An der Quelle des Tao 44

Der Name oder die Person: was steht näher?

Die Person oder der Besitz: was ist mehr?

Gewinnen oder verlieren: was ist schlimmer?

Nun aber:

Wer sein Herz an anderes hängt, verbraucht notwendig Großes.

Wer viel sammelt, verliert notwendig Wichtiges.

Wer sich genügen lässt, kommt nicht in Schande.

Wer Einhalt zu tun weiß,kommt nicht in Gefahr

und kann ewig dauern.

Mir will manchmal scheinen, dass Laotse ab und zu bereits vorhandene Texte nahm, sie ein wenig drehte und wendete – und siehe da: schon war wieder ein Spruch geboren. Auch macht mich diesmal die Sprache von Richard Wilhelm nicht besonders glücklich. Der gleiche Spruch in der Übersetzung von Lin Yutang liest sich geschmeidiger:

Ruhm oder das eigene Leben – was von beiden liebt man mehr? Das eigene Leben oder materielle Güter, was von beiden ist mehr wert? Verlust des Selbst oder der Besitz von Gütern – was davon ist das größere Übel? Wer am meisten liebt, gibt am meisten aus. Wer viel anhäuft, verliert viel. Dem Zufriedenen widerfährt keine Schande. Wer weiß, wann er aufhören soll gerät nicht in Gefahr und kann lange überdauern.

Aus diesen Zeilen lassen sich ohne weitere Auslegung Ansätze von Lebensregeln herauslesen. Chuang tzu kommentiert den Spruch mit ausladenden fiktiven Dialogen, die ich Ihnen ersparen werde. Eine abschließende Zusammenfassung, von der ich nicht sicher bin, ob sie aus seiner Feder – sprich seinem Pinsel – stammt, nimmt nichtsdestoweniger relativ deutlich Stellung:

Die das Leben verstehen, befassen sich nicht mit Dingen, die dem Leben nicht förderlich sind. Die, die das Schicksal verstehen, befassen sich nicht mit Dingen, gegen die es im Bereich der Erkenntnis keine Abhilfe gibt. Man hängt zwar von materiellen Mitteln ab, um den Leib zu kräftigen, doch gibt es sehr viele Menschen, die übergenug materielle Mittel besitzen, deren Leiber aber doch nicht kräftig sind. Man kann zwar nicht leben, ohne für seinen Leib zu sorgen, doch gibt es viele, die für ihren Leib sorgen und dennoch ihr Leben verlieren.

Laotses Spruch samt der von eventuell unbekannter Hand verfassten Auslegung zeichnet eine Gesellschaft, deren Grundmentalität sich in den letzten zweitausend Jahren kaum geändert, geschweige gebessert hat. Zuerst skizziert der Kommentator intelligentes, im taoistischen Sinne wünschenswertes Verhalten und weist auf die Gefahren unmäßiger Gier hin. Was nach der öffentlichen Meinung erstrebenswert ist, und wonach der Einzelne sich sehnt, worum er kämpft, ist nicht unbedingt das Mittel für ein glückliches Leben. Geld wird gebraucht und seine Bedeutung darf nicht unterschätzt werden, aber es ist auch das Suchtmittel, das Menschen derartig beherrscht, dass sie niemals genug davon bekommen können. Überlegungen, was gebraucht wird und was zuviel ist, werden nicht angestellt. Dafür sorgen bereits die Messlatten, an denen das Ansehen in dieser Gesellschaft gemessen wird. Je mehr einer vorzeigen kann, desto geachteter ist er. Doch was ist die öffentliche Anerkennung eigentlich wert? Was bedeutet es, dass mich mehr Menschen beachten, dass alle Respekt vor mir haben? Die Anerkennung gilt doch gar nicht mir, dem Menschen – der Kotau wird vor dem Geld gemacht, das ich zusammengerafft habe. Der Autor spricht von Leuten, die übergenug Mittel besitzen, dafür aber einen schwachen Leib – was sagen will, dass sie kränkeln. Wie oft wird der hart erkämpfte Ruhm mit körperlichen Leiden bezahlt? Es klingt vermessen, aber ich schätze, zufriedene Menschen werden seltener krank als die ewig unzufriedenen, denen das stille Glück kleiner erfüllter Sehnsüchte nichts anderes als Rückschritt bedeutet, die fürchten, stehen zu bleiben, von den anderen überrollt zu werden, wenn sie in diesem Wettbewerb um eine Position auf der Skala des Ansehens nicht mitmischen.

Zum Schluss dieser, durch die Natur der Grundaussagen bedingt, eher schwächlichen Auslegung soll Chuang tzu noch einmal mit einem authentischen Spruch zu Wort kommen:

Eine Zikade vergnügt sich selbstvergessen im Schatten, doch eine Gottesanbeterin schleicht sich heran, um sie zu überfallen. Aber hinter der macht sich bereits ein großer Vogel bereit, sie zu verschlingen. Auf solche Weise verstricken sich die Dinge und Verlust folgt auf Gewinn.

Dieses Szenarium kennen wir: die großen Tiere fressen die kleinen, der Stint wird vom Hering, der Hering vom Kabeljau und der Kabeljau wird vom Hai gefressen. Die Analogie zu den Vorgängen in der Wirtschaft drängt sich förmlich auf. Größere Unternehmen verleiben sich kleinere, meist von ihnen abhängige Geschäfte ein. Doch die größeren Firmen wiederum, sobald ihre Besitzanteile öffentlich gehandelt werden, sind ständig in Gefahr, von größeren Konzernen geschluckt zu werden. Selbstredend mit allen hässlichen Konsequenzen, die heute kein bisschen menschlicher als in der Pharaonenzeit sind: Arbeitsplätze verschwinden im Nichts, die gekaperten Unternehmen werden bis auf die Knochen ausgebeint und der übrig gebliebene Rest wird, verrückterweise mit Gewinn, weiterverkauft. Doch selbst die Großen können sich nicht mehr sicher fühlen. Es gibt immer noch größere und sobald einer der regionalen Marktführer seine Nase zu weit über seine Grenzen hinausstreckt, packt ihn der global operierende Feind und reißt ihn aus seinen scheinbar sicheren Gewässern. Als Mensch des Tao befinden Sie sich in unseren Tagen noch immer in der gleichen unsicheren Situation wie einst die Menschen im alten China. Die Feudalherren tragen heute Nadelstreifen statt mit Drachen bestickte Seidenkaftans, aber an ihrem Charakter hat sich nicht das Geringste geändert. Wer unter Ihnen eine Situation wie die beschriebene zu erwarten hat, darf Zuversicht aus Laotses Worten schöpfen: Wer Einhalt zu tun weiß, kommt nicht in Gefahr und kann ewig dauern. Der Mensch des Tao weiß, wann er sich bei diesem Tanz ums goldene Kalb zurückhalten muss. Er macht das wahnwitzige Rennen um immer mehr Geld und Einfluss nicht mit. Sein Wissen um seine Identität, selbst mit diesem ihn umgebenden Wahnsinn, macht ihn unverwundbar. Auch wenn rechts und links von ihm die Traumgebäude seiner gierigen Mitmenschen einstürzen, bleibt sein Dasein verschont. Inmitten einer nach zweieinhalb Jahrtausenden noch immer unverändert chaotischen Welt bleibt seine Position fest und unverrückbar wie der Fels in der Brandung. Die Harmonie des Lebens eines Menschen, der im Geist des Nichthandelns der kollektiven Gier abschwört, wird niemals in Gefahr geraten.

 

 

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Weihnachten 2025

Weihnachten 2025Allen Taolesern und Taoleserinnen wünsche ich frohe Weihnachten und ein                                                      gutes  Neues Jahr!                                                                   

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An der Quelle des Tao 35

Wer das große Urbild festhält, zu dem kommt die Welt.

 Sie kommt und wird nicht verletzt,in Ruhe, Gleichheit und Seligkeit.

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Du schaust nach ihm und siehst nichts Besonderes.

Du horchst nach ihm und hörst nichts Besonders.

Du handelst nach ihm und findest kein Ende.

Chuang tzu kommentiert Laotses 35. Spruch in Gestalt eines erfundenen Dialoges zwischen Liehtse und einem Mann namens Kuanyin. In diesem Gespräch wird Liehtse, der in seinem Werk die Herrschaft des Geistes über den Stoff betont, von seinem fiktiven Gesprächspartner über die Hauptströmungen des Denkens belehrt. (Kuanyin war der Wächter des Passes, der Laotse überredete, das Buch vom Tao zu schreiben.)

„Der vollkommene Mensch geht unerkannt in der Welt umher und begegnet keinen Hindernissen“ sagte Liehtse zu Kuanyin. „Er schreitet auf Feuer, ohne die Hitze zu fühlen, und wandert furchtlos auf großen Höhen. Wie vermag er das zu tun?“

„Das kommt von der vollkommenen Konzentration des Geistes“, erwiderte Kuanyin. „Er gehört einer völlig anderen Seinsordnung an als menschliche Klugheit und physischer Mut. Lasst mich das erklären: Alles, was Ton, Farbe und Aussehen besitzt, gehört zu den stofflichen Dingen. Ein stoffliches Ding kann von einem anderen stofflichen Ding nicht allzu weit entfernt sein und kann von ihm aus nicht in die Nicht-Sinnenwelt hinaufreichen. Aber die Dinge sind aus dem Gestaltlosen geschaffen und kehren zum Unvergänglichen zurück. Wer an dem Tao festhält und ihm immerfort nachstrebt, kann durch die stofflichen Dinge nicht behindert werden.“

Lin Yutang fasst den Kommentar zusammen: Das Ergebnis einer solchen Vermengung von Tun und Nichttun, eines Lebens, das sich sowohl oberhalb der Welt, als auch notwendigerweise innerhalb derselben abspielt, ist eine Geisteshaltung, die man Milde oder Reife nennen könnte, und die die Haupttugend des Taoisten ist.

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An der Quelle des Tao 79

Versöhnt man großen Groll, und es bleibt noch Groll übrig,

wie wäre das gut?

Darum hält der Berufene sich an seine Pflicht

und verlangt nichts von anderen.

Darum: Wer LEBEN hat, hält sich an seine Pflicht,

wer kein LEBEN hat, hält sich an sein Recht.

Der große Groll ist in unseren Tagen leider überall auf der Welt in Gestalt von Gewaltbereitschaft zu finden. Wir selbst sind nicht frei davon. Gewiss erinnern Sie sich an Situationen, in denen Sie am liebsten, wie man im Volksmund sagt, mit Eisenbahnschienen dreingeschlagen hätten. Laotse wusste einst auch ohne Studium der Psychologie, dass selbst bei einem Lebensmodell der Gewaltlosigkeit im menschlichen Stammhirn Rudimente urtümlicher Gewaltbereitschaft schlummern. Dass so etwas nicht gut ist, braucht er uns in seinem neunundsiebzigsten Spruch nicht erst mit seiner Frage „wie wäre das gut?“ unter die Nase zu reiben. Ihr Gehirn – und natürlich auch meines – ist das Gehirn der Menschheit, das sich in Jahrmillionen zu seinem heutigen Stand entwickelt hat. Mit seinen Überbleibseln aus der Reptilienvergangenheit scheint es noch immer nicht genügend Zellverbände entwickelt zu haben, die ein friedliches Zusammenleben mit Artgenossen, geschweige denn mit anderen Lebewesen garantieren. Immerhin hat die Vernunft insoweit gesiegt, dass es inzwischen weltweite Abkommen gegen den Missbrauch von Massenvernichtungswaffen gibt, so dass unser Planet wohl noch eine längere Zeitspanne unter seinen Bewohnern wie unter Parasitenbefall zu leiden haben wird. Nichtsdestoweniger, und allen Heils- und Friedensbotschaften zum Trotz, bleibt nach der Versöhnung leider noch eine gewaltige Restmenge des großen Grolls übrig. Menschen hassen sich, und dies primär ihrer unterschiedlichen Überzeugungen wegen. Dass die Güter dieser Welt ungerecht verteilt sind, ist kein Geheimnis. Die Massen leiden unter der Raffgier und den Monopolen der Reichen. Aber dort, wo man sich zur Wehr setzt, sind nicht etwa diese Monopolisten die Opfer – es sind nur ähnlich Arme, die zu ihrem Pech eben eine andere Weltanschauung haben als die verzweifelten Aggressoren. Laotse hat die einstigen Zustände beinahe höflich kritisiert, aber man spürt beim Hineinfühlen doch die Resignation heraus, mit der die Zeilen verfasst worden sind. Weiterlesen

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La Costa im Oktober

Im Oktober gibt es noch ein paar freie Zeiten in den Ferinwohnungen.

Ich habe euch ein paar Herbstbilder von La Costa mitgebracht, um euch zu zeigen, wie schön es um diese Jahreszeit hier noch ist.

 

 

 

 

 

 

Das ist die Aussicht auf die herbstlichen Berge, in denen man jetzt noch wunderbar wandern kann.  Oder man legt sich einfach in den Liegestuhl auf dem Hof.

Die Yuccas blühen zum 2. Mal.

Die Bienen genießen die Herbstsonne

und die Gottesanbeterin frißt ihre BeuteMan kann in der Keramikwerkstatt selbständig arbeiten oder einen Kurs machen.

Auf dem Flügel in der Cantina üben 

 

 

 

 

 

oder mit anderen zusammen einen Kammermusikkurs belegen

Oder man bringt sich eigene Arbeiten mit und arbeitet auf dem Hof oder in der Werkstatt.

 

 

Man kann sich aber auch einfach in den Liegestuhl auf dem Fienile legen und die Stille genießen.

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An der Quelle des Tao 79

Versöhnt man großen Groll, und es bleibt noch Groll übrig,

wie wäre das gut?

Darum hält der Berufene sich an seine Pflicht und verlangt nichts von anderen.

Darum: Wer LEBEN hat, hält sich an seine Pflicht,

wer kein LEBEN hat, hält sich an sein Recht.

Der große Groll ist in unseren Tagen leider überall auf der Welt in Gestalt von Gewaltbereitschaft zu finden. Wir selbst sind nicht frei davon. Gewiss erinnern Sie sich an Situationen, in denen Sie am liebsten, wie man im Volksmund sagt, mit Eisenbahnschienen dreingeschlagen hätten. Laotse wusste einst auch ohne Studium der Psychologie, dass selbst bei einem Lebensmodell der Gewaltlosigkeit im menschlichen Stammhirn Rudimente urtümlicher Gewaltbereitschaft schlummern. Dass so etwas nicht gut ist, braucht er uns in seinem neunundsiebzigsten Spruch nicht erst mit seiner Frage „wie wäre das gut?“ unter die Nase zu reiben. Ihr Gehirn – und natürlich auch meines – ist das Gehirn der Menschheit, das sich in Jahrmillionen zu seinem heutigen Stand entwickelt hat. Mit seinen Überbleibseln aus der Reptilienvergangenheit scheint es noch immer nicht genügend Zellverbände entwickelt zu haben, die ein friedliches Zusammenleben mit Artgenossen, geschweige denn mit anderen Lebewesen garantieren. Immerhin hat die Vernunft insoweit gesiegt, dass es inzwischen weltweite Abkommen gegen den Missbrauch von Massenvernichtungswaffen gibt, so dass unser Planet wohl noch eine längere Zeitspanne unter seinen Bewohnern wie unter Parasitenbefall zu leiden haben wird. Nichtsdestoweniger, und allen Heils- und Friedensbotschaften zum Trotz, bleibt nach der Versöhnung leider noch eine gewaltige Restmenge des großen Grolls übrig. Menschen hassen sich, und dies primär ihrer unterschiedlichen Überzeugungen wegen. Dass die Güter dieser Welt ungerecht verteilt sind, ist kein Geheimnis. Die Massen leiden unter der Raffgier und den Monopolen der Reichen. Aber dort, wo man sich zur Wehr setzt, sind nicht etwa diese Monopolisten die Opfer – es sind nur ähnlich Arme, die zu ihrem Pech eben eine andere Weltanschauung haben als die verzweifelten Aggressoren. Laotse hat die einstigen Zustände beinahe höflich kritisiert, aber man spürt beim Hineinfühlen doch die Resignation heraus, mit der die Zeilen verfasst worden sind. Weiterlesen

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Ferien abseits vom Mainstream

Die Ruhe mit Blick auf die Berge

Man muss kein/e Taoist/in sein, um auf La Costa einen Urlaub zu verbringen. Wer die Natur liebt, die Stille nach dem hektischen Alltag sucht und nicht mehr auf der Suche ist nach spektakulären Highlights findet hier eine Ferienwohnung, die all das nicht bietet, was andere anpreisen. Es gibt keinen Swimmingpool, keine Wellnessanlage, keinen Fitnessraum, keinen Fernseher und keine Gästebespaßung.

Dafür ein altes, liebevoll renoviertes Weinbauernhaus mit 2 Ferienwohnungen, die das bieten, was man in den Ferien wirklich braucht. Einen Wohnraum mit Küche – Gasherd, Kühlschrank, Geschirr, Kaffeemaschine – ein Schlafzimmer mit Doppelbett – Kinderbett oder zusätzliches Klappbett auf Anfrage – und ein Bad mit Dusche, Waschbecken und WC.

Außerdem Sitzplätze auf dem Hof, im Garten und in der Veranda.

Weitere Informationen und viele Fotos auf http://www.cascinalacosta.com

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An der Quelle des Tao 37

 

Das Tao ist ewig ohne Machen, und nichts bleibt ungemacht.

Wenn Fürsten und Könige es zu wahren verstehen,

werden alle Dinge sich von selber gestalten.

Gestalten sie sich und es erheben sich die Begierden,

so würde ich sie durch namenlose Einfalt bannen.

Namenlose Einfalt bewirkt Wunschlosigkeit.

Wunschlosigkeit macht still, und die Welt wird von selber recht.

 

Laotses 37. Spruch enthält den berühmten Satz vom unbewegten Tao, das dennoch nichts ungetan lässt. Die Verben „machen“ und „ungemacht“ sind sprachlich nicht schön, aber so hat es der Übersetzer eben gewollt, beziehungsweise aus den chinesischen Schriftzeichen herausgelesen. Ich ziehe in unserer modernen Sprache die Formulierung „und dennoch bleibt nichts unerledigt“ vor, aber wie man es auch ausdrückt, die Inhalte des Tao te king müssen von innen heraus verstanden werden und die Sprache ist letztlich die kleinere Hürde, die bei der Beschäftigung mit dem Taoismus zu nehmen ist. Lin Yutang kommentiert die englische Übersetzung des Spruches auch nicht gerade allgemeinverständlich: Der Spruch behandelt die These, dass Ruhe und Untätigkeit den Zustand der unverdorbenen Natur, der Quelle der Macht darstellen. Gleichzeitig ist uns aber auch klar, dass eine völlige Abkehr von aller Tätigkeit unmöglich ist, da wir ja in der Menschenwelt leben. Man gelangt somit zu der sich daraus ergebenden Haltung einer milden Passivität, einer nachsichtigen Gelassenheit als der weisesten Lebensform. In dem Spruch findet sich die vielleicht vollständige Schilderung der Lehre von der Untätigkeit, die sich auf  die Nachfolge der Natur und des schweigenden Wirkens des Alls gründet und gelassene Passivität sowie eine milde, gereifte Haltung als die Einstellung des Weisen zum Leben empfiehlt. 

Vom Standpunkt der Quantenphysik ließe sich das Wirken des Tao in die Kategorie „Selbstorganisation“ einordnen. Das Tao wäre das „Feld“ der Physiker, dessen unerschöpfliche Energie die Teilchen zum Tanzen bringt. Könnte man Laotse im Jahr 2009 mit der neuzeitlichen Physik samt der Kopenhagener Deutung bekannt machen, möchte ich wetten, dass er gegen diese Auslegung Einwände vorzubringen hätte. Er würde geltend machen, die Wissenschaft könne nur Wirkungen analysieren und beschreiben, aber dennoch die Ursache nicht kennen. Bereits „Feld“ oder wie immer man die Quelle aller Lebensenergie taufen wolle, sei letztlich nur das Synonym für „Unbekannt“, eine Behelfsbrücke, welche die Kluft zwischen dem Analysierten und seiner nicht beschreibbaren Quelle überbrücken solle. Dafür wäre Laotse freilich fähig, den Forschern ein anderes Phänomen zu erklären, das seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1927 das Rätsel um die Funktion des menschlichen Bewusstseins so unlösbar erscheinen lässt: die Tatsache nämlich, dass subatomare Prozesse anscheinend nur dann geschehen, wenn sie jemand beobachtet. Dass ohne den Beobachter absolut nichts stattzufinden scheint. Und dass der lineare Verlauf der Zeit auf dieser kleinsten materiellen Ebene offenbar ebenfalls außer Kraft gesetzt ist. Der Verfasser der 81 Sprüche des Tao te king würde lächelnd die uralte Frage, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war, als Beispiel wählen. Laotses weise Züge würden zum Grinsen werden, wenn er sagte: Ohne eure Beobachtung gibt es weder Ei noch Huhn. Und das Huhn war ebenso zuerst da wie das Ei. Denn das Huhn legt das Ei, aus dem es Wochen später selber schlüpft. Weiterlesen

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An der Quelle des Tao 23

Macht selten die Worte, dann geht alles von selbst.

Ein Wirbelsturm dauert keinen Morgen lang.

Ein Platzregen dauert keinen Tag.

Und wer wirkt diese? Himmel und Erde.

Was nun selbst Himmel und Erde nicht dauernd vermögen,

wie viel weniger kann das der Mensch?

 

Darum: Wenn du an dein Werk gehst mit dem TAO,

so wirst du mit denen, die das TAO haben, eins im TAO,

mit denen die das LEBEN haben, eins im LEBEN,

mit denen, die arm sind, eins in ihrer Armut.

Bist du eins mit ihnen im TAO,

so kommen dir die, die das TAO haben, auch freudig entgegen.

Bist du eins mit dem LEBEN,

so kommen dir die, die das LEBEN haben, auch freudig entgegen.

Bist du eins mit ihnen in ihrer Armut,

so kommen dir die, die da arm sind, auch freudig entgegen.

Wo aber das Vertrauen nicht stark genug ist, da findet man kein Vertrauen.

Ich hoffe, Sie empfinden meine Stellungnahmen zu Laotses Weisheit nicht wie eine Art Bibelstunde, in der Ihnen an Stelle der Heiligen Schrift das Tao te king ausgelegt wird. Als ich den 23. Spruch herausgeschrieben hatte, empfand ich große Lust, ihn ohne jeden Kommentar zu liefern. Nach den vielen wortreichen Ausführungen über Laotses Weisheit müssten Sie eigentlich das Wesen des alten Taoisten so weit verstehen, dass Sie ohne besondere Gehirnakrobatik von sich aus den Inhalt interpretieren könnten. Falls Sie mitmachen, würde ich vorschlagen, dass Sie an dieser Stelle mit Lesen aufhören und sich den Spruch erst einmal zu Gemüte führen und in sich hineinhorchen, was er Ihnen sagt. Und wenn Sie ihn verstehen, dann haben Sie die Wahl, weiter zu lesen oder es sein zu lassen. Ein Vergleich zwischen Ihrer Einsicht und der meinen ist ohnehin relativ. Sie sind nirgendwo verpflichtet, zu gleichen Einsichten wie ein anderer zu kommen, gleich, um wen es sich handelt. Die Freiheit von Autorität ist wichtiger als etwaige Übereinstimmungen bei der Interpretation von Laotses Weisheiten. Der Grundsatz, von dem beim Lesen der Texte auszugehen ist, steht bereits am Anfang des Tao te king, nämlich, dass wir über das Tao nichts wissen können, und jeder Versuch, es zu beschreiben, zum Scheitern verurteilt ist, weil er nur falsche Resultate liefern würde. Ein Kritiker glossierte schon damals Laotses Widersprüchlichkeit, wenn er über ein Ding, von dem seinen eigenen Maximen zufolge kein Mensch etwas wissen kann, einundachtzig Sprüche fabriziert. Die Inhalte der Sprüche rechtfertigen das Werk trotzdem. Laotse lässt dem Tao seine Anonymität, aber er bringt uns dem Grund näher, indem er seine Auswirkungen auf unser Alltagsverhalten beschreibt und Hinweise gibt, wie ein Mensch, der dem Tao folgen möchte, sein Denken umgestalten sollte. Weiterlesen

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An der Quelle des Tao 29

  Die Welt erobern und behandeln wollen, ich habe erlebt, dass das misslingt.

Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf.

Wer sie behandelt, verdirbt sie, wer sie festhalten will, verliert sie.

Die Dinge gehen bald voran, bald folgen sie, bald brauchen sie warm, bald blasen sie kalt,

bald sind sie stark, bald sind sie dünn, bald schwimmen sie oben, bald stürzen sie.

Darum meidet der Berufene das Zusehr, das Zuviel, das Zugroß.

Der hier wiedergegebene 29. Spruch gehört zu den Texten, die Laotse primär an die herrschende Schicht des Staates adressiert hat. Aber er trifft im gleichen Maß das Individuum, denn es sind nicht nur die Lenker eines Landes, die niemals genug bekommen, es gibt Millionen machtgieriger Zeitgenossen, auf die das ebenso zutrifft. Es ist schwer zu sagen, ob bei diesen Menschen die Gier nach Macht größer ist als die Gier nach Geld, wahrscheinlich vereinigt sich beides in ihrem kranken Gehirn. Wenn ich Bilder von der Not der Menschen in Afrika und der übrigen dritten Welt sehe, kommen mir wirklich Zweifel, ob der Homo Sapiens soviel Verstand hat, wie er zu besitzen sich anmaßt. Schon der Ausdruck „Dritte Welt“ ist eine Blasphemie. Die Erste und Zweite Welt zu sein beanspruchen Staaten mit einer Wirtschaftsordnung, in der die Reichen das Sagen haben. In denen, begonnen beim kleinen Hausmeister, jeder sich aufbläst und über andere herrschen will. Staaten mit einem funktionierenden Gesundheits- und Sozialsystem, in denen nichtsdestoweniger mehr als die Hälfte  der Bevölkerung gerade mal eben nicht hungern und frieren muss.  In der Dritten Welt herrschen darüber hinaus Korruption, Hunger, Krankheiten und eine noch gnadenlosere Hackordnung. Da muss man sich wirklich fragen, was sich in den letzten zweitausend Jahren im Neocortex unseres Gehirns positiv verändert hat. Fast will es scheinen, als ob unsere Großhirnrinde mehr als je zuvor in Richtung „Beherrschung der Welt“ mutieren würde. Wer geistig zu schwach dafür gebaut ist, versucht zumindest, den eigenen Mikrokosmos zu Lasten seiner Mitmenschen zu regieren. Vor dieser Geisteshaltung warnte Laotse damals schon. Weiterlesen

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