Wenn eine Tür sich schließt

dann treten Sie nicht dagegen, lassen Sie die Hände auch von der Brechstange oder dem Rammbock. Wenn eine Tür, die symbolisch für eine Lebenssituation steht, signalisiert, dass sie sich schließen wird, dann geht sie zu, und Gewaltakte zögern das Unvermeidliche bestenfalls hinaus. Den Fuß dazwischenstellen ist kaum wirksamer als eine Konkursverschleppung. Wenn in diesem zu Ende gehenden Jahr eine bestimmte Angelegenheit – in Ihren Beziehungen, dem Lebensunterhalt oder überhaupt etwas, um dessen Realisierung Sie sich viele Monate erfolglos bemüht haben – unmissverständliche Anzeichen des Misslingens zeigt, dann sollten Sie einen Schlussstrich ziehen. Alle anderen Unternehmungen wären mit den Maßnahmen vergleichbar, mit denen alte, sterbende Menschen ohne Patientenverfügung gegen ihren Willen künstlich mit Instrumenten am Leben erhalten werden. Denken Sie jetzt nicht, ich wollte Sie entmutigen, Ihnen das Leben samt den Festtagen verleiden – nichts liegt mir ferner. Ich habe im Gegenteil vor, Ihnen Mut zu machen. Wir haben nun einmal eine soziale Situation, in der Millionen Existenzen gefährdet sind, von denen viele bereits stark beschädigt oder sogar vernichtet wurden. Den Betroffenen gehört unser ganzes Mitgefühl, aber helfen könnten sie sich nur selbst. Sie aber, die ich als Menschen anspreche, die mit dem Potenzial des taoistischen Denkens vertraut sind, verfügen über die Werkzeuge eines Geistes, der unbedingt fähig ist, mit den Problemen der Zeit fertig zu werden. Das heißt nicht, dass sich in Ihrem Leben keine Türen schließen werden, dass sich keine Veränderungen an Zuständen einstellen, die Sie bisher zu den Fundamenten Ihres Glücks gezählt haben. Doch insbesondere dazu gibt es einiges zu sagen.

Wenn die Erkenntnis Sie erreicht, dass sich in Ihrem Leben etwas zu verändern im Begriff steht, wenn der Status einer Situation, der Ihnen bisher viel bedeutet hat, Signale der Auflösung zeigt, geraten Sie bitte auf keinen Fall in Panik. Setzen Sie sich an einen stillen Ort, bleiben Sie ganz ruhig und lassen Sie den Sachverhalt auf sich einwirken. Öffnen Sie sich der Situation, lassen Sie zu, dass diese sich Ihnen so mitteilt, wie sie wirklich beschaffen ist. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass Ihnen bereits in dieser Phase zum Beispiel die Erkenntnis dämmert, dass die Veränderung etwas aus Ihrem Leben entfernt, das Sie nur noch aus Gewohnheit für einen Baustein Ihres Glücks gehalten haben. Sie schauen hin und lassen los. Bereits in dieser Phase werden Sie von einem nicht lokalisierbaren Ort in Ihrem Inneren die leise Stimme einer Verheißung vernehmen, dass alles gut werden wird. Sie spüren den Hauch eines neuen Morgens in Ihrem Leben, an dem eine andere Sonne aufgeht als jene, der Sie aus Einsicht und aus freien Stücken Lebewohl gesagt haben. Und es wird nicht weit entfernt davon eine andere Tür aufgehen. Dies widerfährt vielen Menschen, die einen Lebensabschnitt beenden mussten oder sogar wollten. Nur mit dem Schönheitsfehler, dass die sich öffnende Tür gar nicht wahrgenommen wurde, weil die Betroffenen noch viel zu sehr um die Vermeidung des Verlustes rangen.

Der Mensch des Tao schaut einer Tür, die sich um jeden Preis schließen will, gelassen zu. Weil er weiß, dass sich damit neue Perspektiven für ihn öffnen, und ein neuer Wind in sein Leben hinein weht. Er wird die sich öffnende andere Tür nicht nur bemerken – er wird hindurchgehen. Und noch etwas zum Schluss: Wenn das, was eine zuschlagende Tür zerstören würde, für einen wesenhaften Menschen nach wie vor überaus wichtig und kaum ersetzbar ist – kann es geschehen, dass die Betrachtung des Prozesses Energien freisetzt, die die Tür wieder aufreißen

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7 Antworten zu Wenn eine Tür sich schließt

  1. Matthias sagt:

    Guten Abend!
    Aus eigener Erfahrung kann ich dem im Großen und Ganzen nur zustimmen.

    Durch die idealtypische Beschreibung könnte allerdings der Eindruck entstehen, ein Mensch des Tao sei völlig emotionslos.
    „Der Mensch des Tao schaut einer Tür, die sich um jeden Preis schließen will, gelassen zu.“
    Um zu solch einer Haltung zu finden, bedarf es reichhaltiger Erfahrung mit sich schließenden und vor allem auch mit sich öffnenden Türen.

    Sich schließende Türen, wie der Verlust des Arbeitsplatzes, das Auseinanderbrechen einer Beziehung oder scheinbar ausweglose Situationen, sind gewöhnlich mit Gefühlen der Angst, der Wut oder der Trauer verbunden. Von Gelassenheit keine Spur. Wird aber den auftauchenden Gefühlen nicht der gebührende Raum gegeben, ist die Chance eher gering, dass – wie Theo Fischer es so wunderschön schreibt – „Sie von einem nicht lokalisierbaren Ort in Ihrem Inneren die leise Stimme einer Verheißung vernehmen, dass alles gut werden wird“.

    Andererseits, wenn sich Türen immer nur schließen, wie es vermutlich Langzeitarbeitslose erleben, wird die Stimme der Verheißung wohl dauerhaft verstummen.

    Das Gute zunehmender Erfahrung mit schließenden und öffnenden Türen ist, dass im Laufe der Zeit Dauer und Intensität der mit den schließenden Türen verbundenen Gefühle abnehmen (und ich hoffe, eines Tages die oben beschriebene Stufe der Gelassenheit zu erreichen 🙂 ). An ihre Stelle tritt dann bei mir die von der leisen Stimme der Verheißung geflüsterte rhetorische Frage „Wer weiß, wozu es gut ist?!“ Und damit weitet sich die Wahrnehmung für eventuell sich öffnende Türen.

    Herzliche Grüße,
    Matthias

    • gitti sagt:

      Oft kann ich beobachten, bei anderen und bei mir selbst, daß das Leben sehr oft dazwischen stattfindet zwischen einer sich schließenden Tür und einer noch nicht aufgegangenen…. also Stillstand…..Diesen vagen Zustand finde ich sehr unbefriedigend. Das ist sozusagen nicht heiß und nicht kalt.
      Diesen neuen Wind, von dem Herr Fischer schreibt, möchte ich viel öfter spüren. Doch ich bin ja nicht alleine ind die Umgebung verhält sich gerne in festgefahrenen Bahnen – und dann sitze ich sozusagen zwischen den beiden Türen.

      Liebe Grüße Gitti

    • Theo Fischer sagt:

      Zum Kommentar von Matthias und auch einigen anderen Beiträgen möchte ich gerne etwas richtig stellen: Wenn ich einer sich schließenden Tür gelassen zusehe,
      dann heißt das nicht emotionslos. Ein Mensch ohne Gefühle oder einer, der ständig damit beschäftigt ist, sie zu unterdrücken, ist ein Unding. Ich schaue mit einem sich frei entfaltenden Gefühlsleben auf das Leben mit seinen Bewegungen. Gelassenheit ist für mich ein Zustand, in dem ich jede Art von Gefühlen ungebremst zulasse, ohne jeden Versuch, sie zu manipulieren. Der Mensch des Tao unterscheidet sich von anderen Leuten unter anderem dadurch, dass er nicht bei jeder Drohgeste des Lebens auf der Stelle vor lauter Angst die Hosen voll hat. Einfach, weil er weiß – und dies aus dem eigenen Erleben, aus eigener Erfahrung – dass er als der Verursacher und Beobachter seines Seins selber die Hand am Ruder hat und Yin-Zustände, wenn sie ausgelebt sind, sich auflösen und Platz für Yang-Zustände machen. (Und wenn jemand nur sich schließende Türen sieht, dann stimmt entweder mit den symbolischen Türen etwas nicht – oder aber mit dem Beobachter.) Euer Theo Fischer

      • Matthias sagt:

        Vielen Dank für die Klarstellung!

        Gleichzeitig haben Sie meinem Verständnis von Gelassenheit einen heftigen Stoß versetzt. Vielen Dank auch dafür. Jetzt habe ich nicht nur an Weihnachtsplätzchen zu kauen 🙂

        Herzliche Grüße,
        Matthias

  2. Tom sagt:

    Hallo an alle,
    Hallo Gitti.

    Ich kann sehr gut nachvollziehen, was du meinst „und dann sitze ich sozusagen zwischen den beiden Türen.“
    Ich denke allerdings, dass Stillstand nur eine Haltung des Verstandes ist. Der Fluss des Lebens steht niemals still. Hier gilt es die Richtung zu erkennen. Was meiner Meinung nach nur aus der Intuition heraus geht. Ist die eine Tür wirklich noch einen Spalt offen?
    Oder wünscht sich das nur mein Verstand? Fließt der Strom auf eine sich schließende Tür zu, wird er langsamer. Ist die Tür zu, ändert sich die Richtung.Ist der Strom stark genug, wird er die Tür einfach niederreissen.
    “Der Mensch des Tao schaut einer Tür, die sich um jeden Preis schließen will, gelassen zu.”
    Ich interpretiere dies eher so:

    Der Mensch des Tao versucht erst einmal in sich zu gehen, um die Richtung des Flusses zu erkennen.Dies tut er mit Gelassenheit.

    Keinenfalls will ich hiermit irgendjemanden korrigieren, am allerwenigsten sie Hr. Fischer.
    Das ist nur meine Meinung. Falls ich eurer Meinung nach mit dieser Interpretation daneben liege, gebt mir gerne ein Feedback.

    Alles Gute, Tom

  3. A.B. sagt:

    Hallo Herr Fischer,

    dieser Text ist ein wirklich gutes Beispiel, wie der Mensch des Tao durch das Leben gehen sollte. Es zeigt sich in der Diskussion aber auch, wie schwierig es uns allen fällt, sich vom Tao leben zu lassen.

    Das sind die Ausführungen, wie ich sie gerne lese!
    Herzlichen Dank!

  4. Taononymus sagt:

    Hallo Ihr,

    es kommt glaube ich sehr häufig vor, dass der Wunsch nach Gelassenheit mit dem Wunsch, intensive unangenehme Gefühle möglichst nicht ausleben zu müssen, verwechselt wird.
    Selbst wenn man sich des Unterschieds zwischen Gelassenheit und Gefühlsvermeidung in „guten Zeiten“ bewusst ist, ist man in schwierigen nur allzu geneigt, nach Fluchtwegen vor seinen negativen Gefühlen zu suchen und diesen Etikettenschwindel mit der Sehnsucht nach „mehr Gelassenheit“ vor sich selber zu beschönigen. Kurzfristig ist das ja auch viel einfacher als Gefühle wie Schmerz, Angst, Neid oder gar Hass bei sich selber zu zulassen und sie so lange durchzustehen, bis sie von sich aus abklingen.
    Nicht umsonst kann ja auch ein erschreckend großer Teil der Lebensberatungsszene davon leben, den Leuten Gefühlsvermeidungstechniken als Wege zu „Gelassenheit und Selbstvertrauen“ zu verkaufen.

    Da man mit positiven Gefühlen eher weniger Probleme hat, ist glaube ich die Bereitschaft, die eigenen negativen Gefühle immer und immer wieder kompromisslos zu bejahen und aus zu fühlen, eine symbolische weit offen stehende Tür zur echten Gelassenheit. Sie hat für den westlich geprägten Menschen freilich den schwerwiegenden Makel, dass sie meist in einem tiefen Tal liegt, das ziemlich unangenehm zu durchschreiten ist.
    Selbstvertrauen in dem Sinn wie Herr Fischer es oben so schön beschrieb, nämlich als Vertrauen in sich selbst als dem Verursacher und Beobachter von allem was in einem selbst und um einen herum geschieht, ist bei jedem Schritt durch ein solches Tal ein Geländer das Halt gibt.
    Und auch der Begriff „Selbstvertrauen“ bekommt hier eine völlig andere Bedeutung als die „handelsübliche“ ego-zentrierte „ICH packe das schon“-Kraftmeierei der „Berufsjugendlichen“, die einem aus lebensberatenden Medien aller Art entgegen schwappt.

    Ich wünsche allen eine besinnliche Weihnachtszeit, einen guten Rutsch und für’s neue Jahr genügend Vertrauen zu sich selbst, um auch auf die eine oder andere weniger attraktiv gelegene Tür zu zu gehen.

    Taononymus

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