Der Osterspaziergang

Ostern 002

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!
(Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)

Goethes Gedicht sagt alles über den Frühling aus, was man formulieren kann. Wenn ich es heute im Blog bringe, klingt es freilich wie der blanke Hohn: ich selbst sitze im geheizten Arbeitszimmer bei 21 Grad, während es draußen gerade mal nicht regnet und die Temperaturen wenig über fünf Grad hinaus reichen. In den Gefilden nördlich der Alpen, so entnehmen wir den diversen Wetternachrichten, ist es eher noch schlechter um diesen berühmten, poetischen Frühling bestellt. Was also tun? In Trübsal und schlechte Stimmung versinken, den lauernden Depressionen freien Lauf lassen? Nein, gewiss nicht. Hier auf unserem Gelände geben uns die Pflanzen ein Beispiel: Krokusse, Bergenien, Narzissen, späte Christrosen und Forsythien demonstrieren uns das Gegenteil von trister Stimmung: sie blühen trotz aller Widrigkeiten pünktlich zum Osterfest. Blühen wir einfach mit. Ich möchte Ihnen in diesem Sinne den letzten Satz von Goethes Gedicht ans Herz legen – Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

In diesem Sinne wünschen Sabine und ich Euch allen ein frohes, unbeschwertes Osterfest.
Euer Theo Fischer

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5 Antworten zu Der Osterspaziergang

  1. Taononymus sagt:

    Hallo Ihr,
    Ebenfalls herzliche Ostergrüße zurück nach La Costa und an alle hier auf der Taobaustelle,
    Taononymus

  2. Matthias sagt:

    Das Lied „Schneeflöckchen, Weißröckchen…“ wäre wohl eher angebracht – jedenfalls hier im Chiemgau. 🙂
    Dennoch auch von mir herzliche Ostara-Grüße an alle Taobauarbeiter.

    Matthias

  3. Gabriele sagt:

    Lieber Theo Fischer, liebe Sabine Fischer, liebe Tao-Arbeiter,

    ich bin neu hier und hab heut ganz viel gelesen auf eurer Seite.
    Anscheinend wart ihr alle schon mal auf La Costa. Ich wäre am liebsten auch gleich losgefahren, als ich die Bilder von Ihrem „Hof“ gesehen habe – das war Mitte Dezember. Hatte auch schon für einen Termin im April angefragt, aber es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für mich.

    Aber lasst mich die Geschichte erzählen, die mich zu Ihnen, Herr Fischer, geführt hat – ich finde sie so treffend für das TAO.
    Letztes Jahr gegen Ende des Sommers habe ich auf einem Büchertisch eines Verkäufers von Mängelexemplaren (!) Ihr Buch „Tao heißt leben, was andere träumen“ gefunden. Ich befand mich damals schon seit längerer Zeit in einem sehr unzufriedenen Leben und ich spürte, das alles auf eine endlich zu treffende Entscheidung hinauslief. Jedenfalls hielt ich Ihr Buch in den Händen, las ein bisschen quer, dachte mir, Tao, ja, schon mal gehört, kommt aus der Esoterikecke, nun bloß nicht noch damit anfangen, legte das Buch beiseite, stöberte weiter, kam zurück zu DIESEM Buch, las den Rückentext, die Zusammenfassung vorne und die Inhaltsangabe, nein, hatte nix zu tun mit meinen Problemen, legte das Buch ein zweites Mal beiseite, stöberte weiter und hatte plötzlich die Furcht, irgendjemand anders könnte das Buch jetzt kaufen und es wäre für immer verloren für mich – also zurück und gekauft.
    Danach lag es viele Wochen auf meinem Nachttisch, mit einigen anderen ungelesenen Büchern.
    Kurz nach meiner endlich getroffenen Entscheidung ging ich dann irgendwie zielgerichtet zu DIESEM Buch und habe angefangen, es zu lesen.
    Und dann habe ich mich sehr gewundert und war auch sehr erfreut darüber, dass hier keine Lehre verbreitet wird. Und noch mehr verwundert war ich darüber, dass da im Grunde nichts Neues für mich steht. Dabei meine ich diese Grund-Erfahrung – also: die Erfahrung des Grundes – die Sie beschreiben, wie Sie sie als kleines Kind hatten. Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass ich als Kind und als Jugendliche einige Momente hatte, die ähnlich waren: das tiefe und in alle Richtungen sich ausbreitende und ins Unermessliche gehende Empfinden einer Einheit, die mich und einfach alles einschloss – im Sinne von umarmte. Und gleichzeitig war da eine Zuversicht, die mich dann sozusagen weiterleben ließ in einem Elternhaus, das aus Rechtzeitig-dies-und-das-tun bestand und nicht aus Offenheit oder gezeigten Gefühlen.
    Ja, und wie Sie auch treffend beschreiben, verankern sich diese Erfahrungen nicht unbedingt im Alltagsleben, werden in einem Umfeld, in dem doch die meisten von uns aufwachsen, nicht zur Kenntnis genommen oder verstärkt – ja sind nicht mal mitteilbar für den, der sie erlebt.

    Ich freue mich jedenfalls sehr, dass Ihr „Mängelbuch“ nicht locker gelassen hat.

    Da die Müdigkeit sagt, ich soll nun endlich schlafen gehen, werde ich das tun und ein anderes Mal mehr erzählen oder fragen – ja, Fragen gibt es auch noch genug und jede Menge anderes …

    Und dies noch für die letzten 5 Minuten Ostern: das neue Fest, das nicht Pasqua heißt, sondern Natasqua (klingt doch sehr poetisch!), würde wohl ins Deutsche übersetzt Wostern oder Osternacht lauten ()!

    Schöne Grüße
    und der Frühling kommt!
    Gabriele

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