Dialog im Herbst

Heute ist Theos fünfter Todestag. Viele von euch werden die Geschichte, die er vor ca. 25 Jahren geschrieben hat schon kennen, aber manche vielleicht auch nicht

Droben in der Krone des knorrigenBaumes hing noch ein einzelnes Blatt. Es klammerte sich mit letzter Kraft an den Zweig, dem es im Frühling entsprossen war. Gelb und durchscheinend, ohne eine Spur des einstigen Grüns, bewegte es sich im Wind. Alle anderen Blätter  moderten bereits am Fuße des Stammes, strömten als Nährstoff dem Wurzelgeflecht zu, den Kreislauf der Natur vollendend. „Was hält dich noch?“ fragte der Baumdas Blatt, „lass endlich los und begib dich zur Ruhe.“

 „Ich fürchte mich“, antwortete das Blatt. „Sobald ich mich hinabfallen lasse, bin ich tot, verrotte drunten mit den anderen.“

 „Als der Sturm neulich so viele von euch abriss und hinweg trieb, hast du dich wohl auch gefürchtet?“ fragte der Baum.

„Und wie! Ich habe gezittert und gebebt und jede Sekunde gemeint, nun sei es zu Ende.“

„Was meinst du mit zu Ende?“ fragte der Baum. „Erkläre  es mir.“

„Nun, eben zu Ende. Sobald ich den Zweig loslasse oder starker Wind mich fort trägt, ist die Verbindung zu dir unterbrochen. Dann höre ich auf zu existieren. Und davor habe ich Angst.“

„Wie töricht von dir“, antwortete der Baum. „Du hast dir den Namen Blatt gegeben und magst diesen Zweig hier für deinen Ursprung halten. Doch wisse, Blatt und Zweig sind nur Worte, Begriffe, sie sind nicht die Wirklichkeit.

„Wenn ich nicht Blatt bin und das dort nicht Zweig, was bin ich dann? Was sind alle die anderen, die im Frühling neben mir gekeimt haben und jetzt dort unten verwesen?“

„Erkenne doch, du bist der Baum.Du bist ich und ich bin du“, sagte der Baum. Und solange ich du bin, kannst du niemals vergehen. Du wirst immer wiederkehren, ja, in Wirklichkeit gehst du auch diesen Winter nicht fort, eben weil du ich bist. Du bist kein losgelösterTeil vom Baum, du bist der Baum.“

„Das klingt schön und tröstend“,meinte das Blatt, „ich wünschte, ich würde etwas davon spüren, dass ich du bin. Aber da ist nichts, was ich spüren würde. Da ist nur Angst.“

„Solange du dich als Einzelwesen siehst, als Blatt, das abgetrennt vom Ganzen lebt und stirbt, wirst du niemals etwas von der Schönheit wahrnehmen, der Baum zu sein. so lange bleibst du auch abhängig von den Jahreszeiten, bist gefesselt an den Kreislauf von Keimen und Vergehen. In dem Augenblick aber, da du los lässt, da du aufhörst, dich an die Illusion vom eigenständigen Leben als Blatt zu klammern, wirst du dich unvermittelt als der Baum erfahren. Dann gibt es keine Furcht mehr.“

„Ich glaube, jetzt verstehe ich“,sagte das Blatt. „Ich bin du, war es von Anfang an. Ich bleibe der Baum, auch wenn ich jetzt loslasse und vergehe. Was dann dahinschwindet, ist das Blatt, doch ich bleibe, gleite hinein in das Erlebnis, ganz zu sein.“ 

Das Blatt löste die Verbindung zu seinem Zweig, sanft schwebte es in die Tiefe. Man hätte meinen können, es habe voller Frieden die Augen geschlossen.

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4 Antworten zu Dialog im Herbst

  1. gitti haas sagt:

    Liebe Frau Fischer, danke für den besonderen Text. Gerade bin ich dabei Hr. Fischers letztes Buch “ an der Quelle des Tao“ zu lesen ( wieder einmal).Ich lese es ganz anders, als vor ein paar Jahren.
    Ich wünsche Ihnen ein frohes Weihnachtsfest
    Gitti Haas
    Vor 2 Monaten kam mein kleiner Enkel auf die Welt, er heißt Theo.

  2. Alter_Chinese! sagt:

    Soweit ich mich erinnere, war Theo Fischers letzte Botschaft an seine Leser, dass er „kämpfen“ würde. Ich glaube, er war wütend auf sein Tao.

    • Sabine sagt:

      er hat aber auch immer gesagt, dass es nichts mit dem Tao zu tun hat, seine Gefühle zu unterdrücken. Warum sollte er dann nicht im Bewußtsein, dass er sterben wird, wütend werden? Immerhin konnte er es noch, kurz vor seinem Tod und mit 82 Jahren! Und zu deiner Beruhigung, er ist ganz friedlich und „unwütend“ neben mir in seinem Bett eingeschlafen.

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