äußeren Bedingungen, und es scheint, als ob sie im Rah­men ihrer Möglichkeiten durchaus zu variablen Entscheidungen fähig wäre. Ohne weiter ins Detail zu gehen, kann gesagt werden, sie übt ihre kleinen Rechte aus und ist in diesem Bereich durchaus nicht unflexibel.

Natürlich sind die Bedürfnisse eines intellektuell hochentwik-kelten Menschen nicht mit denen eines Hundes oder einer Katze vergleichbar. Von instinktgesteuertem Verhalten kann bei uns keine Rede sein. Im Gegenteil: Uns fehlt zuweilen selbst das gröb­ste Gespür für die Bedürfnisse unserer Mitmenschen, sogar unse­res Lebenspartners. Und ein wenig vom Instinkt eines gesunden Tieres würde uns gar nicht schaden. Aber es gibt zwischen einem

domestizierten Tier und dem Menschen doch eine Parallele. Einem Hund wird durch Erziehung beigebracht, was seine Besit­zer von ihm wünschen, und seine Lebensäußerungen werden sich vom Welpenstadium bis ins hohe Alter an diesen antrainierten Regeln orientieren. Sofern der Hund so etwas wie einen eigen­ständigen Willen besitzt, wird er ihn ausschließlich in den Grenzen der Verhaltensregeln seiner Eigentümer ausüben kön­nen. Verhält es sich bei einem Kind anders? Setzen wir Eltern für Hundebesitzer ein, die Regeln und Normen der Gesellschaft an die Stelle der Aufgabe, sagen wir, eines Wach- und Hofhundes -, dann haben wir ein vergleichbares Modell von Konditionierung eines Lebewesens. Ein Hund wird zu einem bestimmten Zweck angeschafft, für die Jagd, zum Hüten, zum Bewachen oder zum schieren Zeitvertreib. Das rechtfertigt dann die spezielle Ausbil­dung, die dem Tier zuteil wird und an die es sich zeitlebens hält. Doch wie weit ist ein kleiner Mensch damit vergleichbar?

Ich will an dieser Stelle lieber nicht fragen, ob Kinder zu einem bestimmten Zweck <angeschafft> werden, wir gerieten dann viel zu stark ins Fahrwasser einer Kritik an Eltern, die sich in ihren Kin­dern statt selber verwirklichen wollen, oder was es an Absurditä­ten noch in der Welt der Familie gibt. Setzen wir voraus, daß Kin­der einfach deshalb zur Welt kommen, weil es die Evolution mit ihren subtilen Fortpflanzungsanreizen so vorsieht. Eines Tages sind sie eben da, und kurz nach der Geburt setzt die Erziehung ein, nicht anders als beim kleinen Hund. Der kleine Mensch wird über die Jahre seines Heranwachsen hinweg mit all den Regeln und Bedingungen vertraut gemacht, an denen er sich künftig zu orien­tieren hat. Gesetze, Tabus, Glaubenssätze, Verhalten s rege In, Weltbilder, Überlebensgrundsätze, Moral, Ethik, Wertmaßstäbe und noch eine Menge mehr davon sind der Stoff, aus dem die zukünftigen Grenzen für die Entfaltung von freiem Willen ge­macht sind. Womit wir die erste Einschränkung menschlicher Freiheit bereits erkennen.

Sie sehen, man braucht so metaphysische, philosophische Fra-

gen wie die, ob der Mensch ein in allen Teilen vorbestimmtes Le­ben führe, erst gar nicht aufzuwerfen. Denn es stellt sich heraus, daß die Beschränkungen, die er innerhalb seiner Gesellschaft sich im gegenseitigen Einvernehmen mit seinen Mitmenschen aufer­legt, bereits genügen, um die Behauptung, der Mensch habe einen freien Willen, in Frage zu stellen.

Es kommt noch schlimmer. Eine Gesellschaft braucht Regeln und Grenzen, sonst würde Anarchie herrschen – und das will schließlich niemand. Im Prinzip sind die Gesetze einer Volksge­meinschaft (sofern es sich nicht um einen totalitären/ tyranni­schen Staat handelt) nicht zwangsläufig inhuman und freihcits-feindlich. Sie lassen Spielraum genug für die freie Entfaltung individueller Lebensformen. Die weitaus gravierenderen Ein­schränkungen seiner Entscheidungsfreiheit schafft sich der ein­zelne selbst: indem er sich in den Dschungel der Kausalgesetze begibt. Mit jeder sogenannten freien Entscheidung, die wir tref­fen, erzeugen wir Ursachen, die gemäß unserem logischen Ver­ständnis Wirkungen zeitigen. Wir leben nach dem Gesetz von Ur­sache und Wirkung oder in der Gewißheit, daß die Vergangenheit unsere Gegenwart und Zukunft bestimmt. Primär ist das Prinzip von Ursache und Wirkung ein Denkmodell. Da ihm im mechani­schen Bereich fundierte physikalische Gesetze zugrunde liegen, überträgt unser Verstand das System analog auf den Bereich der Psyche. Und damit sitzen wir in der Falle einer Existenzauffas­sung, die den größten Teil des natürlich verfügbaren mensch­lichen Entscheidungs- und Handlungspotentials lahmlegt.

Von Kindesbeinen an empfangen wir die Gehirnwäsche des menschlichen Glaubens an die Unverrückbarkeit der Gesetze von Ursache und Wirkung. Es fließen diese Informationen in den Ge­dächtnisspeicher des intellektorientierten Gehirnbereiches -fernab von und beziehungslos zu Inspiration und Kreativität. Wir werden auf Regeln getrimmt, scheinbar so gültig und festgefügt wie der Lauf der Sterne. Und weil uns niemals jemand zu Zweifeln anregt, betreten wir die Welt bereits mit einer Voreingenommen-

heit gegenüber dem freien Spiel der Kräfte, die in der Folge zu Lebenserfahrungen führt, die diese Voreingenommenheit logi­scherweise in allen Fällen bestätigen. Am Ende besitzen wir scheinbar erprobte Gewißheiten, erlebt, erfahren, durchlitten – so daß die Tür für anders lautende Fragen an die Qualität unserer Existenz sich schließt und bis zu unserem Tod niemals mehr öff­net.

Ein paar konkrete Beispiele (ich rasiere bewußt grob, lasse De­tails um der Klarheit willen aus, aber die Vereinfachungen sind durchaus repräsentativ): Wenn Eltern bestimmen, daß ihr vier­jähriges Töchterlein einmal Violinvirtuosin werden muß, weil ih­nen, den Eltern, die Karriere aus diesen oder jenen Gründen ver­sagt blieb, dann wird von diesem Entschluß an ihr ganzer Einfluß darauf zielen, daß das Kind Geige spielen lernt, daß es fleißig übt und daß es sich in die ihm zugedachte Rolle hineinlebt. Was in den meisten Fällen geschieht, wenn sich der Sprößling aus schierer Selbsterhaltung nicht zu unbegabt anstellt. Die Folge wird ein Le­bensweg sein, der über Grundschule, Gymnasium, Musikstudium und Konzertdebüts in eine (lange Zeit Ungewisse) Karriere als Tonkünstlerin mündet. Die Tochter besitzt einen freien Willen. Sie wird ihn jedoch nur innerhalb eines ihr auferlegten Rahmens ausüben können. Bis zu einem gewissen Grade kann sie entschei­den, wie lange und wie oft sie übt. Doch dies wiederum innerhalb eines Minimalrahmcns, denn wer wirklich Künstler werden soll, muß ungeheuer fleißig sein. Da reicht eine Stunde Fiedeln pro Tag nicht aus. Auch Entscheidungen über Partnerschaft und Ehe wer­den unter Gesichtspunkten einer angestrebten Karriere als Kon­zertgeigerin getroffen. Und mit Vierzig oder Fünfzig, nachdem der Weg zur Hälfte oder zwei Dritteln vollbracht ist, bleibt wenig Wahl für Schritte außerhalb des eingeschlagenen Pfades.

Mit der potentiellen Violinvirtuosin habe ich ein einigermaßen positives Schicksal skizziert, mit trotz starker elterlicher Determi­nanten freud- und hoffnungsvollen Aussichten. Betrachten wir ein weniger frohes Modell: Ein Junge wächst in einer Familie

heran, in der regelmäßiger Alkoholkonsum als normal und üblich gilt. Der soziale Status der Leute ist niedrig, der Vater Hilfsarbei­ter, die Mutter Nur-Hausfrau, beide mit minimaler Schulbildung. Es gibt keine Bücher im Haus, dafür läuft zu jeder freien Stunde die Glotze, daneben steht der Kasten Bier oder die Schnapsflasche. Der Sohn darf früh den Schaum vom Bier trinken, und mit vier­zehn beginnt er zu sauten wie die Alten. Er bekommt keine Lehr­stelle und ist entwurzelt, ehe er überhaupt Fuß in der Gesellschaft gefaßt hat. Sein Umfeld sind Kneipen und Sportplätze. Seine gei­stigen Interessen gehen über Fernsehprogramme und Fußball­ergebnisse und ein bißchen polemischer Politik nicht hinaus. Er greift sich ein Mädel aus der Nachbarschaft, die meist prompt schwanger wird, und die Folge ist eine überstürzte Heirat. Der junge Ehemann verdient Geld bei Gelegenheitsjobs, die junge Mutter verdient mit. Die Lebensumstände sind notgedrungen ärmlich, und der Groll gegenüber den Bessergestellten ist be­trächtlich. Neid und Haß nagen an den jungen Leuten, Man greift zum früh gefundenen Fluchtmittel: dem Alkohol. Die Erziehung des Kindes der beiden wird nach dem gleichen Muster verlaufen wie die des Mannes. Die freie Willensausübung wird sich in die­sem Beispiel in einem arg engen Rahmen abspielen müssen: wie das bißchen Geld investiert wird, in Bier oder ein paar neue Schuhe für. das Kind, wie oft man fernsieht oder miteinander ins Bett geht, ob noch ein zweites Kind her soll und wie man von der Sozialkasse mehr Geld herausholen könnte. Trostlos, nicht wahr? Zwischen beiden Beispielen erstreckt sich eine Spanne von Abertausenden Möglichkeiten, in die Kausalfalle zu tappen und zeitlebens nicht mehr herauszufinden. Niemand, oder sagen wir, kaum jemand, überblickt angesichts einer festgefahrenen Lebens­situation noch den Horizont weiterer, unorthodoxer Möglichkei­ten. Stumpf, verzweifelt oder protestierend stecken die Menschen inmitten ihrer individuellen Lebensverhältnisse, im Gefängnis der durch fremde oder eigene Entscheidungen herbeigeführten Um­stände. Und alle Klagen beginnen mit dem Wörtchen <weil>.

Weil ich so früh geheiratet habe, kann ich nicht weiterstudieren und meinen Abschluß machen – mir fehlt das Geld. Weil ich in einem asozialen Milieu aufgewachsen bin, saufe ich heute oder bin kri­minell geworden. Weil Pomerenke eine freudlose Kindheit hatte, wurde er zum Massenmörder. Weil die Eltern so fromm waren und ein Gelübde ablegten, muß Katrin ins Kloster. Weil Edmund mit der Welt nicht zurechtkommt, ist er zum Eremit geworden und in den Himalaya ausgewandert. Weil. Was macht die Magie dieses Wortes aus? Diese destruktive, freiheitsraubende Magie?

Diese Frage ist zugleich der Schlüssel zur Tür, die heraus aus den Schwierigkeiten unserer diversen, selbstfabrizierten Begren­zungen führt. Wir alle kennen keine andere Alternative, als uns an diesem verhängnisvollen, bestimmenden Weil zu orientieren. Wie wohl wird uns inmitten der privaten Bedingtheiten, wenn wir, und sei es nur verbal, einem Hauch von Kreativität, von schöpferischer Entfaltung begegnen. Es gibt genug Spinner mit abstrusen Heilslehren, die mit aberwitzigen Begründungen ihre Nachfolger zum Aussteigen verleiten, aber ob dabei jemand glück­lich wird, ist fraglich. Da wimmelt es geradezu von Begriffen wie Spontaneität, positives Denken, Imagination, fester Glauben, Appellen ans Unbewußte, Konzentration des Willens. Heraus kommt bei derartigen Systemen nichts. Doch, der Verlust letzter Zuversicht, wenn die Geschichte sich als das entlarvt, was sie ist: als Windei. Am ehesten profitieren davon’die Verkünder. Ihnen fließt infder Regel das Geld ihrer zeitweiligen Anhänger zu. Würde mich ein Freund fragen, wie man am leichtesten ans Geld der Leute kommt, und ich wäre ein richtiger, skrupelloser Schurke, dann würde ich ihm nicht etwa raten, einen Supermarkt zu eröffnen oder einen Bankraub zu begehen. Mein Rat würde auch nicht lauten, er solle es mit der Politik oder einem Ketten-briefsystem versuchen. Ich würde ihm empfehlen, eine neue Sekte zu gründen, eine Religionsgemeinschaft. Und er solle sich einfach ein Konglomerat von Glaubenssätzen aus den zahllosen vorhandenen Richtungen zu einer neuen Einheit zusammenbasteln Einfache Regeln, selbst für den Dümmsten leicht zu mer­ken, Gedanken an Schuld und Sühne und ergo Erlösung einbauen (die nicht billig zu sein braucht) und in die Spielregeln die Ver­pflichtung zur Mitglieder-Neu Werbung einplanen, so daß sich der Kreis ständig erweitert. So, meine Freunde, wird man reich, wenn man keine Hemmungen hat, ein Schurke zu sein,

Wir stellen also fest, der Mensch hat oder hätte sehr wohl die Chance des freien Willens, wenn er sie sich nicht von frühester Jugend an teilweise rauben ließe und in fremdbestimmte Abhän­gigkeiten geriete. Sie dürfen jetzt sagen; «Was soll’s, so scheint der Lauf der Welt zu sein. Da kann der Autor so wenig machen, wie die vielen Experten, die sich als Weltverbesserer daran ver­sucht haben. Wir sind nun mal in der Tretmühle unserer beding­ten Alltäglichkeiten gefangen, und es führt kein Weg heraus.» Ich muß Ihnen entgegnen: Stimmt, solange Sie sich weigern, alles, was Ihnen an sogenannten Wahrheiten über das Leben in der Kindheit eingetrichtert wurde, über Bord zu werfen. Wir müssen rigoros Dinge in Frage stellen, die manchen sogar heilig sind, ererbtes Wissen von den Vätern. Sie meinen, wozu das? Weil -hier wieder das Wort – weil Sie nirgendwo einen anderen, besse­ren Horizont sehen? Und besorgt sind, psychisch nackt und leer dazustehen, sobald Sie Ihre Überzeugungen beiseite getan haben? Um dem Erwachsenenideal zu genügen, haben wir all die köst­lichen kindlichen Eigenschaften abgelegt, die wir besser behalten hätten: die Vcrspicltheit, die Unbefangenheit, die Neugier, den Wissensdurst, die Empfänglichkeit für alles Neue, die Fähigkeit zu spontaner Freude über Winzigkeiten, das Vertrauen ins Leben. Was wir hätten ablegen müssen, aber aus Mangel an Alternativen wie ein Juwel festhalten, ist die Summe der erlernten und erfahre­nen Fehlinformationen über das Leben und unsere Chancen dann. Bitte: Ich bereite mit diesen Worten nicht den Boden für irgend­eine geheimnisvolle Alternative vor. Es geht schlicht und einfach um die Wahl zwischen zwei Arten, zu leben und zu handeln.

Die eine Art ist die, die Sie kennen und nach der Sie bis zur

Stunde handeln. Die andere kennen Sie nicht, weil niemand sie lehrt, und wenn davon die Rede ist, dann wird das als Mystik, Parapsychologie, Esoterik und was weiß ich deklariert. Dabei spre­chen wir von jederzeit nachvollziehbaren Phänomenen, die im Le­ben eines jeden Menschen vermutlich mehrfach in Erscheinung getreten sind, belegbar, bezeugbar. Ich predige keine Wunder, keine Magie, keine Zauberei. Es ist die Art von Handeln, die aus dem spontan orientierten Gehirnbereich kommt. Also eben aus Ihrem Kopf, wie die intellektuelle Variante, an der die Menschheit so zu leiden hat. Spontane Handlungen brauchen kein Vorwissen über einen Sachverhalt oder eine Situation. Die Tat entsteht au­genblicklich aus der direkten Wahrnehmung. Vergangenheit ist hinderlich und wird nicht gebraucht. Es wird nicht analysiert. Die Einsicht in eine Herausforderung ist augenblicksschnell und kom­plex, so wie Sie ein Gemälde als Ganzes sehen und nicht die einzel­nen dargestellten Gegenstände.

Das Umschalten auf die spontanen Gehirnfunktionen ist mög­lich und lernbar. Es muß geübt werden. Aber vor dem Üben müs­sen wir ein Gespür für die Mechanik des Umschaltvorgangs ent­wickeln, ebenfalls in Form einer Vorübung. Es ist eine Art von <Trockenübung>, als ob jemand Schwimmen erst auf einem Holz-bänkchen übt. Es ist das Stadium, durch das jeder Künstler geführt wird, ehe er Geschautes zu Papier, auf Leinwand bringt oder in Marmor meißelt. Es ist die Schulung der unmittelbaren, unbeein­flußten Sinneswahrnehmung. Wir werden diesem komplexen, (scheinbar, aber nur scheinbar) schwierigen Stoff ein eigenes Ka­pitel widmen. Hier erkläre ich nur so viel, daß Sie den Sinn der Ihnen vorgeschlagenen Übung verstehen und nicht zu meutern beginnen. Bisher geht es noch um keine sichtbaren Resultate, so­wenig, wie einem Eleven der Malkunst im ersten Trimester der Kunstschule Werke wie von Rembrandt oder Mirö abverlangt werden. Im Gegenteil: Zu Anfang darf der Schüler gar nicht, wie er vielleicht könnte. Vor dem Erfolg steht die Mühe der Ochsen­tour des anscheinend Gewöhnlichen, Mir ist allein wichtig, daß im

Laufe Ihrer wahrlich minutiösen Selbstbetrachtung winzige Risse in Ihrem vertrauten Selbstbildnis entstehen. Den Keil, der aus Haarrissen den Spalt schafft, treiben wir später gemeinsam hinein. Dies wäre Übung Nummer 5: Sie ist gleich unscheinbar wie die ersten fünf-oder vier, denn die Sache mit dem Urschrei ist durch­aus nicht schlicht, wenn man die Auswirkung bedenkt – aber ich bitte Sie, trotzdem mit Ernst bei der Sache zu sein.

Verwenden Sie <lhre> Minute je verfügbarer Stunde, unregelmä­ßig, abersituationsbezogen. Ich möchte, daß Sie Ihre jeweilige Tätigkeit oder Untätigkeit daraufhin untersuchen, wo das <Weil> darin steckt. Also, Sie sollen sich klarwerden über Antrieb, Mo­tiv oder Verpflichtung, die Ihr Tun oder Nichttun bei diesem An­laßauslöst. Achten Sie dabei nebenher auf die Frage, ob der Auslöser, eben dieses Weil aus der Vergangenheit stammt.

Als ich mir die Schuhe geputzt habe, waren Dreck und Schlamm

wegzubürsten, weil ich vor der Garage in eine Pfütze getreten war. Sie war dort, weil ich die Garageneinfahrt nicht gepflastert habe. Ich habe dies nicht tun können, weil kein Geld für diesen Zweck da war. Es war kein Geld da, weil ich bei der Wahl des Verlegers für mein letztes Buch einen Fehler begangen habe. Der Fehler ent­stand, weil ich ungeduldig war und dem Erstbesten, der anrief, die Rechte vermacht habe. Ich war ungeduldig – und so weiter. Ad infinitum. Die Spirale der Kausalursachen läßt sich bis ins Dorf, in dem ich eines Samstags zur Welt kam, zurückverfolgen. Soweit sollen Sie freilich nicht gehen. Mir geht es um das Nächstliegende, um die direkten, zwingenden oder scheinbar freigewählten Auslö­ser. Weil Sie diesen Mann geheiratet haben, stehen Sie nun am Herd und quälen sich mit chinesischen Kochrezepten ab, weil Ihr Herr Gemahl so gerne gut und exotisch ißt, weil Sie das damals, in Unkenntnis späterer Mühen, so beeindruckt hat… Spielen Sie das Spiel der Aufdeckung von Motiven und Ursachen. Und bitte, versuchen Sie nichts daran zu ändern. Das würde auf die gehabte

Weise wenig nützen. Sie müßten gegebenenfalls dann nämlich eingestehen: weil mir klarwurde, wie blöd ich bin, diesem Kerl immerzu die leckersten Gerichte vorzusetzen, und weil ich das endlich kapiert habe, habe ich ihm heute einen Zettel hingelegt und das Kochbuch und auf den Zettel geschrieben, er möge sich seinen Fraß selber zubereiten. Es bliebe eine Entscheidung inner­halb des bekannten Handlungsmusters, das von Antrieben und Beweggründen diktiert wird.

 

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2 Antworten zu Reife – der Schlüssel zum Glück Kapitel 6

  1. Reinhild Renke sagt:

    Liebe Sabine,

    DANKE! Ich habe eben das Buch „Wu Wei“ von Ihrem Mannes aus dem Regal gezogen, und bin bei meiner Google Suche nach ihm, von dem ich aber auch gar nichts wußte, auf diese, Ihre Seite gelangt. Was Sie schreiben ist wunderbar, auf den Punkt gebracht und überaus schön be Bei spielt.

    Nochmals danke und ganz herzliche Grüße aus Limburg
    Varchaa Reinhild Renke

    • gitti sagt:

      Hallo und liebe Grüße an Alle
      Sehr interresant und lehrreich und am Schluß auch amüsant. Natürlich gibt es diesen freien Willen von dem Herr Fischer schreibt.Es ist befreiend so zu leben und ein wirklich gesundes Selbstvertrauen entsteht dadurchn
      Allerdings ist der erste Schritt, man muß in sich ein großes Unbehagen verspüren um diese konditionierte Welt zu durchschauen. Das kann durchaus ein Schock sein…. ein heilsamer Schock!
      Gitti

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