Zu sich selbst Stellung nehmen müssen

Der 1904 geborene Philosoph Arnold Gehlen trifft in seinem Werk „Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung“ eine interessante Feststellung, die nachdenklich stimmt:
Der Mensch kann sich nicht nach sich selbst richten, weil er ein solches fest umrissenes, orientierendes Selbst gar nicht besitzt. Der Mensch ist ein Wesen, zu dessen wichtigster Eigenschaft es gehört, zu sich selbst Stellung nehmen zu müssen. Aus seinem Selbstverhältnis zieht er keinen Selbstgewinn, sondern er entdeckt nur die Fraglichkeit seines Wesens.

Es ist keine dumme Frage, also lachen Sie nicht: Wann haben Sie das letzte Mal Stellung zu sich bezogen? Laut Gehlen scheint der Zwang, Stellung zu sich zu nehmen, eine ausgeprägte Eigenheit unseres Charakters zu sein. Schön und gut. Aber was meint er damit? Philosophen, deren Arbeiten von den Ereignissen des Dritten Reiches und zweiten Weltkrieges geprägt wurden, mussten zu ihrer Zeit nicht zuletzt Stellung dazu nehmen, wie sie zu den politischen Strömungen standen. (Martin Heidegger, der 15 Jahre ältere Zeitgenosse Gehlens zählte einst ebenso wie Gehlen selbst zu den Sympathisanten jenes Systems.) Es beginnt bereits damit, dass Gehlen dem Menschen sein Selbst abspricht, indem er behauptet, wir würden gar keines besitzen, während Erich Fromm in seinem Buch „Haben oder Sein“ genau das Gegenteil behauptet, nämlich, dass wir das Selbst als unseren kostbarsten Besitz ansehen.

Es gibt natürlich einen Ausweg aus diesem Dilemma. Der Fehler steckt in unserer ständigen leisen Furcht, der Außenwelt dieses Selbst so zu präsentieren, wie es gewachsen ist. Wären wir dazu bereit, gäbe es für Stellungnahmen zu sich keinen Handlungsbedarf mehr. Was uns fehlt, ist die Nonchalance des Lebenskünstlers, der sich keinen Deut darum schert, was der Rest der Welt für eine Meinung von ihm hat. Überhaupt: Erich Fromm oder Arnold Gehlen mögen geschrieben haben, wozu sie Lust und Laune hatten. Was geht Sie und mich das an? Ich habe Sie zwar verführt, sich mit den Texten zu beschäftigen – aber im Grunde nur als eine Art heilsame Entziehungskur, nämlich die, dass Sie keiner dritten Person, wie angesehen sie auch sein mag, gestatten, Ihnen in Ihr Gefühlsleben und Ihre Denkprozesse auch nur das Geringste hineinzureden.

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3 Antworten zu Zu sich selbst Stellung nehmen müssen

  1. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    „… Der Fehler steckt in unserer ständigen leisen Furcht, der Außenwelt dieses Selbst so zu präsentieren, wie es gewachsen ist. …“
    das trifft meinem Gefühl nach ins Schwarze!

    Diese „ständige leise Furcht“ vor Ablehnung oder Kritik sowie deren Kehrseite, die Abhängigkeit von Anerkennung oder gar Lob ist es dann auch, die Menschen für den oft gut versteckten aber handfesten psychischen Druck anfällig macht, den Manipulatoren typischerweise auszuüben versuchen. Letztere beweisen oft eine unheimliche Treffsicherheit beim Aufspüren und Ausnutzen solcher „weichen Stellen“ im psychischen Gerüst ihrer Mitmenschen.

    Nur, das Vorhandensein solcher Ängste und Abhängigkeiten ist kein philosophischer Beweis für „ein Selbst“ oder „kein Selbst“. Es ist „einfach nur“ eine traurige aber leider auch heute häufige psychische Prägung, die es vielen Menschen schwer macht, sich in sich selbst zu verwurzeln und so etwas wie ein „seeleneigenes Immunsystem“ gegen Manipulationen jeglicher Bauart zu entwickeln.

    Wenn ein Arnold Gehlen „… Aus seinem Selbstverhältnis keinen Selbstgewinn“ ziehen, sondern nur „die Fraglichkeit seines Wesens“ entdecken kann, dann kann er einem eigentlich aus ganzem Herzen leidtun. Seine psychische Neigung, mangels eigener innerer Stärke diese im Außen suchen zu müssen und so für totalitäre Ideen und andere Manipulationen anfällig zu sein, die diagnostiziert er hier mit seinen eigenen Worten frappierend klar, wenn auch wahrscheinlich unbeabsichtigt.

    Drei Generationen und zwei Weltkriege später Geborene mögen sich vielleicht mit dem Gedanken zurück lehnen: „Gott sei Dank sind DIESE Zeiten vorbei!“.
    Wenn man heute die Menschen aber massenweise ihrer Karrieren zuliebe in Firmenhierarchien katzbuckeln und für Statussymbole ihre Unabhängigkeit wegwerfen sieht, dann kann sich schon manchmal die Frage aufdrängen, ob nicht einfach nur ein politisches totalitäres Manipulationssystem gegen ein ökonomisches, etwas gefälliger und „politisch korrekt“ gestaltetes, ersetzt wurde.
    Die auch heute ausgeprägte „leise Furcht“ vieler Menschen vor Ablehnung sowie ihre Abhängigkeit von Anerkennung und Lob liefern für solche Systeme offensichtlich nach wie vor einen fruchtbaren Boden.

    Viele Grüße,
    Taononymus

    • gitti sagt:

      Es stimmt natürlich,was Sie schreiben Herr Fischer, daß wir es gar nicht not haben uns mit anderen zu vergleichen. Und doch habe ich in den letzten Jahren immer wieder entdeckt, wenn eine Erkenntnis in mir stattgefunden hat und ich im Nachhinein ( die Betonung liegt auf nachhinein) mich mit „besonderen“ Persönlichkeiten auf „gleicher Schiene“ befand, ich mich gut fühlte. Das empfand ich nicht als Bestätigung für meine Unsicherheit oder Abhängigkeit.
      Diese Nonchalance entsteht dann ganz von selbst durch die innere Sicherheit und das Vertrauen in die Wechselspiele des Lebens.

      Hallo Taononymus, diese Gedanken habe ich auch, das die moderne Abhängigkeit vergleichbar ist mit den totalitären Systemen von damals,dabei ist der heutige, moderne Terror manchmal schwer zu durchschauen. Aber auch ein System das selbstständiges Denken nicht zuläßt.
      Liebe Grüße Gitti

  2. Taononymus sagt:

    p.s.: eine kleine „Demo innerer Unabhängigkeit“ über die ich immer wieder schmunzeln kann, gibt Asterix hier:http://www.youtube.com/watch?v=kHXKUebsL1k

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