Woran merke ich, dass mein Geist der Spiegel des Tao ist?

Ich merke es überhaupt nicht. Und zwar deshalb nicht, weil dieses Grundgefühl des Seins seit der Kindheit so selbstverständlich präsent ist, dass ich das Außergewöhnliche daran nicht erkenne. Obendrein wird der Mensch während des Heranwachsens durch die Existenzphilosophie des Elternhauses in die Fahrtrichtung von deren Überzeugungen gedrängt, so dass das primäre Grundgefühl für sich allein gar nicht stehen bleibt. Es wird überlagert von einem Selbstbildnis, das oftmals ein halbes Leben lang um Erkenntnis ringt, die zu besitzen völlig unnötig ist.

 

Wir werden mit Gottesbildern überfüllt, dem Übervater, der über uns wacht, uns kontrolliert, belohnt und dermaleinst bestraft – der unsere Gebete erhört – oder sie ablehnt – aber es sind Bilder, die absolut nichts mit unserer eigenen, subjektiven Identität zu tun haben. Dieses Grundgefühl des Seins ist uns so selbstverständlich geworden – oftmals beinahe eine Last, wenn wir unser Handeln mit jenen Regeln abgleichen, die ein in Wahrheit in dieser  Form gar nicht vorhandener Schöpfer uns abverlangt. Da geht dieses Basisgefühl unter, manchmal wird es sogar als Last empfunden, als hässliche Begleiterscheinung des Lebens, weil wir unser Sein emotional permanent mit den wechselnden Herausforderungen des Alltags gleichsetzen.

 

Wer das alles begreift, wird den Einbruch in eine Freiheit erleben, in der auf der einen Seite gewaltige Kraft wohnt – aber die auf der anderen Seite dem Individuum ein weitaus größeres Maß an Verantwortung auflädt. Denn was ich einst auf höhere Mächte an Verantwortlichkeit abschieben konnte, bleibt jetzt voll und ganz an mir hängen. Ich bin für alles zuständig, ich bestimme weit jenseits aller Zufälle, wie mein Leben verläuft. Wer dann aber zusätzlich zu verstehen beginnt, dass mit dem Ablegen der alten Illusionen und Vertrautheiten und der Übernahme der totalen Verantwortung auch sein Einfluss auf das Geschehen eine machtvolle Dimension gewinnt, wird keinen Moment mehr den Austausch seiner Einsichten bereuen, es wird keine Phasen mehr geben, in dem er bedauert, sich der Wahrheit gestellt zu haben.

 

 

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1 Antwort zu Woran merke ich, dass mein Geist der Spiegel des Tao ist?

  1. Sittingfool sagt:

    Vielen Dank für das schöne Zitat!
    Was ist das, diese reine Reflektion, ohne Analyse mit den Mitteln des Intellekts? Dieser unmittelbare Funke, absichtslos? Dieses Echo eines Gongs, vorüberhuschend wie ein Schatten? Die Nichtaktion, die unvermittelt Aktion hervortreten lässt?
    Für mich ist es das kostbare, immer zur Verfügung stehende, aus der Stille der Gedankenlosigkeit kommende, vertrauenswürdige und richtunggebende leise Flüstern der Intuition.
    Aufschlussreich dazu, nicht immer tiefgründig, nicht umfassend, nicht von durchgehend hoher Qualität aber anregend, aufschlussreich und mit größtem Respekt vor der Sache ist diese DVD:
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