Wie man ein Philosoph wird“

Jeder Mensch ist nicht so sehr ein Arbeiter auf Erden,
als wie er eine Andeutung dessen ist, was er sein sollte.
Ralph Waldo Emerson

Als mir dieser Satz von Emerson zum ersten Mal vor Augen kam, musste ich an meine Glosse „Wie man ein Philosoph wird“ im TAGundTAO vom Dezember 2009 denken. Da lautete ein Teil meiner Ratschläge so: “ Entwickeln Sie eine eigene Idee über den Erkenntniszustand der Welt. Grundbedingung für diese Idee ist nicht etwa ihre Brillanz – wichtig ist, dass sie möglichst unverständlich ist. Formulieren Sie ein krudes Weltbild, mischen Sie in Ihre Texte Wörter aus dem deutschen Sprachschatz, aber sorgen Sie dafür, dass sie gegenüber den fremden Ausdrücken nicht die Oberhand gewinnen. Zitieren Sie berühmte Berufskollegen, aber stimmen Sie ihnen weder zu noch lehnen Sie sie ab. Bleiben Sie unter allen Umständen diffus, weil diese Unbestimmtheit das Merkmal des modernen Philosophen ist und quasi Ihre Eintrittskarte in diese Zunft. ….. Falls sich während Ihres Ringens um vage, aber dennoch bedeutungsvoll klingende Formulierungen klare Gedanken und Einsichten einstellen sollten, dann behalten Sie diese aus reinem Selbstschutz für sich. Ihr Ruf wird in dem Maß wachsen und vom gemeinen Volk anerkannt werden, je überzeugter, aber unklarer Sie sich ausdrücken.“

Auch Emerson neigt in seinen Werken zu den kryptischen Formulierungen seiner Branche. Aber ich schätze ihn trotzdem als einen Menschen ein, dessen Denken sich in vielen Bereichen sehr nahe an den taoistischen Einsichten bewegt. Wie der obige Satz, der auf den ersten Blick schlichtweg pompös, aber kaum verständlich wirkt. Durch Laotses Brille betrachtet, gewinnt die Aussage unversehens Sinn. Den Arbeiter auf Erden darf man ruhig wörtlich nehmen, seit den Pharaonen werden Menschen von den Inhabern der entsprechenden Positionen bis aufs Blut ausgenützt, ausgepresst. Gut, wir sollen und dürfen produktiv tätig sein, aber es macht einen gewaltigen Unterschied, wie die Bedingungen unseres Schaffens aussehen. Und hier setzt Emerson das Signal, das vor zweieinhalb tausend Jahren die Lehrer des Tao bereits gesehen und vertreten haben.

In uns steckt mehr als die Eignung zum Lohnsklaven. Um das eigene Los zu bessern und nachhaltig zu verändern braucht es freilich mehr, als dass wir uns nur andeutungsweise bewusst sind, was wir tatsächlich sein sollten – und nach den Einsichten von Laotse und Co. auch sein k ö n n t e n ! Es braucht den Schock einer durchdringenden Erkenntnis der eigenen Position auf Erden. Wer die Basis seiner geistigen Ausstattung ein einziges Mal gespürt hat, begreift mit einem Mal, dass der Grund der Dinge sich nur dann durch ihn in der Rolle des Unterlegenen erfährt, wenn der Betroffene selber dieses würdelose Spiel mitspielt. Aus dem gleichen Potenzial, aus dem der Verlierer seine Niederlagen schöpft und sich einzig als Arbeiter auf Erden erfährt – aus dem gleichen Potenzial kann der individuelle Mensch aus sich selbst heraus jene Energien schöpfen, die sein Leben verändern. Ich rede von jener Energie, die selbst einem zarten Grashalm innewohnt und ihn fähig macht, eine Betondecke zu durchstoßen. Öffnen Sie sich dieser Energie, damit aus Emersons Andeutung dessen, was Sie sein sollten, ein Wesen wird, das seine Identität mit dem göttlichen Ursprung im eigenen Leben kraftvoll wie der Grashalm umsetzt und damit dieses schwächliche „Sein sollte“ in reales Sein verwandelt. Ein Sein, dessen geistige Struktur mit Chuang tzus Wesenhaftem übereinstimmt, der unbekümmert seines Weges geht – (und die Taschen immer voller Geld hat).

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8 Responses to Wie man ein Philosoph wird“

  1. Michael sagt:

    Hallo,
    bei diesen Gedanken kommt für mich sofort die Frage auf, wie ich denn zum Schock der durchdringenden Erkenntnis komme bzw. wie ich mich der Energie des göttlichen Ursprungs öffne.
    Ich denke, dass es zunächst wichtig ist, zu erkennen, wie die Prägungen aus der Kindheit, eigene Vorurteile und die Erwartungshaltung meiner Mitmenschen mein Leben bestimmen.
    Wenn ich mir das alles vor Augen halte und mir vorstelle, dass ich mich davon lösen würde, dann bleibt eigentlich erstmal nichts.
    Ist es nicht tatsächlich so, dass die ganze Persönlichkeit sich aus den Prägungen der Kindheit, der eigenen Erfahrung (und auch der Vorurteile) sowie aus der Erwartung meines Umfeldes definiert?
    Wenn ich das loslasse, dann bleibt doch nur eine Leere.
    Muss ich mich dieser Leere aussetzen, um mit den o.g. Energien in Berührung zu kommen?
    Übrigens der letzte Satz, nämlich dass der, der mit dem Wesenhaften übereinstimmt, immer die Taschen voller Geld haben soll, ist mir nicht einsichtig.
    Ist das im übertragenen Sinne gemeint?
    Viele Grüße
    Michael

    • gitti sagt:

      Lieber Michael!
      Ich für mich habe festgestellt, daß es viele kleine „Schocks“ braucht, um seiner ursprünglichen Wahrheit näherzukommen.
      Das Wort Schock klingt nach Verletzung-ist es aber nicht- ich empfinde es wie eine Heilung.
      Von dieser Leere, von der du schreibst, habe ich gar keine Angst mehr, im Gegenteil…. daraus entstehen Antworten, die immer richtig sind.
      Das die „Taschen immer voller Geld sind“ hat wohl mit Anhäufen nichts zu tun.
      Da tue ich mir aber noch etwas schwer, dem voll zu vertauen. Doch habe ich es immer wieder erfahren das zur richtigen Zeit das NÖTIGE vorhanden war.
      In dieser scheinbaren Unsicherheit eine Sicherheit zu spüren, nennt man wohl Vertrauen ins Leben haben. Ohne in der Hängematte zu liegen, aber auch weit weg von Stress und Hektik.
      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
      Gitti

      • Taononymus sagt:

        Liebe Gitti, lieber Michael,

        wollte zum Thema „Taschen voller Geld“ nur anmerken, dass auch ein Zhuang Tsu letztlich nicht darum herum gekommen ist, seine Arbeitskraft zu einem bestimmten Ausmaß an Dritte zu verkaufen um Geld für seinen Lebensunterhalt in der Tasche zu haben.
        Aber er hat diese Notwendigkeit als eine Aufgabe angenommen, die er im Sinne des von ihm beschriebenen „wesenhaften Menschen“ ganz pragmatisch gelöst hat.

        Seine Lösung war es, den Posten des Parkaufsehers eines Lackbaumgartens anzunehmen. Dieser Posten lag zwar weit unter seinen beruflichen Möglichkeiten, auf deren Ausschöpfung, einschließlich aller damit verbundenen Annehmlichkeiten, er somit bewusst verzichtete. Aber der Posten ernährte ihn und ließ ihm gleichzeitig genug Zeit und innere Freiheit, um seinen geistigen Interessen nachzugehen.

        Damit hat er ganz konkretes, alltagstaugliches Beispiel hinterlassen, wie jemand eine gute Balance zwischen Notwendigkeit und schöpferischer Freiheit hergestellt hat.
        Dies ging auch bei Zhuang Tsu sicher nicht ohne Loslassen geprägter Muster, ohne Verzicht auf verlockende Angebote und ohne Konfrontation mit der „Leere nach dem Loslassen“ von statten.
        Aber weder hatte er es nötig, sich als am Hungertuch nagender Einsiedler ins Gebirge zu verkriechen, nur um ein paar klare Gedanken fassen zu können. Noch hat er sich von der Notwendigkeit, Geld verdienen zu müssen, versklaven lassen.

        Er hat statt dessen beides, Notwendigkeit und Freiheit, in sein Leben integriert ohne sich der einen oder der anderen zu opfern.

        Ein gelungenes Stück Lebenskunst eines „wesenhaften Menschen“, finde ich 🙂

        Viele Grüße,
        Taononymus

    • Theo Fischer sagt:

      Hallo Michael,
      „die Taschen voller Geld“ ist der übersetzte Text. Aber aus Erfahrung darf ich bestätigen, dass die Aussage einigermaßen stimmt, wenn man das „voller“ weglässt und sagt, der Wesenhafte laufe mit Geld in den Taschen statt mit leeren herum.
      Unsere Psyche baut sich aus Freuds Ich, Es und Über-Ich auf, unser Handeln ist das Resultat lebenslang gespeicherter Identität plus Wissen plus Erfahrung. Und diese Bausteine erzeugen das Erlebnis, wir selbst zu sein. Die Leere, von der die Rede ist, kann, wird – und darf übrigens – dieses Selbst nicht ersetzen. Ein Ausfall würde uns zum Deppen machen. Das Nichts ist ein Additiv, ein Zusatz und wird nur als Leere von uns erlebt, weil wir den Ursprung nicht kennen, nicht kennen können. Und was uns unbekannt ist, wird nicht wahrgenommen.
      Trotz ihrer Fremdheit hat die Leere mehr Inhalte als das ganze Paket unseres Selbst-Bewusstseins. Die Kunst besteht darin, das Unbekannte, Leere in uns zusätzlich zu dem ständigen Lärm in unserem Sinn wirken zu lassen. Das Nichts ist die Quelle aller Kreativität. Aber es und seine Wirkung zu beschreiben ist ungefähr so einfach, wie den Geschmack von Steinpilzen so zu erklären, dass man ihn auf der Zunge spürt.
      Seid alle herzlich gegrüßt von eurem Theo Fischer

  2. JE sagt:

    Lieber Theo,

    das, was Du schreibst ist sehr richtig!

    Bei mir entsteht diese Kraft aus der Erkenntnis und die Antwort auf die Frage, was braucht eigentlich MEIN „Selbst“ und nicht das Selbst, das ich (sozusagen fremdbestimmt) für mein Selbst halte.
    Wenn ich mir diese Frage sehr ehrlich beantworte (in ihrer ganzen Tiefe), so ist die Antwort hierauf , zunächst tatsächlich ein „Schock“ und ein noch größerer, diesen (Gedanken-) Schritt fortzusetzen. Es ist sozusagen der ‚Startknopf‘ für ein Umdenken.
    Ich erkenne zudem, dass -im Grunde- doch alles meine freie Entscheidung ist.
    Wenn mir diese Entscheidungsfreiheit bewusst wird, verschwindet damit zwangsläufig auch mein INNERER Widerstand gegen die äußeren Umstände, denn diese basieren schließlich dann auf meiner freien Entscheidung (eben und nur, weil Ich es so will).
    Der Unterschied liegt also darin, ob ich auch meinen inneren Widerstand aufgebe (-n kann) und mein Leben damit selbst gestalte, oder ob ich meinen Widerstand nur nach außen aufgebe.
    Aus dem bloßen Aufgeben des Widerstands nach außen und Beibehaltung des inneren Widerstandes entsteht -aus meiner Sicht- die „Opfer-Rolle“. Wir fühlen unser Selbst nicht (mehr) und werden dann von und vom Außen bestimmt….Sklaven eben.

    Ich habe versucht, meine Gedanken auf Papier zu bringen….vielleicht hört es sich sehr abstrakt an, „schöne“ Worte – und auch nur ein erster, kleiner Schritt.
    Aber aus dem Sich-Seines-Selbst bewusst werden und dem Erkennen der eigenen Entscheidungsfreiheit, baut sich, und das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, eine ungemeine Kraft und Ruhe auf…..(leider verfalle ich… noch 🙂 …. zu oft in meine alten Gedankenmuster – dem „Pflock, an dem die Ziege festgemacht ist“).
    Sehr herzliche Grüße
    JE

    • Taononymus sagt:

      Lieber JE,

      auch für mich ist Widerstand ein Kernthema. Daher würde ich mich freuen, noch etwas besser verstehen zu können, welches Phänomen Du für Dich als INNEREM Widerstand bezeichnest?
      Ich versuche gerade, mir eine konkrete Situation dazu vorzustellen, kriege so recht aber nichts zu fassen.
      Falls es Dir nicht zu sehr ins Detail geht, wäre es Dir daher möglich ein Alltagsbeispiel zu schildern ?
      In welcher Situation tritt innerer Widerstand auf? Welche Reaktionen löst er aus? Und wie äußert es sich dann, wenn Du ihn dann aufgibst?

      Viele Grüße und ein schönes Wochenende,
      Taononymus

  3. gitti sagt:

    Lieber Taononymus!
    Du willst damit sagen der „große Traumjob“ ist weniger wichtig als die Balance für ein gelungenes Leben zu finden.
    Sehr befreiend!!!
    Liebe Grüße Gitti

  4. JE sagt:

    Lieber Taononymus,
    ich wollte Ihnen zunächst scherzhaft antworten, dass ich Ihnen gerne die Telefonnummer meiner Mutter gebe, damit wären dann alle Fragen beantwortet, was und wie inneren Widerstand auslösen kann :-).
    Aber selbst dieses „banale Beispiel“ macht deutlich, dass es DEN inneren Widerstand nicht gibt – und sich dieser daher in einem „Alltagsbeispiel“ schwer schildern lässt, denn, wer, was, wie, wann und bei wem Widerstand auslöst, ist so individuell, wie jeder Einzelne von uns. Daher ginge es mir leider wirklich etwas zu sehr ins Detail –
    denn: was bei dem Einen Widerstand auslöst, mag für einen Anderen, eine Herausforderung oder Leichtigkeit und Freude bedeuten.
    Mit der Geschichte von Chuang Tzu im Lackbaumgarten beantworten Sie im Übrigen bereits selbst, wie man ohne diesen inneren Widerstand lebt; er hat sein Selbst erkannt und für sich FREI entschieden, was ihm im Leben wichtig ist.

    Und in diesem Sinne möchte ich mit Chuang Tzus Worten schließen:
    „…..Was den Körper betrifft, so ist es am besten, er geht mit den Dingen. Was die Gefühle betrifft, so ist es am besten, ihnen freien Lauf zu lassen……“

    Ich denke, er drückt damit sehr schön aus, wie wir unser Leben –ohne inneren Widerstand- leben könn(t)en.

    Beste Grüße
    JE

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