Die angepflockte Ziege

Es kommt heute nicht mehr so häufig vor, wie man es früher in ländlichen Idyllen beobachten konnte: da war mitten in einem von saftigem Grün bewachsenen Stück Land ein Pfosten in den Boden geschlagen und daran war an einem Strick eine Ziege festgebunden. So weit die Länge des Stricks reichte, konnte sie den Bewuchs abweiden, aber an die Büsche und Sträucher in der Nähe reichte sie nicht heran. An denen hätte sie sich, frei laufend, gewiss vergriffen und eben um diese zu schützen, hatte man sie an der kurzen Leine angebunden. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil die Ziege am Pflock Ähnlichkeit mit einem unserer eigenen psychischen Befindnisse hat. Wir sind mit einem aus Emotionen und Gedanken geflochtenen Strick an einen unsichtbaren Pfahl gebunden. – Und dieser Pfahl sind wir selbst! Die Ziege am Pflock gleicht einem Menschen wie Sie und ich es sind, einem Menschen, der den ganzen Tag über sich nachdenkt, seinen Gefühlen lauscht, und mit seinen Problemen, seinen Wünschen, seinen Ängsten und Freuden beschäftigt ist. Kurzum: er ist kontinuierlich mit sich selbst beschäftigt. Diese Beschäftigung mit sich selbst, von der wir das Gefühl haben, ohne sie gar nicht richtig vorhanden zu sein, schränkt unseren Geist in seinem Leistungspotenzial viel stärker ein, als wir uns vorstellen können. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass diese Selbstbegrenzung auf den Radius des Strickes am Pflock die Wurzel der meisten unserer Konflikte und Probleme ist.

Lässt sich daran etwas ändern? Niemand unter uns wird leugnen, dass es da einen Menschen gibt, der uns alles bedeutet, für dessen Wohlergehen wir alles nur Denkbare tun würden, kämpfen, streben, uns ohne Rücksicht auf Verluste pausenlos einsetzen. Und wir wissen, dass dieser Mensch einen sehr bekannten Namen trägt – nämlich unseren eigenen. Sollte es tatsächlich einen Nutzen bringen, irgendetwas gegen diese notorische Beschäftigung mit sich selbst zu unternehmen? Was müsste man tun, um sich ein Leben einzurichten, in dem man nicht die Hauptrolle spielt? Genau besehen nicht sehr viel: Es sind die berühmten 5 Winkelminuten von sich weg, also ein Schwenk, der keinen größeren Abstand von unserem allerwertesten Ich hat wie der Zeiger Ihrer Armbanduhr zwischen der Zwölf und der Eins zurückzulegen hat. In eine Alltagsübung übersetzt ist so ein Geisteszustand, der ein Stückchen von sich abrückt, schwer zu beschreiben. Vielleicht verstehen Sie es am ehesten, wenn Sie beschließen – zunächst nur einmal für einen halben Tag oder nur eine halbe Stunde auf Probe – sich nicht mehr so wichtig zu nehmen. Achten Sie darauf, was Sie den Tag über denken, aber versuchen Sie nicht, diese Gedanken zu beeinflussen. Nehmen Sie nur zur Kenntnis, was droben in Ihrem Gehirn vor sich geht. Wenn Sie sehr selbstkritisch sind, kann passieren, dass Sie anfangen, sich dieser sich endlos im Kreis bewegenden Selbstgespräche zu schämen. Versuchen Sie, sich mit den Dingen, den Objekten, den Anblicken zu beschäftigen, mit den anderen Menschen, die Ihnen begegnen, mit der Natur, den Lebewesen, die vor Ihre Sinne geraten – und wenn Sie an der Arbeit sind, dann versuchen Sei einfach einmal, diese so zu verrichten, als ob es nur diese Tätigkeit und keine Person gäbe, die diese ausführt.

Es erzeugt eine Erfahrung von Leichtigkeit, wenn Sie den Ballast Ihrer gewichtigen Persönlichkeit so oft es geht draußen, außerhalb des Geschehens lassen. Damit schaffen Sie Raum für ein ungewöhnliches Gefühl: nämlich, dass die erlebten Ereignisse bereits Sie sind und es ein Dazwischenschalten Ihrer Vorstellung von der beteiligten Person gar nicht mehr braucht, damit Sie sich lebendig fühlen. Das gedankliche Kreisen um sich selbst wird damit nicht zu Ende sein. Aber unter Ihrer kritischen Achtsamkeit wird es andere Qualitäten, rationalere Dimensionen gewinnen. Stellen Sie sich zwischendurch immer wieder einmal vor, wie kurz der Strick ist, mit dem die Beschäftigung mit sich selbst den Horizont Ihres Geistes einengt, wie dieser Strick am Pflock des Ego ihm jede Chance einer Ausdehnung ins Grenzenlose nimmt.

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29 Antworten zu Die angepflockte Ziege

  1. Michael sagt:

    Lieber Theo Fischer,

    es ist tatsächlich so: die „Denkmaschine“ läuft ständig auf Hochtouren.
    Es gelingt mir immer öfter, das ganze Durcheinander wahrzunehmen.
    Wenn es nicht gerade um irgendwelche Aussprüche oder Melodien („Ohrwürmer“) geht, dann kreist es um das Ego.
    Habe ich im letzten Gespräch das Richtige gesagt? Wie ist mein Image? Ich bin beleidigt, weil mich jemand kritisiert hat.
    Ich sehe jemanden und habe sofort eine Bewertung indem ich ihn mit mir vergleiche.
    Bin ich gut genug angezogen?
    Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
    Tatsächlich engt das Ego den Horizont gewaltig ein.
    Aber was tun?
    Gitti hat in einem ihrer letzten Kommentare sinngemäß gesagt:
    Die Kontrolle aufgeben, sich dem Leben überlassen.
    Das scheint mir ein guter Hinweis zu sein.
    Ich bin voll da in der aktuellen Situation und reagiere spontan.
    Ich lasse die ganze gedankliche Vor- und Nachbereitung einfach weg.
    Ich spüre, wie mich eine Kritik trifft oder ein Lob erfreut und lasse es einfach los.
    Ich höre auf, mir dauernd Sorgen zu machen um Dinge, die übermorgen schon vergessen sind.
    Das, was andere von mir halten,ist mir egal.
    Vielleicht helfen diese Dinge, das Ego mehr und mehr zu „vergessen“.

    Liebe Grüße
    Michael

    • gitti sagt:

      Immer wieder stelle ich mir die Frage-von wo kommt die Angst, die uns immer wieder vergessen läßt, daß wir uns an einen unsichtbaren Pfahl binden?
      Diese falsche Programmierung zu durchbrechen ist sehr wichtig, dann tut sich von Zeit zu Zeit ein Vorhang auf und man kann ahnen was wirkliche Freiheit ist.
      Liebe Grüße
      Gitti

      • Taononymus sagt:

        Liebe Gitti,

        das Thema Angst ging auch mir durch den Sinn, als ich Herrn Fischers Text las.

        Ist die Angst nicht die eigentliche Triebkraft hinter dem ganzen Kreisen um’s Ich ? So zu sagen das Material, aus dem der Pflock und der Strick gemacht sind?

        Sein Ich zurückzustellen, das weckt die Angst, nichts und niemand mehr zu sein, ein Blatt im Wind, ein schutzloses Pflänzchen, das jeder zertreten kann der des Weges kommt.

        Und auch wenn man diese Angst als irreführend erkannt hat, sie ist trotzdem erst einmal da und leider weniger gut auszuhalten, als Kopfkino, Gegrübel, Gedankenspiralen, Urteilen, Vergleichen, Problemewälzen und vieles mehr, was das Gehirn so aufführt um diese lästige Angst auszublenden.

        Viele Grüße,
        Taononymus

        • Sabine sagt:

          zum Thema Angst gibt es eine wunderbare Passage aus „Klein und Wagner“ von H. Hesse.
          Sie begleitet mich schon viele Jahre und hilft mir immer wieder, der Angst etwas von ihrem Schrecken zu nehmen.
          Sabine

          Man hatte vor tausend Dingen Angst, vor Schmerzen, vor Richtern, vor dem eigenen Herzen, man hatte Angst vor dem Schlaf, Angst vor dem Erwachen, vor dem Alleinsein, vor der Kälte, vor dem Wahnsinn vor dem Tode – namentlich vor ihm, vor dem Tode. Aber all das waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen, den Schritt in das Ungewisse hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das große Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit.
          Hermann Hesse, Klein und Wagner, S. 90/91

          • Taononymus sagt:

            Liebe Sabine,

            ja, die Stelle kenn‘ ich auch… die passt wurderbar hier her und macht Mut sich seinen Ängsten in ihren verschiedenen Verkleidungen immer wieder zu stellen.

            Jedoch, im „immer wieder“ verbirgt sich auch ein Kritikpunkt, der mich speziell am Schluss dieser Passage stört.

            Der Absatz „… wer sich ein einziges Mal hingegeben hatte… der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen …“ suggeriert, dass es so etwas wie „das große Einmal-Knall-Bumm-Schlüsselereignis“, die „Erleuchtung“ oder ähnliches gibt, wodurch sich Pflock und Strick des Ziegenbocks in Luft auflösen und man das Thema Lebensängste ein für allemal abhaken kann.

            Mag sein, dass dem einen oder anderen Menschen das Erlebnis einer tiefen Erkenntnis zuteil wird, wonach es ihm dann dauerhaft leichter fällt mit seinen Ängsten umzugehen. Im Bild des Ziegenbocks ist der Strick so zu sagen dehnbarer, länger und dünner geworden.
            Mag auch sein, dass Hesse einer von diesen Menschen war.

            Die meisten Menschen werden ihre Lebensreise jedoch ohne eine solche „50%-Angstfrei-Bahncard“ meistern müssen.
            Und auch diejenigen, die eine errungen haben, müssen danach immer noch mit den restlichen 50% klarkommen.
            Und sie müssen zusätzlich noch die Erkenntnis verdauen, dass noch nicht einmal „Erleuchtungserlebnisse“ gereicht haben um die 100% zu schaffen.

            Viele Grüße,
            Taononymus

          • Sabine sagt:

            das große Einmal-Knall-Bumm-Schlüsselereignis”,

            😉
            ich weiß nicht, ob Hesse es tatsächlich so gemeint hat, das muss man schon im Kontext sehen.
            Ich habe es für mich immer so interpretiert, dass es eben ein 1. Mal gibt, wo mir bewußt wird, was ich da mit meinen Ängsten und anderen Gedankenspiralen treibe.
            Davon sind sie nicht weg, aber beim nächsten Mal erinnere ich mich vielleicht an diese Einsicht und mit der Zeit lerne ich anders mit meinen Ängsten umzugehen.
            Und das ist genau auch die Schnittstelle zum Taoismus. Keine Erleuchtung s.o. die einmal vom Himmel fällt und für immer bleibt, sondern ein Umdenken, das mich jeden Tag wieder fordert.

            Ich habe mir schon sehr oft die Frage gestellt, warum und wovor haben wir also Angst? Vor der Unsicherheit, vor der Ungewissheit?
            Möglicherweise mache ich es mir mit der Antwort, die ich mir auf diese Fragen gegeben habe, etwas einfach, wenn ich behaupte, dass der Pflock aus Angst gemacht wurde.
            Von Anderen und von uns selbst!

            ja, ich denke schon, dass man das so sehen kann. Denn egal, welche Gefühle oder Gedanken ich mit diesem Angebunden sein verbinde, irgendwo ganz hintendran steht Angst. Die auf der anderen Seite aber auch eine Triebfeder sein kann. Wäre unser Leben wirklich so glücklich und frei mit einer 100% Angstfrei-Bahncard?
            Sind es nicht eben doch die 2 Seiten, die das Tao hat, die unser Leben ausmachen?
            Für mich ist es das, was ich gerne lernen möchte, beide Seiten zu akzeptieren und gut mit ihnen zu leben.

            Das läßt befürchten, dass die Botschaft nicht überall angekommen ist.
            Eigentlich schade…

            ob und wann sie bei mir ankommt, kann nur ich entscheiden. Und wenn ich mich damit unter Druck setze, hab ich den Pfosten und den Strick der Ziege wieder ein bisschen verstärkt. Und dafür mag ich die Ziege eigentlich viel zu sehr, also lass ich ihr Zeit 😉

            Ein schönes Wochenende aus dem verschneiten Piemont.
            Sabine

  2. Taononymus sagt:

    Lieber Herr Fischer,

    dieser Artikel trifft bei mir ins Schwarze, Danke 🙂

    In gut verständlichen Worten eine geniale Mischung aus Einsichten und Anregungen… da behaupte noch einer, Worte würden zu nix taugen 😉

    Grüße in’s Piemont,
    Taononymus

  3. JE sagt:

    Hallo an Alle,

    Diese so zunächst idyllisch anmutende Vorstellung von der Ziege am Pflock ist so wunderbar tiefgründig, dass sich bei mir gleich mehrere Türen geöffnet haben, denn auch ich mache mich des öfteren als diesen „gedanklichen Kreis-Läufer“ aus.
    Ich denke, dass ein Großteil dieser Fesseln in unseren Gewohnheiten, unserem (vermeintlichen) Sicherheitsdenken begründet ist.
    – Und dahinter steckt Angst, auch Angst das Bild zu verlieren, das wir uns von uns selber machen, das wir von uns gerne haben oder hätten, und das Bild, das Andere von uns haben sollen, einschließlich der energieverzehrenden „gedanklichen Rückkopplungen“ hierzu.

    In diesem Rahmen bzw. Radius bewegen wir uns also permanent und mit jeder Umdrehung innerhalb dieses Radius wird das Seil dicker und kürzer und damit verstärkt sich die Angst, vor dem, was „außerhalb“ dieses Radius ist, um bei dem Bild von der angepflockten Ziege zu bleiben.

    Ich habe mir schon sehr oft die Frage gestellt, warum und wovor haben wir also Angst? Vor der Unsicherheit, vor der Ungewissheit?
    Möglicherweise mache ich es mir mit der Antwort, die ich mir auf diese Fragen gegeben habe, etwas einfach, wenn ich behaupte, dass der Pflock aus Angst gemacht wurde.
    Von Anderen und von uns selbst!
    Denn die meisten von uns werden (sicher in bester Absicht unserer Eltern) schon mit Angst erzogen. Diese Angst soll uns (be-) schützen.
    Unsere Religionen, Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme basieren und „arbeiten bzw. existieren“ (dies vermutlich nicht in bester Absicht) ebenfalls mit diesen, unseren Ängsten.

    Ich stelle das jetzt einfach mal so in den Raum.
    Mich wundert nämlich, dass der Mensch offensichtlich der Angst als (Über-) Lebensprinzip so vertraut und ihr damit unbewusst eine lebensbestimmende Position gibt.

    Bei all meinen mir selbst gegebenen Antworten bin ich bislang, mit Ausnahme einiger kleiner „Hüpfer“, über meinen kleinen Rahmen noch nicht wirklich hinausgesprungen.

    Aber –und so macht mir das Gedicht von Hesse Mut: wenn wir diese Freiheit von der Angst, und sei es nur in kurzen Momenten, einmal wirklich gespürt haben, wächst das Zutrauen in dieses positive Gefühl.
    Sei es plötzlich oder auch allmählich zunehmend, so dass sich unser (kleines) Gehirn zukünftig und (so hoffe ich) immer öfter an diesem positiven Gefühl und nicht mehr so stark an der Angst, ‚festmacht’.

    Vielleicht genügt es für’s Erste, diesen Rahmen, diesen Radius für uns auszumachen und wahrzunehmen, dass an diesem Punkt zwar manches Mal unser Vorstellungsvermögen, nicht aber das Leben endet !?

    Ich wünsche Euch und Ihnen ein schönes Wochenende! – und vielen Dank für all die interessanten Beiträge, Gedanken und das Gedicht!

    JE

    • gitti sagt:

      Hallo Taononymus

      Ich habe das Gleiche gedacht wie Du,das dies so als eine Art Einmalerlebnis dargestellt wird. Ganz genau weiß man nicht wie Hesse das gemeint hat.
      Ich für mich bin mir sicher……einmal das Außerordentliche erfahren……läßt einem nicht mehr los- egal wieviel „Abstürze“ dazwischen vorkommen.
      Liebe Grüße
      Gitti

      • Michael sagt:

        Hallo an Alle,

        auch ich möchte mich an dieser Stelle einmal für die sehr interessanten Beiträge in diesem Blog bedanken.
        Sie eröffnen immer wieder neue Perspektiven auf das Thema.
        Einen Punkt möchte ich noch ergänzen:
        Bei allen Einschränkungen, die das Ego und die mit ihm verbundene Angst es loszulassen verursachen, so sind sie doch auch Manifestationen der Leere, des Tao.
        Sich zu stark auf das vermeintliche Gegenteil, nämlich das Loslassen, zu konzentrieren, verstärkt meiner Meinung nach die Angst noch.
        Ich galube, dass einfach nur das Beobachten dessen, was in mir vorgeht, der richtige Weg ist.
        Das ist auch nicht einfach. Dabei sollte alles, was hochkommt, auch die Angst, ohne Wertung und sogar mit Wohlwollen als zu mir gehörig betrachtet werden.

        Viele Grüße
        und noch einen schönen Sonntag
        Michael

  4. Alius sagt:

    Leider ebnet die Kommentarfunktion der sehr schön bildhaft auf das Wesentliche reduzierten Darstellung der eigentlichen Problematik nun wieder Tür und Tor, diese in verklärerischer Weise mit gespeicherten Inhalten des Inventars zu vernetzen – und damit den Sinn der Reduktion ins Leere laufen zu lassen.

    Das läßt befürchten, dass die Botschaft nicht überall angekommen ist.
    Eigentlich schade… 😉

    • Taononymus sagt:

      Lieber Alius,

      Du schreibst: „… nun wieder Tür und Tor, diese in verklärerischer Weise mit gespeicherten Inhalten des Inventars zu vernetzen – und damit den Sinn der Reduktion ins Leere laufen zu lassen.“

      Zum Einen: wenn die Kommentarfunktion auf diesem Blog von den Betreibern des Blogs NICHT abgeschaltet wurde, und die Betreiber sich sogar noch viel Zeit und Mühe geben, die Kommentare zu moderieren, wird das einen guten Grund haben.
      Schon mal drüber nachgedacht, warum die das machen? 😉

      Zum anderen: es liegt an jedem Leser selbst, ob er mit etwas, das ein Anderer geschrieben hat, etwas anfangen kann oder nicht.
      Es ist wie mit dem Essen: was dem einen schmeckt, damit kann der andere nichts anfangen, Geschmäcker sind eben grundverschieden.
      Aber dass diejenigen, denen ein bestimmtes Gericht nicht schmeckt, meinen, dies bei Tisch lautstark anderen madig machen zu müssen, das ist überall als schlechter Geschmack bekannt.

      Viele Grüße,
      Taononymus

      • Alius sagt:

        Lieber Tanonymus,

        aus der Tatsache der Offenlassung der Kommentarfunktion zu schließen, dass diese zu dem von dir – zwischen den Zeilen – verteidigten Zweck erfolgte, könnte auf ein äußerst schmales Brett führen.

        Meine Einlassung als „schlechte Tischsitte“ zu gewichten, mag dir dabei helfen, dich mit dem Inhalt nicht auseinandersetzen zu müssen und dich zudem im Beifall Gleichgesinnter zu sonnen.

        Es könnte jedoch als Mangel eigener Argumente verstanden werden, wenn du lediglich mutmaßliche Intentionen des Blogbetreibers und Tischsitten ins Rennen schicken kannst.

        Tischsitten in ihrer weitesten Form sind immer noch der beste Garant dafür, dass das Individuum sich nicht selbst mit aufgeworfenen Problematiken auseinandersetzt, sondern diese alleine aufgrund eines behaupteten formalen Mangels ungeprüft verwirft.

        Wollte ich mich deiner Vorgehensweise anschließen, zitierte ich einfach die ersten beiden Zeilen aus dem letzten Vers des Tao Te King,

        „Wahre Worte sind nicht gefällig / gefällige Worte sind nicht wahr“

        versteckte mich damit hinter der ultimativen Kompetenz des Laotse und der Disput wäre entschieden.

        Diese Form der Herangehensweise kann nicht zielführend sein, stellt sie doch die Perfektion der heutigen Konditionierung dar.

        Wie du weisst, wohnt diesem Blog die Intention inne, das Tao vor seinen Interpreten zu retten. Und wer weiss – vielleicht hat mein von dir beanstandeter Kommentar dem Theo Fischer beim Lesen ein unmittelbares Grinsen ins Gesicht gezaubert.

        Möglicherweise besteht die mit der Offenlassung der Kommentarfunktion verfolgte Intention darin, sich ein Feedback zu verschaffen, zu prüfen, ob die eingestellten Texte denn dazu geeignet waren, die Botschaft an den Mann/die Frau zu bringen.

        Wenn es nicht darum gehen sollte, die Botschaft an den Mann/die Frau bringen, warum sorgt sich Theo Fischer dann in seinen Werken gelegentlich darum, ob es ihm mit Worten gelingen kann??????

        Wenn du die Werke Theo Fischers aufmerksam gelesen hast, kann dir die elementare Grundbedingung, die bei dir eintreffenden Informationen eben NICHT mehr in dein Inventar einzuordnen, kaum entgangen sein. Dieser Bedingung kommst du dann nach, wenn du die aus der Ziegengeschichte resultierende Leere/Stille auf dich wirken und anschließend auf sich beruhen läßt.

        Wenn du stattdessen hergehst und Parallelen dazu aus deinem Inventar hervorkramst, vergleichst, gewichtest und mit anderen abstimmst, ergehst du dich exakt wieder in der seit Kindesbeinen gelehrten Tätigkeit der Unterdrückung des Zugangs zum Tao. Es liegt in der Natur der Sache, dass dir dein Ego dabei vorgaukelt, es sei gleichwohl alles in bester Ordnung.

        @JE:
        Ja, das kommt natürlich darauf an, mit welcher Intention man sich mit dem Tao befasst. Dient es alleine esoterischen oder Unterhaltungszwecken, mag es unwichtig sein, ob die Botschaft angekommen ist.

        Findet man den Weg hierher – und zu Theo Fischers Büchern – weil man dem normalen „Irrsinn“ des Seins nicht weiter frönen will oder kann, vielleicht sogar, weil einem offenbar wurde, dass der heutige Irrsinn der Zerstörung allen Lebens auf dieser wunderbaren Kugel aus der Summe des alltäglichen Irrsinns sämtlicher Individuen resultiert, dann könnte der Botschaft elementare Bedeutung zukommen.

        Ich bin in der eher nicht so angenehmen Lage, tagtäglich zur Kenntnis nehmen zu dürfen, wie sich die Übermacht des alltägliche Irrsinns – mehr als je zuvor – unserer Kinder bemächtigt, deren Wesen vom ersten Tag an niederzwingt und degeneriert, damit mannigfaltigste Krankheiten induziert, alleine zu dem Zweck, am Ende der Konditinierungsphase normierte und funktionale, fast roboterhafte Wesen in die Welt zu entlassen.

        Freilich ist vorgesagtes im unmittelbaren Angesicht des Tao nur relativ beschwerlich. Ohne das unmittelbare Angesicht des Tao kennengelernt zu haben, ist es allerdings für das Wesen eine unendliche Qual. Die Konsequenz obengenannter – glaubt man den Schamanen, dann vorsätzlicher – Konditionierung ist, dass damit das unmittelbare Angesicht des Tao verhindert wird. Aus der Nummer kommen wir als Konditionierte nur raus, wenn wir all unsere Routinen sämtlichst auf den Prüfstand stellen, verwerfen und nicht durch neue Routinen ersetzen.

        Vor diesem Hintergrund lohnt es sich meines Erachtens, genauer hinzusehen, ob die Botschaft an den Mann/die Frau kommt. So lange ankonditionierte Routinen weiterlaufen, sich gar als geistige Freiheit maskieren können, sehe ich nicht, dass (geistige) Türen und Tore geöffnet wären.

        Es ist völlig legitim, dass jedermann/frau das anders sehen kann und darf.

        Es ist jedoch auch gelebte Erfahrung, dass unser Ego jede noch so kleine Schwäche zu nutzen versteht, um das Ruder wieder an sich zu reißen und uns vorzugaukeln, alles sei im Lot/wir seien auf dem Weg. Das merken wir leider erst dann wieder hinreichend deutlich, wenn wir mal wieder heftig an die nächste Betonwand geprallt sind.

        Beste Grüße 😉
        Alius

        • Taononymus sagt:

          Liebe(r) Alius,

          Wenn Du schon den alten Laotse rauskramst mit:

          „Wahre Worte sind nicht gefällig / gefällige Worte sind nicht wahr”

          dann bitte auch konsequent zu Ende denken, denn:

          Wenn Worte ungefällig sind, dann sind sie deswegen noch lange nicht automatisch wahr 😉

          Viele Grüße,
          Taononymus

  5. Chris sagt:

    „Sollte es tatsächlich einen Nutzen bringen, irgendetwas gegen diese notorische Beschäftigung mit sich selbst zu unternehmen? Was müsste man tun, um sich ein Leben einzurichten, in dem man nicht die Hauptrolle spielt?“

    Genau, was für einen Nutzen sollte es mir bringen? Es ist für mich keine Frage, irgend etwas dagegen zu unternehmen, nicht mehr die Hauptrolle in meinem Leben zu spielen. Wessen Hauptrolle sollte ich denn sonst spielen? Ich bin in erster Linie für mich selbst verantwortlich. Ich wünschte, alle Erdenbürger würden sozusagen „vor ihrer eigenen Tür kehren“ , das wären paradiesische Verhältnisse.

    • Taononymus sagt:

      Lieber Chris,

      Du schreibst:
      „… Ich wünschte, alle Erdenbürger würden sozusagen “vor ihrer eigenen Tür kehren” , das wären paradiesische Verhältnisse.“
      … womit Du, lieber Chris, wieder einmal auf’s neue in diesem Blog vor der Tür der „bösen Anderen“, nämlich der „Erdenbürger, die paradiesische Verhältnisse verhindern“ kehrst, anstatt vor Deiner eigenen.

      Gruß,
      Taononymus

      • Chris sagt:

        Lieber Taonoymus,
        der Teil meines Kommentars, den Du anprangerst, war auf den Text
        „Versuchen Sie, sich mit den Dingen, den Objekten, den Anblicken zu beschäftigen, mit den anderen Menschen, die Ihnen begegnen, mit der Natur, den Lebewesen, die vor Ihre Sinne geraten – und wenn Sie an der Arbeit sind, dann versuchen Sei einfach einmal, diese so zu verrichten, als ob es nur diese Tätigkeit und keine Person gäbe, die diese ausführt“
        bezogen.
        Und außerdem: was interessiert mich mein Geschwätz von vorgestern!

  6. JE sagt:

    Liebe( r ) Alius,

    – ich würde nicht bewerten wollen, ob es -wie Sie sagen- „Schade“ ist, dass wir uns mit den Kommentaren von dem Wesentlichen (wieder) entfernen.

    Im Gegenteil: Die Kommentare sind im Allgemeinen doch Ausdruck all der herrlichen Vielfalt und der geistigen Freiheit, somit stets der individuelle… und damit richtige Zugang/Weg für jeden einzelnen Menschen.
    – und diesen Anreiz hierzu verschafft (mir jedenfalls) Theo Fischer mit seinen Beiträgen, Büchern und Gedanken.

    Wer, was und wie „die Botschaft verstanden“ hat, hierauf kommt es, aus meiner Sicht, nicht an – wichtig ist, dass (geistige) Tür, Tor und Fenster geöffnet sind……und bleiben.

    In dieser Offenheit – beste Grüße
    JE

    • Michael sagt:

      Liebe(r) Alius, lieber JE, lieber Taononymus,

      die von Ihnen geführte Diskussion spiegelt meiner Meinung nach ein grundlegendes Problem wider:
      Alle theoretischen Überlegungen und Erkenntnisse sind bestenfalls Hinweise auf die Wirklichkeit, nie die Wirklichkeit selbst.
      Sie sollen eine Annäherung an etwas eigentlich Unbeschreibliches bewirken; nur das Einordnen in das Inventar „wieder etwas gelernt“ ist natürlich auch ein Egospiel.
      Die Wirklichkeit des Tao ist uns so nah, dass wir sie tatsächlich nicht objektiv sehen können, sondern sie bestenfalls intuitiv erspüren.
      Dazu können die in diesem Blog geäußerten Worte aber durchaus hilfreich sein.
      Ich habe mir auch oft Gedanken gemacht, wie man diese Wirklichkeit ausdrücken könnte. Mir ist dazu eher ein Gedicht eingefallen, als Prosa.
      Das möchte ich hier mal zur Diskussion stellen:

      Ein Fisch kann nicht verstehen,
      was Wasser ist.
      Einem Vogel
      kann ich die Luft nicht erklären.
      Wie soll da ein Mensch
      die Wirklichkeit erfassen?

      Der Sog des Geheimnisses
      zieht die Frage nach dem Sein
      immer tiefer ins Bewusstsein.
      Die Antwort erscheint,
      wenn der Frager verschwunden ist.

      Immer
      folgen die Jahreszeiten aufeinander
      und die Erde steht fest.
      Wo warst Du
      als das alles begann?

      Wer nach dem Tod fragt,
      muss auch nach der Geburt fragen.
      Beide erscheinen nur zusammen
      wie die zwei Seiten einer Münze.
      Ist Dir das Ganze bewusst?

      Wie kann es sein,
      dass ich nicht kenne,
      was ich schon immer besitze
      und was mich und die Welt hervorbringt?
      Das, was sieht,
      kann sich nicht selbst sehen!

      Viele Grüße
      Michael

      • Chris sagt:

        Alles ist das Gegenteil von dem, was es scheint zu sein.

        • Michael sagt:

          Hallo Chris,

          so ist es nicht gemeint.
          Vielmehr entsteht mit Allem, was wir wahrnehmen können, immer auch sein Gegenteil.
          Mit dem Hellen entsteht auch das Dunkle, mit dem Leben der Tod, mit dem Schönen auch das Häßliche, usw.
          Die ganze Welt entsteht aus Polaritäten, die eigentlich keine Gegensätze sind, sondern nur zwei Seiten einer Münze.
          Aber es gibt auch etwas Unfassbares, was das alles hervorbringt, in dem alles ensteht und wieder vergeht.
          Das nennen wir Tao, obwohl es eigentlich keinen Namen gibt, nicht einmal eine „objektive Wahrnehmung“.
          Das wollte ich irgendwie ausdrücken.
          Viele Grüße
          Michael

          • Theo Fischer sagt:

            Hallo Michael,

            stimmt genau. Ich erlebe dabei einen Fall von Synchronizität, denn gestern habe ich einen Text von Alan Watts als Thema für das nächste Heft von TAGundTAO ausgewählt, das exakt den Punkt trifft. Ich setze den Textauszug vorab ins Blog, der Aufsatz wird aber zuerst im Maiheft erscheinen. Gruß TF

            Die Form ist leer

            Die Aussage, Die Form ist leer, besagt nicht, dass es keine Formen gibt. Es besagt, dass Gestalten sich nicht aus ihrem Zusammenhang herausnehmen lassen – und dass die Form einer Figur auch die Gestalt ihres Grundes ist, dass die Form einer Grenzlinie ebenso sehr von dem, was außerhalb, wie auch von dem, was innerhalb von ihr ist, bestimmt wird.
            Alan Watts

            Psychotherapie und östliche Befreiungswege S. 82

          • Taononymus sagt:

            Hallo Chris und Michael,

            vielleicht noch zu ergänzen:

            … mit der Ich-Struktur und den damit einhergehenden Gefühlen der Ich-Wirksamkeit und Ich-Sicherheit, die uns diese „Hauptrolle Ich“ im Leben vermittelt, entstehen synchron auch die Einschränkung unseres Lebens auf die Ich-Rolle und die Angst, diese Rolle zumindest für kurze Zeit einmal ruhen zu lassen.

            Pflock und Strick sind damit nur die eine Seite der Medallie „Ich“.
            Und diese Seite ist eigentlich auch nur dann problemverursachend wenn sie das ganze Erleben so zwanghaft dominiert wie das bei uns heutigen „Durchschnittswestlern“ der Fall ist.

            Viele Grüße,
            Taononymus

      • Alius sagt:

        Lieber Michael,

        deinem Kommentar ist nichts hinzuzufügen, sorgt er doch für die Wiederkehr des Moments der Stille…

        Bester Gruß
        Alius 🙂

      • Taononymus sagt:

        Lieber Michael,

        wunderschön, danke das Du diesen Bereich Deines „Inventars“ mit uns geteilt hast 🙂

        Viele Grüße,
        Taononymus

  7. JE sagt:

    Lieber Michael,

    ein wunderbares Gedicht – Vielen Dank dafür!
    [Schön, dass es all‘ die Kommentare gab, denen wir vermutlich dieses Gedicht verdanken 🙂 ]

    Herzliche Grüße
    JE

    • gitti sagt:

      Lieber Herr Fischer!
      Ich habe da wohl etwas falsch verstanden, ich war der Meinung im neuen Jahr
      gibt es kein Tag und Tao Heft mehr.
      Diese Hefte haben mir besonders gut gefallen.

      Vielleicht geben Sie mir Bescheid, liebe Grüße
      Gitti

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