Wie es einmal war…

wie es mal war 4ich gebe zu, das Bild paßt nicht unbedingt zu den sommerlichen Temperaturen, die hier herrschen, aber im folgenden Text beschreibt Theo unsere Anfangszeit auf La Costa (auch das ist ein Auszug aus „Tao heißt leben, was andere träumen), das war im August vor 18 Jahren. Und wenn ich heute auf dem Hof stehe oder abends auf dem Fienile sitze, dann weiß ich, dass wir das alles ohne diese „komische Philosophie“, die sich Tao nennt, nie geschafft hätten.                                                                                                                            Sabine

                                 Lebenskunst

 Im Sommer 1997 war es endlich soweit: wir zogen nach Italien um. Die einen Kilometer lange, steil bergab führende Zufahrt zu unserem Haus bestand damals nur aus einem lehmigen Feldweg mit zwei tiefen, von Traktoren hinterlassenen Fahrspuren. Es musste vor unserer Ankunft geregnet haben, denn der Lehm auf dem Weg nach unten war glitschig wie Schmierseife. Wir rutschten gefährlich nahe an einer Stützmauer vorbei zu Tal. Die Küche und ein Zimmer unseres neuen Heimes waren einigermaßen bewohnbar und wir richteten uns dort provisorisch ein. Am folgenden Tag kam unser Hab und Gut in einem voll gepackten Möbelwagen samt Anhänger an. Der Transportunternehmer hatte seine Leute begleitet. Als er die Wegverhältnisse sah, weigerte er sich, da hinunterzufahren, weil er gewiss nicht mehr hoch gekommen wäre. Er drohte, unser Umzugsgut oben in der Nähe der Landstraße abzuladen und wir sollten zusehen, wie wir es weiter transportierten. Da geschah das Wunder dieses Tages: Am oberen Ende des Weges stand der Bauernhof unseres neuen Nachbarn Franco. Dieser Mann, der uns noch nie gesehen hatte, erklärte sich bereit, gemeinsam mit den Möbelpackern auf dem Anhänger seines Traktors die ganze Fuhre nach unten zu unserem Haus zu transportieren. Der gute Nachbar war zwölf! Stunden damit beschäftigt, Möbel, Pflanzen, Bücherkartons, zwei Keramikbrennöfen und einen Steinway-Flügel zu Tal zu transportieren.

Filippo, der Vermittler, über den wir unser Anwesen gefunden hatten, empfahl uns auch einen Muratore, einen kleinen Bauunternehmer, der uns für die Renovierung ein überraschend billiges Angebot machte, einschließlich Elektroarbeiten und einer Zentralheizung. Aber er weigerte sich, den Weg zu uns herab mit seinem Lastwagen zurückzulegen, bevor das Sträßchen gemacht wäre. Dies hatten uns nämlich Fillppo und einer der Verkäufer namens der Kommune verbindlich zugesagt, sonst hätten wir womöglich gar nicht gekauft. Doch der Winter kam – und was nicht kam, waren die Straßenarbeiter. Wir wohnten Monate in dem einen Raum plus der Küche, Wasser gab es im Brunnen draußen, und die Toilette war in einer kleinen Ruine mit beschädigtem Dach untergebracht. Wir mussten einen Schirm über das „Örtchen“ spannen. Davon gibt es heute noch Bilder zu belächeln. Zum Heizen lag genug Holz herum, in der Küche gab es einen uralten Herd und im kombinierten Arbeits- Wohn- und Schlafraum stellten wir einen mitgebrachten Jötul-Ofen auf. Zum Einkaufen mussten wir die vier Kilometer bis zur Ortsmitte von Murazzano zu Fuß zurücklegen. Bepackt mit zwei Rucksäcken absolvierten wir jede Woche die acht Kilometer Fußmarsch hin und zurück. Damals räumte kein Schneepflug den Feldweg, wir stapften in Moonboots über die Äcker und schleppten Sechserpacks Mineralwasser auf dem Rücken. Es war ein abenteuerlicher Winter. In jenen Monaten schrieb ich am Manuskript von Reife, der Schlüssel zum Glück, für das Buch hatte ich als Arbeitstitel allerdings das weniger höfliche Werden Sie endlich erwachsen gewählt.

Anfang Februar 1998 war der Weg noch immer im gleichen schlechten Zustand. Wieder einmal stand ich auf dem künftigen Sträßchen und blickte den Weg empor. Die Haseln blühten bereits und die Forsythien hatten Knospen, die bald aufbrechen würden. Ich empfand in diesen Augenblicken ein ungemein tiefes Gefühl für unsere seltsame Situation. Ohne die versprochene Straße war der Einbau einer Gas-Zentralheizung sinnlos, denn der dazu nötige Gastank hätte niemals gefüllt werden können, weil der Tankwagen die Strecke nicht passieren konnte. Auch die anderen Handwerker würden nicht kommen. Unseren eigenen Wagen hatten wir an einem schneefreien Tag im Hof unseres guten Nachbarn Franco abgestellt, so dass wir nur noch den Kilometer zur Landstraße hinauf zu Fuß gehen mussten. Also stand ich da und fühlte die Hoffnungslosigkeit der Situation. Mit aller Intensität, aber ohne Wunschdenken und ohne jede Vision einer fertigen kleinen Straße. Und dann geschah das Wunder. Am nächsten Morgen hörten wir starke Motorgeräusche vom Ende des Weges herabschallen. Ich marschierte ein Stück nach oben – und da waren sie, die Straßenbauer, mit Bagger, Planierraupe und dahinter folgten zwei Lastwagen voller Schottersteinen. Binnen zweier Tage war aus den zwei Lehmrinnen ein befahrbares, primitives Sträßchen geworden. Hurra. Die Handwerker kamen und das Chaos einer totalen Renovierung begann und währte beinahe zwölf Monate.                                          Theo Fischer

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