An der Quelle des Tao 5

Himmel und Erde sind nicht gütig. Ihnen sind die Menschen wie stroherne Opferhunde.

Der Berufene ist nicht gütig. Ihm sind die Menschen wie stroherne Opferhunde.

Der Zwischenraum zwischen Himmel und Erde ist wie eine Flöte,

leer und fällt doch nicht zusammen; bewegt kommt immer mehr daraus hervor.

Aber viele Worte erschöpfen sich daran. Besser ist es, das Innere zu bewahren.

Dieser fünfte Spruch aus dem Tao te king wäre wohl das Letzte, was ein Texter in einen Werbeprospekt für den Taoismus aufnehmen würde. Er sagt auf den ersten, eigentlich auch auf den zweiten oder dritten Blick nichts aus, was einen Menschen auf der Suche nach dem Sinn ansprechen könnte. Die Aussage zeichnet offenbar das Bild einer Philosophie ohne Mitgefühl und wirkt ziemlich abschreckend auf den Betrachter. In einer anderen Übersetzung des Spruches wird die Negation noch deutlicher: „Die Natur (das Tao) ist ungütig.“ „Der Weise ist ungütig.“ Im Grunde bewundere ich Laotses Mangel an Hemmungen, die Lehre vom Tao so kompromisslos vorzutragen. Ihm fehlen alle Bedenken vor möglichen Missverständnissen, hier wird dem Leser und Nachfolger eine Menge abgefordert. Weiterlesen

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An der Quelle des Tao 49

Der Berufene hat kein eigenes Herz. Er macht das Herz der Leute zu seinem Herzen.

Zu den Guten bin ich gut, zu den Nichtguten bin ich auch gut;

denn das LEBEN ist die Güte.

Zu den Treuen bin ich treu, zu den Untreuen bin ich auch treu;

denn das LEBEN ist die Treue.

Der Berufene lebt in der Welt ganz still und macht sein Herz für die Welt weit.

Die Leute alle blicken und horchen nach ihm.

Und der Berufene nimmt sie alle an als seine Kinder.

 

In seinem 49. Spruch modelliert Laotse das Bild eines Menschen, der die Grundsätze der taoistischen Philosophie umfassend verstanden hat und sie in seinem Leben in die Praxis umsetzt. Mir gefällt die Abwesenheit von Forderungen in diesem Text. Nirgendwo steht: „du sollst, du musst“ oder gar „wehe wenn du nicht.“ Laotse beschreibt den Zustand seines eigenen Herzens und er legt unmittelbar ein Bekenntnis über sein eigenes Verhalten anderen Menschen gegenüber ab. Eigentlich spricht der Text eine so klare Sprache, dass eine Erläuterung beinahe zum Vergehen an dieser Klarheit wird. Denn deutlicher lässt sich die Thematik des umfassenden Mitgefühls, der praktizierten kollektiven Identität mit so wenigen Zeilen kaum darstellen. Weiterlesen

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Dao

Ein Leser der Taobaustelle hat mir ein Gedicht geschickt, das ich gerne hier veröffentliche.

                                 In fernen Tagen, wenn

                                 Licht und Finsternis,

                                Herz und Verstand,

                               Wasser und Stein,

                               Welle und Teilchen,

                               Gedanke und Erinnerung,

                               Durch nichts

                              Sich unterscheiden,

                             Werden wir eingehen

                            In die Ewigkeit

                           Von Raum und Zeit

                           Am Ziel einer langen Reise,

                          Und niemand wird

                         Je von ihr erzählen.

                        Poetische Schwingungen,

                        Zarter Klang stummer Töne,

                       In allen Farben

                       Konturloses Schweigen.

                      Der Morgen danach

                     Wird ertrinken im Meer

                     Unendlicher Schönheit.

                                       (Matthias Stark)

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An der Quelle des Tao 47

Ohne aus der Tür zu gehen, kennt man die Welt.

Ohne aus dem Fenster zu schauen, sieht man den SINN des Himmels.

Je weiter einer hinausgeht, desto geringer wird sein Wissen.

Darum braucht der Berufene nicht zu gehen und weiß doch alles.

Er braucht nicht zu sehen und ist doch klar.

Er braucht nichts zu machen und vollendet doch

In seinem Buch Der Lauf des Wassers weist Alan Watts auf die Verbindung zwischen Laotses Frage „Woher weiß ich dies alles?“ und „Ohne aus der Tür zu gehen, kennt man die Welt“ hin. Rupert Sheldrake betont in seinem Titel Das Gedächtnis der Natur gleichfalls diese Aussage. Er berichtet, wie Vögel und Säugetiere irgendwo auf der Welt in einer begrenzten Region neue Techniken der Nahrungsbeschaffung oder des Überlebens entdecken. Ohne Kontaktmöglichkeit zu Angehörigen der gleichen Gattung in anderen Erdteilen überträgt sich dieses Wissen dennoch auf geheimnisvolle Weise fernwirkend auf ihre Artgenossen. Sheldrake lässt uns in seinen Fallbeispielen wissen, wie eng die Dinge auf einer in der Natur gar nicht so unsichtbaren Ebene miteinander verbunden sind. Weiterlesen

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An der Quelle des Tao 27

27

Ein guter Wanderer lässt keine Spur zurück. Ein guter Redner braucht nichts zu widerlegen.                                                                                                                                                 Ein guter Rechner braucht keine Rechenstäbchen. Ein guter Schließer braucht nicht Schloss noch Schlüssel,  und doch kann niemand auftun.                                                         Ein guter Binder braucht nicht Strick noch Bänder, und doch kann niemand lösen.

Würde Sie in diesem Moment jemand auffordern, ihm zu beschreiben, wie Vanillepudding mit Himbeersauce schmeckt, blieben Ihnen nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie würden mit Begriffen wie ‚aromatisch-süß’ und ‚herb-fruchtig’ Hinweise zu geben versuchen, die kein Mensch verstünde, der diesen Nachtisch noch nie gekostet hat oder Sie würden gleich passen, weil sich über Erlebnisse der Geschmacksnerven vielleicht streiten, aber einem anderen verbal unmöglich verständlich machen lässt. Wer jedoch jemals Vanillepudding mit Himbeersauce aß, wird auf der Stelle um ihren Wohlgeschmack wissen, weil in den Zellverbänden seines Gehirns die Erinnerung an das Gaumenerlebnis gespeichert ist. Entsprechend der Schwierigkeit, eine Erfahrung zu schildern, die nur jene verstehen, denen sie schon einmal widerfuhr, stellte sich einst Laotse das Problem, wie er seinem Publikum das Phänomen Intuition nahe bringen sollte. Ihm blieb als Alternative zu metaphysischem Geschwätz nur das Gleichnis übrig – und dessen bedient er sich in seinem 27. Spruch. Weiterlesen

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An der Quelle des Tao 41

41
Wenn ein Weiser höchster Art vom Tao hört,
so ist er eifrig und tut danach.
Wenn ein Weiser mittlerer Art vom Tao hört,
so glaubt er halb, halb zweifelt er.
Wenn ein Weiser niedriger Art vom Tao hört,
so lacht er laut darüber.
Wenn er nicht laut lacht,
so war es noch nicht das eigentliche Tao.

Die feine Ironie des Meisters, die in diesen einleitenden Zeilen des 41. Verses zum Ausdruck kommt, setzt sich mit der Torheit so genannter Erleuchteter auseinander. Der Weise höchster Art ist im Grunde die Karikatur eines Weisen. Er gibt vor, alles zu verstehen und führt dies durch ein theatralisches äußeres Verhalten vor. Dieser Typ hat deutlich Ähnlichkeiten mit jenen Gurus, die aus Indien zu uns kamen, um dem westlichen Menschen die Erleuchtung zu bringen. Sie machten ihr Glück, richtiger, ihr Vermögen bei uns, weil ihr exotischer Reiz und ihre kryptischen Verheißungen von Erleuchtung, freier Liebe und Besitzlosigkeit eine große Zahl von Narren anzog, die ihnen folgten wie einst die Kinder dem Rattenfänger von Hameln. Laotse drückt aus, dass der „höchste“ Weise übertreibt, an anderer Stelle setzt er seine Kritik an diesem Menschentyp fort, indem er diesen höchsten Weisen mit einem Tal vergleicht, wobei Tal hier für Hohlraum steht, wie Chuang tzu dazu vermerkt. Der höchste Charakter scheint ungenügend – sein äußeres Auftreten ist Schauspielerei, die seine Hohlheit verbirgt. Obendrein entlarvt sein Eifer flagrant seine Unkenntnis, wie Nichthandeln funktioniert. Es ist schrecklich, ein solcher Weiser zu sein, der seiner Welt ohne Pause beweisen muss, wie weise er ist, dessen gesamtes äußeres Verhalten vor Weisheit trieft, der sich Fehlerfreiheit aufs Panier geschrieben hat – und damit ein extrem hohes Maß an Unfreiheit als Preis für sein Image als Weiser bezahlt. Krishnamurti beschuldigte diese Art von Gurus, sie würden ihre Nachfolger zerstören, damit aber zugleich sich selbst. Weiterlesen

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An der Quelle des Tao 13

Gnade ist beschämend wie ein Schreck. Ehre ist ein großes Übel wie die Person.            Was heißt das: „Gnade ist beschämend wie ein Schreck“?                                                  Gnade ist etwas Minderwertiges. Man erlangt sie und ist wie erschrocken.                          Man verliert sie und ist wie erschrocken.                                                                                    Das heißt: „Gnade ist beschämend wie ein Schreck“.                                                               Was heißt das: „Ehre ist ein großes Übel wie die Person“?                                                     Der Grund, warum ich große Übel erfahre, ist, dass ich eine Person habe.                       Habe ich keine Person, was für Übel könnte ich dann erfahren?

 

Laotses dreizehnter Spruch zeichnet sich stärker als manche anderen durch die Schwierigkeit aus, ihn überhaupt zu verstehen. Was Sie oben lesen, ist die Übersetzung von Richard Wilhelm, die ich, wie schon öfter erwähnt, wegen ihrer Nähe zum Urtext schätze. Speziell dieser Spruch ist in vielen anderen Übersetzungen kaum wiederzuerkennen. Um ihn les- und verstehbarer zu machen, wurde kräftig interpretiert. Was ich nicht unbedingt für falsch halte, wenn die subjektive Auslegung des Übersetzers im Anschluss an den dem Original nahen Text geschieht – dies habe ich in den folgenden Absätzen ja auch vor. Lassen Sie aber den Spruch einmal auf sich einwirken, bevor Sie weiter lesen. Es ist wie mit einem Gedicht von Rilke. Man kann sich einen Abend lang mit mehreren Personen über seine Poesie unterhalten und jeder wird in den Worten eine andere Bedeutung finden. So ist es durchaus wahrscheinlich, dass Sie aus dem Spruch Einsichten ableiten, die Sie schlicht und einfach durch die Tatsache gewinnen, was Substantive wie Gnade, Schreck, Übel oder Person Ihnen sagen. Im Christen wird Gnade Assoziationen von Sünde, Schuld und Vergebung wecken, ein Dienstbote erkennt in dem Wort die „gnädige“ Frau, den „gnädigen“ Herrn. Und wer in seinem Leben Herausforderungen ausgesetzt ist, wo er auf die Zustimmung übergeordneter Personen angewiesen ist, wird Gnade eher als Wohlwollen, Gunst oder ganz primitiv als Lob ansehen. In meinen Stellungnahmen zu Laotse ist geistige Erbauung zwar erwünscht, aber mehr als Nebenwirkung des eigentlichen Zieles gedacht, nämlich, aus den uralten Texten die Hinweise zur Realisierung des WEGES zu schöpfen. Darum neige ich bei Laotses Vers zur Auslegung von Lin Yutang, der bereits für die Überschrift die Begriffe „Lob und Tadel“ wählte. So besehen, befasst sich der kryptische Inhalt von Laotses Text mit den nur allzu menschlichen Konflikten, die mit unserem Bedürfnis nach Ehre, Anerkennung und Lob zusammenhängen und unserer Angst vor den Auswirkungen ihrer Gegenpole Schmach, Ablehnung und Tadel. Weiterlesen

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Des großen Lebens Inhalt folgt ganz dem Tao

21

Des großen Lebens Inhalt folgt ganz dem Tao.                                                                           Das Tao bewirkt die Dinge. So chaotisch, so dunkel.                                                             Chaotisch, dunkel sind in ihm Bilder.                                                                                     Dunkel, chaotisch sind in ihm Dinge.                                                                                    Unergründlich finster ist in ihm Same.                                                                                    Dieser Same ist ganz wahr. In ihm ist Zuverlässigkeit.                                                                                                                                 Von alters bis heute sind die Namen nicht zu entbehren,                                                              um zu überschauen alle Dinge.                                                                                                 Woher weiß ich aller Dinge Art? Eben durch sie.

Den einundzwanzigsten Spruch Laotses habe ich wegen der letzten Zeile ausgewählt, weil diese in aller Klarheit sagt, wie sich das taoistische Denken den grundlegenden Fragen des Seins nähert. Doch sobald ich die einleitenden Sätze überlas, wurde mir bewusst, dass ich Ihnen Laotses gewaltige Stellungnahme zum Schöpfungsprozess nicht unterschlagen durfte. Um das Jahr 500 vor der Zeitrechnung gab es zwar Astronomen, aber noch lange nicht die Chaostheorie, die ihre Existenzberechtigung erst durch die Einsichten der Astrophysik bekam. Laotse beschreibt mit leidenschaftlichen Worten das Dunkel vor der Geburt der Welten und das Chaos im Universum, von dem wir erst in unserer Zeit dank der leistungsstarken Radioteleskope erfahren. Im Tao te king blickt er um Milliarden Jahre zurück und klärt in knappen Worten auf, wie das Tao die Dinge aus dem Nichts  hervortreten ließ. Laotse fand in der Beobachtung des Universums und damit in sich selbst die Nachrichten vom Chaos im Weltraum. Ohne die Hilfe eines Hubble-Teleskopes durfte er bezeugen, wie in unvorstellbar ferner Vergangenheit Sonnen explodierten und zu Nebeln wurden, wie die Galaxien sich formten, und er erfuhr von der Geburt junger Sterne. Wir mögen Laotses Kommentar zum Chaos, aus dem alles Geschaffene hervorgeht, als zu knapp, zu pauschal empfinden. Aber was bekommen wir denn in unseren Tagen außer phantastischen Bildern und den Kommentaren der Astrophysiker weiter geboten? Ihre Hypothesen bleiben auf Prozesse beschränkt, in denen aus dem Chaos bereits berechenbare Ordnungszustände hervorgegangen sind. Das Chaos selbst bleibt noch immer unbeschreiblich. Konstellationen, die wir begreifen, verändern sich zwar weiterhin, aber analog unserem Zeitgefühl unendlich langsam. Darum können wir trotz des nach wie vor chaotischen Verhaltens des Schöpfungsprozesses Muster ableiten, die zumindest für ein paar Jahrtausende stabil bleiben oder in dieser Spanne nur geringfügig mutieren. Nichtsdestoweniger ist die Evolution nicht von einem bestimmten Datum an abgeschlossen. Sie ist ein Kontinuum, welches das Universum nach wie vor verändert. Der unergründliche, finstere Same des Tao wirkt weiter. Weiterlesen

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Weihnachten 2018

Allen Leserinnen und Lesern der Taobaustelle wünsche ich ein ruhiges , friedliches Weihnachtsfest und alles Gute für das Jahr 2019!

Diesmal zu Weihnachten ein Winter- und ein Sommerbild. So wie oben sieht es zum Glück noch nicht aus, und ich hätte auch nichts dagegen, wenn mir diese Schneemassen nächstes Jahr erspart blieben. Aber dafür sieht es im Frühling dann wieder so aus.

Und dann ist La Costa auch wieder offen für Gäste. Ich freu mich drauf. Sabine

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Dialog im Herbst

Heute ist Theos fünfter Todestag. Viele von euch werden die Geschichte, die er vor ca. 25 Jahren geschrieben hat schon kennen, aber manche vielleicht auch nicht

Droben in der Krone des knorrigenBaumes hing noch ein einzelnes Blatt. Es klammerte sich mit letzter Kraft an den Zweig, dem es im Frühling entsprossen war. Gelb und durchscheinend, ohne eine Spur des einstigen Grüns, bewegte es sich im Wind. Alle anderen Blätter  moderten bereits am Fuße des Stammes, strömten als Nährstoff dem Wurzelgeflecht zu, den Kreislauf der Natur vollendend. „Was hält dich noch?“ fragte der Baumdas Blatt, „lass endlich los und begib dich zur Ruhe.“ Weiterlesen

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Das Piemont – eine der schönsten Reiseregionen!

Reisepläne für nächste Jahr?  Wie wäre es mit dem südlichen Piemont? Steht grade auf Platz 1 der sehenswerten Urlaubsziele für 2019.

https://www.lonelyplanet.com/best-in-travel/regions?fbclid=IwAR2RPTFNINvvVUV6ZTKYooLc984sRQ4xzmEilZe2uJxE5mNbC9_3gFNsDQ0

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Was du zusammendrücken willst, das musst du erst richtig sich ausdehnen lassen.

36

Was du zusammendrücken willst, das musst du erst richtig sich ausdehnen lassen.       Was du schwächen willst, das musst du erst richtig stark werden lassen.                        Was du vernichten willst, das musst du erst richtig aufblühen lassen.                              Wem du nehmen willst, dem musst du erst richtig geben.

Als Eröffnung möchte ich an Stelle einer metapherschweren Auslegung des Laotse-Textes eine kleine Episode zum Besten geben, in der speziell die Anwendung der Ratschläge aus dem 36. Spruch zum Tragen kommt. Wir hatten 1996 bereits unser Haus in Frankreich via Vorvertrag an ein deutsches Architekten-Ehepaar verkauft, als der Besitzer unseres Objektes in Italien auf Drängen seiner Kinder die Zusage zurücknahm, es uns zu geben. Weihnachten stand vor der Tür und wir lebten quasi in einem Haus, das uns juristisch nur noch bedingt gehörte. Nach den Feiertagen rief uns der französische Notar an und riet, wir sollten den notariellen Kaufvertrag noch vor Jahreswechsel ratifizieren, weil ab Januar die Grunderwerbsteuer drastisch erhöht werde. Wir mussten ergo entscheiden, ob wir unsere potenziellen Käufer weiter hinhalten sollten oder Nägel mit Köpfen machen samt dem Risiko, gewissermaßen für einige Zeit obdachlos zu sein. In dieser Situation kam mir das obige Zitat von Laotse in den Sinn und ich schritt zur Tat. Ich ging das Wagnis ein und informierte unsere Käufer, dass bis spätestens 31. Dezember aus den besagten Gründen der Kaufvertrag unter Dach und Fach gebracht werden müsse. Der Entschluss zahlte sich aus: das Käuferpaar lehnte empört den Weg zum Notar ab, man habe das Geld so kurzfristig nicht bereit und sie würden darum vom Vorvertrag mit sofortiger Wirkung zurücktreten. Wir hatten also unser Haus mit allen Rechten wieder – Laotses Rat hatte ins Schwarze getroffen. Weiterlesen

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Wiederkehr ist die Bewegung des Tao

40

Wiederkehr ist die Bewegung des Tao                                                                                Sanftheit ist die Wirkung des Tao                                                                                                      Alle Dinge dieser Welt entstehen aus dem Sein                                                                           Das Sein entsteht aus dem Nichtsein

Die im vorigen Jahrhundert gewonnenen Resultate wissenschaftlichen Forschens über die Beschaffenheit von Mensch und Welt bestätigen verblüffend, was einst Laotse beim intuitiven Betrachten herausfand – und was sogar Konfuzius, ein leidenschaftlicher Pragmatiker, eingestehen musste. Das Universum ist nicht das feste, unzerstörbare Gebilde, das uns die Lehren von Newton, Kopernikus oder – bezogen auf unser Bewusstsein – Descartes beschreiben. Es bildet sich nach einem unglaublich komplizierten Bauplan kontinuierlich aus dem Nichts und entschwindet in extrem kurzen Zyklen wieder dahin zurück. Wobei zu vermerken wäre, dass ohne dieses Nichts die sichtbaren Formen gar nicht erkennbar wären. Das Nichts ist es im Grunde, das jeder Form, jedem Geschöpf seine Gestalt erst möglich macht. Rechnet man unser Wissen um die eigene Sterblichkeit hinzu und die Erfahrung der oft nur begrenzten Haltbarkeit vieler Dinge, die uns etwas bedeuten – bis hin zur sich verändernden Landschaft – dann entsteht ein Weltbild, dessen Grundprinzip von Anfang an Wandel und Unbeständigkeit zu sein scheint. Weiterlesen

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Schaffe Leere bis zum Höchsten

16

Schaffe Leere bis zum Höchsten!  Wahre die Stille bis zum Völligsten!Alle Dinge mögen sich dann zugleich erheben.  Ich schaue, wie sie sich wenden.
Die Dinge in all ihrer Menge,  ein jedes kehrt zurück zu seiner Wurzel.Rückkehr zur Wurzel heißt Stille.  Stille heißt Wendung zum Schicksal,
Wendung zum Schicksal heißt Ewigkeit.  Erkenntnis der Ewigkeit heißt Klarheit.

Wenn Sie die obigen Zeilen aus Laotses 16. Spruch aufmerksam und eventuell mehr als einmal lesen, beginnen Sie vielleicht zu ahnen, dass hier in einer für uns ungewohnten Sprache die Antwort auf das steht, was die Philosophen seit Jahrhunderten zu entschlüsseln suchen. Der Text stammt aus der Übersetzung von Richard Wilhelm, den ich persönlich als den besten Kenner und seriösesten Interpreten des Taoismus einschätze. Es ist die Antwort auf die Sinnfrage. Sie ist nicht einfach zu verstehen, einmal wegen ihrer kaum mit unserer Alltagssprache konformen Wortwahl und zum anderen, weil wir zu ihrem Verständnis vorher die Grundannahme über unsere Individualität und die meisten unserer Glaubenssätze aufgeben müssten. In der Übersetzung Lin Yutangs liest der Spruch sich eine Idee verständlicher: Weiterlesen

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An der Quelle des Tao

64

Was noch ruhig ist, lässt sich leicht ergreifen.                                                                                Was noch nicht hervortritt, lässt sich leicht bedenken.                                                               Was noch zart ist, lässt sich leicht zerbrechen.                                                                             Man muss wirken auf das, was noch nicht da ist.                                                                         Man muss ordnen, was noch nicht in Verwirrung ist.                                                                  Ein Baum von einem Klafter Umfang entsteht aus einem haarfeinen Hälmchen.                  Ein neun Stufen hoher Turm entsteht aus einem Häufchen Erde.                                               Eine tausend Meilen weite Reise beginnt vor deinen Füßen.

Ehe Sie weiter lesen, hätte ich die Bitte, dass Sie den obigen Spruch zuerst auf sich einwirken lassen und in sich hinein lauschen, was er Ihnen zu Ihrer persönlichen Lebenssituation sagen möchte. Welche Assoziationen lösen Laotses Worte in Ihnen aus? Stellen sich Gedanken an Gewohnheiten ein, an Anfänge, die einst Spinnweben waren, heute aber zu Drähten geworden sind, zu Fesseln, die sich nicht mehr so leicht abstreifen lassen? Was noch ruhig ist, lässt sich leicht ergreifen. Der Satz, für sich allein stehend, klingt harmlos. Er gewinnt in dem Maß an Gewicht, in dem sich in unserem Leben eine Krise zusammenbraut. Nehmen wir uns zur Verdeutlichung ein simples Beispiel vor, einen schleichenden Vorgang, dessen Anfänge selten die spätere Gefahr erkennen lassen: An einem kalten Wintertag bietet Ihnen im Skihotel ein Bekannter eine Prise Schnupftabak an. „Nehmen Sie einen Schmalzler“, sagt er, „das tut gut und macht die Nase und die Atemwege frei.“ Sie haben keine rechte Lust, aber aus Höflichkeit, um den anderen nicht zu verstimmen, nehmen Sie die kräftige Prise, die er Ihnen aus einer winzigen Blechdose auf den Handrücken schüttet. Der Lustgewinn hält sich in Grenzen, aber als Ihnen am gleichen Tag vom gleichen Mann nochmals das Döschen offeriert wird, greifen Sie zu und bedienen sich diesmal sogar selbst. Es dauert nicht lange, dann stehen Sie einige Tage später vor dem Kiosk einer erstaunlichen Auswahl an Schnupftabaken gegenüber mit allen möglichen Geschmacksrichtungen und sie wehren sich erst gar nicht gegen die Versuchung und kaufen eine Sorte mit Minze, bereits beschließend, sich bei dem Bekannten für seine Gabe zu revanchieren. Und wieder daheim, im Alltag, ertappen Sie sich dabei, dass Sie das Döschen geleert haben. Nicht an einem Stück, aber so nach und nach. Und Sie reden sich ein, es sei Neugier, dass Sie diesmal beim Kauf der zweiten Ration Ihres Lebens eine andere Mischung wählen. So nimmt das Schicksal seinen Lauf. Sie finden Ihre Lieblingssorte heraus, die Intervalle, in denen Sie das Gefühl haben, eine Prise zu brauchen, werden kürzer und bald sind Sie Stammkunde im Tabakladen und das Mädchen hinter der Theke lächelt Sie an und greift zielsicher zur inzwischen vertrauten Marke. Die Zunahme der Gewohnheit vollzieht sich allmählich.  Später ist es unmöglich, den Zeitpunkt zu bestimmen, wo die Mutation von Gewohnheit zur Sucht stattfand. Auf der Strecke bis dahin gäbe es etliche Stationen, wo man leicht noch hätte Abhilfe schaffen können – wäre da nicht bereits das Gefühl von Verlust gewesen, wenn es galt, auf den kleinen Lustgewinn zu verzichten, der sich so leicht beschaffen ließ. Das meint Laotse, wenn er fort fährt: Was noch zart ist, lässt sich leicht zerbrechen. Weiterlesen

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