Was geht mich mein Geschwätz von gestern an

sagt der Schwabe, wenn er seine Meinung geändert hat. Ralph Waldo Emerson drückt, anspruchsvoller formuliert, das Gleiche aus (Von der Schönheit des Guten, S. 22):
Eine ganz verkehrte Konsequenz ist der Kobold, der in kleinen Köpfen spukt und von kleinen Staatsmännern, Philosophen und Theologen angebetet wird. Mit Konsequenz hat eine große Seele einfach nichts zu schaffen, sie könnte sich geradeso gut mit ihrem Schatten an der Wand befassen. Heute sprich in scharfen Worten aus, was du heute denkst, und morgen sprich in ebenso scharfen Worten aus, was du morgen denkst, auch wenn es in jedem Punkte dem widerspricht, was du heute gesagt hast. – Ah, dann wirst du aber sicher missverstanden werden. – Aber ist es denn so schlimm, missverstanden zu werden? Pythagoras wurde missverstanden, und Sokrates wurde missverstanden und Jesus und Luther und Kopernikus und Galilei und Newton und jeder weise und reine Geist, der jemals Fleisch und Blut geworden ist. Groß sein heißt missverstanden werden.

Ich nehme Emersons Adjektiv „Große Seele“ nicht für mich in Anspruch, ebensowenig vergleiche ich mich mit Luther oder Newton. Aber sonst trifft der Kern seiner Aussage sehr auf mich und meine Arbeiten zu. Einem Menschen sollte es gestattet sein, dazu zu lernen, seinen Horizont zu erweitern und von alten Irrtümern Abschied zu nehmen. Dieses Recht nehme ich auch für mich in Anspruch. In meinem Erstlingswerk Wu wei, die Lebenskunst des Tao habe ich einige Dinge gesagt, die ich heute anders sehe und über die ich dementsprechend anders schreibe. Was leider bei etlichen Leserinnen und Lesern eine gewisse Enttäuschung erzeugt hat. Kann man denn dem überhaupt noch trauen, wenn er alle zwanzig Jahre seine Meinung ändert? Aber darin wohnt doch gerade der Fortschritt. Ich denke, auch große Philosophien des Altertums sollten in der Neuzeit fortgeschrieben, also ergänzt und gegebenenfalls sogar zum allgemeinen Nutzen modifiziert werden. Ich kann heute eben das Denken nicht mehr wie einst verteufeln, nachdem ich begriffen habe, dass es durchaus zur Kooperation mit sehr tiefen Einsichten fähig ist, wenn sein Betreiber erst mal den angelernten Starrsinn aufgegeben hat. Auch die so genannte Erleuchtung ist für mich kein Ziel, das anzustreben wäre. Wer sich seiner Identität mit dem Tao, also dem Grund der Dinge, dem Feld der Naturwissenschaft, identisch weiß – und das auch real fühlt und dessen Denken damit kooperiert, braucht weiter nichts zu seinem Glück. Also verkünde ich es, wenn ich etwas anderes als gestern zu sagen habe. Der schwäbische Spruch ist ja noch ein bisschen deftiger, als ich oben zitiert habe: Was goht mi mei saudomms Gschwätz von geschtert oh.

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6 Antworten zu Was geht mich mein Geschwätz von gestern an

  1. Waelti sagt:

    Schöner Artikel 🙂

    Ja gut, alle 20 Jahre die Meinung ändern? Des isch scho heftig. Nein, das geht in vielen Bereichen wirklich nicht. Möglichst alles so lassen wie es ist. Das hat doch in der Vergangenheit häufig recht gut funktioniert…

    Der Teil mit Starrsinn – beziehungsweise den Starrsinn aufgeben – gefällt mir sehr gut. Ich mag Gesprächspartner, für die es möglich ist: „Ich könnte Unrecht haben“. Das passt schon.

    Neues Blog zum lesen gefunden, freut mich. Übrigens – über Google Alerts „Wu Wei“. Zum „saudomma Gschwätz“ hätte ich in jungen Jahren ein schwäbisches, nicht böse gemeintes, „Schofseggl“ gerufen. Etwas reifer mach ich das natürlich nicht mehr 😉

    Sende ich Grüße 🙂

  2. Christoph Katz sagt:

    Um ehrlich zu sein, auch mir machte dieser teilweise Sinneswandel etwas zu schaffen, ich möchte meinen Grund dafür etwas ausführlicher darlegen. Zu Beginn meiner Tao-Entdeckungsreise vor rund zehn Jahren hatte ich „Wu Wei“ als meinen Haupt-WEGweiser viele Male verschlungen und das Bändchen als die Richtschnur par excellence empfunden. Mein Exemplar schmücken zahllose Anstreichungen, Unterstreichungen, Randnotizen usw. So war es in der Tat etwas ernüchternd für mich, wenn „Wu Wei“ in Teilen als Geschwätz von gestern bezeichnet wird, aber Nüchternheit ist ja der schlechteste Zustand nicht…

    (Zum Glück blieb „Wu Wei“ in der Folgezeit aber nicht das einzige taoistische Werkzeug, welches ich benutzte, und es kamen im Laufe der Zeit andere, auch zen-philosophische dazu, andere Autoren, was zur Erweiterung meines Horizontes wesentlich beitrug.)

    In dem Buch: „Das Tao der Selbstfindung“ handeln viele Kapitel von Fluchtwegen, und ein Fluchtweg kann eben auch der sein, in welchem man in die Arme eines (spirituellen) Führers flüchtet, wozu ich wohl vor zehn Jahren neigte, was mit meiner damaligen dramatischen Lebenssituation zusammenhing. Eine vernünftige gesunde Distanz zu „Wu Wei“ und seinem Autor war im notwendigen Maß nicht vorhanden, ich realisierte erst in jüngerer Zeit so richtig, welcher Fehler sich da eingeschlichen hatte.

    Hermann Hesse schreibt in einem Brief: „Wenn in meinen Büchern Dinge stehen, welche Dich anziehen, so wirst Du vermutlich ganz von selber mit der Zeit Dich dem Gedanken der Einheit nähern, wirst Lao-Tse und Buddha, und andere Weise und Heilige finden, nicht um sie als alleinseligmachend zu verehren, sondern nur als Weg, als zeitweilige Führer.“ So sollte es sein, eine wichtige Lektion…

    Christoph

    • Taononymus sagt:

      😉 😉 😉
      Waaaaas, noch einer der hier dauernd seine Meinung ändert, und das nun schon nach ZEHN Jahren!!! Das wird ja alles immer schlimmer!!!
      😉 😉 😉

      Nein, im Ernst: mir ist bewußt, dass es nicht einfach ist, etwas, wovon man mal sehr überzeugt war wieder loslassen oder gar verwerfen zu müssen, und sei es auch nur in Teilen.
      Andererseits: diese Freiheit steht jedem zu, nicht nur Theo Fischer 🙂
      Es ist letzlich an einem selber, sie sich auch gestatten und gönnen zu können 🙂

      Grüße,
      Taononymus
      p.s.: was heute so alles geschrieben wird ist das morgige „Geschwätz von gestern“ 🙂

  3. Christoph Katz sagt:

    Deine Antwort gefällt mir, und ich lese aus ihr auch die Mahnung heraus darauf zu achten, dass man trotz aller Schwierigkeiten sich und den Rest der Welt nicht allzu ernst nehmen sollte. Hesse: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten…“ Etwas weniger feierlich Tucholsky: „Immer fröhlich und vergnügt, bis der Ar… im Sarge liegt.“

    🙂

    Um nochmals zum Ausgangspunkt zurück zu kehren – viele Leser sehen die Sache möglicherweise so: Da lehrt uns „Wu Wei“ bei Grün über die Strasse zu gehen, Jahrzehnte später lehrt uns „Tao heisst leben was andere träumen“ bei Rot über die Strasse zu gehen. Das wollen wir nun beherzigen, aber ein mulmiges Gefühl bleibt dabei…

    😉

  4. Christoph Katz sagt:

    Leider kann man hier einen Beitrag nicht wie in einem Forum editieren – ich möchte noch dieses nachschieben: Ich bin für mich zu der Überzeugung gelangt, dass die Positionen bezüglich des Denkens, so unterschiedlich sie in den beiden Büchern sein mögen, beide richtig sind. Paradoxons sind uns, die wir uns mit Taoismus und Zen beschäftigen, vertraut und verstehbar.

  5. Chris sagt:

    Alles ist möglich, nicht alles erklärbar.

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