TAO ist nur ein Wort

Drei Buchstaben: t-a-o, ein Geräusch – ein Nichts. Der Name könnte von Laotse kommen, der sagte. Man kann es die Mutter der Welt nennen. Ich weiß seinen Namen nicht. Ich nenne es Tao. Niemand erstarrt vor Ehrfurcht wie der Gläubige, wenn das Wort Gott fällt, es ist keine Autorität, die wie der biblische Schöpfer Lohn und Strafe austeilt. Es gibt keine Gebote – dafür aber eine Fülle von Ratschlägen und Hinweisen. Es könnte ebenso gut Pepsi-Cola heißen, der Name ist für das Unbekannte frei von jeder Bedeutung. Ein Taoist wäre dann dem Namen nach auch nur die Erweiterung oder Fortsetzung einer Lautfolge. In diesem Sinne ist ein Taoist auch kein Taoist, der sich ein Bild vom Unbekannten macht und ihm nachfolgt – ein Mensch des Tao ist ein Individuum, das den Ort gefunden hat, in dem der Urgrund der Dinge sich auswirkt: nämlich in ihm selbst! Wenn das Tao einen wirklichen Namen trägt, dann ist es der Ihre! Damit bleibt es dennoch unbekannt und unbeschreiblich – aber wir können einen Wesenszug des Tao beschreiben, wenn wir ein Bild von uns selber zeichnen. Und zwar nicht jenes Selbstbildnis, das wir wie einen Schild vor uns hertragen und uns wünschen, dass die anderen es auch so sehen wie wir. Als Gegenleistung akzeptieren wir dann auch die Selbstdarstellung der anderen. Ich kann das Tao in mir nur dann skizzieren, wenn ich den wahren Menschen beschreibe, der ich bin. Ich müsste bei diesem Versuch also etwas ziemlich Unvollkommenes, von Fehlern und Schwächen Behaftetes schildern. Aber auch das würde kein Bild vom Tao ergeben. Erst wenn ich aus meinem Porträt alle Einflussgrößen herausnehme, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin, treffe ich die Wahrheit. Ich muss dann einen Menschen schildern, in dem die Sehnsucht schlummert, jenseits aller Prägungen den SINN zu verwirklichen. Indem ich diese Sehnsucht in meinem Herzen zur brennenden Flamme anwachsen lasse, treffe ich auf das Wesen des Tao, das sich durch mich als seinem vergänglichen Endprodukt selber realisieren will. Schwer zu verstehen, ich weiß. Über die Jahrmillionen hinweg haben das nur sehr wenige verstanden. Einer davon war Meister Eckhart, der in seinen deutschen Predigten und Traktaten den Namen Gott anstelle Tao eingesetzt hat, der aber bei genauer Betrachtung nicht an das Gottesbild der eigenen Kirche glaubte. Als er einmal gefragt wurde, warum der biblische Gott die Erde erst vor 6000 Jahren erschaffen habe, antwortete er ziemlich salopp: „wenn es ihn früher gegeben hätte, wäre das sicher schon früher passiert.“ Diese Äußerung brachte ihn am Ende vor die Inquisition. Man muss seinen tiefsten Gefühlen folgen, wenn man den eigenen tiefen Grund verstehen will. Und das ist nicht unbedingt eine Sache absoluter Leere – es gelingt, wenn alle unsere Werkzeuge der Lebensäußerung für wenige Augenblicke auf ein einziges Ziel hin zusammenwirken, also die drei Bausteine des Ich ebenso wie Denken, Fühlen und unser Ahnungsvermögen. Und dieses Ziel kann nichts anderes als Selbsterkenntnis sein – die Erkenntnis der eigenen Tiefe, und zwar fadengenau so, wie diese beschaffen ist.

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6 Responses to TAO ist nur ein Wort

  1. gitti sagt:

    Das ist wohl ein ganz wichtiger Satz: „Man muß seinen tiefsten Gefühlen folgen, wenn man den eigenen tiefen Grund verstehen will“.
    Heutzutage wo rundherum so viele Pseudogefühle im Umlauf sind, muß man sich sozusagen ausklinken und sich auf sich selbst besinnen.
    Je mehr man sich selbst erkennt desto freier und weniger verführbar wird man.
    In diesem Wechselspiel Rückzug und in die Welt hinausgehen lässt es sich ganz gut leben.
    Diese ersten Maitage waren vom Feinsten und unterstützen das Gefühl für das Wesentliche…….. liebe Grüße Gitti

  2. Michael sagt:

    Lieber Theo Fischer, liebe Leser dieses Blogs,

    die Frage nach dem wahren Menschen, der ich bin, treibt mich immer noch um. Das Selbstbildnis, das ich vor mir her trage, ist natürlich geprägt durch meine Erziehung, die Ausbildung, die Normen der Gesellschaft, vielleicht auch durch Werbung,usw.
    Wenn ich das mal weglasse, dann bleibt wohl das, was C.G. Jung den Schatten nennt. Aber sind die Bezeichnungen Fehler und Schwächen nicht schon wieder Wertungen? Auch die gehören zu mir, mit denen muss ich leben.
    Wenn ich die auch mal raus lasse, was bleibt dann eigentlich noch?
    Ist es vielleicht die Fähigkeit, jeden Augenblick völlig unvoreingenommen, ohne Bindung und ohne Wertung zu betrachten und zu erleben?
    Dieses Offenheit und Leichtigkeit, aus der heraus dann der wahre Mensch von selbst entsteht?
    Also offen sein für das, was das Tao (oder wie immer ich es nennen will) durch mich realisiert?
    Liebe Grüße Michael

    • Taononymus sagt:

      Lieber Michael,

      Deine Beitrag oben läßt in mir eine Frage entstehen:

      Wenn Du Dein durch Erziehung, Gesellschaft, Erfahrungen etc. geprägtes Selbstbild wegläßt, wie kann dann Dein „Jungscher Schatten“ samt Fehlern, Schwächen, Auf- und Abwertungen noch da sein?

      Liebe Grüße und schönen Restsonntag,
      Taononymus

      • Michael sagt:

        Lieber Taononymus,

        das ist richtig: Persona und Schatten bedingen sich (soviel ich weiß) gegenseitig. Würde das eine verschwinden, dann auch das andere.
        Ich wollte eigentlich nur darauf hinweisen, dass man beim Schatten eine Wertung vermeiden sollte.
        Aber es bleibt trotzdem die (für mich) zentrale Frage: Was ist der wahre Mensch?
        Was bleibt dann noch bestehen?
        Viele Grüße Michael

  3. JE sagt:

    Hallo an Alle,

    um in die „Tiefen unseres Selbst“ vorzudringen, braucht es Sensibilität und Interesse – auch und vor allem, für sich.
    Dieser Weg zur Selbst-er-Kenntnis (Selbst-Verständnis) muss auch über die -geistige- Freiheit und Offenheit führen, nämlich übergestülpte Normen und ‚Bilder’ zu erkennen und gedanklich abzustreifen.
    Nur so kann ich erkennen, was ICH von all dem im Grunde nicht (mehr) will, was mir nicht wirklich wichtig ist. Wenn ich dies offen und ehrlich erkenne, dann kann ich eine BEWUSSTE Entscheidung für mich treffen, was will ICH und brauche ICH? – und in mich hineinspüren, ob ich mit den „Konsequenzen“ hieraus zukünftig leben kann oder will.
    Hierfür hat Jeder seinen eigenen Weg, seinen eigenen Zeitpunkt, sein eigenes Selbst.

    Jede so getroffene Entscheidung ist für den Betreffenden, in diesem Moment, daher auch gut und richtig, denn sie erfolgt dann aus eigener Kraft und freiem Willen – sozusagen frei-will-‚ich’ :-).
    Insofern gibt es -aus meiner Sicht- nicht gut oder schlecht, „schlecht“ ist nur das, was unachtsam und verantwortungslos auf Kosten unseres Umfeldes und unserer Mitmenschen erfolgt.
    Insofern führt Selbst-Erkennen nicht über Selbst-Bewerten.

    Mir scheint ohnehin, dass Interesse und Freude am bzw. für das Leben eine wunderbare Orientierung und Richtschnur dafür sind, was ich, was mein „Selbst“ will (ich hoffe, das hört sich nicht all zu esoterisch an !? ) oder, wie Theo das besser und so wunderbar poetisch ausdrückt: „..in dem ich diese Sehnsucht in meinem Herzen zur brennenden Flamme anwachsen lasse….“

    Beste Wochenendgrüße!
    JE

    • Taononymus sagt:

      Hallo Ihr,

      bei all den notwendigerweise unzulänglichen Versuchen, sich mit Worten über etwas zu äußern, das mit Worten nicht greifbar ist, empfand ich den nun schon fast hundert Jahre alten Ansatz Richard Wilhelms, der den von den alten Chinesen verwendeten Begriff „Dao“ mit „Sinn“ Deutsche übertragen hat, lange Zeit als so befremdlich und schrullig, daß ich ihn als untauglich und seiner Zeit geschuldet abgehakt hatte.

      Die moderneren Übertragungsversuche, die statt dessen vom „Weg“ oder von „das Tao“ sprechen, erschienen mir hingegen treffender, ohne daß ich hätte genau sagen können warum. Mittlerweile würde ich sagen: ganz einfach weil auch ich eben ein Kind meiner Zeit bin, darum.

      Wenn ich nun von Theo Fischer den Abschnitt mit diesen Satz hier auf mich wirken lasse:
      „… Ich muss dann einen Menschen schildern, in dem die Sehnsucht schlummert, jenseits aller Prägungen den SINN zu verwirklichen. …“
      schlägt das Befremden über die „altertümliche“ Übersetzung Richard Wilhelms in ziemlichen Respekt um.

      Auch „SINN“ ist natürlich nur ein Wort und kann das damit eigentlich Umschriebene weder definieren noch greifen, genauso wenig übrigens wie der ursprüngliche chinesische Begriff „Dao“.

      Aber Worte haben beim Zuhörer oder Leser unabweislich Wirkungen, für das Verständnis hilfreiche oder eben hinderliche. Und in diesem Sinne ziehe ich persönlich mittlerweile die alte Übersetzung Richard Wilhelms den Modewörtern „Weg“ oder „Tao“ (oder meinetwegen Pepsi-Cola 😉 ) vor.

      Manchmal tausche ich nun in Texten über taoistische Lebensweisheit den Begriff „Tao“ oder „Weg“ gegen „Sinn“ aus und bin überrascht, wie hierdurch plötzlich alte und eingefahrene Ansichten und Denkgewohnheiten aufrüttelt und wieder ins Bewußtsein geholt werden.
      Nun erneut besehen entpuppt sich vieles dann als nicht mehr tauglich und wandert in den „Müll“… und alles nur weil ein einziges Wort ausgetauscht wurde.

      Viele Grüße,
      Taononymus

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