Das Streben nach Sicherheit

Da mich das Thema Sicherheit gerade sehr beschäftigt, habe ich diesen Text von Theo gefunden. Er stammt aus dem Buch „das Tao der Selbstfindung“ erschienen beim Verlag „Die Silberschnur“.                                                                                                                                                                                                                                                           Sabine

Leben und Natur sind zwei Worte für ein und denselben Vorgang.  Sie können in der Natur eine ungeheure Zahl von Entfaltungsmöglichkeiten beobachten, unübersehbar viel verschiedenen Arten zu leben – aber nirgendwo werden Sie Sicherheit, werden Sie Gewissheiten finden. Einzig in den Köpfen der Menschen gibt es die Illusion einer gesicherten Existenz, und diese Illusion wird durch das Denken erzeugt. Ihr Denken hat zu keinem Zeitpunkt verstanden, dass Sicherheit im Konzept der Evolution nicht vorkommt; Es ist eine Vokabel, vom menschlichen Verstand zur Beruhigung ängstlicher Gemüter erfunden. Die in einem anderen Zusammenhang bereits geschmähte Religion trägt nicht wenig zur Erhaltung der Illusion bei, indem sie ihren Anhängern Gewissheiten verheißt, die es tatsächlich nicht gibt. Sie brauchen, während Sie dies lesen, nicht um die Stabilität Ihrer Existenz zu bangen: keine Gefahr droht Ihrem Leben, wenn Sie einsehen, dass es abgesehen von Ihrer eigenen Lebensgestaltung, keine Garantien  gibt.

Zu jedem beliebigen Zeitpunkt könnte ein Blick in die Natur Sie davon  überzeugen, wie es sich mit der Sicherheit wirklich verhält. Auf der einen Seite fegen die Herbststürme  die – einst zartgrünen – Blätter von den Bäumen,  zerstören erste Fröste den Blütenzauber der Gärten, Wiesen und Parks, nimmt das Leben der wunderschönen Schmetterlinge ein Ende, versinkt das Land in den scheinbaren Todesschlaf des Winters. Sie bemerken aber auch an den Zweigen bereits die Knospen des künftigen Laubes, die Knötchen, die im Frühling sich zur Blüte entfalten. Sie finden, wenn Sie in der frostharten Erde graben, in tieferen Schichten bereits die Puppen und Maden der nächsten Generation herrlicher Insekten;  Sie finden die Nester kleiner Pelztiere, die ihren Winterschlaf halten. In den ersten Novembertagen pilgern die Menschen zu den Friedhöfen hinaus und legen Blumen auf die Gräber der Toten; Menschen sterben, und doch nehmen tagtäglich die Standesbeamten neues Leben in ihre Register auf.

Würde Ihr Verstand aufhören, Sie als getrennt vom Leben, von der Natur existierendes Wesen auszugeben, könnten Sie spüren, dass Sie die ganze Menschheit sind, und Ihre Identität das gesamte Spektrum Ihrer Wahrnehmungen umfasst. Die Erkenntnis, dass Sicherheit nicht zu haben ist, kann Ihr Leben verändern. Das heißt nicht, dass Sie nicht die Chance hätten, achtzig oder neunzig Jahre alt zu werden – es bedeutet lediglich die Aufgabe des fruchtlosen, frustrierenden Ringens um Fortbestand Ihres Ego.

Lassen Sie jedes Erlebnis, jegliche Erfahrung nur für den Moment gelten; halten Sie nichts fest; bemühen Sie sich um keine Erinnerung, denken Sie nicht mehr nach über Vergangenes. Aber auch der Blick in die Zukunft ist von der Angst vor der Ungewißheit diktiert. Sie halten Ausschau nach Orientierungspunkten, nach altvertrauten Mustern, die Ihnen ein Gelingen garantieren sollen.  Scheinbar existieren solche Garanten, Sie erleben oft genug, wie die Dinge sich im Kreis drehen und Sie immer wieder die gleichen Erfahrungen machen. Dabei spüren Sie unbewußt, dass diese endlosen Wiederholungen Sie im gleichen Maße gefangen halten, langweilen, wie sie Ihnen das trügerische Gefühl von Geborgenheit vermitteln.  Die Kunst, leicht zu leben, basiert auf der Erkenntnis, dass alles Streben nach Sicherheit zwecklos   ist.                                                                                                                                                       Paradoxerweise kann diese Erkenntnis, sobald Sie zum Urgrund Ihrer Existenz hindurchgedrungen sind, absolute Sicherheit vermitteln. Dann verstehen Sie plötzlich, dass Ihnen überhaupt nichts passieren kann, was auch immer geschieht. Sie sind der Beobachter Ihres Lebens, und weder Geburt noch Tod vermögen Sie aus dieser Rolle zu drängen, denn alles, was Sie beobachten, wird durch Ihre eigene Aktion gleichzeitig mit der Handlung der Beobachtung aus dem Nichts erschaffen, aus dem es erwächst wie Ihr Organismus am Tag Ihrer Geburt. In den Tiefen Ihres Geistes steht diese Wahrheit geschrieben, ist sie eingraviert – Sie können sie lesen und begreifen, sofern es Ihnen gelingt, sich von der verführerischen, aber egoistischen Illusion absoluter Sicherheit zu befreien.

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3 Kommentare zu Das Streben nach Sicherheit

  1. gitti sagt:

    Liebe Frau Fischer!
    Das die Unsicherheit zur Sicherheit wird, ist ein starkes Gefühl, daß ich schon erleben durfte! Zur Zeit (was ich nie geglaubt hätte)werde ich von einer lähmenden Unsicherheit geplagt.
    Ich hoffe das Durchstehen dieser Phase hilft mir, die Klarheit wieder zu spüren.
    Viele liebe Grüße
    Gitti

  2. JE sagt:

    …Zu dem Text passt sehr gut auch die Geschichte von Chuang-Zsu: „Der Fasan im Sumpf“, den Theo hier im Blog vor einigen Jahren eingestellt hatte.

    Was ist Sicherheit? Wann überfällt uns Unsicherheit?
    Sicherheit ist ein Muster, das wir unserem Leben geben, das wir unter Leben verstehen. Sicherheit ist immer eine Frage des Vertrauens … Vertrauen in all seinen Facetten: in das Leben, in Dinge, in Menschen, in Entwicklungen …
    Unsicherheit ist immer gepaart mit Angst. Angst vor dem Ungewissen, dem Unbekannten.
    Kann Angst existieren, wo Vertrauen ist?
    Kann Vertrauen existieren, wo Angst ist?

    Ein Thema, das auch mich zunehmend beschäftigt, denn ist sie einmal aufgeploppt, jene Angst, jene Unsicherheit … scheint sie sich allmählich immer mehr Raum zu nehmen, macht sich breit in uns, in unserem Leben … in unserem Wesen.

    Ich bin überzeugt, wenn wir unserem „Wesen“, unserer ureigenen individuellen Natur folgen, hat weder die Angst noch die Unsicherheit Raum – Angst und Unsicherheit sind ein untrügerisches Zeichen, dass wir uns von unserem ureigenen Wesen entfernt haben, von dem wer wir „wirklich“ sind – was unsere Seele zu leben wünscht … Angst und Unsicherheit beklemmen – nehmen uns irgendwann den Raum und die Freiheit, uns selbst zu leben.

    Aber wir sind Menschen, keine Heiligen – Angst und Unsicherheit sind uns eigen, Gedanken und Verantwortung tragen uns so oft fort aus dem Jetzt, hinein in die Zukunft, die wir nur erahnen, in Gedanken konstruieren können … soooo viele Varianten …

    Wir können daher nur versuchen, Angst und Unsicherheit als „Helfer“ zu sehen, als Wegweiser dahin, was unserem eigenen Weg / unserem Selbst im Wege steht.
    Weiß ich, was ich nicht will, wo ich nicht hin will – sehe ich das auch als eine Möglichkeit, den „richtigen“ Weg zu finden.
    Das ist sicher die langwierigere Variante – aber auch diese Umwege und Hindernisse (bzw. das Ausweichen und/oder Überwinden) führen uns irgendwann auch auf und zum eigenen Weg – darauf vertraue ich :-), auch in jenen „dunklen“ Phasen der Unsicherheit…
    In diesem Sinne – beste Wünsche und herzliche Grüße!
    Je

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