Versöhnlichkeit

Der Ärger ist eine Flamme im Herzen
Die leicht ein ganzes Kloster niederbrennt.
Du willst dem Bodhisattva-Wege folgen?
Versöhnlichkeit bewahrt dein wahres Herz.
Han Shan

Dass Ärger an den eigenen Organen frisst, ist schon lange bekannt. Um den Spruch von Han Shan zu verstehen, sollte man wissen, was er mit Bodhisattva-Weg meint. In Indien sind die Bodhisattvas die Erleuchteten, und der Weg dahin ist der Weg zur Erleuchtung. Aber was passiert im menschlichen Gehirn, wenn so eine Erleuchtung stattfindet? Krishnamurti hielt nicht viel davon. In Diskussionen wies er darauf hin, dass Einsicht ins eigene Sein vielmals wichtiger und sinnvoller ist als jener Rauschzustand, der dem Suchenden das Gefühl von kosmischer Ekstase verleiht. Die Derwische des Orients tanzen und drehen sich so lange wie wild im Kreis, bis dieser Zustand für eine Weile eintritt. Doch in allen zitierten Fällen handelt es sich um eine Erfahrung, die nach und nach oder sogar rasch wieder verschwindet und die Betroffenen wie zuvor mit sich allein lässt.

In der taoistischen Lebenskunst gibt es nichts dergleichen. Ich habe das kleine Gedicht deshalb ausgewählt, weil in der letzten Zeile der Schlüssel für ein harmonisches Leben hindurchschimmert: „Versöhnlichkeit bewahrt dein wahres Herz.“ Ein Mensch des Weges ist mit sich selbst einig geworden, er hat aufgehört, immer anders sein oder werden zu wollen als er ist. Der Mensch des Tao lebt nicht in einem – meistens unerkannten – kontinuierlichen Streit mit sich selbst. Er hat sich selbst zu lieben gelernt, und zwar genau so, wie er gestrickt ist – und nicht, wie irgendwelchen esoterischen Illusionen ihn haben möchten.

Die positive Nebenwirkung der Liebe zu sich selbst ist keineswegs ein wachsender Narzissmus. Die Zustimmung zu sich selbst setzt die Aktivität des Immunsystems im eigenen Gehirn frei – und jene Fehler, mit denen so lange sinnlos gerungen wurde, lösen sich wie Nebel im Frühlingswind von selber auf. Die Zustimmung zu sich selbst, der Verzicht auf alle Anstrengungen des Werdens öffnen den Weg für diese zauberhafte Selbstheilung. Die Versöhnlichkeit mit sich selbst macht das eigene Herz, die eigene Psyche frei von allen Lasten.

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15 Antworten zu Versöhnlichkeit

  1. Katharina sagt:

    Lieber Theo,

    schön dieser Beitrag in Sachen Versöhnlichkeit! Möchte ich einfach unkommentiert so wirken lassen.

    Jedoch möchte ich Fragen hinterlassen:

    Und zwar: Kannst Du noch etwas über Grenzen der Versöhnlichkeit bzw. den vielleicht auch möglichen Sinn von Unversöhntheit schreiben?

    Und da Nazissmus kurz angesprochen wurde: schon lange wollte ich fragen, ob es dazu ein wenig Erhellendes i.S.v. taoistisch weise gibt? Die Psychologie kann Narzissmus ja recht eindeutig identifizieren und begründen und werten und eindämmen und und und… Aus meiner Sicht können psychologischen Deutungen ob ihrer Determiniertheit recht einschränkend wirken. Daher würde es mich interessieren, ob ein weiser Mensch, ein Wesen des Tao o.ä. in Sachen Narzissmus u.U. einen freiheitlicheren Ansatz verfolgt. Was ist Dir dazu bekannt?

    Liebe Grüße!

    • Theo Fischer sagt:

      Liebe Katharina,
      über die Grenzen der Versöhnlichkeit oder den Sinn von Unversöhnlichkeit kann ich nichts schreiben.
      Zur Frage in Sachen Narzissmus sollte ich etwas richtig stellen: Das Tao manifestiert sich in der Ölsardine ebenso wie im Hai, und im Narzissten ebenso wie im Heiligen oder im Kinderschänder. Wir müssen uns von unserem heimlichen Wunschbild vom kosmischen Übervater trennen, wenn wir das Tao verstehen wollen. Das Tao manifestiert sich in dir – aber die Regeln deines Lebens bestimmt im taoistischen Sinne kein Meister oder Prediger, die Regeln legst einzig du allein fest. Für den Menschen des Tao ist in erster Linie entscheidend, dass er zu begreifen beginnt, dass alle diese schöpferische Energie, die er sich manchmal wünscht, in ihm selbst vorhanden ist.
      Mit ebenso lieben Grüßen
      Theo

      • Katharina sagt:

        Lieben Dank Theo,

        der unterscheidende Geist rückt durch Deine Worte etwas mehr in den Hintergrund. Schön!

        Aufbald.
        Katharina

  2. gitti sagt:

    Hallo und liebe Grüße!
    Der Einsicht ins eigene Sein geht manchmal ein schmerzvoller Prozess voran. Man kann auch „zu früh“ versöhnlich sein. Diese zauberhafte Selbsheilung von der Herr Fischer schreibt berührt mich.. Ich fühle was er meint. Andererseits brauche ich manchmal den „heiligen Zorn“ um munter zu werden, da ich oft zu versöhnlich bin. Wie gehts da den Anderen? Gitti

    • Taononymus sagt:

      Liebe Gitti,

      ich glaube, Versöhnung ist nur dort echt, wo sie die Verarbeitung eines vorher voll durchlebten und erlittenen Konfliktes darstellt, ganz egal ob es um einen Konflikt mit anderen Menschen geht oder um einen inneren Konflikt. Und eine solche Konfliktverarbeitung fordert einem Menschen einen ziemlichen Einsatz ab, so dass es nur natürlich ist, wenn er dabei früher oder später an die Grenzen seiner Versöhnlichkeit stößt.
      In diesem Sinne kann es daher glaube ich auch nicht „zu viel“ an echter Versöhnlichkeit geben.

      Oft kommt aber statt dessen die pure Konfliktscheu als „Versöhnlichkeit“ verkleidet daher. Man weicht einer unangenehmen Auseinandersetzung oder Infragestellung aus und anschließend schmeichelt es dem Ego natürlich mehr, sich dieses Manöver als „Versöhnlichkeit“, „Akzeptanz“, „Gleichmut“ oder gar „Weisheit“ zu verkaufen, anstatt sich mit den Beweggründen für das Ausweichen zu befassen.
      Nur das Gefühl, das lässt sich so nicht völlig austricksen. Es signalisiert einem sehr deutlich, dass man sich zugunsten einer momentanen Ego-Stabilisierung unter dem Strich selbst geschadet hat.
      Und klar, diese Art „Versöhnlichkeit“ ist dermaßen wohlfeil und überall zu haben, dass es davon in der Tat zu viel gibt.

      Viele Grüße,
      Taononymus

    • Matthias sagt:

      Liebe Gitti,

      aus Gründen, die ich hier nicht ausbreiten will, habe ich seit meiner Kindheit viel zu lange jeden aufkeimenden Ärger und Wut unterdrückt. Ich habe, wie man so schön sagt, aus meinem Herzen eine Mördergrube gemacht. Was schließlich meinem Blinddarm zum Durchbruch verhalf.

      Zur Zeit bin ich wieder mal mit dem Thema „heiliger Zorn“ konfrontiert. Meinen Zorn habe ich rausgelassen. Und siehe da: ich erlebte ihn als Quelle der Kraft statt als Quelle der Scham. Außerdem war meine Bereitschaft zur Versöhnung schneller und vollständiger hergestellt als sonst. Und der Blick auf meinen Anteil an dem Konflikt war klarer und gelassener.

      Versöhnlichkeit bezeichnet ja die Bereitschaft zur Versöhnung, nicht die Versöhnung um jeden Preis. Wie Taononymus so richtig schreibt, muss man erst durch den Konflikt hindurch, bevor sich echte Versöhnlichkeit einstellen kann. Und da kann es auch mal krachen.
      Eine „zu frühe“ Versöhnung kann es meines Erachtens nicht geben. Die Bedeutungsherkunft des Wortes „Versöhnung“ ist mit dem Wort „Sühne“ verbunden. Und sühnen kann man immer nur nach dem „Sündenfall“.

      Die Bereitschaft, sich mit sich selbst zu versöhnen und sich anzunehmen, wie man ist, öffnet überhaupt erst die Augen für das eigene „wahre Herz“.

      Herzliche Grüße,
      Matthias

  3. gitti sagt:

    Hallo und liebe Grüße
    Ich habe tatsächlich nicht immer die Bereitschaft zur Versöhnung in mir, das habe ich bei Euren Kommentaren (Taononymus u. Matthias) zur Kenntnis nehmen müssen. Bei ehrlicher Selbsbeobachtung mit einem Schuß Humor, möchte ich mir meine Selbstachtung bewahren.
    Besonders wichtig erscheint mir den Unterschied zu erkennen zwischen falscher Nachgiebigkeit und echter Bereitschaft zur Versöhnung.
    Ich lebe und lerne…….
    Liebe Grüße und danke für die Rückmeldung Gitti

  4. JE sagt:

    Hallo,
    – was Ihr schreibt ist alles richtig.
    Und dennoch geht es doch in diesem Gedicht in erster Linie um die Versöhnlichkeit mit sich selbst, d.h. sich mich mit mir und meinem Wesen „versöhnen“ zu können. Nur diese Versöhnlichkeit mit sich selbst, ermöglicht es, auch mit unseren Mitmenschen versöhnlich sein zu können.
    Das schließt in keiner Weise aus, dass man seine Wut und seinen Ärger, an passender Stelle, spontan freien Lauf lässt –
    Es ist eine Versöhnlichkeit, die aus dem eigenen Herzen (und mit mir selbst) kommt und nicht aus der verstandesmäßigen Abwägung… , so dass sich dann auch nicht mehr die Frage stellt, ob ich „zu früh oder zu spät“ einem Anderen verziehen habe.

    Herzliche Grüße
    Je

    • gitti sagt:

      Hallo Je!
      Ja so sehe ich das jetzt auch! Aus der Versöhnlichkeit mit sich selbst entsteht ein authentisches Ja oder Nein, ohne schlechtes Gewissen vielleicht dem Ideal nicht zu entsprechen.
      Polonius sagt im Hamlet: „Sei ehrlich zu dir selbst, und daraus folgt wie die Nacht auf den Tag, dass du zu keinem Anderen falsch sein kannst“.
      Liebe Grüße Gitti

  5. Sittingfool sagt:

    Ich möchte, auch wenn die Diskussion schon ein paar Tage alt ist, noch eine Sichtweise ergänzen, die vielleicht hilfreich ist.
    Wenn wir am Text bleiben, dann steht da sinngemäß:
    – was der Ärger ist
    – welche Gefahr von ihm ausgeht
    – wie einer auf dem Bodhisattva-Weg (Weg der Erleuchtung, d.h. Erkenntnis des Ego und Überwindung desselben)
    – mit dem Ärger umgeht: er reagiert mit Versöhnlichkeit.
    Es geht also meiner Meinung nach nicht so sehr um unser Ego-Empfinden und den Umgang mit Kränkung und Verletzung im Erlebensfall, sondern um Versöhnlichkeit als grundsätzliche Voraussetzung für die Überwindung des Ego.
    Davon ist auch im tao te king (Strophe 22, hier in der Übersetzung von Richard Wilhelm) die Rede: wie handelt einer auf dem Bodhisattva-Weg, der sein Ego (hier übersetzt als selbst) überwinden will. In den letzten zwei Zeilen steht die Analogie zu dem hier diskutierten Thema. Das ist so einprägsam formuliert, dass es mir in mancherlei Alltagssituationen genau zum richtigen Zeitpunkt wieder einfällt. 😉

    „Also auch der Berufene:
    Er umfaßt das Eine
    und ist der Welt Vorbild.
    Er will nicht selber scheinen,
    darum wird er erleuchtet.
    Er will nichts selber sein,
    darum wird er herrlich.
    Er rühmt sich selber nicht,
    darum vollbringt er Werke.
    Er tut sich nicht selber hervor,
    darum wird er erhoben.
    Denn wer nicht streitet,
    mit dem kann niemand auf der Welt streiten.“

    Herzliche Grüße
    sittingfool

    • gitti sagt:

      Hallo Sittingfool!
      Das Paradoxe an den wahrhaftigen, wunderbaren Zeilen ist…- steckt man im verletzten Ego, kann man sie nicht als Rezept übernehmen. Richtig wahrnehmen kann man die Zeilen erst, wenn man das (ES) in sich selbst erkannt hat.
      Der Weg dahin ist für jeden anders und in Wirklichkeit nicht zu erklären.
      Liebe Grüße Gitti

      • Sittingfool sagt:

        Liebe Gitti,
        Du hast recht. Deshalb gilt ja gerade in jeder Phase: raus aus dem verletzten Ego! Hilfreich finde ich eine Wahrnehmungs- und Formulierungsform, die viele Inder praktizieren (hab ich von einer befreundeten Yogalehrerin gelernt). Inder sagen nicht: ich bin verletzt, ich bin traurig, ich bin sauer. Sie sagen: es ist Verletzung da, es ist Traurigkeit da, es ist Ärger da. Das schafft schon mal Distanz zur Identifikation mit den eigenen Emotionen.
        Die „Fortgeschrittenen“ unter ihnen sagen in solchen Situationen: Oh, da ist Kränkung. That‘ s interesting. 😉
        Liebe Grüße
        sittingfool

    • Sittingfool sagt:

      Noch ein Nachtrag, den ich gestern vergessen hatte:
      Ihnen, lieber Theo Fischer, möchte ich einmal ausdrücklich danken für die schönen Zitate und ihre Gedanken dazu, an denen Sie uns hier teilhaben lassen. Ich lese inzwischen regelmäßig bei Ihnen und freue mich stets über etwas Neues. Das (meditative) nachklingen lassen von Textpassagen gehört (für mich) zum wichtigsten. Denn ist es nicht so: wir machen die von Ihnen beschriebene Erfahrung – nichts geht mehr, wir sind handlungsunfähig, dass Weitere liegt nicht mehr in unserer Macht – und stellen plötzlich fest: auf einmal wirkt eine Kraft, eine Ordnung, die Dinge regeln sich von selbst. „Der Berufene: er macht das Nichtmachen, so kommt alles in Ordnung.“.
      Das ist eine im wahrsten Sinne des Wortes, unglaubliche Erfahrung. Und in ihrem Windschatten folgt sofort der Zweifel: ist das Zufall? Kann ich mich darauf immer verlassen? Das kann doch nicht sein? Und auf den Zweifel kommt dann doch wieder die Reaktion: Sicher ist sicher, ich kümmere mich wieder selbst.
      Wenn wir in dieser Phase des Zweifels und der Unsicherheit uns an die Worte der großen Meister erinnern und ihre Texte erneut lesen, können wir zweierlei bedeutsames erleben: wir gewinnen Sicherheit, indem wir uns ein jahrtausende alte, bewährte Weisheit anlehnen. Und wir lernen etwas über uns selbst: es ist das Ego (oder das in unterschiedlichen Übersetzungen jeweils damit bezeichnete – der christliche Mystiker Meister Eckhart spricht zum Beispiel vom „selbstischen ich“), das den Zweifel hervorbringt. Und deshalb ist das Leben im Tao immer auch eine Auseinandersetzung, das Erkennen und die Bemühungen zur Überwindung des Ego. Und davon handeln in ihrem inneren Kern viele dieser alten Texte.
      Darin liegt für mich die Bedeutung und der Wert Ihres Forums: uns immer wieder mit kleinen Textpassagen und ihrer Interpretation zu beschenken, die im Idealfall wie kleine Spiegel am Wegesrand etwas aufblitzen lassen und ein Bild auf uns selbst zurückwerfen. Danke dafür!

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