Weisheit und Erkenntnis

Es gibt drei Wege, auf denen man zu Weisheit und Erkenntnis gelangen kann: den Weg des Studiums, der der nächste ist, den Weg des Nachahmens, der der bequemste ist, und den Weg der eigenen Erfahrung, der der anstrengendste ist.
Kung Dse

Der Spruch von Kung Dse ziert die Umschlagseite des letzten TAGundTAO-Heftes. Und zwar unkommentiert, für sich allein sprechend. Ich könnte ihn hier ebenfalls kommentarlos einsetzen, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass Aussagen, die mir selbst glasklar und absolut unmöglich falsch zu verstehen erschienen, dennoch individuell anders interpretiert wurden. Dass Sätze, die Zustimmung ausdrückten, als Ablehnung verstanden worden sind und Warnungen für Vorschläge gehalten wurden. Darum wundert mich in diesem Sinne inzwischen überhaupt nichts mehr. Also nehme ich hier noch ein wenig Stellung zu Kung Dse, inklusive des Risikos, trotz zusätzlicher Erklärungen nicht bei jedem von Ihnen immer ins Schwarze zu treffen.

Das fängt bereits bei Weisheit und Erkenntnis an. Was für eine Weisheit ist damit gemeint? Die erhabene, die alte weißbärtige Männer in wallenden Gewändern ausstrahlen? (Und die womöglich bei näherem Hinschauen bereits Probleme damit hätten, ihre Kontoauszüge zu verstehen?) Oder Erkenntnis: was wird erkannt oder soll erkannt werden? Erkenntnis allgemein kann sich auf kleine Erleuchtungen, zum Beispiel wie man ein Steinpilz-Risotto kocht, beziehen oder auf große Einsichten über den Sinn von Leben und Tod. Insofern ist der Spruch von Kung Dse gar nicht so brauchbar, wie er auf den ersten Blick erscheint. Klar kann man eine Unmenge Dinge studieren und sie auswendig lernen, und es gibt vermutlich wenige menschliche Verhaltensmuster, die so häufig wie die Nachahmung auftreten. Denken Sie nur an die Mode: da werden plötzlich massenweise Schuhe getragen, die kaum noch Ähnlichkeit mit einem menschlichen Fuß haben. Und dass eigene Erfahrung oft eine schmerzhafte Lehre, die Rache eigener Fehler ist, darf getrost ebenfalls als Binsenweisheit betrachtet werden. Womit wir den kluggeschnackten Spruch des unbekannten Chinesen gründlich auseinander genommen hätten.

Was bleibt dann übrig, über das sich im Blog zu diskutieren lohnt? Im Grunde die Schlussfolgerung, dass der Text von Kung Dse einem Rorschach-Klecks gleicht, aus dem jeder das herauslesen darf, was der Spruch ihm sagt. Und die daraus gezogenen Einsichten mögen dann im Ernstfall einen Entschluss herbeiführen. Nämlich den, in Zukunft Weisheit und Erkenntnis als Phänomene der eigenen Interpretation nicht mehr durch Dritte – also Studium oder Nachahmung – zu erstreben, sondern über den harten Pfad eigenen Erlebens, der über den Irrtum zur Wahrheit führt. Im Grunde sind Sprüche wie der oben zitierte den Gedichten von Rainer Maria Rilke viel ähnlicher, als wir uns spontan vorstellen können. Ich habe mich einmal einen Abend lang mit einem befreundeten Geistlichen über Rilkes Gedichte unterhalten und wir sind übereinstimmend zu der Einsicht gelangt, dass sie jedem Leser etwas anderes sagen können, je nach dem Erfahrungshintergrund des einzelnen. So verhält es sich auch mit östlichen Weisheiten. Was wir daraus schöpfen, hängt einzig und allein von der Beschaffenheit unseres eigenen Wesens und der gewachsenen Struktur unserer Psyche ab.

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8 Antworten zu Weisheit und Erkenntnis

  1. Denise sagt:

    Hallo zusammen,

    ich denke im Grunde genommen ist es wohl eine Mischung der drei durch Kung Dse aufgezeigten Wege. Das Studium um sich generell über die Materie zu informieren und Betrachtungsweisen anderer in sein eigenes Bild mit ein zufügen, wobei ein oft fließender Übergang zur Nachahmung entsteht. Allerdings ist wohl hier dann der Punkt gekommen an dem man genau hinsehen sollte um sich selbst und die in sich entstehenden Gefühle und Veränderungen zu durchleuchten und herauszufinden ob man sich wirklich bei SICH fühlt, oder nur ein „billiger“ Abklatsch ist von möglicherweise einem Autor, oder Guru oder was weiß ich. Denn auch nur dann entsteht wohl das im Fluss sein und die Dinge im eigenen Leben greifen positiv ineinander.
    Die verschiedenen Interpretationen machen das Ganze oft nicht leicht aber dadurch auch wieder spannend und können uns wohl nur eines lehren… Toleranz, sich selbst und anderen gegenüber… und die Welt vielleicht nicht immer so wichtig zu nehmen, denn sollte das Leben nicht mehr einem spannenden Spiel gleich, als einem „Kampf“… ?
    Grüße
    Denise

  2. Perlacoltivata sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    ich gehe das Risiko ein, Sie und Herrn Kung Dse misszuverstehen. Meiner Erfahrung nach führen aber alle drei Wege in Kombination zum Ziel oder zumindest in die richtige Richtung.
    Um bei Steinpilzrisotto zu bleiben:
    Das Studium einen Kochbuches verschafft mir zumindest gute Grundkenntnisse für die Zubereitung. Das Nachahmen der erfahrenen Köchin, verschafft mir Routine. Nach einigen Versuchen des Nachkochens habe ich soviel Erfahrung, dass Rezept nach meinen Vorstellungen zu verfeinern.
    Was für den profanen Alltag gilt, funktioniert sicher auch bei den „großen“ Fragen über Leben und Tod.
    Darum lese ich unter anderem Ihre Bücher, versuche, einige Ihrer Erfahrungen und Empfehlungen im Alltag zu verwenden und meine eigenen Erfahrungen hinzu zu fügen. Kung Dse hat recht, das ist tatsächlich anstrengend, macht aber durchaus -verzeihen Sie diese gänzlich unphilophische Ausdrucksweise- Freude.

    In diesem Sinne herzliche Grüße

    P.

    • gitti sagt:

      Hallo und liebe Grüße!

      Ich bin überzeugt, daß Texte wie z.B. v.Laotse oder Gedichte v.Rilke oder Essays von Emerson noch eine ganz andere Kraft haben. Sie erreichen uns auf einer anderen Ebene, wir erkennen dann Dinge die eben wahrhaftig sind. Die Dinge des Alltags bekommen dann einen anderen Wert …. auch das Steinpilz Risotto.

      Gitti

  3. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    „Was bleibt dann übrig, über das sich im Blog zu diskutieren lohnt?“ fragen Sie oben.

    Ich glaube, wenn man ein Philisophen-Zitat zum „Wirkenlassen“ auf ein Blog stellt, damit jeder gemäß seines eigenen psychischen und biographischen Gestricktseins seine Schlüsse draus ziehen und diese „wirkenlassen“ kann, dann bleibt in der Tat nicht viel übrig, das sich auf einem Blog zu diskutieren lohnt.
    Denn das Blog ist dann nicht viel mehr als die Schriften der gleichen Philosophen oder auch Ihre eigenen Schriften, die jeder hier genauso gut auch in seinem Schrank stehen haben kann.

    Eine lebendige Diskussion kann auf einem Blog nur dann entstehen, wenn Sie UND die verschiedenen Leser hier sich immer wieder mal den Aufwand zumuten, ihr persönliches, subjektives Verständnis zu äußern, es in den Raum zu stellen, um dann anschließend die dabei zwangsläufig ans Licht tretenden Unterschiede und Misverständnisse in Verstehen und Erkennen miteinander ins Gespräch zu bringen.
    Und wenn Sie selbst dabei NICHT ebenfalls die zugegeben nicht immer angenehme ERFAHRUNG machen, dass andere hier die Dinge anders (warum falsch?) erkennen und/oder verstehen, dann ist dieses Blog für Sie selbst ebenfalls nur ein totes Buch.

    Ich glaube, es sind gerade die Unterschiede, die Misverständnisse und die Erfahrungen, die bei ihrem Austausch gemacht werden, die genügend Lebendigkeit in eine Diskussion bringen, damit Schreiben UND Lesen für alle Beteiligten hier sich von bloßem Studieren und Nachahmen wegentwickeln und selbst zu einem „Erkennen aus Erfahrung“ werden kann.

    Die Erforschung dessen hingegen, „was der Philosph nun wirklich gemeint hat“ , als er damals vor 2500 Jahren in einer völlig fremden Kultur und einer noch fremderen Sprache jene Sätze fallen ließ, die könnte zumindest ich genauso gut auch den Universitätsgelehrten überlassen. Und die werden ihre Forschungsergebnisse ganz bestimmt nicht auf einem Blog als Kommentar einstellen sondern in irgendeinem Wälzer veröffentlichen, wo man sie dann studieren und nachahmen kann.

    Viele Grüße ins Piemont,
    Taononymus

    • gitti sagt:

      Hallo Taononymus

      Ohne den GRUND DER DINGE erfahren zu wollen ist jede Diskussion unfruchtbar. Auch wenn es die Eitelkeit verletzt, es gibt richtig und falsch. Die sich nicht in einem Gebot oder in einer Lehre äußern, sondern im täglichen Leben, in jedem Moment. Welche Entscheidung ich treffe hat etwas damit zu tun ob ich mit „dem Grund der Dinge“ verbunden bin oder nicht.Es entsteht eine Leichtigkeit die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Wenn einem die wieder einmal verläßt, erkennt ma (oft erst im Nachhinein) das man falsch gelegen ist.
      Liebe Grüße Gitti

      • Taononymus sagt:

        Liebe Gitti,

        der Grund der Dinge kann nicht in Worten wiedergegeben werden, ganz egal WER diese Worte äußert, wo sie geschrieben stehen und wie sie überliefert wurden.

        Ob es sich nun um Dich, mich, einen alten chinesischen Weisen, einen Schreiber dieses Blogs oder um Herrn Fischer handelt, DIESE Wahrheit zwingt alle Menschen gleichermaßen zur Demut wenn es um das Beschriften von Etiketten mit den Worten „richtig“ oder „falsch“ geht.
        Und zwar zu einer Demut, die einen paradoxer Weise zwingt, das kleine, eitel klingende Wörtchen „ich“ bzw. seinen eigenen Namen immer dick und fett mit auf das Etikett zu schreiben bevor man es irgendwo hin klebt.

        Auch im „täglichen Leben“ einer Blog-Diskussion, die nichts anderers als ein rein schriftlicher Austausch von Worten sein kann, wird man in keinem der Worte den „Grund der Dinge“ finden können.
        Man kann ihn aber im Austausch und in der Begegnung mit den anderen Teilnehmenrn und deren „richtig“ und „falsch“ sehr wohl ERFAHREN, wenn man offen genug dafür ist.

        Viele Grüße,
        Taononymus

  4. JE sagt:

    Hallo an alle,

    wenn ich die Worte von Kung Dse lese, wie sie da stehen, so >beschreibt< er die drei möglichen Wege zu jener Erkenntnis und Weisheit, ohne hierüber eine Bewertung oder Priorisierung abzugeben – und so verstehe ich diese Aussage auch.

    Wie Theo richtig schreibt, ist die Definition, was Erkenntnis und Weisheit für den Einzelnen bedeutet, individuell unterschiedlich.

    Kung Dse lässt daher jedem Einzelnen damit auch jene Offenheit, eben für sich selbst Weisheit und Erkenntnis zu definieren – und vor allem auch seinen Weg dorthin gleichermaßen individuell zu finden.
    Weisheit und Erkenntnis sind für mich beispielsweise gleichbedeutend mit Selbst-Erkenntnis.
    Das Studieren (Bücher, Texte, Lehren) oder das Nachahmen können [bzw. sind] hierfür u.U. wichtige und hilfreiche Begleiter sein, aber nach meiner Überzeugung können wir ohne die eigene Erfahrung nicht dort hin gelangen. Die eigene Erfahrung, wenn auch der anstrengendste Weg, ist für das Wissen und die Selbst-Erkenntnis unerlässlich.
    Oftmals glauben wir jedoch bereits, zu wissen oder zu erkennen, nur weil wir es so gelesen oder studiert haben oder wir einem Vorbild oder Ideal nacheifern.
    Aber hierin liegt eben nicht unser EIGENES Wissen, unsere eigene Selbst-Erkenntnis und Weisheit, sondern die jenes Anderen.

    Mir fällt zu Kung Dse’s Spruch das Gedicht von Han Shan ein, das auf der Rückseite des TagundTao-Heftes Mai/Juni 2012 zu finden war: „Es gibt zu viele Intellektuelle auf der Welt und wissen einfach alles. Doch kennen sie ihr ursprüngliches Wahres-Wesen nicht, und wandeln fern, so fern vom WEG…“

    Herzliche Grüße
    JE

    • gitti sagt:

      Hallo lieber JE!
      Ich bin überzeugt, daß der Weg der Selbsterkenntnis der Einzige ist. Der Weg des Studiums hat mich gelangweilt. Dem Weg des Nachahmens bin ich sozusagen längere Zeit reingefallen.Diesem Irrtum, über etwas Bescheid zu wissen, gleichzustellen – mit Weisheit und Erkenntnis sehe ich bei vielen Menschen.Ich frage mich sind die „Irrtümer“ wie Studium und Nachahmung notwendig?….
      Selbsterfahrung ist ein überaus lebhaftes Unterfangen, das sozusagen nach Oben offen ist, und wo die Energie (TAO) zu fließen beginnt.
      Da fällt mir noch das Brüder Grimm Märchen Frau Holle ein(Goldmarie und Pechmarie). Da kommt ganz gut das Thema Nachahmung zur Sprache: Das Gute nur zu kopieren erzeugt am Ende Pech.

      Liebe Grüße! Gitti

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