Wer des Lebens Fülle festhält, der gleicht einem neugeborenen Kindlein:
Giftige Schlangen stechen es nicht. Reißende Tiere packen es nicht.
Raubvögel stoßen nicht nach ihm.
Seine Knochen sind schwach, seine Sehnen weich, und doch kann es fest zugreifen.
Es weiß noch nichts von Mann und Weib,und doch regt sich sein Blut,
weil es des Samens Fülle hat.
Es kann den ganzen Tag schreien, und doch wird seine Stimme nicht heiser,
weil es des Friedens Fülle hat.
Den Frieden erkennen heißt ewig sein. Die Ewigkeit erkennen heißt klar sein.
Das Leben mehren nennt man Glück.
Für sein Begehren seine Kraft einsetzen nennt man stark.
Jedoch: Sind die Dinge stark geworden, altern sie.
Denn das ist Wider-SINN. Und Wider-SINN ist nahe dem Ende.
In seinem Werk „Die Weisheit des Laotse“ bezeichnet Lin Yutang Laotse und Chuang tzu als Philosophen. Schließlich verarbeiten die beiden Themen, die wir auch bei den meisten anderen Mitgliedern der philosophischen Fakultät wiederfinden: Fragen nach den Wurzeln des Seins, dem Sinn des Stattfindens und die Suche nach dem Woher und Wohin des sterblichen Menschen. Die alten Chinesen unterscheiden sich allerdings in einem wichtigen Punkt von einem Nietzsche, Kant, Schopenhauer oder Derrida. Wo die späteren Philosophen Fragen und mögliche Lösungen einander gegenüber stellen, bestehen die Werke Laotses und auch der anderen alten Taoisten überwiegend aus Antworten. Und zwar sind dies Antworten, die in keinerlei Widerspruch zu den modernsten Erkenntnissen der Wissenschaft stehen, die sie im Gegenteil bestätigen – und dies viele Jahrhunderte, bevor Männer wie Galilei, Kopernikus und Keppler um die Beseitigung von Irrtümern über die Position unserer Erde im Universum kämpfen mussten. Laotse unterscheidet sich von anderen Philosophen durch ein weiteres Phänomen: Seine Lehre vom Grund des Seins enthält keinerlei Inhalte, die er sich von älteren Berufskollegen „ausgeliehen“ hat. Er ist die Dinge von einer Position des Nichtwissens aus angegangen und hat ihnen gestattet, sich ihm zu offenbaren, was dann auch geschehen ist. Chuang tzu dagegen ist fünfhundert Jahre später voll und ganz auf die geistige Linie Laotses eingestiegen, ihm darf gutgeschrieben werden, dass er die taoistischen Grundgedanken verstanden hat und in seinen Arbeiten höchstens dort Entgleisungen sichtbar werden, wo seine überschäumende Fabulierkunst gelegentlich übers Ziel hinausschießt. Weiterlesen























