An der Quelle des Tao 20

Zwischen Gewiss und Jawohl: was ist da für ein Unterschied?

Zwischen Gut und Böse: was ist da für ein Unterschied?

Was die Menschen ehren, muss man ehren. O Einsamkeit, wie lange dauerst du?

Alle Menschen sind so strahlend, als ginge es zum großen Opfer,

als stiegen sie im Frühling auf die Türme.

Nur ich bin so zögernd, mir ward noch kein Zeichen,wie ein Säugling, der noch nicht lachen kann, unruhig,  umgetrieben, als hätte ich keine Heimat.

Alle Menschen haben Überfluss, nur ich bin wie vergessen.

Ich habe das Herz eines Toren, so wirr und dunkel.

Die Weltmenschen sind hell, ach so hell, nur ich bin wie trübe.

Die Weltmenschen sind klug, ach so klug, nur ich bin wie verschlossen in mir,

unruhig, ach, als wie das Meer, wirbelnd, ach, ohne Unterlass.

Alle Menschen haben ihre Zwecke, nur ich bin müßig wie ein Bettler.

Ich allein bin anders als die Menschen.

Doch ich halte es wert, Nahrung zu suchen bei der Mutter.

Laotses zwanzigster Spruch klingt wie Jeremias Klagelieder. Er zieht eine Trennlinie zwischen den erfolgreichen, überlegenen Weltmenschen und sich, dem Versager und Außenseiter, der so ganz anders ist als alle anderen. Müssen wir annehmen, dass wir Laotse hier an einem schlechten Tag ertappen, wo ihm alles über den Kopf wächst? Wo er sich voller Selbstmitleid über die Erfolgreichen, über die Trendsetter beklagt, die ihn einsam am Wegesrand in seinem Elend stehen lassen? Ganz und gar nicht. In diesem Text kommt sein hintergründiger Humor zum Ausdruck. Er schreibt eine Persiflage über die Menschen, die im Gegensatz zu ihm dem Zeitgeist huldigen. Erst ganz am Schluss der Litanei verrät er die Pointe: Von der Mutter, die ihn nährt, dem Tao. Den feinen Sinn dieses letzten Satzes stellt Chuang tzu in seinem Kommentar ganz vorne an und beweist damit, wie gut er den alten Meister kennt. Er hat die schalkhafte Verzerrung von Laotses eigenem Zustand auf der Stelle durchschaut und beginnt darum seine Stellungnahme zum 20. Spruch mit der Parabel vom Wesenhaften: Der Wesenhafte lebt zu Hause, ohne seinen Geist zu üben, und vollbringt Taten, ohne sich darum zu sorgen. Die Begriffe von Gut und Böse, Lob und Tadel anderer fechten ihn nicht an. Wenn sich innerhalb der vier Meere alle Menschen freuen können, empfindet er es als Glück; wenn alle Menschen wohl versorgt sind, fühlt er es als Friede. Bekümmerten Ausdrucks sieht er aus wie ein Kleinkind, das die Mutter verloren hat; töricht scheinend, geht er umher wie einer, der den Weg verloren hat. Er hat viel Geld zum Ausgeben und weiß nicht, woher es stammt. Er isst und trinkt gerade genug und weiß nicht, wo sein Essen herkommt. Solcherart ist das Benehmen eines wesenhaften Menschen.

Chuang tzu fährt fort, über die „gemeine Menschenmenge“ herzuziehen. Der Text ist zu schön, als dass ich ihn Ihnen vorenthalten dürfte: Die Heuchler sind die, welche das für gut ansehen, was alle Welt als gut lobt, und das als recht betrachten, was alle Welt als recht preist Wenn man ihnen sagt, sie seien Tao-Menschen, strahlt ihr Gesicht vor Zufriedenheit. Wenn man sie Heuchler nennt, sehen sie missvergnügt aus. Zeitlebens nennen sie sich Tao-Menschen und zeitlebens bleiben sie Heuchler. Sie verstehen es, eine schöne Rede zu halten und passende Anekdoten zu erzählen, um die Menge anzulocken, aber vom Anfang bis zum Ende wissen sie nicht, worum das Ganze eigentlich geht. Sie kleiden sich in die richtigen Kleider, mit den  richtigen Farben und tragen ein würdiges Aussehen zur Schau, um sich beliebt zu machen, wollen aber nie zugeben, dass sie Heuchler sind. Sie mischen sich unter die Menge und erklären, die Meinung der Öffentlichkeit in allem zu teilen, behaupten aber gleichzeitig, dass sie etwas Besseres sind als die Masse. Ist das nicht der Höhepunkt der Torheit! Die welche ihre eigene Torheit erkennen, sind keine richtigen Toren, und die, welche sich ihrer Verworrenheit bewusst sind, sind nicht wirklich verworren. Die wirklich Verworrenen können niemals aus ihrer Verwirrung heraus, und die echten Toren erholen sich niemals von ihrer Torheit. … Darum werden auch die höchsten Lehren von den gemeinen Leuten nicht aufgenommen, und die Worte der Weisheit sind unbeliebt, weil sie von den allgemein bekannten Lehren überschattet werden.

Fällt es Ihnen auf? Der obige Aufsatz wurde vor rund zweitausend Jahren geschrieben. Aber er könnte ebenso gut aus der Feder eines Zeitkritikers von heute stammen und gestern in den Computer getippt worden sein. Chuang tzu lässt den Bürgern von Schickimickistan die Hosen herunter. Er entblößt ihren schäbigen, oberflächlichen Charakter und stellt sie als Heuchler und Toren hin. Eigentlich ist es traurig und bestürzend, dass der Mensch sich in zweitausend Jahren so wenig verändert, richtiger: verbessert hat. Es ist zum Verzweifeln. Neulich, beim Plaudern mit Feriengästen kam das Thema auch auf das menschliche Potenzial und seine Chancen, die Welt zum Besseren zu verändern. Mir kam dabei ein hämischer Gedanke, den ich auch aussprach und der Zustimmung fand: Würde man ein Neugeborenes aus der Steinzeit heute einer kultivierten Familie in Pflege geben und es aufs Münchner Gymnasium schicken, halte ich es durchaus für möglich, dass es sein Abitur macht. In der Zeit seit damals hat sich nur noch wenig an der Großhirnrinde unseres Denkapparates verändert. Offenbar nicht genug, dass Laotses Weltmensch zur Vernunft hätte kommen können. Laotse schrieb seinen Spruch ungefähr um 500 vor Chr., Chuang tzu seinen Kommentar dazu etwa 200 Jahre vor der Wende der Zeitrechnung. Wenn wir die Entwicklung – oder leider richtiger: Nicht-Entwicklung – während dieser Zeitspanne bis in unsere Tage betrachten, könnte man wirklich alle Hoffnung verlieren, dass sich jemals etwas ändern wird.

Dennoch meine ich, es liegt nicht an unserer Hirnstruktur. Die würde durchaus für ein friedvolles Dasein ausreichen. Der menschliche Intellekt ist immerhin so weit entwickelt, dass er bei ehrlichem Willen Gut und Böse unterscheiden könnte. Was die Masse der Menschen offenbar aber nicht fertig bringt, ist die Loslösung vom Massenwahn. Was den Menschen zum gefährlichsten Raubtier dieses Planeten – und vielleicht sogar der meisten Galaxien macht, sind seine Überzeugungen. Die falschen Parolen kombiniert mit unserem nach wie vor aktiven Stammhirn aus der Reptilienphase unserer Vergangenheit sorgen dafür, dass selbst friedliche Menschen fähig sind, zum Gewalttäter zu werden. Vor allem dann, wenn Gewalt von Autoritäten als rechtens verkündet und von der Masse akzeptiert wird.

Was können wir da tun? Nichts. Und alles. Wie das? Indem wir uns an Laotses letzten Satz im 20. Spruch halten. Und unsere geistige, aber auch unsere materielle Nahrung bei der Mutter aller Dinge suchen – und sie auch bekommen. Unser Gehirn ist das Gehirn der Menschheit. Und wenn in unserem Gehirn eine Veränderung stattfindet, durch das Hinwenden zur Urmutter der Dinge und wir diesem Lauf folgen, dann hat dies Auswirkungen auf das Gehirn der ganzen Menschheit. Das mag großspurig klingen, unglaubhaft bei den Erfahrungen, die wir Tag für Tag machen, aber es ist wahr. Denken Sie daran: Jeder von uns lebt im Mikrokosmos seiner eigenen Welt. Und diese, Ihre kleine Welt wird sich verändern, zum Besseren, hin zu einem gelungenen, harmonischen Leben, wenn Sie sich vom Zeitgeist abkehren, den Laotse oben so zynisch karikiert.

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An der Quelle des Tao 12

 

Die fünferlei Farben machen des Menschen Auge blind.                                                           Die fünferlei Töne machen des Menschen Ohren taub.                                                              Die fünferlei Würzen machen der Menschen Gaumen schal.                                           Rennen und Jagen machen der Menschen Herzen toll.                                                       Seltene Güter machen der Menschen Wandel wirr.                                                              Darum wirkt der Berufene für den Leib und nicht fürs Auge.                                                    Er entfernt das andere und nimmt dieses.

Für einen Leser, der Laotse nicht kennt, wirkt der 12. Spruch wie die Nörgelei eines verbitterten, das Leben und seine Genüsse verneinenden Greises. Auf den ersten Blick irritiert der Text auch Freunde des Tao te king. Was, um Himmels willen predigt der taoistische Weise da? Ist der Spruch Originalton Laotse oder hat ihm den jemand aus einer späteren Generation untergeschoben? Chuang tzu stößt zum Thema Sinneserleben quasi ins gleiche Horn: Die fünf Sinne lenken uns von unserem eigentlichen Wesen ab. Es gibt fünf Wege, wie wir unser ursprüngliches Wesen einbüßen. Und dann zählt er wie Laotse auf, was unsere Sinne so alles an unserem Wesen anrichten, wenn sie falsch eingesetzt werden. Eine solche Einstellung passt doch besser zu einem mittelalterlichen Bußprediger. Martin Luther hätte gegen die sündigen Einflüsse wettern könne, welche über unsere Sinne die Seele verunreinigen. Was soll das also? Unser Sinneserleben hat wesentlichen Anteil an der Erfüllung unseres Daseins. Wenn wir uns nicht die Ohren verstopfen, die Augen zubinden, Fausthandschuhe tragen, die Nase zustöpseln und den Gaumen mit Cayenne-Pfeffer außer Betrieb setzen, haben wir doch gar keine andere Wahl, als die äußeren Eindrücke über unsere Sinne auf uns einwirken zu lassen. Was hinterher, nachdem die Eindrücke uns erreicht haben, unser Gehirn damit anstellt, ist allerdings eine andere Sache. Weiterlesen

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An der Quelle des Tao 11

(ich hätte schwören können, dass ich diesen Beitrag schon mal gebracht hab. Da ich ihn aber nirgends gefunden habe, kommt er eben jetzt)

Dreißig Speichen umgeben eine Nabe: In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.

Man höhlt Ton und bildet ihn zu Töpfen: In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.

Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde: In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.

Darum: Was ist, dient zum Besitz. Was nicht ist, dient zum Werk.

Der elfte Spruch aus dem Tao te king dürfte neben dem ersten einer der meistzitierten sein. In seiner Klarheit verleitete er über die Zeiten hinweg manchen von der schreibenden Zunft, ihn als klassisches Beispiel für die Grundstruktur des taoistischen Denkens zu verwenden. Diesem Anspruch wird der Spruch auch gerecht. Weniger gerecht wird ihm oft seine Verwendung: man setzt ihn überall dort ein, wo hübsch formulierte, poetische Sprüche hinpassen. Das ist, als ob man einen fein ziselierten Kelch von Benvenuto Cellini als Bonbonschale verwendete. Laotses Gleichnis richtet den Blick auf die Kunst des Wagenmachers, den Chuang tzu für seine Fähigkeit preist, ohne Zirkel und Winkelmaß Linien und Kreise zu schaffen. Ein Bündel Speichen genügt, um ein Rad beweglich und zugleich leicht zu machen. Als Gegenstück schweben dem geistigen Auge Räder vor, die aus mehreren Schichten massiver Bretter zusammengenagelt und ausgesägt worden sind. Von Bauern ohne die Fachkenntnis des Wagners plump, schwer und von den Ochsen kaum zu bewegen hergestellt. Doch der Bezug auf die spontane Kunstfertigkeit taoistischer Handwerker berührt nur die Oberfläche. Auch die Binsenweisheit, dass ein Krug einzig dadurch etwas nützt, weil er hohl ist und man folglich hübsche Getränke einfüllen kann, trifft den Kern des Spruches nicht.

Obgleich das Wort TAO kein einziges Mal erscheint, zeichnet Laotse hier das Wesen des Grundes nach. Richtiger: Laotse beschreibt mit Hilfe des Kontrastes zwischen Material und leerem Raum ein Phänomen, welches das Tao charakterisiert und es zugleich grundsätzlich von allen anderen Gottesbildern der Welt abhebt. Das Tao hat nämlich keine Eigenschaften. – Eigenschaften sind Konstrukte des Menschengeistes, und er mag sie auf sich und die Erscheinungen seines Lebens beziehen, aber bitte nicht auf den Grund, von dem er keine Ahnung hat, wie er beschaffen ist. Richard Wilhelm hat speziell dem Inhalt dieses Verses im Kommentar zu seiner Übersetzung des Tao te king eine Erklärung gewidmet: Dieses nichtseiende Tao ist die Triebkraft alles dessen, was in der Erscheinungswelt sich bewegt. Die Funktion, die Wirkung alles Seienden beruht auf dem Nichtsein. Durch die leeren Räume wird sozusagen die Wirklichkeit aufgelockert und damit brauchbar, wie die Radnabe dadurch, dass sie nichts, d.h. leer ist, die Wagenräder drehbar macht, oder die Gefäße, die Zimmer eben durch das Nichts, das an ihnen ist, durch den hohlen Raum brauchbar werden. So wirkt das Tao in der Welt der Erscheinungen eben durch das Nichthandeln.

Im Sinne unseres mathematisch-logischen Verständnisses hat es das Tao nie gegeben, wird das Tao niemals sein – und dennoch ist es in einer uns unzugänglichen Dimension immer vorhanden. Aus dem Nichts wurde die Eins, folgert Laotse. Diese Eins sind Sie, bin ich. Aus ihr gehen wir selber hervor, noch immer zum größten Teil nichts, noch immer trotz sechzig Kilo Körpergewicht weniger als eine Messerspitze Materie, wenn man die Leere zwischen den tanzenden Teilchen entfernt. Und aus unserer Wahrnehmung, dem Stoff, durch den das große Nichts sich selber gewahrt, entstehen die Erscheinungen unseres alltäglichen Erlebens. Betrachten Sie doch einmal Ihre Umwelt mit anderen Augen. Achten Sie nicht auf die Gegenstände, die Bäume, die Häuser, die Autos, die Kirchen. Schauen Sie die Zwischenräume, die Leere, ohne die unsere Welt nichts weiter als der Granitblock wäre, in dem die Mutter ihr Kind auf den Schoß hütet und darauf wartet, dass ein Bildhauer die Leere schafft, durch die sie erst zur sichtbaren Realität wird. Ohne die Leere zwischen den Bäumen wäre der Wald nicht begehbar. Wir bewegen uns auf dem Erdboden, indem wir darauf treten. Aber wir können nur mit Hilfe des Raumes zwischen den Schritten, also des Bodens, auf den wir nicht treten, größere Entfernungen zurücklegen.

Chuang tzu hat den elften Spruch in seinen Schriften ausführlich gewürdigt. Ich möchte ihm mit dem Ausschnitt eines erfundenen Gespräches das letzte Wort lassen.

„Ihr sprecht immer vom Nutzen der Nutzlosigkeit“, sagte Huitse zu Chuang tzu.

Chuang tzu sagte: „Man muss den Nutzen der Nutzlosigkeit begriffen haben, bevor man vom Nutzen der Nützlichkeit sprechen kann. Die Erde ist zwar groß und weit, aber was der Mensch benutzen kann, ist bloß die Fläche, auf der seine Füße ruhen. Sich seiner Füße nicht bewusst sein, zeigt, dass die Schuhe passen. Sich seiner Taille nicht bewusst sein, heißt, dass der Gürtel passt. Sich des Rechtes und Unrechtes nicht bewusst sein, ist das Kennzeichen eines Geistes, der sich wohl befindet. Er verändert sich innerlich nicht, wird durch äußere Ereignisse nicht berührt und fühlt sich unter allen Umständen und in allen Lagen wohl. Wenn er sich einmal wohl fühlt, fühlt er sich nie mehr unwohl. Das heißt, sich wohl fühlen, ohne sich bewusst zu sein, dass man sich wohl fühlt.“

 

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Weihnachten 2023

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An der Quelle des Tao 15

 

Die vor alters tüchtig waren als Meister, waren im Verborgenen eins mit den unsichtbaren Kräften.                                                                                                                                                     Tief waren sie, so dass man sie nicht kennen kann.                                                                          Weil man sie nicht kennen kann, darum kann man nur mit Mühe ihr Äußeres beschreiben.                                                                                                                                     Zögernd, wie wer im Winter einen Fluss durchschreitet,                                                  vorsichtig, wie wer von allen Seiten Nachbarn fürchtet,                                              zurückhaltend wie Gäste,                                                                                                            vergehend wie Eis, das am Schmelzen ist,                                                                                  einfach, wie unbearbeiteter Stoff.                                                                                                        Weit waren sie, wie das Tal,                                                                                              undurchsichtig waren sie, wie das Trübe.                                                                                         Wer kann (wie sie) das Trübe durch Stille allmählich klären?                                                      Wer kann (wie sie) die Ruhe durch Dauer allmählich erzeugen?                                                  Wer das Tao bewahrt, begehrt nicht Fülle.                                                                                      Denn nur weil er keine Fülle hat, kann er gering sein, das Neue meiden und Vollendung erreichen.

 

Bei allem Respekt vor der Weisheit der alten Taoisten darf man nicht vergessen, in welchem Kalenderjahr die Texte geschrieben worden sind – und auch nicht die sozialen Verhältnisse jener Periode ignorieren. Hinzu kommt, dass der Taoismus zwar zum Wohl der Masse gelehrt wurde, aber man im alten China den Lehren des Konfuzius den Vorzug gab, weil der seine Verhaltensregeln so lautstark hinausposaunte. Wenn ich nur an seine Epistel über die Güte denke. Da bringt Konfuzius es fertig, eine präzise Gradeinteilung der aufzuwendenden Zuneigung aufzustellen, in der er die höchste Güte den Eltern zugesteht, den nächsten Grad den Lebenspartnern, den übernächsten den Kindern, dann den Freunden und so fort, bis am Schluss der Hofhund mit einem winzigen vorgeschriebenen Rest an der Reihe ist. Aber so mögen es die Leute: Je deutlicher die Vorschriften sind, desto eher werden sie akzeptiert, selbst um den Preis, dass da manches Unbequeme verlangt wird. Der obige Spruch fand auch bei Laotses Kommentatoren wenig Gegenliebe. Konfuzius hat sich an einer einzigen Zeile versucht: Im fließenden Wasser kann man sein eigenes Bild nicht sehen, wohl aber im ruhenden. Chuang tzu trägt auch nicht gerade mit Geistesblitzen zum Inhalt des Spruches bei: Wenn der Geist ständig überarbeitet wird, wird er sorgenvoll und Sorgen verursachen Erschöpfung…Das meint, dem Geist nicht erlauben, einen vom Tao wegzuführen und das Natürliche nicht durch menschliche Mittel zu ersetzen. Einzig die Andeutung von Natürlichkeit, mit der er den Charakter eines Meisters zusammenfasst, lässt überhaupt einen Bezug zu dem erkennen, was Laotse auszudrücken scheint. Weiterlesen

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An der Quelle des Tao 71

Um die Nichtwissenheit zu wissen, ist das Höchste.                                                                Nicht zu wissen, was Wissen ist, ist ein Leiden.                                                                           Wenn man dieses erkennt, wird man vom Leiden frei.                                                                 Dass der Berufene nicht leidet, kommt daher,                                                                                 dass er Leiden als Leiden erkennt. Darum leidet er nicht.

Das Wissen, von dem Laotses 71. Spruch handelt, meint nicht das Schulwissen, nicht die Allgemeinbildung oder das Fachwissen in Beruf und Forschung. Laotse spricht von jenem Wissen, mit dem sich Philosophen beschäftigen, seit das menschliche Gehirn so weit entwickelt war, dass es zu Grübeleien über das Sein und den Sinn fähig war. Der erste Satz erhebt die Nichtwissenheit (ein Wortgebilde, das dem 21. Jahrhundert entsprungen sein könnte) zum Gipfel der Weisheit. Es klingt ziemlich überheblich – wie kann ein einzelner Mann sich das Recht herausnehmen, die geistige Ausbeute aller Denker dieser Welt mit einer einzigen barschen Handbewegung vom Tisch zu fegen? Aber, einmal Hand aufs Herz, wäre es auch überheblich, wenn Laotse Recht hätte? Wenn er als einer der wenigen Menschen seiner Zeit, allen Philosophen einschließlich Konfuzius zum Trotz eine fundamentale Einsicht gewonnen hätte, nämlich, dass das vom Menschen so hoch eingeschätzte Grundwissen über sich und seine Existenz das eigentliche Hindernis ist, das ihm die Einsicht in die wirklichen Zusammenhänge des Seins versperrt? Was freilich das Dilemma aufwirft, dass unserer Sprache wieder einmal ein Begriff fehlt, und zwar zur Unterscheidung zwischen dem allgemein gültigen Typ philosophisch/psychologischen Wissens und dem intuitiv und ohne Fremdeinfluss erlangten Kenntnisstand der wirklichen Beziehungen zwischen Mensch und Schöpfung. Denn woher dieses anfängliche Kennen der Wahrheit auch gewonnen wurde, am Ende wird es notwendigerweise zur Information und landet als Wissen im Gedächtnis. Wir haben es also theoretisch mit mehreren Versionen von Wissen zu tun: Wissen römisch eins: – unser Schulwissen, Wissen römisch zwei: – das philosophisch/psychologische Wissen, und Wissen römisch drei wäre dann das intuitiv gewonnene, namenlose, das Laotse als das Nichtwissen bezeichnet. Nachdem Nichthandeln im taoistischen Sinne bereits für Aktion und nicht für Passivität steht, denke ich, wir begehen keinen dialektischen Fauxpas, wenn wir für das Wissen vom Typ römisch drei in der Folge das Wort Nichtwissen benutzen. Weiterlesen

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La Costa im Herbst

Ich habe euch ein paar Herbstbilder von La Costa mitgebracht, um euch zu zeigen, wie schön es um diese Jahreszeit hier noch ist.

 

 

 

 

 

 

Das ist die Aussicht auf die herbstlichen Berge, in denen man jetzt noch wunderbar wandern kann.  Oder man legt sich einfach in den Liegestuhl auf dem Hof.

Die Yuccas blühen zum 2. Mal.

Die Bienen genießen die Herbstsonne

und die Gottesanbeterin frißt ihre BeuteMan kann in der Keramikwerkstatt selbständig arbeiten oder einen Kurs machen.

Auf dem Flügel in der Cantina üben 

 

 

 

 

 

oder mit anderen zusammen einen Kammermusikkurs belegen

Oder man bringt sich eigene Arbeiten mit und arbeitet auf dem Hof oder in der Werkstatt.

 

 

Man kann sich aber auch einfach in den Liegestuhl auf dem Fienile legen und die Stille genießen.

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An der Quelle des Tao 48

Ruhe und Stille sind das Richtmaß der Welt. Wer das Lernen übt, vermehr täglich.

Wer dem Tao nachgeht, vermindert täglich. Er vermindert und vermindert,

bis er schließlich beim Nichthandeln ankommt. Beim Nichthandeln bleibt nichts ungetan.

Lernen ist allgemein betrachtet die Vermehrung von Wissen. Wir befassen uns mit einem Lehrstoff und prägen uns seine Inhalte ein. Auf diese Art lernen wir Lesen, Schreiben und Rechnen. Die diversen Lehranstalten vermitteln uns Allgemeinbildung und nicht zuletzt die Kenntnisse für den gewählten Beruf. Je mehr Informationen ein Mensch seinem Gehirn einverleiben kann, desto größer ist der Zuwachs an Wissen. Die Schwachstelle allen Lernens ist der Umstand, dass wir niemals imstande sind, uns ein vollständiges Wissen anzueignen. Die Welt ist im Fluss, und täglich verändern sich Dinge und Zustände. Ich war zum Beispiel früher ein Aquarienfan. Neulich bekam ich eine italienische Aquarienzeitschrift in die Hände und musste irritiert feststellen, dass kaum einer der mir von damals vertrauten wissenschaftlichen Namen der Zierfische heute noch gilt. Man hatte die Arten regelrecht umgetauft. Selbst ein Forscher, der sein Leben einem einzigen Thema widmet, wird es nicht schaffen, einen Wissensstand von 100 Prozent zu erreichen. Laotses erster Satz in seinem 48. Spruch „Wer das Lernen übt, vermehrt täglich“ ist eigentlich als Warnung gedacht. Die leise Häme des Textes kritisiert nicht den Erwerb von Fachwissen oder Allgemeinbildung. Der Alte redet von einem Lernen der anderen Art: der Vermehrung des Psychologischen Wissens, wie Krishnamurti die menschliche Sehnsucht nach Auskünften über die metaphysischen Aspekte seiner Psyche nennt. Wer sich mit der Fülle der vorhandenen Lehren bis zurück ins Altertum befassen und daraus lernen will, gerät in eine Endlosschleife, aus der nur schwer wieder heraus zu finden ist. Laotse sagt kurz und bündig: Im Lernen zu Themen wie dem eigenen Selbst, dem Schöpfer, dem Lebenszweck und dem Woher und Wohin des Daseins wird jemand kontinuierlich sein Wissen vermehren, aber nie zu einem Ende kommen. Das religiöse Lernen beginnt in der Kindheit. Im Elternhaus finden die frühen Prägungen statt und später lernt der heranwachsende Mensch dazu, indem er sich mit den unfreiwillig empfangenen Grundinformationen auseinandersetzt. Ich kenne Leute, die sich nach einer moderaten religiösen Erziehung mit wahrer Leidenschaft einer Glaubensgemeinschaft anschlossen und im Extremfall jedes Jahr einmal die ganze Bibel lasen. Andere wurden Agnostiker und blieben es ein Leben lang. Weiterlesen

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Hörbücher von Theo Fischer

es gibt seit Kurzem 2 Hörbücher von Theo: Wu Wei  (mit Auszug aus Fragen und Antworten) und Yu Wei.

https://www.amazon.de/wei-Lebenskunst-inklusive-Erg%C3%A4nzung-Antworten/dp/B0C4FVHYF6/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=24JH3TMU3H83P&keywords=Theo+Fischer&qid=1685512546&sprefix=theo+fischer%2Caps%2C233&sr=8-2

https://www.amazon.de/Yu-Wei-Kunst-schwer-machen/dp/B0C4YYC5JF/ref=tmm_aud_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=1685512691&sr=8-5

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An der Quelle des Tao 45

Wenn große Vollendung wie unzulänglich erscheint, wird sie unendlich in ihrer Wirkung.

Darum muss große Geradheit wie krumm, große Begabung wie dumm,

und große Beredsamkeit wie stumm erscheinen.

Bewegung überwindet Kälte und Stillhalten überwindet die Hitze.

Ruhe und Stille sind das Richtmaß der Welt.

In seinem 45. Spruch stellt Laotse wie in zahlreichen anderen Texten die Beziehung zwischen dem Tao und dem Verhalten von Menschen her, die sich an seinen Prinzipien orientieren. Es geht ihm um den gewaltigen Unterschied zwischen Schein und Sein. Er wagt sich hier beim Schildern der Wirkungsweise des Tao an die schwierige Aufgabe, etwas zu formulieren, was sich mit der menschlichen Sprache kaum verständlich ausdrücken lässt. Laotses Beredsamkeit muss auf einen Leser, dem das Verständnis für die Tiefen taoistischer Weisheit fehlt, wie sinnloses Plappern wirken. Wenn Sie bei dem Text am reinen Wortlaut Maß nehmen, ist kein Sinn darin erkennbar. In der wissenschaftlichen Theorie wird der Begriff Vollendung mit Perfektion, als die vollkommene Lösung und damit als Endzustand definiert. Aus der Sicht Laotses überschreitet Vollendung den Zenit eines Zustandes und verdichtet sich zu einer von Wissen und Verstand nicht mehr messbaren Qualität. Einer Qualität, die sich in einem unendlichen Zyklus in ihr Gegenteil und wieder zurück verwandelt und genau dadurch jene Magie gewinnt, die sich im Menschen auswirkt, der Sein vor den Schein setzt. Chuang tzu, das Dilemma unverständlicher Formulierungen grundsätzlich ignorierend, drückt es dennoch wunderbar treffend aus: Entzweiung ist dasselbe wie Schöpfung, Schöpfung dasselbe wie Zerstörung. Denn beide werden wiederum durch das Tao auf eins zurückgeführt.  Die größte Geschicklichkeit erscheint wie Plumpheit, die größte Beredsamkeit erscheint wie Stammeln. Wer streitet, tut das deshalb, weil er seiner Sache nicht sicher ist. Ein vollkommener Standpunkt braucht keine Worte. Weiterlesen

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